New York: Ungarns Delegationsführer bei der UNO bittet die Opfer der Shoa im Namen Ungarns um Verzeihung

Der ungarische Delegationsführer bei der UNO, Csaba Kőrösi, hat die Opfer des Holocaust bei einer Konferenz zum Gedenken an den 70. Jahrestag des ungarischen Holocaust im Namen Ungarns um Verzeihung gebeten. Die Konferenz fand im UNO-Gebäude in New York statt.

Wir müssen uns bei den Opfern entschuldigen, der ungarische Staat hat im Holocaust Schuld auf sich geladen. Zunächst einmal deshalb, weil er seine eigenen Staatsbürger nicht vor der Vernichtung bewahrte, zum anderen, weil er am Völkermord mitwirkte und Ressourcen dafür zur Verfügung stellte.” Und weiter: “Die Institutionen des damaligen ungarischen Staates waren für den Holocaust verantwortlich.” Kőrösi betonte, die Bitte um Entschuldigung müsse Teil der nationalen Erinnerungskultur werden.

http://tablet.mno.hu/kulfold/magyar-bocsanatkeres-a-holokausztert-1207072

Bereits im Oktober 2013 hatte der stellvertretende ungarische Ministerpräsident Tibor Navracsics die Mitverantwortung des ungarischen Staates betont (HV berichtete).

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4 thoughts on “New York: Ungarns Delegationsführer bei der UNO bittet die Opfer der Shoa im Namen Ungarns um Verzeihung

  1. Das ist ein Paradebeispiel für den perfiden Orbán`schen “Neusprech” … und wenn man wirklich verstehen will, was hier gesagt wird, dann muß man zwischen den Zeilen lesen und vergleichen, was zur gleichen Zeit an anderer Stelle im gleichen Zusammenhang geäußert wird.
    Wichtig ist zum einen der Hinweis auf die “eigenen Statsbürger”: natürlich waren die ungarischen Juden, die im Sommer ´44 (und auch davor schon) unter aktiver Beteiligung von Ungarn und ungarischen Behörden deportiert und ermordet wurden, ungarische Staatsbürger. Aber Orbán verwendet diese Begrifflichkeit explizit, um damit die Ungarn insgesamt zum Opfervolk umzudeuten … und so ist es auch im Beschluß der Regierung des V. Bezirks zur Genehmigung der Gedenkstatue an die “deutsche Besetzung” formuliert und gmeint! In die gleiche Richtung zielt die obige Formulierung, daß dafür ausschließlich der “damalige Staat” und seine “Institutionen” “verantwortlich” seien: Genau das ist ja in der neuen Verfassung schon präjudiziert – daß nämlich das ungarische Volk für nichts verantwortlich zu machen ist ist, was zwischen dem 17. März 1944 und 1990 geschah, weil dies eben eine Zeit gewesen ist, die außerhalb der Verantwortung des ungarischen Volkes lag!
    Und was Orbán dann an “Neusprech” in seiner Rede zum Gedenken an die Austreibung der Ungarndeutschen am 19. Januar diesen Jahres verlauten hat lassen, macht es mehr als deutlich, was hier eigentlich gemeint ist: “Jeder Mensch ist für seine Sünden selbst verantwortlich. Für die Sünden der Repräsentanten eines verbrecherischen Regimes können nicht die verantwortlich gemacht werden, deren „Sünde“ darin besteht, die gleiche Sprache zu sprechen.”
    Was also Csaba Kőrösi (nicht VOR der UNO, sondern lediglich IM Haus der UNO) von sich gegeben hat, ist folgendes: “Wir [wer das ist, ist nicht weiter spezifiziert] müssen uns bei den Opfern entschuldigen, der ungarische Staat [der nach dem 17.03.1944, der von den Ungarn wegen der "deutschen Besetzung" laut Verfassung nicht zu verantworten ist] hat im Holocaust Schuld auf sich geladen. Zunächst einmal deshalb, weil er [dieser außerhalb der ungarischen Verantortung stehende Staat] seine eigenen Staatsbürger [de fact die jüdischen Staatsbürger, de intention alle Ungarn] nicht vor der Vernichtung bewahrte, zum anderen, weil er am Völkermord mitwirkte und [gemeint ist "indem er lediglich"] Ressourcen dafür zur Verfügung stellte [alles was über die Zurverfügungstellung von "Ressourcen" hinausgeht haben ja die besetzenden Deutschen zu verantworten, was ja am 17.03.2014 nochmals durch ein Denkmal unterstrichen werden wird]. … Die Institutionen des damaligen ungarischen Staates [s.o.] waren für den Holocaust verantwortlich [ - keinesfalls jedoch die Ungarn als Volk noch irgendeiner der von den Ungarn zu verantwortender Staat!].”

    • Ich teile die Auffassung, dass Schuld individuell ist. Und wer sich damals, ob als Staatsbediensteter oder als Privatmann/-frau bereichert und/oder an den Deportation beteiligt, seine jüdischen Landsleute verraten oder vielleicht sogar gemordet hat, war natürlich schuld. Sie vertreten, in Ablehnung des m.E. völlig unverdächtigen Satzes von Orbán, hingegen einen Ansatz der kollektiven Schuld, wenn ich Sie richtig verstehe. Die ist mir fremd.

      Der letzte Absatz Ihres Kommentars ist – mit Verlaub – davon geprägt, in jeden Satz das hinein zu deuten, was Sie als Motiven hinter Körösi bzw. der Regierung vermuten: Bemerkenswert ist nur, dass man sich nur entschuldigen muss (und das tat Körösi wie zuvor auch Navracsics), wenn man verantwortlich bzw. schuldig war. Daher macht Ihr Ansatz, man entschuldige sich für einen Staat, der (wegen Besatzung) vollkommen schuldunfähig gewesen sei, eigentlich auch keinen rechten Sinn.
      Was für mich wichtiger ist, ist die individuelle Schuld und (auf kollektiver Ebene) das Vermeiden kollektiver Freisprüche. Und da kann ich mich an keine Aussage irgend eines Regierungspolitikers erinnern, der die individuelle Schuld derer in Zweifel gezogen hätte, die am Holocaust und am Morden mitgewirkt hatten. Und was die Mitwirkung der staatlichen Organe angeht, so sind wir – nach Jahren des Verschweigens – nun endlich in Bewegung gekommen.
      Insgesamt komme ich zu einer anderen Deutung.

  2. Von “Kollektivschuld” war mitnichten die Rede … da bin ich mit Ihnen einer Meinung! Aber seiner ursächlichen “Verantwortlichkeit” muß man sich stellen … die Ungarn genauso wie es die Deutschen getan haben … und wie es die Österreicher und die Polen und viele andere langsam tuen … und diese “Verantwortlichkeit” beinhaltet in diesem konkreten Fall explizit vieles, was über eine “Schuld” eines von den Ungarn kraft Verfassung nicht zu verantwortenden Staat und seiner Institutionen deutlich hinausgeht! Was ist gar mit der “Veranwortung” (wenn in diesem Fall nicht sogar der “kollektiven” Schuld) der Ungarn für den mehr oder weniger offen an vielen Stellen zutage getretenen gesellschaftlichen (und nicht nur administrativen) Antisemitismus in der Ära Gömbös/Horthy? Das wird (mit Absicht?) komplett ausgeblendet in dieser Diskussion … statt dessen wird der Antisemitismus und seine katastrophalen Auswüche verkürzt auf eben jene Monate zwischen März und Dezember 1944. Genau dagegen haben sich ja vor wenigen Tagen einige Handvoll ungarische Historiker im Zusammenhang mit dem angekündigten (Schuldübertragungs-) Denkmal öffentlich gewandt (http://www.es.hu/?view=doc;35985)!
    Aber das ist ja genau der Punkt des Orbán´schen “Neusprechs”: perfide Nutzung von Doppeldeutigkeiten, je nachdem vor welchem Publikum und vor welchem Anlaß etwas ausgesprochen wird! Es würde sich lohnen, ein Konkordanzwörterbuch der Orbán´schen Begriffsverwendungen zu erstellen … damit die jeweiligen Empfänger die Nachrichten auch so verstehen, wie sie vom Sender gemeint sind.
    Nochmals ein Hinweis, worauf die Orbán´sche Geschichtsklitterung im Zusammenhang mit dem Holocaust hinausläuft, findet sich in dessen Schreiben an den Vorsitzenden von MAZSIHISZ vom 22. Januar: “I very much hope that the 70th anniversary of the German occupation of Hungary will be a good opportunity for good-hearted people, who acknowledge the loss suffered by your community and share in your grief, to take an important and collective step towards a culture of respect.” (http://www.kormany.hu/en/prime-minister-s-office/news/prime-minister-s-letter-to-the-chairman-of-the-federation-of-hungarian-jewish-communities)

  3. Pingback: Keno Verseck über das Holocaust-Gedenkjahr und das Besatzungsdenkmal | Hungarian Voice - Ungarn News

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