War Paul Lendvai freiwilliger Informant des Kádár-Regimes?

Eine Vorabmeldung des konservativen Wochenmagazins Heti Válasz berichtet über den österreichisch-ungarischen Journalisten Paul Lendvai. Der Zeitschrift zufolge soll Lendvai, der schon vor 1989 (von Wien aus) stets für den Widerstand gegen die kommunistische Diktatur eingetreten sei, dem kommunistischen Kádár-Regime in Ungarn – aus Wien – als freiwilliger Informant gedient haben. Er habe bei einem 1985-er Gipfeltreffen Oppositioneller unter anderem über systemkritische Schriftsteller wie György Konrád berichtet.

Heti Válasz hat die Veröffentlichung von Dokumenten, die die Beteiligung Lendvais an der Überwachungsmaschinerie der Kádár-Diktatur belegen sollen, für die morgige Ausgabe angekündigt. Auch auf dem Webportal von Inforádió.hu ist ein Bericht in ungarischer Sprache  erschienen: Hiernach soll Lendvai über die Ungarn-Berichterstattung österreichischer Sender Meldung erstattet und 1956 einen „dem Geschmack der Diktatur vollständig entsprechenden Beitrag erstellt haben„.

Paul Lendvai gilt als einer der am meisten respektieren Ungarn-Experten. Er vertritt eine kritische Haltung gegenüber der aktuellen Regierung und hat jüngst ein Buch mit dem Titel „Mein verspieltes Land: Ungarn im Umbruch“ veröffentlicht.

Der vollständige Bericht ist (auf ungarisch) seit 18.11.2010 hier abrufbar:

http://hetivalasz.hu/itthon/dokumentumok-paul-lendvai-kettos-eleterol-33395

Paul Lendvai wurde noch vor dem Erscheinen des Artikels vom liberalen Radiosender Klubrádió interviewt. Er bezeichnete die Vorwürfe als „lächerlich“.

Der Inhalt der Dokumente scheint gleichwohl zu belegen, dass der Journalist gute Kontakte zur Wiener Botschaft der Volksrepublik Ungarn aufrecht erhielt und über ORF-Berichte vorab Meldung erstattete. Unter anderem geht aus einem Dokument hervor, dass Lendvai angeboten hat, einen Bericht zum 30-jährigen Jubiläum des 1956-er Volksaufstands zu fertigen (nach Lesart der VR: „Konterrevolution“), der am 4.11.1986 von Budapest aus gesendet werden sollte (dies war der Tag der Niederschlagung des Aufstands durch die Sowjetunion). Der Bericht sollte sich freilich nicht mit dem Aufstand selbst, sondern mit den „30 Jahren davor“ befassen. Der Botschaftsmitarbeiter Dr. József Bényi: „Der ORF wird solche Mittel einsetzen, die für uns (gemeint ist die Volksrepublik) auch akzeptabel sind.“

Eine Übersetzung der Dokumente folgt, wird aber etwas Zeit in Anspruch nehmen.

14 Kommentare zu “War Paul Lendvai freiwilliger Informant des Kádár-Regimes?

  1. „Paul Lendvai wurde noch vor dem Erscheinen des Artikels vom liberalen Radiosender Inforádió interviewt. Er bezeichnete die Vorwürfe als >>lächerlich<<."

    Klubradio, nicht Inforadio!

  2. In Ungarn gut vernetzt war Lendvai sicherlich auch während der Kádár-Zeit, sonst hätte er nicht mit so vielen illustren und einflussreichen Persönlichkeiten Interviews führen können, auf die er im „verspielten Land“ immer wieder verweist, sogar auf ein Fernseher-Interview mit Kádár selbst. Ob er dazu Spitzel sein musste?

    Ich finde das Timing jedenfalls sehr verdächtig. Denn in seinem neuen Buch nimmt Lendvai kein Blatt vor dem Mund, was Orbán betrifft, auch wenn er großteils nur andere Autoren wie Debreczeni in Übersetzung zitiert. Da kommen Unterlagen, die ihn mundtot machen, sehr gelegen. Und die Heti Válasz wäre nicht die erste und letzte Zeitung, die mit leeren oder sogar falschen Versprechungen die Auflage hochdrückt.

    Sollten die angekündigten Dokumente aber stichhaltig und belastbar sein, ist das ein Skandal, den Lendvai nicht mit einer „verbesserten Ausgabe“ á la Eszterházy glattbügeln kann. Ich glaub’s aber erst, wenn ich’s sehe.

  3. Fidesz reagiert – da sie soviel ehemalige III/III Spitzel – als hochrangige Mitglieder hat, so wie das Kadarregime und bedenkt dabei nicht, dass sie mit dieser dünnen Suppe nur dafür sorgen, dass Lendvais Buch in ungarischer Sprache ein Bestseller wird.
    Lendvai musste als Journalist, der in Ungarn arbeitete mit ungarischen Diplomaten reden. Das ist keine Agententätigkeit. Und im Gegensatz zu einigen hochrangigen Fideszpolitikern war Lendvai nach seiner Flucht 1957 nicht Kommunist.
    So gesehen, hat sich Fidesz mit dieser Attacke selbst ins Knie geschossen.

    • „Fidesz reagiert…“

      Herr Pfeifer, es handelt sich um einen Pressebericht. Fidesz hat bislang gar nichts dazu gesagt. Warten wir doch mal ab, was noch an das Tageslicht kommt. Wir wissen nämlich wohl beide nicht, ob etwas dran ist.

      Welcher hochrangige Fidesz-Politiker war denn nach seiner Flucht Kommunist?

  4. Das mißverstehen Sie aber absichtlich. Es gibt Fideszpolitiker, die nach 1957 Mitglieder der KPU wurden. Lendvai war aber nach seiner Flucht sicher kein Kommunist.
    Und ich habe die Dokumente die von H.V. publiziert wurden gelesen und finde die Suppe dünn.
    Und Heti Válasz ist Fidesznahe. Versuchen Sie es also nicht mit Rabulistik.

  5. Fidesz reagiert gewissermaßen inoffiziell, denn HetíVálasz gehört zum Regierungslager.

    Ich hab mir die aktuelle Ausgabe vorhin besorgt. Leider reicht mein Ungarisch zwar für Alltag und Beruf gut aus, aber hier bräuchte ich doch etwas länger mit einem Wörterbuch daneben. HetiVálasz druckt neben vielen Erläuterungen und Behauptungen lediglich zwei A4 Seiten ab, Ausschnitte aus Gesprächsprotokollen. Und diese beiden Seiten sind nicht gerade die Bombe, die man erwartet. Tatsächlich eine sehr dünne Suppe…

    Das „streng geheime“ Dokument stammt aus dem Jahr 1985, trägt aber auch Stempel von 1990 und 2006, ist also nicht erst jetzt aus den Tiefen der Archive aufgetaucht sondern wurde in den letzten Jahren mehrfach gesichtet und offensichtlich nicht als Skandal oder Sensation gewertet.

    Aber da ich wie gesagt den Inhalt des Artikels ohne langwieriges Studium nur grob erfasse, warte ich gespannt auf die Bewertung und Übersetzung durch Hungarian Voice.

  6. „Rigó“, da ist nichts aussergewöhnliches, Lendvai gab ein Programm einer Tagung weiter, die in Budapest längst bekannt war und ein Botschafter, der gute Punkte haben wollte, machte daraus eine Geschichte.
    Tatsache ist, dass Lendvai als Chef der Osteuropa Abt des ORF auch die Alternative hatte, Opposition zu leisten, große Sprüche zu machen und nicht nach Ungarn hereingelassen zu werden, oder aber Kontakt mit den Machthabern zu halten, um seine Arbeit verrichten zu können.
    Die Absicht der Fidesz-Propaganda ist die Aufmerksamkeit vom Buch Lendvais auf die Person Lendvais zu lenken. Doch die Erfahrung lehrt, dass sie damit Lendvai und seinem Verlag einen Gefallen getan haben. Denn es ist eine Werbung für sein Buch.
    Wenn Heti Válasz mehr und wirklich belastendes Material in der Hand gehabt hätte, dann wäre das veröffentlicht worden.

  7. In der heutigen Neuen Kronenzeitung, die Sonntags von mehr als 50% aller erwachsenen Österreichern gelesen wird schreibt Kurt Seinitz u.a. dass Lendvai über „Ungarns Führer Viktor Orbán“ und „Das was bisher an „Beweisen“ vorgelegt wurde, ist jedenfalls kein „zweiter Fall Zilk“. Es handelt sich um Berichte aus der ungarischen Botschaft in Wien an das Außenministerium in Budapest über Gespräche mit Lendvai von der Art, die jeder Journalist im Meinungsaustausch mit Botschaftern führt.
    Zu dem „Geheimtreffen der Opposition“, das Lendvai verraten haben soll, war jedenfall der „Krone“-Redakteur wie andere Kollegen eingeladen. Es war nämlich nicht geheim, dann das auf Kredite angewiesene Kádár-Regime legte wert auf eine „gute Nachred“ im Ausland…“
    Mir scheint es so, dass sich die Fideszleute mit dem Angriff auf Lendvai ins eigene Knie geschossen haben.

  8. Pardon oben ist mir ein Fehler hereingerutscht. Seinitz schreibt über „Ungarns Führer Viktor Orbán“ was nicht gerade schmeichelhaft ist. Denn in der Regel schreibt man hier über Ministerpräsident Orbán. Seine Bezeichnung als „Führer“ hat eine pejorative Bedeutung in den deutschsprachigen Ländern.

  9. Tagung abgesagt
    Journalist in Gefahr

    Die Heinrich-Böll-Stiftung musste eine Veranstaltung an der Frankfurter Uni zum politischen und kulturellen Rechtsruck in Ungarn absagen.
    Unbekannte bedrohen das Leben eines der Vortragenden.

    Wegen Gewaltdrohungen hat die Grünen-nahe Heinrich-Böll-Stiftung eine Ungarn-Veranstaltung abgesagt, die für den heutigen Donnerstagabend an der Frankfurter Uni geplant war. Wie die Stiftung am Mittwoch mitteilte,
    hatte sie von massiven Drohungen gegen den österreichischen Journalisten Paul Lendvai erfahren, der in Büchern und Fernsehsendungen die Rechtswende in Ungarn anprangert. Sie habe die Sicherheitdes Gastes
    nicht gewährleisten können, schrieb die Heinrich-Böll-Stiftung.

    Lendvai sollte auf dem Podium mit dem Berliner Schriftsteller György Dalos und dem Wissenschaftler János Can Togay über die politische Lage in dem osteuropäischen Land diskutieren. Mitveranstalterwar die
    Goethe-Universität.
    Die Böll-Stiftung betonte, dass die Absage kein Ende der
    Auseinandersetzung mit dem Rechtsruck in Ungarn bedeute. Im Gegenteil werde man künftig noch stärker „den zunehmenden Antisemitismus, Nationalismus und Rechtspopulismus dort (und nicht nur dort) zum Thema
    machen“. (pit)

  10. Das ist eine bedauerliche Entwicklung. Nicht nur, dass eine gute Gelegenheit verloren gegangen ist, mit Lendvai öffentlich zu diskutieren, diese anonymen Irren haben Ungarn wieder einmal einen Bärendienst erwiesen und die Sorgen vieler Menschen bestärkt.

    Egal wie sehr man unterschiedlicher Meinung ist, derartiges Verhalten kann und muss man zutiefst verurteilen.

  11. Pingback: Deckname: Michael Cole? « Hungarian Voice – Ungarn News Blog

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