Die liberale ungarische Tageszeitung Népszabadság über den „Fall Lendvai“

Die linksliberale ungarische Tageszeitung Népszabadság, ein Blatt also, das über jeden Vorwurf erhaben ist, in das Lager von Ministerpräsident Orbán zu gehören, hat heute in der Online-Ausgabe einen Kommentar zu den Vorwürfen gegenüber Paul Lendvai veröffentlicht. Der Verfasser, Ádám Petri Lukács, schreibt auch für die HVG.

Das Original ist hier abrufbar: http://nol.hu/velemeny/lendvai___az_onkentes_kollaborans

Hungarian Voice gibt den Beitrag ins Deutsche übersetzt wieder:

„Lendvai war kein Agent – er war freiwilliger Informant

Paul Lendvai bezeichnete den „Vorwurf der Agententätigkeit“ als lächerlich, und er hat Recht. Der Wiener Journalist, der zum Kader der Österreichischen Sozialdemokratie gehört, war kein Agent, sondern, wie wir es aus dem mit Dokumenten untermauerten Zeitungsbericht in der Heti Válasz wissen, freiwilliger Kollaborateur der Kádár-Regimes. Und als solcher schadete er der ungarischen Opposition und der Erinnerung an die Revolution von 1956, jedenfalls in einem Umfang, dass das Kádár-Regimes dies wertschätzte.

Der Schöpfer der österreichischen Politik der „aktiven Neutralität“, Bruno Kreisky, und seine Partei, glaubten fest daran, dass Ungarn nicht mehr verdient habe als die Stellung der lustigsten Baracke innerhalb des Sozialismus, weshalb sie mit dem diktatorischen Regime zusammenarbeiteten, es unterstützten und viel dafür taten, dass es – auch mit westlichem Auge betrachtet – salonfähig wirkte. Kreisky war insoweit nicht allein, auch andere Parteien (auch renommierte westdeutsche) taten dies so.

Lendvai verfolgte nur die Linie seiner Partei. Er nutzte sein Ansehen und Wissen dazu, die diktatorische Wahrheit aufzuhübschen (Trotzdem wurde er, als leitender Westjournalist, selbstverständlich durch die Geheimpolizei überwacht. Jede Diktatur basiert auf Misstrauen).

Ein Beispiel: Im Jahre 1980 fertigte Lendvai ein Interview mit György Aczél, das hierzulande in der „Wahrheit“ erschien. In diesem Interview behauptete Aczél, dass die ungarischen Unterzeichner der Charta 77 wegen ihres Protestes keinerlei Rechtsverletzungen erleiden mussten.  Lendvai bestätigte diese Lügen, indem er sagte: „Wenn es zentrale Maßnahmen gegeben hätte, dann wären sie doch gegen alle 81 Unterzeichner gerichtet gewesen”. Zwar hatten in der Tat nicht alle Menschen ihre Arbeit verloren, gleichwohl wurden die – bestrittenen – zentral durchgeführten Vergeltungsmaßnahmen, von denen Lendvai jedenfalls in einigen Fällen gewusst haben musste, durch das Politbüro der Ungarischen Sozialistischen Arbeiterpertei auf Vorschlag eben dieses György Aczél beschlossen. Sehr viele verloren daraufhin ihre Arbeit, oder aber waren von rechtlichen Nachteilen betroffen, weil sie sich der Protestaktion angeschlossen hatten.

Als Lendvai vertrauliche Informationen über das ungarische kulturelle Oppositionelle Forum übergab, wusste er, dass es unmöglich ist, was er tut, darum bat er die Botschaft um Diskretion. Im übrigen berichtete er mit großer Freude den Mitarbeitern der Diktatur, dass er in seinen  gefertigten Sendungen verhindert habe, dass tschechoslowakische Oppositionelle auf der Budapester Veranstaltung dem Österreichischen Staatsrundfunk gegenüber Stellungnahmen abgeben konnten.

Der „szamizdat Beszélő“ veröffentlicht in seiner 15. Ausgabe den Aufruf der ungarischen demokratischen Opposition an das Europäische Kulturelle Forum. Dort heißt es: „In Ungarn gibt es keine Pressefreiheit! Die Massenmedien werden von geheimen und rechtlich unüberschaubarer Zensur umgeben. (…)”. Der Aufruf fordert Pressefreiheit, Freiheit für die Wissenschaft und die Schulen, Freiheit der kulturellen Beziehungen, den Schutz der nationalen und ethnischen Minderheiten. Im Jahre 1985, zur Zeit dieses Oppositionellen Forums, fanden bei den Mitgliedern der demokratischen Opposition regelmäßig Hausdurchsuchungen statt.

Die aktiven Mitglieder der Opposition verloren allesamt ihre Arbeitsplätze, vielen wurde nachgestellt, die Reisepässe entzogen, man wurde mit Publikations- und Forschungsverboten belegt. In Ungarn herrschte eine stabile Diktatur, es gab keine freie Presse, keine Versammlungs-, Koalitionsfreiheit oder andere Rechte, es existierten keine freien Wahlen, man missachtete die Menschenrechte. Unter solchen Bedingungen beteiligte sich Lendvai an der Ausforschung einer oppositionellen Organisation, kollaborierte mit dem Machtapparat der Diktatur, aber erbat für sich selbst – freilich – Diskretion.

Zahlreiche österreichische Politiker dachten damals, dass es natürliches Interesse des Landes sei, die „gute Nachbarschaft“ mit Ungarn zu pflegen, schon aufgrund der historischen Beziehungen beider Länder. Dies konnte man jedoch auf vielfältige Weise tun: Erhard Busek, einer der führenden Politiker der Österreichischen Volkspartei, einstiger Vizekanzler, überbrachte Ferenc Köszeg im Rahmen eines offiziellen Besuches in Ungarn im Jahre 1986 eine Vervielfältigungsmatrize, denn er unterstütze lieber die Arbeit der demokratischen Opposition.

Lendvai bezeichnete es in 2006 in der ÉS – in seinem Beitrag „Der Glanz und der Fall des Michael Cole“ – als notwendiges Übel, dass „der Drehplan, wie immer, mit dem Außenministerium und der Auslandsabteilung des Ungarischen Fersehens abgestimmt werden musste“. Die  Dokumente, welche die Heti Válasz auf ihrer Internetseite veröffentlicht hat, belegen jedoch, dass Lendvai – über das minimale Abstimmungserfordernis hinaus – versucht hat, mit seinen Sendungen den Interessen der Regierungspropaganda zu dienen.
In diesem Bericht, in dem Lendvai unter anderem György Szepesi enttarnt, bringt er es wie folgt zum Ausdruck: „Zwei Leben – eines vor und eines nach 1956 – verbanden mich mit den Geheimdiensten der harten und weichen Diktaur, ohne dass ich mir darüber im Klaren gewesen wäre.“

Wenn er schon nichts davon wusste, so durfte jedoch in einem schlauen, mit den Realitäten des Sozialismus gut vertrauten Kommentator kein Zweifel darüber bestehen, von welcher Behörde die in der Wiener Botschaft übergebenen vertraulichen Informationen verwendet würden.

Im Anschluss an den Beitrag in der ÉS wirft Sándor Révész in der Népszabadság folgendes auf: „Ein Dilemma ist nicht dann am schärfsten, wenn der Preis, das Richtige zu tun, moralisch zu hoch ist, sondern dann, wenn der Preis so sehr gesenkt wird, dass es zweifelhaft wird, ihn zu akzeptieren. Für Paul Lendvai sank der Preis im Jahr 1970 in dieser Art und Weise. So wie er es in dem Band „Woher? Wohin?“ ausdrückt, begann die Charmeoffensive, die geschickte Taktiererei. Lendvai wurde einer der Schmiede und Profiteure der ausnahmslos guten Kontakte zwischen der österreichischen Sozialdemokratie und dem ungarischen Parteienstaat. Wer eine schwere und lehrreiche Aufgabe sucht, der möge die damalige Tätigkeiten und Entscheidungen Lendvais moralisch bewerten.“

Die von Révész empfohlene „lehrreiche Aufgabe“ war für Lendvai offenbar ein Affront, wie es seine – im Hinblick auf seine geistigen Fähigkeiten unwürdigen – Reaktionen belegten, die er nach Erscheinen des Artikels in der Heti Válasz zeigte. Ein Affront sind sie offenbar auch für diejenigen linken Intellektuellen, die schon dem Regisseur István Szabó nach Aufdeckung seiner Agentenvergangenheit unterstützend zur Seite standen.

Würde nicht fortwährend über die Vergangenheit gelogen, wäre nicht über zwei Jahrzehnte hinweg die Veröffentlichung der Akten der Staatssicherheit verhindert worden, gäbe es einen echten Willen, die nationalen (und familiären) Erinnerungen anspruchsvoll aufzuarbeiten, könnte auch die Bewertung der regelmäßig auftauchenden Geschichten einfacher werden.

In der aktuellen Regierung befinden sich zwei Mitglieder – Géza Szőcs und Viktor Orbán -, die einst Leidtragende jener Berichterstatter und der Geheimpolizei der Diktatur waren. Obwohl es keine diesbezüglichen Zeichen gibt, wäre es schön, wenn man wenigstens jetzt (mit unglaublicher Verspätung) die Ergebnisse der Kenedi-Kommission veröffentlichen würde. Die schon lange einsehbaren Dokumente wiederum  – hierzu gehören z.B. jene Dokumente des Außenministeriums, die im Staatsarchiv ruhen, und aus denen Bálint Ablonczy in der Heti Válasz schöpfte –, werden nun, nach Erscheinen des Artikels, hoffentlich von der Armee der Journalisten und der Forscher aufgearbeitet.“

Der Kommentar deutet an, dass die Person Lendvai offenbar – in Ungarn – nicht zum ersten Mal Gegenstand einer Kontroverse ist. Diesbezügliche Details erfahren wir jedoch leider weder von Lendvai noch von seinen Kollegen beim Standard. Kritische Meinungen zu Lendvai sind somit nicht allein in der rechten Presse und Blogosphäre zu finden (wie es Standard-Autor Gregor Mayer in seinem Facebook-Blog behauptet), sondern finden sich auch in oppositionsnahen Presseorganen. Dem Kommentar ist in jedem Fall darin zuzustimmen, dass endlich eine Öffnung der Akten der Staatssicherheit erfolgen sollte. Dass Vertreter aller Parteien unerfreuliches lesen würden, ist der Preis des demokratischen Wandels und würde die Aufarbeitung der Vergangenheit ein gutes Stück glaubwürdiger machen. 

9 Kommentare zu “Die liberale ungarische Tageszeitung Népszabadság über den „Fall Lendvai“

  1. Ein langjähriger Népszabadság-Journalist hat mir gesagt, man hätte damals nur den Kopf geschüttelt, als Lendvai Szepesi beschuldigte und gesagt: „Und was ist mit dir? Was bist du?“ Da wurde sogar von einer Doppeltätigkeit für KGB und CIA gemunkelt, und niemand bei Népszabadság war nun über diese „Enthüllungen“ überrascht.

    Nichtsdestotrotz fordert Lendvai stets das, was auch Lukács hier fordert: Eine Aufarbeitung der Archive. Auch im „verspielten Land“ beklagt er, dass die nicht erfolgte Aufarbeitung eines der größten Probleme ist, was die Glaubwürdigkeit der Politik betrifft. Was er in seinen Büchern schreibt ist überzeugend, aber wenn man den Hintergrund betrachtet, kommt da tatsächlich ein schaler Nebengeschmack. Erinnert mich an Günter Grass und die Waffen-SS.

  2. „Erinnert mich an Günter Grass und die Waffen-SS.“

    Wirklich?

    Grass als Antischist war früher in der Waffen SS, und Lendvai als Antikommunist war früher im ungarischen (kommunistischen) Staatsicherheitsdienst. Und die Parallele endet hier. Oder gibt es auch Dokumente über die Zusammenarbeit von Herrn Grass mit (z. B.) der Pinochet Regierung um die freundlichen Darstellung von Chile in den Deutschen Medien zu fördern?

    • Wo steht, dass Lendvai früher beim Staatssicherheitsdienst war? Da gibt es erstens keine Parallele, weder zu Grass, noch zur SS.
      Entweder bringen Sie Beweise für Ihre Behauptung oder Sie verleumden, warum auch immer.

  3. Wirklich.

    Aufgabe der Waffen-SS war es nicht, Mediendarstellungen zu beeinflussen. Genausowenig dürfte es die Aufgabe von Journalisten im Sold von Geheimdiensten sein, mit der Waffe Krieg zu führen oder KZs zu bewachen. Daher erschließt sich mir der Sinn dieser Frage nicht wirklich, natürlich gibt es diese Parallele nicht.

    Die Parallele ist, dass Grass die Altnazis und Ewiggestrigen angeprangert hat, um schließlich selbst mit seinen „Jugendsünden“ bloßgestellt zu werden. Und dass Lendvai beklagt, dass der Spitzeldienst als Kavaliersdelikt betrachtet wird, und dass er eine grundlegende Aufklärung fordert, um nun selbst möglicherweise als einer der „Kavaliere“ dazustehen.

    Beide hatten ihre Gründe, und bei beiden kann man die Leistungen im sichtbaren Teil ihres Lebens nicht im Abrede stellen. Und so wie es bei Grass glaubwürdiger und hilfreicher gewesen wäre, wenn er schon viel früher den Mund aufgemacht hätte, so wäre es vielleicht auch bei Lendvai hilfreicher gewesen, direkt nach der politischen Wende alles auf den Tisch zu legen, was als aktives Zuarbeiten interpretiert werden kann.

  4. „Die Parallele ist, dass …“

    Jetzt verstehe ich die Parallele besser. Trotzdem gibt es einen wesentlichen Unterschied: Grass hat über seine Mitgliedschaft in der Waffen SS selbst geschrieben, weil Lendavi nennt die Vorwürfe (die eher als Tatsachen aussehen) „absurd“.

    • „Grass hat über seine Mitgliedschaft in der Waffen SS selbst geschrieben…“

      Ja, da stimme ich zu, Grass hat irgendwann dann doch die Flucht nach vorne angetreten (und damit die Auflagen hochgetrieben).

      Möglicherweise sieht Lendvai seine Mitteilungen nicht als Spitzelei an und hat deshalb keinen Grund gesehen, darüber zu sprechen oder schreiben. Aber das wäre naiv. Lendvai wusste, dass er sich mit seinem neuen Buch in die unmittelbare Schusslinie begibt, und dass dann mit allen Mitteln gekämpft wird, müsste ihm klar gewesen sein.

      Und ich stimme Herrn Pfeifer zu: Der Inhalt der Anklage (gegen weitgehend alle Nachwenderegierungen, nicht nur Orbán) bleibt korrekt und der Sachverhalt ist bedenklich, nur der Ankläger ist im Punkt Geheimdienstspitzelei diskreditiert worden.

  5. Also ich begrüßte, wenn man alle Akten der III/III und III/II veröffentlichen würde. Die Verwendung nur zur politischen Instrumentalisierung ist aber ein Zeichen, wie verzweifelt Fidesz Kritiker bekämpft.

    Doch man muss schon festhalten. Paul Lendvai war irgendwann bei den Grenztruppen. Bei der AVO oder im Innenministerium war er nicht.

    Auch wenn alle Vorwürfe von Heti Válasz, die auf sehr dünnen Aktenmaterial gründen wahr wären, würde das nicht die Fakten, die Lendvai in seinem neuesten Buch bringt zu Lügen oder Verdrehungen machen.
    Und ich denke, bei der langsamen und sicheren Abschaffung der Demokratie in Ungarn sollten wir weniger darüber uns aufregen, was Paul Lendvai vor vielen Jahren dem ungarischen Botschafter in der Bankgasse in Wien gesagt hat und unser Augenmerk auf die unmöglichen Zustände in Ungarn lenken.

    Natürlich sind für diese Zustände auch die Liberalen und Sozialisten verantwortlich, die eine katastrophale Politik betrieben haben. Doch das entschuldigt nicht die katastrophale Politik der Fidesz.

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