Umweltkatastrophe in Ungarn: Schwerste Umweltschäden, ein unterversichertes Unternehmen und immer wieder die „üblichen Verdächtigen“…

Westungarn wurde am 04. Oktober 2010 von einer Umweltkatastrophe gigantischen Ausmaßes heimgesucht. Wie Medien europaweit berichteten, brach infolge tagelanger Regenfälle der Damm eines überirdischen Lagerbeckens für sog. „Rotschlamm“, ein Abfallprodukt der Bauxit- und Aluminiumindustrie. Die bis zu 3 Meter hohe Schlammlawine begrub in kürzester Zeit mehrere Ortschaften unter sich, zwischenzeitlich wird von mindestens sieben Toten, über 100 Verletzten und mehreren Hundert Obdachlosen gesprochen. Rotschlamm kann aufgrund seiner Zusammensetzung chemische Verbrennungen auf der Haut auslösen.

Fotos über den österreichischen Kurier: http://kurier.at/multimedia/bilder/2038503.php?bild=1 und über http://galeria.index.hu/belfold/2010/10/05/legifelvetelek_az_atszakadt_gatrol/?current_image_num=0&image_size=l

Die Schäden für Flora und Fauna sind noch nicht abschätzbar, möglicher Weise sind Ortschaften ganz oder teilweise für längere Zeit nicht mehr bewohnbar. Die Lebensgrundlage der örtlichen Bevölkerung, die zumeist von Landwirtschaft lebt, ist entzogen. Hinzu kommt, dass der Rotschlamm zwischenzeitlich in das Grundwasser einsickert und – über den Fluß Rába – auch in die Donau zu gelangen scheint.

Das für das überirdische Auffangbecken verantwortliche Unternehmen, die Ungarische Aluminiumproduktions- und Vertriebs AG (MAL Zrt.), entstand ab 1993 im Rahmen der Privatisierung ehemaliger Staatsunternehmen. Bis in das Jahr 2000 konnte sich das Unternehmen durch Aufkäufe vertikal integrieren und neben der Aluminiumproduktion auch Bauxit und weitere Zweige sichern. Hauptaktioäre sind nach Pressemeldungen die Industriellenfamilien Bakonyi und Tolnay. Beide Familien gehören zu den reichsten Ungarns, verfügen über beste Kontakte zum ehemaligen MSZP-Ministerpräsidenten Ferenc Gyurcsány – jedoch auch Politikern des rechten Spektrums – und können folglich zu den klassischen Vertretern der Clique von „Wendegewinnlern“ gezählt werden:  Menschen also, die aufgrund guter Kontakte zur alten Nomenklatur in der Lage waren, Staatsbetriebe während der Regierungen Antall und Horn zu „Pfennigbeträgen“ zu erwerben und sich dadurch (letztlich) auf Kosten des Volkes zu bereichern. Konkrete Beispiele hierfür sollen mangels Aktualität einem weiteren Beitrag vorbehalten bleiben. Tolnay war vor der Wende Leiter eines großen staatlichen Stahlwerks in Diósgyör.

Im Nachgang zur Prvatisierung zählte dann weniger die dringend notwendige Modernisierung der Unternehmen, sondern ein Maximum an Gewinnausschüttung. Die Folgen sind – in einem Extremfall – nun wieder einmal deutlich geworden. Wie sehr der Abfluss von Kapital bei der MAL die Hauptrolle gespielt haben könnte, zeigt auch der Umstand, dass das Unternehmen für Schäden der vorliegenden Art gerade einmal über eine erschreckend geringe Versicherungsdeckung in Höhe von EUR 35.000 (!) verfügen soll.

Auch das zum Einflussbereich von Ferenc Gyurcsány gehörendes Unternehmen MOTIM soll laut ungarischer Wochenzeitung Figyelö (LINK) vor einigen Jahren an der MAL beteiligt gewesen sein.

Zwischenzeitlich wurden auch Spekulationen darüber laut, dass das Unternehmen in der Vergangnheit das Becken durch nicht genehmigte Aufschüttungen der Begrenzungsmauer unerlaubt vergrößert haben könnte. Dies ist jedoch ebenso wenig bestätigt wie die Meldung, das Unternehmen MAL sei durch Offshore-Gesellschaften systematisch entkapitalisiert worden. MAL dementierte umgehend.

Was die Öffentlichkeitsarbeit angeht, gab man sich bei MAL nach dem Ereignis schweigsam und bagatellisierend: Zunächst wurde darauf verwiesen sei, dass Rotschlamm nach EU-Klassifikationen keinen Giftmüll darstelle, danach behauptet, 95% des Rotschlamms befinde sich noch im Becken. Über die Tatsache, dass es zu Verätzungen kommen kann und sich im Becken auch bleihaltige Abfälle aus der Bleikristallherstellung befanden, schwieg man sich zunächst aus.

Nachdem wohl auch die Regierung zunächst das Ausmaß des Unglücks falsch eingeschätzt hatte, suchten Innenminister Sándor Pintér und Umweltstaatssekretär Zoltán Illés am 05.10. und 06.10. den Unglücksort auf, darüber hinaus bat Ungarn die EU im Rahmen des Zivilschutzes um Soforthilfe. Der Notstand in der Region wurde ausgerufen.

Der World Wildlife Fund (WWF) merkte an, das Unglück sei vermeidbar gewesen. Man hätte lediglich die richtigen Konsequenzen aus dem Minenunglück von Baia Mare in Rumänien im Jahre 2000 ziehen und Sicherheitsvorkehrungen treffen müssen. Warum dies in den vergangenen zehn Jahren von der Politik unterlassen wurde, wird noch aufzuklären sein. Jedenfalls wird die Lagerung von Klärschlämmen aus dem Bergbau in oberirdischen Becken seit langem kritisch bewertet. Infolge des eben genannten Minenunglücks in Rumänien ergoss sich cyanidhaltiger Schlamm aus dem Goldbergbau in die Theiß, was unter anderem ein monatelanges Fischsterben auslöste.


5 Kommentare zu “Umweltkatastrophe in Ungarn: Schwerste Umweltschäden, ein unterversichertes Unternehmen und immer wieder die „üblichen Verdächtigen“…

  1. Ohne Zweifel schlimm genug und unentschuldbar, was da passiert ist.
    aber ich kann mich ganz gut an die Kommentare in den Zeitungen erinnern, die damals durch die deutschsprachige Presse geisterten.Hier noch einer der „harmloseren“

    „So tragisch das Unglück, so günstig fügen sich die Begleitumstände in das strategische Konzept der Regierungspartei….“

    Wo bleiben die Berichte in der deutschsprachigen Presse über Kolontar jetzt ??
    Hat man denen die Meinungsfreiheit beschnitten???
    Aber da müsste man ja zugeben, dass die „unglaublich zurückgebliebenen Ungarn“ doch noch zu irgendetwas fähig sind.

    http://www.kisalfold.hu/dunantul/elet_a_vorosiszap_utan_nezze_meg_az_uj_kolontari_es_devecseri_lakoparkot_video/2235539/

  2. Pingback: Giftschlammkatastrophe: 500 Mio. EUR Geldbuße gegen MAL Rt. « Hungarian Voice – Ungarn News Blog

  3. Nun ist ja morgen der Jahrestag der Giftschlammkatastrophe.
    Dazu hab ich gerade einen beinahe positiven Bericht in einer österreichischen Zeitung darüber gefunden.
    Es hat mich fast aus den Pantinen gekippt, als ich las:
    „Gott segne die Regierung, dass sie den Leidtragenden so rasch und großzügig geholfen hat!”
    So eine Aussage in der Presse.com???

  4. Pingback: Rotschlammkatastrophe: Haftung von MAL festgestellt | Hungarian Voice - Ungarn News Blog

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