Fall Lendvai: Heti Válasz reagiert und nimmt Bezug auf die „Presse“

Die ungarische konservative Wochenzeitung Heti Válasz, deren Beitrag über Paul Lendvai großen Wirbel hervorgerufen hat, befasst sich in einem Beitrag vom 22.11.2010 mit den Reaktionen des Standard und vergleicht diese mit der konservativen Presse.

„Die Presse über Paul Lendvai

Die in der letzten Ausgabe der Heti Válasz veröffentlichte Analyse und die auf unserer Internetseite veröffentlichten Dokumente haben zwischenzeitlich nicht nur das Interesse der Unterstützer des Betroffenen geweckt

Den Standard interessiert im Fall Lendvai augenscheinlich nur die Meinung des Betroffenen, wohingegen Die Presse ausgewogen über die Dokumente aus dem Jahr 1985 berichtet.

Das konservative Wiener Blatt übernimmt im Wesentlichen den Bericht der Presseagentur APA, die den wesentlichen Inhalt der Dokumente aus dem Jahr 1985 wiedergibt. In dem Bericht wird Heti Válasz zwar als „regierungsnah“ bezeichnet, anders als Der Standard behauptet man jedoch nicht, dass der Beitrag einen Racheakt für das neueste Buch Lendvais darstelle. (Lendvais Buch erscheint erst im Frühjahr in ungarischer Sprache, und es kritisiert nicht allein den aktuellen konservativen Regerungskurs, sondern auch die acht vorangegangenen Jahre.)

Die Presse merkt an, dass der Vorwurf nicht auf „Agententätigkeit“ lautet, sondern von freiwilliger Kooperation mit den ungarischen Behörden gesprochen wird. Es gab also keinerlei offiziellen Kontakt zwischen dem österreichischen Journalisten und der damaligen ungarischen Regierung, Lendvai war nicht bedroht, niemand zwang ihn zur Mitarbeit. Den stets zum sozialdemokratschen Lager gehörenden Journalisten, der auch als Biograph von Bruno Kreisky gilt, bewegten gewiss persönliche Sympathien, als er das etwas moderatere Kádár-System im Westen in positivem Licht erscheinen lassen wollte.

Nach der Ansicht Lendvais sagen die Dokumente hingegen nichts über seine Absichten aus, vielmehr habe die ungarische Seite die Berichte nach „eigenem Geschmack“ gefertigt. Ferner sei das Treffen oppositioneller Schriftsteller in keiner Weise geheim gewesen, wer darüber etwas erfahren wollte, konnte dies auch tun Die Presse zitiert die Stellungnahme Lendvais an die ungarische Presseagentur MTI: hierin stellt der Journalist fest, dass er nichts getan habe, was gegen de Journalistenethik verstoße. Aber er selbst gesteht ein, dass – wie es auch die Presse schreibt – man in  jenen Zeiten in irgendeiner Weise gezwungen war, „Kompromisse zu schließen und zu paktieren“.

Die österreichischen Medien scheint das Thema derzeit offenbar nicht sonderlich zu interessieren, auch der ehemalige Arbeitgeber Lendvais, der ORF, berichtete nicht über den Artikel der Heti Válasz. Die allgemeine Auffassung in vielen Redaktion ist, dass die neue ungarische Regierung nur bestrebt sei, mögliche Gegner zu diffamieren, wie es auch die russische Regierung mit ihren Kritikern tue.

Genau so bringt es auch Lendvais Arbeitger, der liberale Standard, zum Ausdruck, der sich noch nicht einmal ansatzweiese mit dem Inhalt der durch Heti Válasz veröffentlichten Dokumente befasst, und stattdessen Lendvais oberflächliche Rechtfertigung, es handle sich um politische Verleumdung, übernimmt. Wie es auch Ferenc Gyurcsány tat, der es im Geiste eines „heute er, morgen ich“ ebensowenig für nötig erachtete, die auf unserer Internesete einsehbaren Dokumente zu sichten.

Der gestrige Bericht in der Népszabadság brachte es hingegen so zum Ausdruck: Der Wiener Journalist, der zum Kader der Sozialdemokratischen Partei Österreichs zählt, war kein Agent, sondern freiwilliger Informant der Kádár-Diktatur. „Und als solcher hat er der ungarischen demokratischen Opposition und dem Gedenken an die Revolution von 1956 geschadet, jedenfalls so viel, dass es das Kádár-Regime wertschätzte.“

Der Bericht aus der Presse ist hier einsehbar. In der Tat fällt auf, dass das Blatt, ohne den renommierten Kollegen Lendvai vorzuverurteilen, keinen politischen Gegenangriff nach Art des Standard unternimmt. Jeder Leser kann sich seine Meinung darüber bilden, welcher Art von Bericht den journalistischen Regeln eher gerecht wird.

4 Kommentare zu “Fall Lendvai: Heti Válasz reagiert und nimmt Bezug auf die „Presse“

  1. Schon möglich. Seitenhiebe gehören zum politischen Hickhack in Ungarn. Möglicher Weise bestärkt Gyurcsány aber selbst solche Reaktionen, indem er fortwährend aus der 2. Reihe seine Kommentare abgibt und sich durch Aussagen wie „wenn es nach Orbán ginge, wird man gegen mich Anklage erheben“ zum Opfer hochstilisiert – und dabei das Bild des undemokratischen Ungarn weiter kultiviert.

  2. Nehmen wir doch als Hypothese an, dass Paul Lendvai all das getan und gesagt hat, wessen man ihn 25 Jahre später beschuldigt. Macht das die Fidesz Politik der langsamen aber sicheren Abschaffung der Demokratie (Gewaltenteilung, Oberster Gerichtshof Entmachtung etc) besser?
    Wie Fidesz mit patriotischen Ungarn umgeht zeigt der Fall Kopits, der von Eva S. Balogh auf ihrem englischsprachigen Blog
    http://esbalogh.typepad.com/hungarianspectrum/2010/11/goodbye-mr-kopits.html
    Hungarian Observer es tut nicht gut der eigenen Glaubwürdigkeit die Angriffe auf Herrn Lendvai dazu zu benützen, um von Inhalt seiner Kritik abzulenken.

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