Lendvai-Dokument Teil 1

Wie versprochen, sollen die von der ungarischen Wochenzeitschrift Heti Válasz veröffentlichten Dokumente über die Tätigkeit Paul Lendvais als angeblicher Informant des Kádár-Regimes sukzessive übersetzt werden. Jeder Leser möge sich zum Inhalt der Dokumente eine eigene Meinung bilden und sowohl mit der Deutung der Heti Válasz, als auch mit den Reaktionen des Betroffenen und der ihm wohlgesonnenen Journalisten vergleichen.

Den Anfang soll ein am 04.10.1985 verfasstes Dokument machen:

(Mehrere Stempel: u.a. „Arbeitsfassung – Nach Gebrauch unverzüglich zurück zu geben“, sowie zwei Stempel des Außenministeriums aus dem Jahre 2003)

Wien                      Eingang: 4. Oktober 1985, 19.45 Uhr                     Streng Geheim!

Verfasst durch: Szné-Al                       Kontrolliert durch: (unleserliche Unterschrift)

Fernschreiben

Eilig!

Bitte die zuständigen Stellen am Samstag Morgen informieren.

Wir erhielten von Paul Lendvai das geplante Tagungsprogramm jenes „Kulturellen Symposiums“, das die Organisation „International Helsinki Federation for Rights“  in Budapest, im Saal „Diana“ des Intercontinental Hotels in der Zeit vom 15.-18. Okober unter dem Titel „Schriftsteller und ihre Integrität“ veranstalten möchte. Auf dem Schriftstück befinden sich die Namen der eingeplanten Redner – unter ihnen Schriftsteller György Konrád – sowie die Namensliste der ausländischen Organisatoren und das detaillierte Tagungsprogramm. Man schreibt, dass die Zuhörerschaft aus ungarischen Gästen, den Vertretern der internationalen Presse (laut Lendvai auch das deutsche und französische Fernsehen), darüber hinaus aus einzelnen Regierungsvertretern bestehen wird, die am „Kulturellen Forum“ teilnehmen.

Meine Fragen:

1. Ist dieses Dokument in der Heimat bekannt?

2. Wenn nein, bis wann soll ich einen Wagen nach Hegyeshalom schicken, damit ich es per Boten übersenden kann?

Anmerkung: Es liegt auf der Hand, dass es sich um ein „Anti-Kulturforum“ handelt, an dem Dissidenten und Oppositionelle teilnehmen werden.

 

Stempel „Außenministerium, streng geheim“

Eingangsstempel 09.10.1985

Zu Händen G. Kovács

weitergeleitet: 07.X., 7.30 Uhr

 

 

8 Kommentare zu “Lendvai-Dokument Teil 1

  1. Also die Suppe bleibt dünn, denn mit wem hätte der Leiter der Osteuropaabt. im ORF sprechen sollen?
    Für ihn war es wichtig, doch ein paar osteuropäische Länder zu haben, in die er einreisen konnte.

    Weshalb bringt Heti Válasz nicht die III/III und III/II Berichte, die Fideszfunktionäre als Spitzel entlarven?
    Hier würde ich mir von all denen, die jetzt gegen Lendvai eine Kampagne führen erwarten, dass sie bei Heti Válasz die Initiative dafür ergreifen.
    Doch das würde die Propaganda stören, wonach jeder der Fidesz und Orbán kritisiert ein Kryptokommunist, ein früherer Kommunist sei.

  2. Eine nicht ganz ernst gemeinte Frage, Herr Pfeifer: Ist der Begriff „Kryptokommunist“ Ihr Begriff des Tages? Lese ich nämlich schon zum zweiten Mal…

    Ich verspreche Ihnen hiermit, dass ich JEDEN Bericht, der irgend welche aktiven Politiker oder Personen des öffentlichen Lebens als Spitzel entlarvt, hier veröffentlichen werde. Unabhängig von der Partei. Also her damit.

    Und ich bin mir sicher, dass, wenn diese Berichte Fidesz-Politiker beträfen, ich mir von Ihrer Seite nicht anhören müsste, dass man vom eigentlichen Thema ablenkt. Oder würden Sie auch bei Fidesz-Politikern nach Rectfertigungen suchen, wie Sie sie Lendvai zu Gute halten? Nun: – seien wir mal offen und ehrlich – Ihre Abneigung richtet sich primär gegen Fidesz, daher auch Ihr Schutzreflex für alles und jeden, der Fidesz attackiert. Nach meinen Dafürhalten passt es freilich nicht ganz zusammen, wenn man einerseits die Kritik an Lendvai als Ablenkung von wahren Problemen anprangert, auf der anderen Seite aber eben solche Veröffentlichungen über Fidesz-Politiker vermisst? Was stimmt denn nun?

    In jedem Fall finde ich es bedauerlich, dass Lendvai keine Möglichkeit hatte, heute in Frankfurt zu sprechen. Ich hatte gehofft, dass er auch zu den Vorwürfen Stellung nimmt und kritische Fragen gestellt bekommt.

  3. Mit dieser Beschuldigung Lendvai sei ein ehemaliger Kommunist und ein Freund der Kommunisten gewesen kommen ja einige der Leute die eine Kampagne gegen Lendvai führen. Kryptokommunist bedeutet nichts anderes, als ein Kommunist, der seine Sympathien für die Kommunisten verschweigt.

    Es gab jede Menge Berichte, über Fidesz Politiker, die III/III Spitzel waren.
    Ich erinnere an einen Prozess von Christián Ungváry. Wenn Sie schon soviel zur Kampagne gg Lendvai beitragen, dann würde zwecks Ausgewogenheit auch ein Bericht über Fidesz-Spitzel der III/III passen.

    Aber ich denke, es gibt wichtigere Probleme in Ungarn als Lendvai oder die Fideszspitzel, nämlich die Wirtschaftslage und die Abschaffung der Gewaltenteilung.

  4. Mein „Beitrag zu der Kampagne“ beschränkt sich darauf, jene Presseartikel zu übersetzen, die ein anderes Bild zeichnen als jenes, das uns der Standard präsentiert. Und die – wie üblich – beim Grenzübertritt bei Hegyeshalom plötzlich verloren gehen. Und meine Meinung kundzutun darüber, dass mich die Reaktion Lendvais und (v.a.) des Standard verwundert.

    Womöglich konnte ich jedoch auch meine Enttäuschung darüber, dass Lendvai derartiges getan haben soll, nicht verbergen. Ich habe dem Mann immer gerne zugehört, zuletzt im Oktober in München. Klar können seine Thesen richtig bleiben, aber das Gewicht seiner Aussagen droht doch zu sinken, wenn er die „Fidesz-Diktatur“ kritisiert und mit der Kádár-Diktatur kollaboriert hätte. Konjunktiv. Und trotz Konjunktiv darf man darüber sprechen.

    Den Beitrag in „Hetek“ (Lendvai im Fleischwolf), für den auch Sie interviewt wurden, habe ich gelesen. Wenn ich es richtig verstehe, vertraten Sie damals eine harte Position gegenüber dem Regime und mussten daher Ungerechtigkeiten hinnehmen (Ausweisung aus dem Land). Ich finde diese Haltung geradlinig. Ist aber dann nicht die „Kompromisslösung“ Lendvais (nennen wir es mal so) eine Lösung ohne Rückgrat? Die Nepszabadság schrieb ja davon, dass der Preis, das Richtige zu tun, auch sehr stark sinken kann…offenbar war Lendvai nicht bereit, den Preis zu zahlen, den Sie entrichten mussten. Oder sehe ich es falsch?

  5. @ Karl Pfeifer: Ich gratuliere Ihnen – gerade im Hinblick auf Ihre Parteinahme zu Gunsten Lendvais – zu Ihrem neuesten Werk, das hier abrufbar ist:

    http://derstandard.at/1291455122924/Ungarn-Mediendemokratie-a-la-Orban

    Sie sprechen einige wichtige Punkte an, doch am besten gefällt mir dieser Satz:

    „Das u. a. von der OSZE scharf kritisierte neue Medienkontrollgesetz gründet auf dem Konzept eines Mannes, der aus Rumänien stammt, wo er seine Kollegen aus der Opposition der Reihe nach an die berüchtigte Geheimpolizei Securitate verraten hatte, – Noch können die ungarischen Medien darüber berichten.“

    Erklären Sie doch einmal Folgendes, Herr Pfeifer: Sie beschweren sich über eine „Kampagne“ gegen Paul Lendvai und die Deutung von Dokumenten aus den 1980er Jahren, die eine gewisse „Nähe“ zum Parteiapparat nahelegen könnten (nicht „müssen“). Sie sprechen von „dünner Suppe“ und erklären, dass alles was Lendvai getan hat, völlig normal war. Ein umfassendes Plädoyer. Mir werfen Sie Kampagne vor.

    Nun berichtet Népszava über die angebliche Securitate-Tätigkeit eines Fidesz-Nahen (Heltai). Verfahren Sie hier genau so? Nein. Sie übernehmen hier vielmehr die „dünne Suppe“ der Népszava – wohl weil einer aus dem Fidesz-Dunstkreis betroffen ist – und geben Behauptungen über dessen Verstrickungen in die Welt der rumänischen Geheimpolizei wieder. Etwas verwunderlich, oder nicht?

    Wir sollten in der gleichen Weise über die Lendvais und Heltais dieser Welt sprechen, der Aufarbeitung willen. Nur weil jemand auf meiner Wellenlänge liegt, verdient er keinen Persilschein im Bezug auf eventuelle Tätigkeiten für Diktaturen. Frappierend, wie sehr doch die beiden Fälle einander vom Grundsatz her ähneln, wie unterschiedlich Sie sie aber werten. Woran liegt es? Zweimal berichtet die Presse über angebliche Verstrickungen von Personen des gegnerischen Lagers. Einmal ist die Empörung im Standard groß, ein anderes Mal wird munter mitspekuliert.

    Ob es Ihnen gefällt oder nicht. Mit dieser Art der Meinungsmache („Lendvai? Neeeein“ Aber Heltai gaaaanz bestimmt!“) haben Sie sich, wie der Standard seit Jahren, was Einseitigkeit und (mit Verlaub) Doppelmoral betrifft, in der Tat auf eine Ebene mit der ungarischen politischen Klasse begeben. So eine Debatte („Schaut mal, die anderen!“) führt das Land seit 20 Jahren: Die „eigenen“ werden geschützt, der Gegner diffamiert.

    Und welch ein Zufall, dass das jetzt herauskommt. Da haben sich die Redakteure der Népszava offenkundig überschlagen, nur um pünktlich vor dem Jahresende noch einen „rechten Spion“ zu präsentieren, um ein Gegengewicht zur Lendvai-Debatte zu bilden. Und Karl Pfeifer verwurstet dankend im Standard. Man weiß nicht, ob man lachen oder weinen soll.

    Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich bin dafür, über die Vergangenheit aller Personen des öffentlichen Lebens zu reden. Aber wenn Sie die Beiträge über Lendvai als Schmutzkampagne darstellen und dann 1:1 auf die Retourkutsche der Népszava aufspringen, passt das nicht zusammen.

  6. Pingback: Deckname: Michael Cole? « Hungarian Voice – Ungarn News Blog

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