Linksintellektuelle Abrechnung mit den Sozialisten: „Faschismus“ brüllen reicht nicht

Die ungarische Zeitschrift „Élet és Iroldalom“ (Leben und Literatur) ist über jeden Zweifel erhaben, ein nationalistisches Hetzblatt zu sein oder mit Parteien rechts der Mitte auch nur zu sympathisieren. Umso bedeutender scheint es, dass hier vor einigen Tagen ein Beitrag des bekennenden Linksintellektuellen und wortgewaltigen Fidesz-Kritikers Gusztáv Megyesi zu lesen war, in dem dieser die Verantwortung der Sozialisten für den Wahlerfolg der Rechten thematisierte („Abschied von den Bourbonen„, Ausgabe vom 16.04.2010). Und nicht nur das: Megyesi bringt zum Ausdruck, dass die zu erwartende 2/3-Mehrheit des Fidesz ihm weniger Angst mache als die zu erwartende künftige politische Linie der Sozialisten. Zwei Auszüge:

Die derzeitige Führungsgarnitur der Sozis hat bewiesen, dass sie zu wirklich nichts mehr in der Lage und dauerhaft nur noch von sich selbst eingenommen ist.“

(…)

Die klugen Köpfe des Landes sowie die Politologen streiten sich nun darüber, ob die MSZP nun an der Korruption, den Sparmaßnahmen, der Weltwirtschaftskrise oder den ausgebliebenen Reformen gescheitert ist. Das interessiert die Menschen jedoch nicht mehr wirklich, was wiederum ein Zeichen fehlender Bildung sein soll. Die Bourbonen (Anmerkung: gemeint ist die MSZP) sind demgegenüber eine Gesellschaft mit überragendem IQ. Ich selbst hatte in der letzten Zeit das Gefühl, als hätten selbst die Sozis sich manchmal gewünscht, das ganze solle endlich vorbei sein und kommen, was denn kommen müsse, denn so gehe es ohnehin nicht mehr weiter. Merkwürdiger Weise ist die Situation jetzt die, dass ich mich vor dieser MSZP mehr fürchte als vor der 2/3-Mehrheit des Fidesz. Es kann nämlich nicht die Perspektive der nächsten vier, acht oder auch 20 Jahre sein, dass die Sozis in der Opposition das tun, was sie schon die letzten Jahre getan haben, nämlich Viktor Orbán zur „Mitte des Universums“ zu erklären, jeden Satz mit ihm zu beginnen und mit ihm zu beenden, in jedem noch zu kleinen Zeichen die Diktatur erkennen zu wollen und am Ende, ob berechtigt oder nicht, „Faschist“ zu brüllen, ganz egal was auch passiert sein mag. All das ist natürlich kein schlechtes Geschäft, und es erweckt den Eindruck sinnvoller Arbeit. Nur: So kann man einfach nicht leben, so kann man nur verblöden. Irgendeine minimale intellektuelle Leistung muss früher oder später zustande gebracht werden, die Frage ist nur, ob die derzeitige Führungsriege das erkennt.“

Ein besseres Plädoyer für die Schaffung einer echten Sozialdemokratie in Ungarn war aus linker Feder selten zu lesen. Man wünschte, diese Passage, welche den eindimensionalen Geisteszustand der MSZP hervorragend abbildet, würde auf die gleiche Weise Eingang in die auflagenstarken westlichen Medienprodukte finden, wie die Worte eben derer, die Megyesi hier mit deutlichen Worten kritisiert. Mit dem Vorwurf, der politische Gegner plane eine rechte Diktatur, ist auf Dauer eben kein Staat zu machen. Bleibt zu hoffen, dass sich die neue politische Kraft LMP als konstruktiver erweist als die Postkommunisten und ihre willigen Sprachrohre im In- und Ausland.

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