WELT fragt: Was ist bloß mit den Ungarn los?

Die WELT veröffentlicht am 10.04.2010 einen Beitrag des gebürtigen Ungarn Boris Kálnoky, der sich auf eine Reise durch seine alte Heimat begeben hat, um nach den Gründen für den morgen zu erwartenden Erdrutschsieg der Rechten zu suchen.

Der lesenswerte Artikel ist hier abrufbar: http://www.welt.de/politik/ausland/article7127480/Was-ist-bloss-mit-den-Ungarn-los.html

Kálnoky gibt einen Großteil der Antworten selbst: Korruption bei den Sozialisten, nachweisbare Wahllügen vor der Wahl 2006,  marode innere Sicherheit – gerade in den östlichen Komitaten. Zudem betont Kálnoky, dass Fidesz das beste Programm habe, gerade was Mittelstandsförderung betrifft: Die große Abhängigkeit von ausländischem Kapital bringt keine besondere Stabilität.

Auch das Testat Kálnokys von der Gefahr eines „arroganten“ Fidesz ist nachvollziehbar (obgleich die vom Autor gezeichneten Bilder eher überzogen wirken): Es bleibt aber die Erwartung/Hoffnung, dass Fidesz und Orbán seit 2002 älter und weiser geworden sind, um nicht dieselben Fehler zu machen, die 2002 zu seiner Abwahl geführt haben. Gerade die absolute Mehrheit wird eine große Verantwortung nach sich ziehen, da Orbán keine Möglichkeit haben wird, die Schuld auf Koalitionspartner abzuschieben.

Als einziger der Berichterstatter geht Kálnoky auf die Entwicklung seit der Wende ein, um den Ausgang der Wahl zu erklären: Verkäufe von Staatsbetrieben an Ausländer, die diese postwendend schlossen, um die „Märkte“ selbst bedienen zu können (Beispiele: Zement, Zucker, Papier uvam.). Viele Ungarn fühlen sich zu Recht als Verlierer und schwelgen in Nostalgien an „Väterchen Kádár“. Gerade den Sozialisten nahe stehende Journalisten lassen das Verständnis für die bodenlose Enttäuschung der Ungarn und das damit einhergehende Protestpotenzial völlig vermissen. Es genügt eben nicht, alles mit „Vollzeit-Rechtsradikalismus“ und völkischem Nationalismus erklären zu wollen. Demokratie will eben auch gelernt sein, 20 Jahre sind hier keine lange Zeit.

Was ist los mit Ungarn? Enttäuschung, die verständlich ist. Der erhobene Zeigefinger des Westens ist sicher das falsche Mittel. „Habsburgische Arroganz“ gegenüber scheinbar kleinen Brüdern ist eben nicht gefragt…gerade österreichische oder aus Österreich berichtende Reporter sollten das mitunter bedenken.

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