Presseclub auf ATV: György Bolgár zitiert das „Handelsblatt“ – oder doch nicht?

Der private ungarische TV-Sender ATV ist für seine MSZP- und SZDSZ-freundliche Berichterstattung bekannt.  Eine der meinungsbildenden Sendungen ist der montags ausgestrahlte Presseklub (Újságíróklub), an dem János Dési, János Avar, György Bolgár und Tamás Mészáros teilnehmen. In der Sendung vom 05.04.2010 ging es um die bevorstehenden Parlamentswahlen am kommenden Sonntag.

Wie nicht anders zu erwarten, verbissen sich die einhellig linksliberalen Diskussionsteilnehmer (wie gewohnt) in den Fidesz und Viktor Orbán und leierten gebetsmühlenartig die Geschichte von dessen antidemokratischer Grundeinstellung herunter. Interessant ist diesbezüglich der zweite Teil der Sendung, der HIER im Internet abrufbar ist.

Bei Zähler 26:25 min (Zähler läuft rückwärts) weist György Bolgár die Zuseher und Mitdiskutanten auf einen (angeblichen) Artikel des eher konservativ angehauchten deutschen Handelsblatt hin, in dem über Ungarn berichtet worden sei:

Beispielsweise hat das deutsche Handelsblatt vor einigen Tagen einen Artikel über Ungarn veröffentlicht, in dem nicht nur die Jobbik erwähnt wurde, sondern auch die antidemokratischen Tendenzen einer Orbán-Führung, nämlich dass es möglich sei, dass im Falle eines überragenden Wahlsieges des Fidesz autoritäre Führungen, vergleichbar mit dem System Putin, in Mittelosteuropa stärker werden könnten.“

Um die Pointe vorweg zu nehmen: Entweder hat sich Bolgár geirrt, oder er sagt bewusst die Unwahrheit. Jedenfalls hat das Handelsblatt nichts derartiges veröffentlicht.

Das Handelsblatt (LINK) veröffentlichte am 31.03.2010 in der Tat einen Artikel über Ungarn („Ungarn steht vor historischem Rechtsruck„). Der Verfasser, Stefan Menzel, entwickelt eine durchaus zutreffende und objektive Analyse der wirtschaftlichen Situation in Ungarn und berichtet über den voraussichtlichen Wahlsieg des „konservativen“ (nicht nationalkonservativen, rechtskonservativen oder gar völkischen) Fidesz. Menzel spricht mit keinem einzigen Wort von „antidemokratischen Tendenzen“ des Fidesz. Stattdessen finden sich folgende Aussagen:

Wegen der hohen Auslandsverschuldung stand die Regierung in Budapest schon vor dem Staatsbankrott. Die Bevölkerung macht dafür die seit acht Jahren regierenden Sozialisten verantwortlich. Davon profitiert die konservative Fidesz-Partei – Experten rechnen mit einem Erdrutschsieg der Konservativen bei den Parlamentswahlen.“

Nach dem Ausbruch der Finanzkrise Ende 2008 war Ungarn das erste Land, das eine milliardenschwere Finanzhilfe von Internationalem Währungsfonds (IWF) und EU in Anspruch nehmen musste. Wegen der hohen Auslandsverschuldung stand die Regierung in Budapest vor dem Staatsbankrott. Ungarn hatte auch zu wirtschaftlich besseren Zeiten über seine Verhältnisse gelebt. Die jährliche öffentliche Neuverschuldung hat unter den Sozialisten in den zurückliegenden Regierungsjahren zeitweise Quoten von über acht Prozent des Bruttoinlandsprodukts erreicht.“

Innerhalb der sozialistischen Partei wird die verfehlte Politik der Regierung eingestanden, was ganz besonders den Aufstieg der Rechtsextremen ermöglicht habe. „Die Serie der von den Sozialisten begangenen Fehler hat der Jobbik den Weg bereitet„, kritisierte der frühere Ministerpräsident Peter Medgyessy.“

Anders als es György Bolgár seinen Lesern glauben machen will, gibt das Handelsblatt also nicht die von ihm selbst propagierte und über ATV und Inforádió in die Welt getragene Meinung eines vermeintlich antidemokratischen Fidesz wieder, sondern entwickelt ein differenziertes Bild. In diesem hat auch die Verantwortung der MSZP für den Aufstieg von Jobbik Platz: Eine These, die man auf ATV nur selten zu hören bekommt. Dass das Handelsblatt gerne als Beleg für die „ausländische Meinung“ über Ungarn zitiert wird, ist kein Zufall: Das eher konservatve Wirtschaftsblatt genießt in Ungarn einiges Renommé, gerade weil eine differenzierte Berichterstattung in liberalen ausländischen Presseorganen (SZ, Zeit und Standard) eher selten vorkommt und daher etwas in Verruf geraten ist. Will heißen:  Wenn das Handelsblatt vor der Rechtsgefahr durch Fidesz warnt, dann muss die Situation sehr ernst sein.

Schade, dass Bolgárs Interpretation des Handelsblattes seine freie Erfindung ist. Etwa zur gleichen Zeit erschien ein Artikel des bekannten Orbán-Kritikers Gregor Mayer im linken österreichischen Wochenmagazin Profil (LINK), der eher der Interpretation von Bolgár entspricht. Dort erscheint auch der Putin-Vergleich. Nur ist Profil eben nicht das Handelsblatt. Es stellt sich die Frage, ob Bolgár beide Artikel verwechselt oder aber den Namen Mayer und Profil bewusst aus dem Spiel lassen wollte, eben weil beide Begriffe in informierten Kreisen Ungarns nicht als Garant für objektive Einschätzungen über Ungarn und Fidesz herangezogen werden können.

Immerhin dürfte nun klar sein, über welche Inhalte ausländischer Zeitungen sich ungarische linksintellektuelle Kreise besonders freuen. So sehr, dass sie Journalisten wie Menzel die von ihnen herbeigesehnten Orbán-kritschen Inhalte auch mal in den Mund legen. So viel zur Redlichkeit einer bestimmten Presserichtung. Es bleibt die Freude, dass es mit dem Handelsblatt ein deutsches Presseprodukt gibt, welches der aus SZ, Zeit und TAZ bestehenden Anti-Orbán-Front sachliche Inhalte entgegensetzt. Ein Dankeschön an Stefan Menzel.

Umfrage: Fidesz bei 62%, MSZP 20%, Jobbik 13%

Nach der aktuellen Umfrage des Meinungsforschungsinstitutes Szonda-Ipsos kann die konservative Oppositionspartei Fidesz mit 62% der Wählerstimmen rechnen. Die noch regierenden Sozialisten (MSZP) kämen auf 20% der Stimmen, die rechtsradikale Jobbik fiel in der Wählergunst auf 13%, d.h. hinter das Ergebnis der Europawahlen 2009 zurück. Zuletzt wurde Jobbik auf bis zu 20% taxiert.

Die ungarischen Grünen (LMP) und das Demokratische Forum (MDF) würden den Einzug in das Parlament mit 3% bzw. 1% verfehlen.