Frankfurter Allgemeine: Georg Paul Hefty watscht Böll-Stiftung ab

Als letzte Woche die Nachricht im Internet herauskam, dass eine am 24.11.2010 geplante Diskussionsveranstaltung mit Paul Lendvai wegen Drohungen aus der rechtsextremen Ecke gegen den Gast abgesagt worden war, machte sich Bestürzung breit. Lendvai hat mit seinem jüngst erschienen Buch „Mein verspieltes Land“ heftige Kritik an den letzten 20 Jahren ungarischer Politik geübt und sich hierbei auch den Unmut regierungsnaher Kreise zugezogen.

Der Veranstalter des Abends, die Heinrich-Böll-Stiftung, lud mit folgendem Text zur Diskussion (Hervorhebungen durch Hungarian Voice):

Im Jahr 1989 machte es den Eindruck, als ob Ungarn in der Reformbewegung innerhalb des Ostblocks die Speerspitze bilden würde. Das Land galt seit der Machtübernahme János Kádárs als liberalstes Land hinter dem eisernen Vorhang. Der Umgang der ungarischen Regierung mit den DDR-Flüchtlingen und die Öffnung der ungarischen Grenzen haben einen wesentlichen Beitrag zum Fall der Mauer und zum Zusammenbruch des realsozialistischen Lagers geleistet. Schienen die Voraussetzungen für eine Transformation des Landes in eine liberale und demokratische Gesellschaft also günstig, so fragt man sich im Rückblick, warum die grundlegende Erneuerung des Landes augenscheinlich gescheitert ist? Wie konnte der einstige Hoffnungsträger zum „kranken Mann Mitteleuropas“ werden? Wieso hat sich das Land nicht intensiv mit seiner Vergangenheit auseinandergesetzt und in dessen Konsequenz die Eliten ausgetauscht? Wie konnte es erneut zu einer Ein-Parteien-Herrschaft kommen? Wer wählte die rechten Parteien (Fidesz und „Jobbik“) und was erwarten ihre Wähler von ihnen? Was bedeutet die Rechtswende für die ungarische Wirtschaft? Führt der isolationistische Anti-EU-Kurs, den Ungarn eingeschlagen hat, in die nächste Krise? Verschärfen sich die Konflikte mit den Nachbarstaaten und entsteht auf diese Weise nach Jugoslawien ein weiterer Krisenherd mitten in Europa?

Der FAZ-Autor Georg Paul Hefty befasste sich am 27.11.2010 mit der Einladung und den Reaktionen hierauf und übt heftige Kritik an dem Tonfall und den nur mäßigen Ungarn-Kenntnissen der Stiftung (FAZ vom 27.11.2010). Hier einige Auszüge:

Wer von einem Land nichts versteht, der sollte auch nicht mit eigenen Worten zu einer Diskussion darüber einladen. Die Kenntnislosigkeit der Heinrich-Böll-Stiftung Hessen über Ungarn hat eine Affäre hervorgerufen, die von der ungarischen bis in die französische Presse hinein Wellen schlägt und den österreichischen Journalisten und Buchautor Paul Lendvai in Mitleidenschaft zieht sowie manch andere in ein falschs Licht rückt.“

Der Titel lautete zwar „Ungarn im Wandel“, der Untertitel deutete aber die Richtung an, in welche die Böll-Stiftung stoßen wollte: „Vom Schrittmacher zum Krisenherd“. Die Brisanz dieser Stoßrichtung ergibt sich aus zwei Umständen: In Ungarn amtiert seit einem halben Jahr eine rechte Regierung unter Ministerpräsident Orbán, was auf die Grünen offenbar wie ein rotes Tuch wirkt, zumal diese Regierung bei der Parlamentswahl im Frühjahr eine Zweidrittelmehrheit der Mandate erreichte. Des weiteren wird Ungarn im ersten Halbjahr des kommenden Jahres die EU-Ratspräsidentschaft innehaben – da sähen es die Grünen gerne, wenn das Land als „Krisenherd“ verschrieen und in seiner europaweiten Handlungsfähigen eingeschränkt würde.“

Ohne dass Lendvai davon wusste, formulierte die Böll-Stiftung gemeinsam mit der Goethe-Universität einen Einladungstext, der vor Kenntnislosigkeit sprühte und auf die Interessenten ungarischer Herkunft provozierend wirkte.“

In der Folge führt Hefty die Aussage der Böll-Stiftung, Ungarn habe nach Übernahme der Macht durch János Kádár als „liberalstes Land hinter dem eisernern Vorhang gegolten„, als Beleg für die Ahnungslosigkeit der Veranstalterin an. Kádár war unmittelbar nach dem Volksaufstand von 1956 an die Macht gelangt, war für die Hinrichtung von Imre Nagy und weitere Schauprozesse verantwortlich, in denen nach 1956 immerhin 460 Personen zum Tode verurteilt und hingerichtet worden. Nicht selten wurden sgar jugendliche Verurteilte wurden nach Erreichen der Volljährigkeit hingerichtet.Hefty stellt die Frage, wie man ein solches System als „liberal“ bezeichnen könne.

Auch die Behauptung, in Ungarn herrsche „Einparteienherrschaft„, scheint Hefty im Hinblick auf vier im Parlament vertretene Fraktionen abwegig. Die Schlussfolgerung Heftys:

Dass sich die Proteste gegen eine so angekündigte Veranstaltung mit dem Namen des prominentesten Teilnehmers vermengten, war wohl nicht mehr zu umgehen. Lendvai erhielt nach eigenen Angaben keinerlei Drohungen, er nahm aber zur Kenntnis, dass die Veranstalter den Abend unter Berufung auf vielfache Drohungen absagten.“

Lendvai habe sich keinen Unruhen aussetzen wollen, gerade weil er sonst – wie auch der einen Tag später veranstaltete Abend in Berlin bewies – von einem großen Publikum begrüßt und gelobt werde. Hefty stellt klar, dass es Beschimpfungen gegen Lendvai insbesondere auf rechtsradikalen Portalen wie „kuruc.info“ Portalen gebe, die übrigens nicht nur Lendvai, sondern auch den Ministerpräsidenten Orbán und dessen Vor-Vorgänger Gyurcsány heftigst attackieren. Unter diesen Umständen Orbáns Fidesz mit den Rechtsradikalen gleichzusetzen, zeige die Borniertheit der Böll-Stiftung.

Die Böll-Stiftung wird sich die Frage gefallen lassen müssen, warum man derartigen Zündstoff in eine sonst sachlich geführte Debatte (Berlin!) bringt, ohne dies mit dem Gast abzusprechen. Und dadurch möglicher Weise den Unmut genau jener unseligen Geister heraufbeschwört und auf einen (insoweit unbeteiligten!) Gast projiziert, gegen die man zu kämpfen vorgibt. Diese kritische Frage an die Böll-Stiftung schließt es übrigens nicht aus, feige Drohungen im Internet gegen einen international respektierten, wenn auch in seinen Aussagen nicht ganz unumstrittenen Autor zu verurteilen. Man muss Lendvai nicht zustimmen, aber eine inhaltliche Diskussion uss allemal möglich sein. Darüber sollten sich auch diejenigen bewusst sein, die mit solchen Aktionen – man könnte auch Straftaten sagen – für Ungarn zu kämpfen denken.

Sozialisten veranstalten Treffen in der Papp-Sportarena

Die Ungarische Sozialistische Partei (MSZP) hatte ihre Sympathisanten am Samstag, den 27.11.2010, zu einer Großkundgebung in die Papp-Sportarena nach Budapest geladen. Die Veranstaltung vor ca. 10.000 Teilnehmern unter dem Motto „Hier ist Dein Platz“ soll der Auftakt für eine Anti-Regierungskampagne der größten Oppositionspartei sein. Oppositionsführer Attila Mesterházy übte harte Kritik an der konservativen Regierung Orbán, bezeichnete diese als unverantwortlich und ungerecht, der Demokratieabbau werde vorangetrieben. Nur weil Fidesz über eine Parlamentsmehrheit von 2/3 verfüge, könne sich die Regierungspartei nicht alles erlauben.

Mesterházy kündigte eine landesweite Unterschriftenaktion an mit dem Ziel, die Entmachtung des Verfassungsgerichts, die Verstaatlichung des Rentensystems, die geplante Steuerreform (16 % Flat Tax bei der Einkommensteuer), die Lockerung des Kündigungsschutzes im öffentlichen Bereich sowie die rückwirkende Einführung von (Steuer-)Gesetzen. Mesterházy: „Wir kündigen der Regierung von hier aus an: Wenn sie ihre arrogante Politik nicht ändert, werden wir im Frühjahr mit Zehntausenden auf die Straße gehen und kämpfen. Es reicht!“ Und weiter: „Ich verspreche jedem, dass wir mit allen Mitteln gegen die geisteskranke Politik des Fidesz kämpfen werden„.

Mesterházy kündigte für den Fall eines Wahlerfolges der MSZP an, alle Maßnahmen des Fidesz wieder rückgängig zu machen. Und weiter: „Wir werden Orbáns Anti-Terrorzentrum auflösen, und werden die alle zur Verantwortung ziehen, die ihre eigenen Bürger ausrauben und erpressen“ (übersetzt: Wir werden das gleiche mit Orbán tun, was er mit uns tut…), denn „das sind Vebrechen gegen das ungarische Volk, die niemals verjähren„.

Die Veranstaltung kann – trotz der aggressiven „Vorwärts“-Rhetorik – nicht über den katastrophalen Zustand der MSZP hinwegtäuschen. Die Partei ist nach dem Einbruch bei den Wahlen im April 2010 zwischen Bewahrern und Reformern gespalten, der ehemalige Ministerpräsident Gyurcsány gilt nach wie vor als der beliebteste MSZP-Politiker. Die Partei leidet besonders darunter, dass die Bevölkerung ausweislich neuester Umfragen trotz kritikwürdiger Maßnahmen der Regierung (Eingriff in das Rentensystem, Entmachtung des Verfassungsgerichts) nicht in der Lage ist, an Zustimmung in der Bevölkerung zu gewinnen. Die Partei hat ihren Kredit durch jahrelange Misswirtschaft und Korruption bei der Bevölkerungsmehrheit daher in der jetzigen Form wohl dauerhaft verspielt. Es bedürfte einer grundlegenden Erneuerung in der Partei.

So richtig die Kritik der MSZP an der Entmachtung des Verfassungsgerichts und der geplanten Verstaatlichung des Rentensystems auch sein mag: Es mutet verlogen an, wenn die Partei, die seit 2002 die damalige Opposition unter Viktor Orbán (unter tatkräftiger Mithilfe von Journalisten des linken Lagers) stets dafür gescholten hatte, „die Politik auf die Straße zu bringen„, nun ebenfalls das Mittel der Straße ankündigt (Kampf mit allen Mitteln), um ihren Forderungen Nachdruck zu verleihen. Orbán hatte nach der verlorenen Wahl 2002 so genannte Bürgerkreise (polgári körök) gebildet mit dem Ziel, das konservative Lager während der Oppositionszeit zusammen zu halten und an Fidesz zu binden. Die jetzigen Pläne der MSZP unterscheiden sich nicht einmal ansatzweise von dem damaligen Verhalten der Opposition.

Ferner überrascht die (in der Sache durchaus berechtigte) plötzliche Kritik der MSZP an der „rückwirkenden Gesetzgebung“, womit insbesondere die rechtsstaatlich bedenkliche Einführung eines Strafsteuergesetzes auf Abfindungen öffentlicher Bediensteter gemeint ist. Das Gesetz belegt Abfindungen ab einer bestimmten Höhe mit einem Steuersatz von 98% und erfasst Sachverhalte ab dem Jahr 2005 (Hungarian Voice berichtete). Im Parlament hatte sich die MSZP nicht gegen die rückwirkende Besteuerung gewehrt, sondern sogar gefordert, alle Abfindungen ab 2002 zu erfassen. Die Sozialisten scheinen somit weniger Probleme mit der Rückwirkung an sich gehabt zu haben als damit, dass nur die in ihrer Regierungszeit bezahlten Abfindungen von der Steuer erfasst sein sollen.

Auch Fidesz hatte nach seinem Abtreten im Jahre 2002 zum Teil hohe Abfindungen an Mitarbeiter der öffentlichen Sphäre bezahlt; dass diese außen vor bleiben, hinterlässt einen faden Beigeschmack.

Links:

http://www.pesterlloyd.net/2010_48/48MSZPDemo/48mszpdemo.html

http://www.worldbulletin.net/news_detail.php?id=66774

Heinrich-Böll-Stiftung sagt Veranstaltung mit Paul Lendvai ab

Ein an der Frankfurter Universität für 24.11.2010 geplanter Diskussionsabend zu Ungarn, an dem der Journalist und Autor Paul Lendvai und der Schriftsteller György Dalos teilnehmen wollten, wurde von der Veranstalterin in letzter Minute abgesagt.

Die der Partei der Grünen nahestehende Heinrich-Böll-Stiftung gab als Grund für die Absage an, dass man die Sicherheit von Lendvai nicht habe garantieren können. In den Tagen vor der Veranstaltung habe es – insbesondere im Internet – massive Angriffe mit zum Teil antisemitischem Charakter gegen den Autor gegeben, weshalb er um Polizeischutz gebeten habe. Nachdem dieser nicht gewährt wurde, habe man sich in Abstimmung mit dem Gast entschieden, auf die Veranstaltung zu verzichten.

Lendvai verwies in einem Interview mit der Kleinen Zeitung auf eine Veranstaltung in Zurüch, die vom Weltbund der Ungarn gestört worden sei. Auch in Frankfurt hätten diese „extrem rechts“ stehenden Personen wohl etwas geplant (Anmerkung: Lendvai teilte später mit, er selbst habe keine Drohungen erhalten, sondern nur über die Böll-Stiftung von diesen erfahren). Tatsächlich war die Buchpräsentation in Zürich gestört worden, von Handgreiflichkeiten dort wurde jedoch nicht berichtet. Lendvai , der in Ungarn zuletzt nicht nur wegen seines neuen Buches kritisiert wurde, sondern auch wegen angeblicher Informantentätigkeiten für das kommunistische Kádár-Regime, sagte der Kleinen Zeitung, er werde sich nicht mundtot machen lassen (Link). Dem Online-Portal Ö24.at teilte Lendvai mit, in habe man „Angst vor seinem Buch“ (Link).

Ergänzung vom 28.11.2010:

Zwischenzeitlich hat Georg Paul Hefty von der konservativen Frankfurter Allgemeinen Zeitung die Heinrich-Böll-Stiftung im Zusammenhang mit der Veranstaltung und der Absage kritisiert. Der Tonfall der Böll-Stiftung auf der Einladung sei unangemessen provokant, Proteste hiergegen seien absehbar gewesen. Der Text der Einladung war laut Hefty nicht mit Paul Lendvai abgestimmt, sei jedoch auf ihn projiziert worden. So könne man Ungarn nicht als Land mit „Einparteienherrschaft“ bezeichnen, wenn im Parlament vier Parteien vertreten seien. Auch die Aussage, Ungarn sei das „Liberalste Land hinter dem Eisernen Vorhang gewesen„, musste Hefty zufolge Proteste der Exil-Ungarn hervorrufen: Nach der Niederschlagung des Volksaufstands von 1956 wurden – im vermeintlich „liberalen Kádár-Ungarn – 460 in Schauprozessen ausgesprochene Todesurteile vollstreckt (zum Teil hatte man jugendliche Aufständische verurteilt und dann – nach Erreichen des 18. Lebensjahres – hingerichtet). Die ungarische Nachrichtenagentur MTI berichtet heute über den Kommentar Heftys, der auch hier zeitnah umfassend dargestellt werden wird.

Was den Text der Einladung anbetrifft, ist übrigens folgender Umstand erwähnenswert: Die Veranstaltung in Frankfurt sollte in Zusammenarbeit mit einem Lehrstuhl der Frankfurter Universität stattfinden, dessen Inhaber – Prof. Tamás Bauer – bekannter Kritiker des Ministerpräsidenten Viktor Orbán ist. Bauer, ehemals Mitglied der linksliberalen SZDSZ-Fraktion im ungarischen Parlament und heute überwiegend als Publizist und Diskutant im oppositionsnahen liberalen Fernsehsender ATV aktiv, war vor einigen Jahren in Ungarn dafür kritisiert worden, dass er die durch Quellen belegbare Tatsache, dass sein Vater Miklós Bauer in den 50er Jahren Oberstleutnant der Geheimpolizei ÁVÓ und als Mitarbeiter der Abteilung III. persönlich verantwortlich für Folterungen gewesen sein soll (sein Spitzname lautete sinngemäß „der Fingernagel heraußreißende Bauer“), im Jahr 2000 in Abrede gestellt und seinen Vater im Parlament verteidigt hatte (hier). Miklós Bauer, der 2008 verstarb, hatte sich zuvor ebenfalls als „Ehrenmann“ bezeichnet. Mehr über die ungarische Staatssicherheit, deren ehemaliges Hauptquartier in der Andrássy út 60 in Budapest heute das Terror Haus ist, unter Wikipedia. Das Hauptquartier war zuvor von den ungarischen Nazis, den Pfeilkreuzlern, genutzt worden.

Weitere Quellen:

http://diepresse.com/home/politik/aussenpolitik/613265/SicherheitsRisiko-zu-hoch_LendvaiLesung-abgesagt?_vl_backlink=/home/politik/aussenpolitik/index.do

http://www.salzburg24.at/news/politik/artikel/hass-gegen-lendvai-buch-in-ungarn/cn/apa-1143203929

Rentenreform: Die „Wahlfreiheit“ des Péter Szíjjártó

Die Rentenreform ist da. Und bringt den Rentenversicherten wenig Positives, soweit es um ihre Ersparnisse in der privaten Rentenversicherung geht. Kritiker sprechen von Zwangsverstaatlichung und Enteignung.

Die ungarische Rentenversicherung besteht seit 1997 aus zwei Komponenten: Einer staatlichen, in die Arbeitgeber (24%) und Arbeitnehmer (10%) Beiträge abführen. Dieses System trägt nach Erreichen des Pensionsalters zu etwa 70% der Rente bei. Darüber hinaus existiert ein privates Rentenmodell, in das die Arbeitnehmer ebenfalls einen Pflichtbeitrag leisten, und das etwa in 30% der Rente im Alter resultiert.

Offenbar liegt Fidesz nun sehr daran, die Attraktivität der privaten Rentenkassen herabzusetzen und die Bürger über gehörigen wirtschaftlichen Zwang in das staatliche System zurück zu holen. Nach außen geschieht dies mit dem Argument, das private Rentensystem habe sich als verfehlt erwiesen (u.a. in der Finanzkrise). Die Renditen blieben hinter denen von Staatsanleihen zurück, weshalb das solidarische staatliche System das bessere sei und dem „nationalen Zusammenhalt“ am ehesten entspreche. Man dürfe die Bürger nicht dazu zwingen, ihr Geld auf dem Finanzmarkt zu riskieren.

Die Bürger müssen sich nun bis Ende Januar 2011 entscheiden, ob sie vollständig für das staatliche Modell optieren und sämtliche Gelder von den Privatkassen mitnehmen, oder aber weiterhin Einzahlungen in das private Rentensystem leisten wollen und ihre dortigen Ansparbeträge liegen lassen. Wer sich nicht äußert, wird automatisch auf das staatliche System umgebucht.

Wer sich gegen das staatliche System entscheidet und seiner Privatkasse die Treue halten will, verliert sämtliche Ansprüche auf die staatliche Rente, und dies trotz der Tatsache, dass sein Arbeitgeber weiterhin unverändert 24% Rentenbeitrag in die staatliche Kasse einzahlt. Dies führt zu einem Verlust in Höhe von 70% der zu erwartenden Rentenansprüche – trotz fortlaufender Arbeitgeberbeiträge. Hinzu kommt, dass der Staat die Pflichtbeiträge zur privaten Rentenersicherung für die Dauer von 14 Monaten in das staatliche System umlenkt und den privaten Rentenkassen aufgibt, ihre Verwaltungsausgaben deutlich zu senken.

Regierungssprecher Szíjjártó sprach davon, jeder könne „frei wählen“, ob er sich dem einen oder anderen System anschließe. Die Kritik, bei einem Zwangsenteignung von 70% der Renten könne von „Wahlfreiheit“ keine Rede sein, prallte an Szíjjártó ab. Er führte an, die Beiträge der Arbeitgeber zur Rentenversicherung dienten nicht der individuellen Rente des Einzahlers, sondern solle die aktuellen Pensionäre versorgen (Generationenvertragsmodell). Das gleichwohl faktisch Geld verbrannt würde, ohne Anwartschaften zu erwerben, lässt den Begriff „Wahlfreiheit“ aber geradezu abenteuerlich erscheinen.

Der hinter dem „Griff in die Kasse“ stehende Wille der Regierung liegt auf der Hand liegen: Man möchte unverzüglich einen größtmöglichen Teil der im privaten Rentensystem geparkten Gelder (der Standard spricht von 11 Mrd. EUR) in das staatliche System pumpen, um die hierdurch gewonnene Liquidität für die heutigen staatlichen Rentenzuschüsse und – über einen Ausgabensenkungsfonds – das Stopfen von Haushaltslöchern zur Verfügung zu haben. Auch solcher übrigens, die von der Vorgängerregierung hinterlassen wurden.

Die Pläne sind auf heftigen Protest gestoßen. Die Versicherer haben rechtliche Schritte angekündigt. Nachdem die Regierung jedoch die Befugnisse des Verfassungsgerichts beschränkt hat, steht zu befürchten, dass eine Überprüfung der Rentenreform am Maßstab der Eigentumsfreiheit (Versicherte) und Berufsfreiheit (Versicherer) nicht mehr möglich sein wird. Gleichwohl dürften Betroffene – nach Ausschöpfen des nationalen Rechtsweges – den Schutz der Europäischen Menschenrechtskonvention (EMRK) und der europäischen Grundrechtecharta in Anspruch nehmen können. Beide Vertragswerke wurden von Ungarn verbindlich anerkannt. Das EU-Recht untersagt zwar nicht die Verstaatlichung von Unternehmen (die Eigentumsordnung bleibt vom EU-Recht unberührt), gleichwohl kann dieser Grundsatz nach der Rechtsprechung des EuGH nicht die Grundfreiheiten und Grundrechte beliebig aushebeln. Es handelt sich also um eine wirtschaftliche und juristische Zeitbombe für die Regierung, denn früher oder später wird Luxemburg oder Strasbourg entscheiden.

Der konservative politische Analyst Gábor Török merkt an, die Maßnahme belege einen groben Realitätsverlust der Regierung. In der Tat wirkt die Maßnahme so, als würde Fidesz in Kernfragen der Zukunftspolitik zunehmend die Bodenhaftung verlieren und so verfahren, als wüssten sie alleine, was die Menschen wollen und was gut für sie ist. Dass man den Menschen droht, sie müssten weiterhin in die staatliche Rentenasse einzahlen, würden jedoch keinen einzigen Forint daraus erlösen, hat mit „Freiheit“ kaum etwas zu tun. Derartige Maßnahmen erwartet man eher von sozialistischen Staaten, nicht jedoch von einem auf Wettbewerbsfähigkeit und wirtschaftliche Stabilität angewiesenen Mitgliedstaat der EU des 21. Jahrhunderts. Im Hinblick auf die nahende EU-Ratspräsidentschaft dürfte von Interesse sein, dass auch von Seiten der EU-Organe mit Befremden auf die Pläne der Orbán-Regierung reagiert wurde.

Links:

http://derstandard.at/1289608794694/Ungarns-Budgetgesundung-Orban-saugt-Pensionsfonds-aus

http://de.reuters.com/article/economicsNews/idDEBEE6AP04G20101126

http://www.faz.net/s/Rub09A305833E12405A808EF01024D15375/Doc~E834874EC00AD457FAAED3926830A4B45~ATpl~Ecommon~Scontent.html

http://blogs.ft.com/beyond-brics/2010/11/26/hungary-pension-reforms-worry-investors/

Ehemaliger Chefredakteur der Wiener Zeitung kommentiert den Fall Lendvai und stellt Fragen zum ORF

Andreas Unterberger, ehemaliger Chefredakteur der Wiener Zeitung und seit 2009 politischer Blogger, kommentiert die Spitzel-Vorwürfe gegenüber Paul Lendvai und wirft kritische Fragen zum Österreichischen Rundfunk (ORF) auf.

http://www.andreas-unterberger.at/Andreas-Unterbergers-Tagebuch

Unterberger:

Der in den 50er Jahren aus Ungarn emigrierte Lendvai  hatte mehrfach selbst zugegeben, dass er in seiner Jugend an den ungarischen Sozialismus geglaubt hat. Nach seiner Emigration und als erfolgreicher Journalist für mehrere Print- und elektronische Medien hat er hingegen öffentlich keine Sympathien dieser Art mehr geäußert. Lendvai moderiert heute noch im ORF Sendungen – weit über alle Altersgrenzen hinaus, die der ORF normalerweise seinen eigenen Redaktionsmitgliedern setzt.

Während er die nunmehrigen Vorwürfe als „lächerlich“ bezeichnet, deuten die Dokumente doch auf ein sehr kooperatives Verhältnis Lendvais zu den ungarischen Kommunisten hin, das seinem Auftreten in Österreich deutlich widerspricht. Im Gegensatz zum Fall Zilk gibt es jedoch keinerlei Hinweise auf Geldflüsse oder eine formalisierte Agententätigkeit.“

Unterberger kritisiert insbesondere, dass Lendvai der Staatsmacht über ein Treffen oppositioneller Schriftsteller im Jahre 1985 vorab berichtet und sogar das Tagungsprogramm ausgehändigt haben soll. Diese Infos waren laut Lendvai aber ohnehin „für jeden verfügbar“.

Das angesprochene Tagungsprogramm trug jedoch den Vermerk „vertraulich“, offenbar um zu verhindern, dass es in falsche Hände geriet.

 

Lendvai-Dokument Teil 1

Wie versprochen, sollen die von der ungarischen Wochenzeitschrift Heti Válasz veröffentlichten Dokumente über die Tätigkeit Paul Lendvais als angeblicher Informant des Kádár-Regimes sukzessive übersetzt werden. Jeder Leser möge sich zum Inhalt der Dokumente eine eigene Meinung bilden und sowohl mit der Deutung der Heti Válasz, als auch mit den Reaktionen des Betroffenen und der ihm wohlgesonnenen Journalisten vergleichen.

Den Anfang soll ein am 04.10.1985 verfasstes Dokument machen:

(Mehrere Stempel: u.a. „Arbeitsfassung – Nach Gebrauch unverzüglich zurück zu geben“, sowie zwei Stempel des Außenministeriums aus dem Jahre 2003)

Wien                      Eingang: 4. Oktober 1985, 19.45 Uhr                     Streng Geheim!

Verfasst durch: Szné-Al                       Kontrolliert durch: (unleserliche Unterschrift)

Fernschreiben

Eilig!

Bitte die zuständigen Stellen am Samstag Morgen informieren.

Wir erhielten von Paul Lendvai das geplante Tagungsprogramm jenes „Kulturellen Symposiums“, das die Organisation „International Helsinki Federation for Rights“  in Budapest, im Saal „Diana“ des Intercontinental Hotels in der Zeit vom 15.-18. Okober unter dem Titel „Schriftsteller und ihre Integrität“ veranstalten möchte. Auf dem Schriftstück befinden sich die Namen der eingeplanten Redner – unter ihnen Schriftsteller György Konrád – sowie die Namensliste der ausländischen Organisatoren und das detaillierte Tagungsprogramm. Man schreibt, dass die Zuhörerschaft aus ungarischen Gästen, den Vertretern der internationalen Presse (laut Lendvai auch das deutsche und französische Fernsehen), darüber hinaus aus einzelnen Regierungsvertretern bestehen wird, die am „Kulturellen Forum“ teilnehmen.

Meine Fragen:

1. Ist dieses Dokument in der Heimat bekannt?

2. Wenn nein, bis wann soll ich einen Wagen nach Hegyeshalom schicken, damit ich es per Boten übersenden kann?

Anmerkung: Es liegt auf der Hand, dass es sich um ein „Anti-Kulturforum“ handelt, an dem Dissidenten und Oppositionelle teilnehmen werden.

 

Stempel „Außenministerium, streng geheim“

Eingangsstempel 09.10.1985

Zu Händen G. Kovács

weitergeleitet: 07.X., 7.30 Uhr

 

 

Fall Lendvai: Heti Válasz reagiert und nimmt Bezug auf die „Presse“

Die ungarische konservative Wochenzeitung Heti Válasz, deren Beitrag über Paul Lendvai großen Wirbel hervorgerufen hat, befasst sich in einem Beitrag vom 22.11.2010 mit den Reaktionen des Standard und vergleicht diese mit der konservativen Presse.

„Die Presse über Paul Lendvai

Die in der letzten Ausgabe der Heti Válasz veröffentlichte Analyse und die auf unserer Internetseite veröffentlichten Dokumente haben zwischenzeitlich nicht nur das Interesse der Unterstützer des Betroffenen geweckt

Den Standard interessiert im Fall Lendvai augenscheinlich nur die Meinung des Betroffenen, wohingegen Die Presse ausgewogen über die Dokumente aus dem Jahr 1985 berichtet.

Das konservative Wiener Blatt übernimmt im Wesentlichen den Bericht der Presseagentur APA, die den wesentlichen Inhalt der Dokumente aus dem Jahr 1985 wiedergibt. In dem Bericht wird Heti Válasz zwar als „regierungsnah“ bezeichnet, anders als Der Standard behauptet man jedoch nicht, dass der Beitrag einen Racheakt für das neueste Buch Lendvais darstelle. (Lendvais Buch erscheint erst im Frühjahr in ungarischer Sprache, und es kritisiert nicht allein den aktuellen konservativen Regerungskurs, sondern auch die acht vorangegangenen Jahre.)

Die Presse merkt an, dass der Vorwurf nicht auf „Agententätigkeit“ lautet, sondern von freiwilliger Kooperation mit den ungarischen Behörden gesprochen wird. Es gab also keinerlei offiziellen Kontakt zwischen dem österreichischen Journalisten und der damaligen ungarischen Regierung, Lendvai war nicht bedroht, niemand zwang ihn zur Mitarbeit. Den stets zum sozialdemokratschen Lager gehörenden Journalisten, der auch als Biograph von Bruno Kreisky gilt, bewegten gewiss persönliche Sympathien, als er das etwas moderatere Kádár-System im Westen in positivem Licht erscheinen lassen wollte.

Nach der Ansicht Lendvais sagen die Dokumente hingegen nichts über seine Absichten aus, vielmehr habe die ungarische Seite die Berichte nach „eigenem Geschmack“ gefertigt. Ferner sei das Treffen oppositioneller Schriftsteller in keiner Weise geheim gewesen, wer darüber etwas erfahren wollte, konnte dies auch tun Die Presse zitiert die Stellungnahme Lendvais an die ungarische Presseagentur MTI: hierin stellt der Journalist fest, dass er nichts getan habe, was gegen de Journalistenethik verstoße. Aber er selbst gesteht ein, dass – wie es auch die Presse schreibt – man in  jenen Zeiten in irgendeiner Weise gezwungen war, „Kompromisse zu schließen und zu paktieren“.

Die österreichischen Medien scheint das Thema derzeit offenbar nicht sonderlich zu interessieren, auch der ehemalige Arbeitgeber Lendvais, der ORF, berichtete nicht über den Artikel der Heti Válasz. Die allgemeine Auffassung in vielen Redaktion ist, dass die neue ungarische Regierung nur bestrebt sei, mögliche Gegner zu diffamieren, wie es auch die russische Regierung mit ihren Kritikern tue.

Genau so bringt es auch Lendvais Arbeitger, der liberale Standard, zum Ausdruck, der sich noch nicht einmal ansatzweiese mit dem Inhalt der durch Heti Válasz veröffentlichten Dokumente befasst, und stattdessen Lendvais oberflächliche Rechtfertigung, es handle sich um politische Verleumdung, übernimmt. Wie es auch Ferenc Gyurcsány tat, der es im Geiste eines „heute er, morgen ich“ ebensowenig für nötig erachtete, die auf unserer Internesete einsehbaren Dokumente zu sichten.

Der gestrige Bericht in der Népszabadság brachte es hingegen so zum Ausdruck: Der Wiener Journalist, der zum Kader der Sozialdemokratischen Partei Österreichs zählt, war kein Agent, sondern freiwilliger Informant der Kádár-Diktatur. „Und als solcher hat er der ungarischen demokratischen Opposition und dem Gedenken an die Revolution von 1956 geschadet, jedenfalls so viel, dass es das Kádár-Regime wertschätzte.“

Der Bericht aus der Presse ist hier einsehbar. In der Tat fällt auf, dass das Blatt, ohne den renommierten Kollegen Lendvai vorzuverurteilen, keinen politischen Gegenangriff nach Art des Standard unternimmt. Jeder Leser kann sich seine Meinung darüber bilden, welcher Art von Bericht den journalistischen Regeln eher gerecht wird.

Die liberale ungarische Tageszeitung Népszabadság über den „Fall Lendvai“

Die linksliberale ungarische Tageszeitung Népszabadság, ein Blatt also, das über jeden Vorwurf erhaben ist, in das Lager von Ministerpräsident Orbán zu gehören, hat heute in der Online-Ausgabe einen Kommentar zu den Vorwürfen gegenüber Paul Lendvai veröffentlicht. Der Verfasser, Ádám Petri Lukács, schreibt auch für die HVG.

Das Original ist hier abrufbar: http://nol.hu/velemeny/lendvai___az_onkentes_kollaborans

Hungarian Voice gibt den Beitrag ins Deutsche übersetzt wieder:

„Lendvai war kein Agent – er war freiwilliger Informant

Paul Lendvai bezeichnete den „Vorwurf der Agententätigkeit“ als lächerlich, und er hat Recht. Der Wiener Journalist, der zum Kader der Österreichischen Sozialdemokratie gehört, war kein Agent, sondern, wie wir es aus dem mit Dokumenten untermauerten Zeitungsbericht in der Heti Válasz wissen, freiwilliger Kollaborateur der Kádár-Regimes. Und als solcher schadete er der ungarischen Opposition und der Erinnerung an die Revolution von 1956, jedenfalls in einem Umfang, dass das Kádár-Regimes dies wertschätzte.

Der Schöpfer der österreichischen Politik der „aktiven Neutralität“, Bruno Kreisky, und seine Partei, glaubten fest daran, dass Ungarn nicht mehr verdient habe als die Stellung der lustigsten Baracke innerhalb des Sozialismus, weshalb sie mit dem diktatorischen Regime zusammenarbeiteten, es unterstützten und viel dafür taten, dass es – auch mit westlichem Auge betrachtet – salonfähig wirkte. Kreisky war insoweit nicht allein, auch andere Parteien (auch renommierte westdeutsche) taten dies so.

Lendvai verfolgte nur die Linie seiner Partei. Er nutzte sein Ansehen und Wissen dazu, die diktatorische Wahrheit aufzuhübschen (Trotzdem wurde er, als leitender Westjournalist, selbstverständlich durch die Geheimpolizei überwacht. Jede Diktatur basiert auf Misstrauen).

Ein Beispiel: Im Jahre 1980 fertigte Lendvai ein Interview mit György Aczél, das hierzulande in der „Wahrheit“ erschien. In diesem Interview behauptete Aczél, dass die ungarischen Unterzeichner der Charta 77 wegen ihres Protestes keinerlei Rechtsverletzungen erleiden mussten.  Lendvai bestätigte diese Lügen, indem er sagte: „Wenn es zentrale Maßnahmen gegeben hätte, dann wären sie doch gegen alle 81 Unterzeichner gerichtet gewesen”. Zwar hatten in der Tat nicht alle Menschen ihre Arbeit verloren, gleichwohl wurden die – bestrittenen – zentral durchgeführten Vergeltungsmaßnahmen, von denen Lendvai jedenfalls in einigen Fällen gewusst haben musste, durch das Politbüro der Ungarischen Sozialistischen Arbeiterpertei auf Vorschlag eben dieses György Aczél beschlossen. Sehr viele verloren daraufhin ihre Arbeit, oder aber waren von rechtlichen Nachteilen betroffen, weil sie sich der Protestaktion angeschlossen hatten.

Als Lendvai vertrauliche Informationen über das ungarische kulturelle Oppositionelle Forum übergab, wusste er, dass es unmöglich ist, was er tut, darum bat er die Botschaft um Diskretion. Im übrigen berichtete er mit großer Freude den Mitarbeitern der Diktatur, dass er in seinen  gefertigten Sendungen verhindert habe, dass tschechoslowakische Oppositionelle auf der Budapester Veranstaltung dem Österreichischen Staatsrundfunk gegenüber Stellungnahmen abgeben konnten.

Der „szamizdat Beszélő“ veröffentlicht in seiner 15. Ausgabe den Aufruf der ungarischen demokratischen Opposition an das Europäische Kulturelle Forum. Dort heißt es: „In Ungarn gibt es keine Pressefreiheit! Die Massenmedien werden von geheimen und rechtlich unüberschaubarer Zensur umgeben. (…)”. Der Aufruf fordert Pressefreiheit, Freiheit für die Wissenschaft und die Schulen, Freiheit der kulturellen Beziehungen, den Schutz der nationalen und ethnischen Minderheiten. Im Jahre 1985, zur Zeit dieses Oppositionellen Forums, fanden bei den Mitgliedern der demokratischen Opposition regelmäßig Hausdurchsuchungen statt.

Die aktiven Mitglieder der Opposition verloren allesamt ihre Arbeitsplätze, vielen wurde nachgestellt, die Reisepässe entzogen, man wurde mit Publikations- und Forschungsverboten belegt. In Ungarn herrschte eine stabile Diktatur, es gab keine freie Presse, keine Versammlungs-, Koalitionsfreiheit oder andere Rechte, es existierten keine freien Wahlen, man missachtete die Menschenrechte. Unter solchen Bedingungen beteiligte sich Lendvai an der Ausforschung einer oppositionellen Organisation, kollaborierte mit dem Machtapparat der Diktatur, aber erbat für sich selbst – freilich – Diskretion.

Zahlreiche österreichische Politiker dachten damals, dass es natürliches Interesse des Landes sei, die „gute Nachbarschaft“ mit Ungarn zu pflegen, schon aufgrund der historischen Beziehungen beider Länder. Dies konnte man jedoch auf vielfältige Weise tun: Erhard Busek, einer der führenden Politiker der Österreichischen Volkspartei, einstiger Vizekanzler, überbrachte Ferenc Köszeg im Rahmen eines offiziellen Besuches in Ungarn im Jahre 1986 eine Vervielfältigungsmatrize, denn er unterstütze lieber die Arbeit der demokratischen Opposition.

Lendvai bezeichnete es in 2006 in der ÉS – in seinem Beitrag „Der Glanz und der Fall des Michael Cole“ – als notwendiges Übel, dass „der Drehplan, wie immer, mit dem Außenministerium und der Auslandsabteilung des Ungarischen Fersehens abgestimmt werden musste“. Die  Dokumente, welche die Heti Válasz auf ihrer Internetseite veröffentlicht hat, belegen jedoch, dass Lendvai – über das minimale Abstimmungserfordernis hinaus – versucht hat, mit seinen Sendungen den Interessen der Regierungspropaganda zu dienen.
In diesem Bericht, in dem Lendvai unter anderem György Szepesi enttarnt, bringt er es wie folgt zum Ausdruck: „Zwei Leben – eines vor und eines nach 1956 – verbanden mich mit den Geheimdiensten der harten und weichen Diktaur, ohne dass ich mir darüber im Klaren gewesen wäre.“

Wenn er schon nichts davon wusste, so durfte jedoch in einem schlauen, mit den Realitäten des Sozialismus gut vertrauten Kommentator kein Zweifel darüber bestehen, von welcher Behörde die in der Wiener Botschaft übergebenen vertraulichen Informationen verwendet würden.

Im Anschluss an den Beitrag in der ÉS wirft Sándor Révész in der Népszabadság folgendes auf: „Ein Dilemma ist nicht dann am schärfsten, wenn der Preis, das Richtige zu tun, moralisch zu hoch ist, sondern dann, wenn der Preis so sehr gesenkt wird, dass es zweifelhaft wird, ihn zu akzeptieren. Für Paul Lendvai sank der Preis im Jahr 1970 in dieser Art und Weise. So wie er es in dem Band „Woher? Wohin?“ ausdrückt, begann die Charmeoffensive, die geschickte Taktiererei. Lendvai wurde einer der Schmiede und Profiteure der ausnahmslos guten Kontakte zwischen der österreichischen Sozialdemokratie und dem ungarischen Parteienstaat. Wer eine schwere und lehrreiche Aufgabe sucht, der möge die damalige Tätigkeiten und Entscheidungen Lendvais moralisch bewerten.“

Die von Révész empfohlene „lehrreiche Aufgabe“ war für Lendvai offenbar ein Affront, wie es seine – im Hinblick auf seine geistigen Fähigkeiten unwürdigen – Reaktionen belegten, die er nach Erscheinen des Artikels in der Heti Válasz zeigte. Ein Affront sind sie offenbar auch für diejenigen linken Intellektuellen, die schon dem Regisseur István Szabó nach Aufdeckung seiner Agentenvergangenheit unterstützend zur Seite standen.

Würde nicht fortwährend über die Vergangenheit gelogen, wäre nicht über zwei Jahrzehnte hinweg die Veröffentlichung der Akten der Staatssicherheit verhindert worden, gäbe es einen echten Willen, die nationalen (und familiären) Erinnerungen anspruchsvoll aufzuarbeiten, könnte auch die Bewertung der regelmäßig auftauchenden Geschichten einfacher werden.

In der aktuellen Regierung befinden sich zwei Mitglieder – Géza Szőcs und Viktor Orbán -, die einst Leidtragende jener Berichterstatter und der Geheimpolizei der Diktatur waren. Obwohl es keine diesbezüglichen Zeichen gibt, wäre es schön, wenn man wenigstens jetzt (mit unglaublicher Verspätung) die Ergebnisse der Kenedi-Kommission veröffentlichen würde. Die schon lange einsehbaren Dokumente wiederum  – hierzu gehören z.B. jene Dokumente des Außenministeriums, die im Staatsarchiv ruhen, und aus denen Bálint Ablonczy in der Heti Válasz schöpfte –, werden nun, nach Erscheinen des Artikels, hoffentlich von der Armee der Journalisten und der Forscher aufgearbeitet.“

Der Kommentar deutet an, dass die Person Lendvai offenbar – in Ungarn – nicht zum ersten Mal Gegenstand einer Kontroverse ist. Diesbezügliche Details erfahren wir jedoch leider weder von Lendvai noch von seinen Kollegen beim Standard. Kritische Meinungen zu Lendvai sind somit nicht allein in der rechten Presse und Blogosphäre zu finden (wie es Standard-Autor Gregor Mayer in seinem Facebook-Blog behauptet), sondern finden sich auch in oppositionsnahen Presseorganen. Dem Kommentar ist in jedem Fall darin zuzustimmen, dass endlich eine Öffnung der Akten der Staatssicherheit erfolgen sollte. Dass Vertreter aller Parteien unerfreuliches lesen würden, ist der Preis des demokratischen Wandels und würde die Aufarbeitung der Vergangenheit ein gutes Stück glaubwürdiger machen. 

Budapester Zeitung rechnet mit „schlecht recherchierenden“ und „böswilligen“ Korrespondenten ab

Es geht auch anders. Gergely Kispál von der (nicht zum Regierungslager zählenden) Budapester Zeitung berichtet über das übermäßig schlechte Ungarn-Bild in der Westpresse und attestiert den Beiträgen im besten Fall „schlechte Recherche“, im schlimmsten Fall sogar „Böswilligkeit“.

Der lesenswerte Beitrag ist hier abrufbar:

http://www.budapester.hu/index.php?option=com_content&task=view&id=6945&Itemid=26

Wie nicht anders zu erwarten: Standard-Autoren Kirchengast und Mayer springen Paul Lendvai zur Seite

Die heute erschienene Ausgabe der ungarischen Wochenzeitung Heti Válasz hat für große Unruhe in der Standard-Redaktion gesorgt. Heti Válasz berichtet über Paul Lendvai und dessen angeblich freiwillige Tätigkeit für die ungarische Kádár-Staatssicherheit.

Nachdem bereits vor Erscheinen des Artikels der oppositonsnahe ungarische Radiosender Klubrádió Lendvai Zeit gab, alle Vorwürfe von sich zu weisen (die angekündigten Dokumente interessierten den Fragesteller György Bolgár nicht), schreibt heute zunächst Josef Kirchengast im Standard, der „Heimatzeitung“ Lendvais, und ergreift – wie zu erwarten – heftigst Partei für seinen Kollegen. Laut Kirchengast habe Lendvai mit seinem neuen Buch „Mein verspieltes Land„, in dem er unter anderem Orbán kritisiert, „Majestätsbeleidigung“ begangen, die Veröffentlichung von belastenden Dokumenten sei die Retourkutsche. Die Vorwürfe der Kollaboration mit dem kommunistischen Geheimdienst seien nicht neu, Lendvai habe sie „glaubhaft widerlegt“. Hinter der Kampagne stehe natürlich Viktor Orbán persönlich, der die Demokratie systematisch aushöhle und einen Kritiker diskreditieren wolle.

Wo bleibt die Auseinandersetzung Kirchengasts mit den Dokumenten, die in der Heti Válasz veröffentlicht sind? Wir halten fest: Es handelt sich um Aktenvermerke von Angehörigen der Wiener Botschaft der Volksrepublik Ungarn, die einerseits über Treffen mit Lendvai berichten und andererseits Ausführungen dazu enthalten, dass Lendvai a) über Treffen Oppositioneller Schriftsteller berichtet (u.a. das Programm an die Botschaft weitergereicht) und b) sich bereit erklärt hat, einen Bericht zum 30. Jahrestag der Niederschlagung des Volksaufstands von 1956 zu fertigen, der – so das Dokument – dem Gusto des Kádár-Regimes voll und ganz entsprochen habe. Zu alldem hören wir im heutigen Verteidigungsschriftsatz des Standard kein Wort, es wird lediglich pauschal behauptet, Lendvai habe alles, was ihm vorgeworfen werde, glaubhaft widerlegt. Wann denn? Jeder Journalist weiß , dass neue Erkenntnisse zu geänderten Beurteilungen führen können. Kirchengast will von all dem nichts wissen, erteilt Lendvai vor einer ausführlichen Recherche einen Persilschein und erklärt den Artikel in Heti Válasz zu einer Racheaktion des Ministerpräsidenten Orbán: Ganz so, als ob es Gotteslästerung wäre, sich mit den weißen Flecken in Lendvais Lebensgeschichte zu befassen. Nur am Rande sei bemerkt, dass sich einfache Menschen sehr darüber freuen würden, so viel Raum für ungeprüfte und unzensierte Gegendarstellungen zu bekommen…

Auch der für seine betont antifaschistisch geprägte Ungarn-Berichterstattung (z.B. via Facebook) bekannte Standard-Autor Gregor Mayer hat unmittelbar reagiert und berichtet über eine „Rufmord-Kampagne“ gegen Lendvai. Auch hier wird als Motiv Rache für das neue Buch Lendvais vermutet, anders als Kirchengast hat Mayer auch gleich die Erklärung bereit, weshalb Lendvai dem Kádár-System wohlwollende Berichte versprochen habe – alles sei journalistische Taktik gewesen. Fazit: Lendvai ein Informant? Nie und nimmer…es kann nämlich nicht sein, was nicht sein darf.

Bemerkenswert ist, dass die Erläuterung Mayers und Kirchengasts eine 1:1 Wiedergabe der Erklärungen Lendvais sind, wie er sie heute abend in der ATV-Sendung „Egyenes Beszéd“ kundgetan hat. Man wolle ihn diskreditieren, sein Verhalten damals sei journalistische Taktik gewesen. Die sonst recht giftige und konkrete Antworten fordernde Redakteurin Olga Kálmán hat zu den Dokumenten selbst keine Frage gestellt.

Wie ist es zu erklären, dass die Vertreter einer bestimmten politischen Richtung (Standard, Klubrádió, ATV) Lendvai derart schonen und ihn – fast einer heiligen Kuh gleich – vor unangenehmen Fragen abzuschirmen versuchen? Warum werden generelle Dementis 1:1 übernommen, keine kritischen Fragen gestellt? Ist es Respekt vor einem in vielerlei Hinsicht verdienten und zu Recht geschätzten älteren Herrn oder journalistischer Chorgeist? Oder will man – vor allem bei ATV und Klubrádió – die allzu gerne zitierte ausländische Expertenmeinung vor Diffamierung schützen, koste es, was es wolle?

Die Unruhe und – zu erwartende – oberflächliche Replik des Standard ist von Befangenheit und Parteinahme für einen Kollegen geprägt. Auch wenn sich der Bericht der Heti Válasz als falsch herausstellen könnte (und eine Entschuldigung fällig sein sollte), ist es doch verfrüht, den Bericht zum jetzigen Zeitpunkt als Vergeltungsmaßnahme des Fidesz darzustellen, ohne sich mit dem Inhalt zunächst journalistisch vertieft zu befassen.  Offenbar will man jedoch in der betont Orbán-kritischen Redaktion des Standard das Renommée des Lieblings-Ungarnexperten retten. Und tut dies letztlich in genau der apodiktischen Art und Weise, die man dem ungarischen Ministerpräsidenten vorwirft. So edel das Motiv – menschlich gesehen – sein mag, ein besseres Mittel wäre, die Vorwürfe nachhaltig und durch sorgfältige Recherche zu widerlegen.

Ein früherer Mitarbeiter der Botschaft (und jetziger Vorsitzendes des „Bundes der Widerständler und Antifaschisten Ungarns“) bestätigte in der Sendung „Megbeszéljük“ (György Bolgár) vom 18.11.2010, die von der Zeitung Heti Válasz veröffentlichten Dokumente entsprächen der Wahrheit, er habe mit Lendvai mehrfach gesprochen und freundschaftliche Kontakte gepflegt. Es habe sich um Arbeitssitzungen gehandelt. Belastendes könne er persönlich jedoch nicht über Lendvai berichten., vor allem nicht angebliche Informantentätigkeiten, wie Heti Válasz sie andenke, bestätigen.

Die Angelegenheit dürfte weiter spannend bleiben.