Heinrich-Böll-Stiftung sagt Veranstaltung mit Paul Lendvai ab

Ein an der Frankfurter Universität für 24.11.2010 geplanter Diskussionsabend zu Ungarn, an dem der Journalist und Autor Paul Lendvai und der Schriftsteller György Dalos teilnehmen wollten, wurde von der Veranstalterin in letzter Minute abgesagt.

Die der Partei der Grünen nahestehende Heinrich-Böll-Stiftung gab als Grund für die Absage an, dass man die Sicherheit von Lendvai nicht habe garantieren können. In den Tagen vor der Veranstaltung habe es – insbesondere im Internet – massive Angriffe mit zum Teil antisemitischem Charakter gegen den Autor gegeben, weshalb er um Polizeischutz gebeten habe. Nachdem dieser nicht gewährt wurde, habe man sich in Abstimmung mit dem Gast entschieden, auf die Veranstaltung zu verzichten.

Lendvai verwies in einem Interview mit der Kleinen Zeitung auf eine Veranstaltung in Zurüch, die vom Weltbund der Ungarn gestört worden sei. Auch in Frankfurt hätten diese „extrem rechts“ stehenden Personen wohl etwas geplant (Anmerkung: Lendvai teilte später mit, er selbst habe keine Drohungen erhalten, sondern nur über die Böll-Stiftung von diesen erfahren). Tatsächlich war die Buchpräsentation in Zürich gestört worden, von Handgreiflichkeiten dort wurde jedoch nicht berichtet. Lendvai , der in Ungarn zuletzt nicht nur wegen seines neuen Buches kritisiert wurde, sondern auch wegen angeblicher Informantentätigkeiten für das kommunistische Kádár-Regime, sagte der Kleinen Zeitung, er werde sich nicht mundtot machen lassen (Link). Dem Online-Portal Ö24.at teilte Lendvai mit, in habe man „Angst vor seinem Buch“ (Link).

Ergänzung vom 28.11.2010:

Zwischenzeitlich hat Georg Paul Hefty von der konservativen Frankfurter Allgemeinen Zeitung die Heinrich-Böll-Stiftung im Zusammenhang mit der Veranstaltung und der Absage kritisiert. Der Tonfall der Böll-Stiftung auf der Einladung sei unangemessen provokant, Proteste hiergegen seien absehbar gewesen. Der Text der Einladung war laut Hefty nicht mit Paul Lendvai abgestimmt, sei jedoch auf ihn projiziert worden. So könne man Ungarn nicht als Land mit „Einparteienherrschaft“ bezeichnen, wenn im Parlament vier Parteien vertreten seien. Auch die Aussage, Ungarn sei das „Liberalste Land hinter dem Eisernen Vorhang gewesen„, musste Hefty zufolge Proteste der Exil-Ungarn hervorrufen: Nach der Niederschlagung des Volksaufstands von 1956 wurden – im vermeintlich „liberalen Kádár-Ungarn – 460 in Schauprozessen ausgesprochene Todesurteile vollstreckt (zum Teil hatte man jugendliche Aufständische verurteilt und dann – nach Erreichen des 18. Lebensjahres – hingerichtet). Die ungarische Nachrichtenagentur MTI berichtet heute über den Kommentar Heftys, der auch hier zeitnah umfassend dargestellt werden wird.

Was den Text der Einladung anbetrifft, ist übrigens folgender Umstand erwähnenswert: Die Veranstaltung in Frankfurt sollte in Zusammenarbeit mit einem Lehrstuhl der Frankfurter Universität stattfinden, dessen Inhaber – Prof. Tamás Bauer – bekannter Kritiker des Ministerpräsidenten Viktor Orbán ist. Bauer, ehemals Mitglied der linksliberalen SZDSZ-Fraktion im ungarischen Parlament und heute überwiegend als Publizist und Diskutant im oppositionsnahen liberalen Fernsehsender ATV aktiv, war vor einigen Jahren in Ungarn dafür kritisiert worden, dass er die durch Quellen belegbare Tatsache, dass sein Vater Miklós Bauer in den 50er Jahren Oberstleutnant der Geheimpolizei ÁVÓ und als Mitarbeiter der Abteilung III. persönlich verantwortlich für Folterungen gewesen sein soll (sein Spitzname lautete sinngemäß „der Fingernagel heraußreißende Bauer“), im Jahr 2000 in Abrede gestellt und seinen Vater im Parlament verteidigt hatte (hier). Miklós Bauer, der 2008 verstarb, hatte sich zuvor ebenfalls als „Ehrenmann“ bezeichnet. Mehr über die ungarische Staatssicherheit, deren ehemaliges Hauptquartier in der Andrássy út 60 in Budapest heute das Terror Haus ist, unter Wikipedia. Das Hauptquartier war zuvor von den ungarischen Nazis, den Pfeilkreuzlern, genutzt worden.

Weitere Quellen:

http://diepresse.com/home/politik/aussenpolitik/613265/SicherheitsRisiko-zu-hoch_LendvaiLesung-abgesagt?_vl_backlink=/home/politik/aussenpolitik/index.do

http://www.salzburg24.at/news/politik/artikel/hass-gegen-lendvai-buch-in-ungarn/cn/apa-1143203929

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15 Kommentare zu “Heinrich-Böll-Stiftung sagt Veranstaltung mit Paul Lendvai ab

  1. Ich denke, dass schon der Heti Válasz Artikel eine dünne Suppe war. Denn die Tagung der Opposition war keineswegs geheim und was immer Lendvai dem Botschafter gesagt hat, der ORF hat dafür gesorgt, dass die Opposition und die Personen die an dieser Zusammenkunft beteiligt waren bekannt werden.
    Es ist also abstrus behaupten zu wollen, er hätte mit den Machthabern zusammengearbeitet.

  2. György Konrád hat sich wie folgt geäußert:

    „Ha ez így volt, az nagyon szomorú“ – reagál az író lapunknak arra a tényre, hogy az ellenzéki csúcs programját Paul Lendvai révén ismerhették meg a budapesti hivatalosságok.“

    http://hetivalasz.hu/itthon/paul-lendvai-bagatellizalja-a-kadar-rendszerrel-fenntartott-viszonyat-33575/

    Allerdings ist auch Konrád der Meinung, dass der Zeitpunkt der Veröffentlichung mit dem Buch zu tun hat.

  3. Ich habe damals engen Kontakt mit der demokratischen Opposition gepflegt, und die Tatsache, dass so eine Veranstaltung in Budapest stattfinden wird, war vielen Journalisten bekannt. Lendvai konnte nichts verraten, weil erstens die III/III durch ihre Spitzel davon rechtzeitig erfahren haben und weil die Sache unter Journalisten, die sich mit Osteuropa beschäftigten bekannt war.
    Was immer Lendvai gesagt hat und was immer der ung. Botschafter berichtete, er konnte nichts verraten, denn die Sache war gerade im Interesse der Opposition nicht geheim, die hatte ein Interesse daran, dass ausländische Journalisten die Veranstaltung besuchen und über die Liste der Teilnehmer berichten.
    Im heutigen Népszava ist ein schönes Interview mit der Witwe von Imre Furmann, einer der Gründer von MDF und sie berichtet, wie sogar in Miskolc viele „Freunde“ sie und ihren Mann bespitzelt haben.
    Also jetzt hätte ich schon gerne eine ersthafte Auseinandersetzung mit dem Buch von Lendvai gelesen, andererseits ist diese Kampagne eine gute Werbung für die bevorstehende Publikation des Buches in ungarischer Sprache und sie beweist auch, dass Fidesz drauf und dran ist die Demokratie in Ungarn abzuschaffen, mann schaue sich nur an, was mit dem Verfassungsgerichtshof passiert und wer zum Generalstaatsanwalt ernannt wurde etc.

  4. Nachdem Sie bereits an anderer Stelle die Kritik von Georg Paul Hefty in der FAZ geteilt haben, wonach der Text der Einladung zur Frankfurter Lesung verfehlt und gar nicht mit Lendvai abgesprochen war, eine Frage: Wundert es Sie, dass die Veranstaltung in Frankfurt mitorganisiert wurde vom Lehrstuhl des Tamás Bauer, einem der profiliertesten Kritiker Orbáns?

    Ich habe den Beitrag insoweit mit dessen rühmlicher Familienhistorie und seinen Verlautbarungen aus dem Jahr 2000 ergänzt. Möglicher Weise kann sich der Leser hierdurch ein besseres Bild davon machen, wer für die Einladung der Böll-Stiftung, deren Ungarn-Bild (gesprochen wird vom „Einparteienstaat Ungarn“…) und die heftigen Reaktionen gegenüber dem insoweit völlig unbeteiligten und hierfür nicht verantwortlichen Lendvai bestärkt haben könnte…

    Erwähnenswert auch, dass die Lesung in Berlin einen Tag später völlig ohne Störungen verlief. Offenbar hat man dort einen angemessen Tonfall angeschlagen. Hierüber berichten die Antifa-Portale freilich nicht. Die Einführungsworte in Berlin sprach der Präsident der Deutsch-Ungarischen Gesellschaft, Lendvai wurde als Ehrenmitglied aufgenommen.

  5. Ich kenne nicht den Einladungstext, nur den Artikel von Hefty. Von einem Einparteienstaat kann man zur Zeit tatsächlich nicht reden.
    Ich kenne auch nicht die Familiengeschichte von Herrn Bauer, bin aber der Meinung, dass man damit nicht kommen soll.
    Einige meiner guten Freunde, bzw. Kollegen kommen aus einem nationalsozialistischen Haus. Ich habe mich nie dafür interessiert, sondern beurteile jeden Menschen nach seinen Taten und nicht nachdem was seine Vorfahren irgendwann mal waren oder taten.
    Es ist bedauerlich, dass in Ungarn eine derart von Haß erfüllte Atmosphäre herrscht, dass man mit solchen Geschichten kommt. Im Geschichtsunterricht gehört die ganze Wahrheit gelehrt, doch sollte man versuchen miteinander zivilisiert umzugehen.
    Ist in Ungarn die Gefahr eines Einparteienstaates gegeben?
    Viele meinen, dass Fidesz in diese Richtung schreitet. Ich denke, dass es genug katastrophale Entwicklungen gibt in Ungarn und man sich streng an die Fakten halten soll.
    So gesehen, kann Paul Lendvai Heti Válasz dankbar sein für die Werbung die sie für sein Buch, das im Februar auch in ungarischer Sprache erscheinen wird, mit dieser Kampagne gemacht hat.
    Eine starke glaubhafte Opposition wäre im Interesse der Demokratie in Ungarn. Leider sehe ich keine solche am Horizont. Aber ich vertraue Fidesz und Viktor Orbán, dass sie sehr bald viele Wähler mit ihren Taten überzeugen, dass sie die falsche Wahl getroffen haben und dass die „Wahlurnenrevolution“ ihnen nichts bringt.

  6. Ich habe den ursprünglichen Wortlaut der Einladung doch noch im Netz gefunden. Hervorhebungen durch mich.

    Quelle: http://www.hbs-hessen.de/singleview.html?tx_ttnews%5Btt_news%5D=334&cHash=48ace080798b39c29bff115425234147&honnan=Nemzeti_Hirhalo

    Im Jahr 1989 machte es den Eindruck, als ob Ungarn in der Reformbewegung innerhalb des Ostblocks die Speerspitze bilden würde. Das Land galt seit der Machtübernahme János Kádárs als liberalstes Land hinter dem eisernen Vorhang. Der Umgang der ungarischen Regierung mit den DDR-Flüchtlingen und die Öffnung der ungarischen Grenzen haben einen wesentlichen Beitrag zum Fall der Mauer und zum Zusammenbruch des realsozialistischen Lagers geleistet. Schienen die Voraussetzungen für eine Transformation des Landes in eine liberale und demokratische Gesellschaft also günstig, so fragt man sich im Rückblick, warum die grundlegende Erneuerung des Landes augenscheinlich gescheitert ist? Wie konnte der einstige Hoffnungsträger zum „kranken Mann Mitteleuropas“ werden? Wieso hat sich das Land nicht intensiv mit seiner Vergangenheit auseinandergesetzt und in dessen Konsequenz die Eliten ausgetauscht? Wie konnte es erneut zu einer Ein-Parteien-Herrschaft kommen? Wer wählte die rechten Parteien (Fidesz und „Jobbik“) und was erwarten ihre Wähler von ihnen? Was bedeutet die Rechtswende für die ungarische Wirtschaft? Führt der isolationistische Anti-EU-Kurs, den Ungarn eingeschlagen hat, in die nächste Krise? Verschärfen sich die Konflikte mit den Nachbarstaaten und entsteht auf diese Weise nach Jugoslawien ein weiterer Krisenherd mitten in Europa?

    Diese und andere Fragen diskutieren:

    Paul Lendvai
    Journalist und Publizist, Wien

    György Dalos
    Schriftsteller, Berlin

    János Can Togay
    Direktor des Collegium Hungaricum Berlin

    Moderation:
    Florian Schwinn
    hr2 kultur, Frankfurt a. M.

    Termin: Mittwoch, 24. November 2010, 19.00 Uhr

    Ort:
    Goethe-Universität, Campus Westend, Casinogebäude, Raum 1.802, Frankfurt am Main
    In Kooperation mit der Goethe-Universität Frankfurt a. M.

    Hierzu ein paar Stichworte:
    – Kádár übernahm die Macht unmittelbar nach dem Volksaufstand 1956, also vor den Schauprozessen und den Hinrichtungen
    – Zwar regiert Fidesz mit einer 2/3-Mehrheit allein, dies ist jedoch – wie Hefty in der FAZ schreibt, nichts anderes als die lange Zeit vorherrschende Situation in Bayern – auch hier herrschte während der CSU-Allein“herrschaft“ Demokratie
    – Die Konflikte mit den Nachbarstaaten scheinen sich derzeit zu entspannen

  7. Keine Frage, der Text der Einladung ist zu kritisieren.
    Wer von den Kádárnostalgikern in und außerhalb Ungarns erinnert sich noch daran, dass Kádár mehr Ungarn hängen ließ als Rákosi. Ich schrieb darüber auch 2008 eine Glosse in Élet és Irodalom.
    Doch wie steht es mit der Kampagne von Heti Válasz gegen Lendvai?
    Dazu gibt es auf Élet és Irodalom einen ausgezeichneten Text: http://www.es.hu/2010-11-28_a-lendvai-ugy
    Dieser Text bestätigt, was ich bereits vorher schrieb, dass diese Zusammenkunft sowohl den ungarischen Behörden als auch Journalisten, die sich mit Osteuropa beschäftigten bekannt war.

  8. Also ich kann hier nur mit dem Kopf schütteln.

    Ein vielleicht provokanter Text, mit Thesen, die als Fragen formuliert sind, ist unverantwortlich? Die sind also selber schuld daran, dass es Beschwerden und Drohungen gab? Mit Lendvai nicht abgestimmt? Was ist mit Dalos? Mit Togay?

    Das man so einen Text nicht aushält, ist ein Armutszeugnis. Die HBS-Stiftung ist grünen-nah. Ja, und???? Eine politische Stiftung in Deutschland organisiert eine Veranstaltung, schreibt einen Text, der bewusst mit kritischen Thesen zugespitzt wird, und stellt ihn zur Diskussion, indem er drei deutschsprachige Ungarn-Experten einlädt. Also, lassen wir die Kirche mal bitte im Dorf, diese Denkweise geht nicht in meinen Kopf rein! (mir, der an die gemäßigte demokratische Kultur im gegenseitigen Miteinander auch bei unterschiedlichen politischen Meinungen in Deutschland gewöhnt ist) In meinen Augen ist es eine Katastrophe, dass diese primitiven und unaufgeklärten Reflexe es bis nach Frankfurt geschafft haben, und – wegen dem Zusammenkommen einiger unglücklicher Umstände – auch noch erfolgreich!!! Das ist eine Schweinerei.

    Dann möchte ich gerne wissen, wo sie das mit dem Institut von Bauer genau gelesen haben.

    Und sie fragen, ob sie wissen, dass die HBS auch schon im Juli eine Veranstaltung mit Kristina Koenen in Frankfurt organisiert hat? (http://www.hbs-hessen.de/singleview.html?tx_ttnews%5Btt_news%5D=319&cHash=7f6acdc82234be872cc2a24926a07725) Auch ein schrecklicher Text, auch unverantwortlich?

    Das Ungarn IM VERHÄLTNIS das liberalste Land in MOE war, ist seit jeher common-sense in Politik und Wissenschaft. Damit ist nicht gemeint, dass es liberal war und es soll nichts damit verharmlost werden, sondern nur betont, dass das Komplettpaket IM VERHÄLTNIS zu den anderen Ländern „liberaler“ war.

    • „Das Land galt seit der Machtübernahme János Kádárs als liberalstes Land hinter dem eisernen Vorhang. “ so in der Einladung.

      Das stimmt nicht. Kádár übernahm bereits Ende 1956 die Macht in Ungarn und das Kádárregime hat mit Hunderten von hingerichteten Personen, und mit einer Travestie der Justiz begonnen. Und das darf – wenn man glaubwürdig bleiben will – nicht wegretuschiert werden.
      Das Hängen von einigen Hundert Menschen darf nicht als „liberal“ oder „liberaler“ verharmlost werden. Und das kann auch nicht irgendwie wegerklärt werden, wie das oben versucht wird.

      „Wie konnte es erneut zu einer Ein-Parteien-Herrschaft kommen?“ Da wird also eine Ein-Parteien-Herrschaft“ behauptet und nur gefragt, wie es dazu kommen konnte. Auch das ist falsch. Richtiger wäre gewesen zu fragen: „Strebt Fidesz und Viktor Orbán eine Ein-Parteien-Herrschaft an?“ Da es im ungarischen Parlament vier Parteien gibt, kann man im gegenwärtigen Zeitpunkt nicht von Einparteienherrschaft schreiben, außer man negiert offenkundige Tatsachen.

      Es gibt so viel zu beanstanden im Land dessen Ministerpräsident sich auf eine „Wahlurnenrevolution“ beruft.

      Es ist gut, dass die Heinrich Böll Stiftung sich mit der Lage in Ungarn auseinandersetzt und hoffentlich lernen die Veranstalter aus dieser Angelegenheit.

      Und vielleicht ein Tip, das nächste Mal kann man ja den Text der Einladung denjenigen vorlegen, die dann am Podium sitzen.

    • @ Partisan:

      „Vom Schrittmacher zum Krisenherd – Ungarn im Wandel, Mi. 24.11.2010

      Ungarn befindet sich in einer Phase dramatischer Veränderungen, von denen nicht klar ist, wohin sie das Land führen werden. Die Heinrich-Böll-Stiftung Hessen e. V. veranstaltet deshalb in Kooperation mit der Goethe-Universität Frankfurt a. M. und der Professur für Vergleich und Transformation von Wirtschaftssystemen von Professor Tamás Bauer, diese Entwicklungen in einer Diskussionsveranstaltung innerhalb der Reihe „Politik Aktuell“ mit zwei führenden Ungarn-Experten, dem Journalisten und Publizisten Paul Lendvai und dem Schriftsteller György Dalos, zu erörtern. Alle Interessierten sind dazu herzlich eingeladen.

      Diskussion mit:

      Paul Lendvai, Journalist und Publizist, Wien
      György Dalos, Schriftsteller, Berlin
      Moderation: Florian Schwinn, hr2 kultur, Frankfurt a. M.

      Mittwoch, 24 . Nov. 2010, 19.00 Uhr
      Campus Westend · Casinogebäude · Raum 1.802
      Frankfurt am Main“

      Quelle: http://pusztaranger.wordpress.com/2010/11/22/veranstaltung-mit-paul-lendvai-in-frankfurt-am-24-11-rechte-kundigen-storung-an/

      Verlinkt ist dort eine Seite der Uni Ffm, die mittlerweile den Text gelöscht hat.

  9. @ hungarianvoice (richtig geschrieben?)

    Danke, dass hatte ich noch nicht gesehen. Was soll denn das, „die mittlerweile den Text gelöscht hat“. Weltverschwörung? 🙂

    @ Karl Pfeifer:

    Zuvorderst, das mit Kádár ist historisch natürlich richtig. Die Formulierung in diesem Sinne undifferenziert. Sie ist aber auch nicht HBS-spezifisch, dies ist die allgemeine Lesart in Deutschland, die sich auf die autoritäre Phase – im Ggs. zur totalitären vor 65 – des Kádárismus bezieht. (siehe hierzu z.B. das Standardwerk von: Ismayr, Wolfgang(Hrsg.), Die politischen Systeme Osteuropas, 2010, S. 358ff.)

    Wenn in Deutschland dieses „positive“ (nochmal: IN ANFÜHRUNGSSTRICHEN) Kádárbild gezeichnet wird, dann in Bezug auf die Phase nach 65´. Es WAR wirtschaftlich „liberaler“ und in Teilen auch gesellschaftlich „liberaler“ (keine totale Politisierung der Gesellschaft) als Polen und die CSSR, das ist keine Verharmlosung, geschweige denn Russland. Im Autoritarismus war natürlich nichts wirklich liberal. Es ist im Vergleich zu verstehen.

    Denken Sie wirklich, dass die HBS nicht weiß, dass es keine Einparteienherrschaft nach dem ursprünglichen Sinne in Ungarn ist? Wie erklären sie sich dann den darauf folgenden Satz „Wer wählte die rechten Parteien (Fidesz und „Jobbik“) und was erwarten ihre Wähler von ihnen?“ Der Text unterstellt quasi ein gewisses Fingerspitzengefühl des Lesers, dass er sich im klaren ist, dass man auch rhetorisch von einer Einparteien-Herrschaft sprechen kann, wenn eine Partei über eine 2/3-Mehrheit verfügt (was in Demokratien tatsächlich äußerst selten vorkommt) und alles durchdrückt, was es will (z.B. die Abschaffung von wesentlichen Verfassungsgerichtskompetenzen). Eine rhetorische Spitze quasi. Man könnte natürlich sagen, dann sollen sie es in Anführungsstriche stellen. Aber das meine ich mit, „das muss man aushalten“.

    Wenn nicht mal so eine Einladung zu einer Veranstaltung (zu der im übrigen wahrscheinlich 30 Leute gekommen wären) „ausgehalten wird“, dann ist das ein Problem. Vielleicht mag sie absichtlich provokant gewesen sein oder aber unreflektiert, wie auch immer: Dann geht man halt da hin, und hört sich das an, und am Ende streitet man sich, liegt sich in den Haaren, wenn man anderer Meinung ist und am Ende hat man sich die Meinung gesagt und geht nach Hause. Fertig aus. Aber man schreibt keine Morddrohungen. In Deutschland. Denn egal, ob es ein wenig differenzierter gewesen wäre, kritisch wäre es allemal geblieben, und das ist doch der Punkt, der diejenigen störte. Kritik. Und dann auch noch der Lendvai! (wieder die Frage: Was ist mit den anderen?) Darum geht es doch.

  10. „Die mittlerweile den Text gelöscht hat“ heißt nichts anderes, als dass diese den Text gelöscht hat. Wer das nachvollziehen möchte, der geht auf den Link von Pusztaranger und klickt auf den dortigen Link zur Uni Ffm. Und der führt ins Leere.

    Wie hier die Weltverschwörung reinpasst, weiß ich nicht.

    Den Rest hat Ihnen Herr Pfeifer bereits abschließend beantwortet.

  11. @restrainedpartisanship@ Ihre Exegese in Ehren, aber der Text einer Einladung muss für sich sprechen.
    Hunderte aufgehängte Menschen, sind kein Zeichen für Liberalität.
    Diese „Liberalität“ hat erst nach 1962 begonnen.

    Morddrohungen sind ein Verbrechen und sollte bei der Polizei angezeigt werden. Hoffentlich hat dies die Heinrich Böll Stiftung getan und es werden der/die TäterInnen ausgeforscht und vor ein Gericht gebracht.

    Insgesamt ist diese Kampagne gegen Paul Lendvai eine unbeabsichtigte Werbung für sein bald auch in ungarischer Sprache erscheinendes Buch. Über das all diese Kampagnisierer noch fast kein Wort verloren haben.

  12. @restrainedpartisanship@ schlampig geschriebene Texte soll man lieber Fidesz und Dunstkreis überlassen. Da schrieb jemand im Büro des ungarischen Präsidenten ein Papier über den Vorschlag die Verfassung zu ändern. Über dieses Papier machten sich die ungarischen Satiriker lustig, denn es war nicht nur inhaltich schlecht sondern auch voll mit Rechtschreib- und Grammatikfehlern.
    Und wie gesagt, wahrscheinlich hilft diese Kampagne Paul Lendvai viele seiner Bücher zu verkaufen.
    Sachliche Kritik an seinem Buch habe ich noch nicht gelesen, dafür aber eine Menge Untergriffe, die mehr über Fidesz‘ Dunstkreis als über Lendvai aussagen.

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