Frankfurter Allgemeine: Georg Paul Hefty watscht Böll-Stiftung ab

Als letzte Woche die Nachricht im Internet herauskam, dass eine am 24.11.2010 geplante Diskussionsveranstaltung mit Paul Lendvai wegen Drohungen aus der rechtsextremen Ecke gegen den Gast abgesagt worden war, machte sich Bestürzung breit. Lendvai hat mit seinem jüngst erschienen Buch „Mein verspieltes Land“ heftige Kritik an den letzten 20 Jahren ungarischer Politik geübt und sich hierbei auch den Unmut regierungsnaher Kreise zugezogen.

Der Veranstalter des Abends, die Heinrich-Böll-Stiftung, lud mit folgendem Text zur Diskussion (Hervorhebungen durch Hungarian Voice):

Im Jahr 1989 machte es den Eindruck, als ob Ungarn in der Reformbewegung innerhalb des Ostblocks die Speerspitze bilden würde. Das Land galt seit der Machtübernahme János Kádárs als liberalstes Land hinter dem eisernen Vorhang. Der Umgang der ungarischen Regierung mit den DDR-Flüchtlingen und die Öffnung der ungarischen Grenzen haben einen wesentlichen Beitrag zum Fall der Mauer und zum Zusammenbruch des realsozialistischen Lagers geleistet. Schienen die Voraussetzungen für eine Transformation des Landes in eine liberale und demokratische Gesellschaft also günstig, so fragt man sich im Rückblick, warum die grundlegende Erneuerung des Landes augenscheinlich gescheitert ist? Wie konnte der einstige Hoffnungsträger zum „kranken Mann Mitteleuropas“ werden? Wieso hat sich das Land nicht intensiv mit seiner Vergangenheit auseinandergesetzt und in dessen Konsequenz die Eliten ausgetauscht? Wie konnte es erneut zu einer Ein-Parteien-Herrschaft kommen? Wer wählte die rechten Parteien (Fidesz und „Jobbik“) und was erwarten ihre Wähler von ihnen? Was bedeutet die Rechtswende für die ungarische Wirtschaft? Führt der isolationistische Anti-EU-Kurs, den Ungarn eingeschlagen hat, in die nächste Krise? Verschärfen sich die Konflikte mit den Nachbarstaaten und entsteht auf diese Weise nach Jugoslawien ein weiterer Krisenherd mitten in Europa?

Der FAZ-Autor Georg Paul Hefty befasste sich am 27.11.2010 mit der Einladung und den Reaktionen hierauf und übt heftige Kritik an dem Tonfall und den nur mäßigen Ungarn-Kenntnissen der Stiftung (FAZ vom 27.11.2010). Hier einige Auszüge:

Wer von einem Land nichts versteht, der sollte auch nicht mit eigenen Worten zu einer Diskussion darüber einladen. Die Kenntnislosigkeit der Heinrich-Böll-Stiftung Hessen über Ungarn hat eine Affäre hervorgerufen, die von der ungarischen bis in die französische Presse hinein Wellen schlägt und den österreichischen Journalisten und Buchautor Paul Lendvai in Mitleidenschaft zieht sowie manch andere in ein falschs Licht rückt.“

Der Titel lautete zwar „Ungarn im Wandel“, der Untertitel deutete aber die Richtung an, in welche die Böll-Stiftung stoßen wollte: „Vom Schrittmacher zum Krisenherd“. Die Brisanz dieser Stoßrichtung ergibt sich aus zwei Umständen: In Ungarn amtiert seit einem halben Jahr eine rechte Regierung unter Ministerpräsident Orbán, was auf die Grünen offenbar wie ein rotes Tuch wirkt, zumal diese Regierung bei der Parlamentswahl im Frühjahr eine Zweidrittelmehrheit der Mandate erreichte. Des weiteren wird Ungarn im ersten Halbjahr des kommenden Jahres die EU-Ratspräsidentschaft innehaben – da sähen es die Grünen gerne, wenn das Land als „Krisenherd“ verschrieen und in seiner europaweiten Handlungsfähigen eingeschränkt würde.“

Ohne dass Lendvai davon wusste, formulierte die Böll-Stiftung gemeinsam mit der Goethe-Universität einen Einladungstext, der vor Kenntnislosigkeit sprühte und auf die Interessenten ungarischer Herkunft provozierend wirkte.“

In der Folge führt Hefty die Aussage der Böll-Stiftung, Ungarn habe nach Übernahme der Macht durch János Kádár als „liberalstes Land hinter dem eisernern Vorhang gegolten„, als Beleg für die Ahnungslosigkeit der Veranstalterin an. Kádár war unmittelbar nach dem Volksaufstand von 1956 an die Macht gelangt, war für die Hinrichtung von Imre Nagy und weitere Schauprozesse verantwortlich, in denen nach 1956 immerhin 460 Personen zum Tode verurteilt und hingerichtet worden. Nicht selten wurden sgar jugendliche Verurteilte wurden nach Erreichen der Volljährigkeit hingerichtet.Hefty stellt die Frage, wie man ein solches System als „liberal“ bezeichnen könne.

Auch die Behauptung, in Ungarn herrsche „Einparteienherrschaft„, scheint Hefty im Hinblick auf vier im Parlament vertretene Fraktionen abwegig. Die Schlussfolgerung Heftys:

Dass sich die Proteste gegen eine so angekündigte Veranstaltung mit dem Namen des prominentesten Teilnehmers vermengten, war wohl nicht mehr zu umgehen. Lendvai erhielt nach eigenen Angaben keinerlei Drohungen, er nahm aber zur Kenntnis, dass die Veranstalter den Abend unter Berufung auf vielfache Drohungen absagten.“

Lendvai habe sich keinen Unruhen aussetzen wollen, gerade weil er sonst – wie auch der einen Tag später veranstaltete Abend in Berlin bewies – von einem großen Publikum begrüßt und gelobt werde. Hefty stellt klar, dass es Beschimpfungen gegen Lendvai insbesondere auf rechtsradikalen Portalen wie „kuruc.info“ Portalen gebe, die übrigens nicht nur Lendvai, sondern auch den Ministerpräsidenten Orbán und dessen Vor-Vorgänger Gyurcsány heftigst attackieren. Unter diesen Umständen Orbáns Fidesz mit den Rechtsradikalen gleichzusetzen, zeige die Borniertheit der Böll-Stiftung.

Die Böll-Stiftung wird sich die Frage gefallen lassen müssen, warum man derartigen Zündstoff in eine sonst sachlich geführte Debatte (Berlin!) bringt, ohne dies mit dem Gast abzusprechen. Und dadurch möglicher Weise den Unmut genau jener unseligen Geister heraufbeschwört und auf einen (insoweit unbeteiligten!) Gast projiziert, gegen die man zu kämpfen vorgibt. Diese kritische Frage an die Böll-Stiftung schließt es übrigens nicht aus, feige Drohungen im Internet gegen einen international respektierten, wenn auch in seinen Aussagen nicht ganz unumstrittenen Autor zu verurteilen. Man muss Lendvai nicht zustimmen, aber eine inhaltliche Diskussion uss allemal möglich sein. Darüber sollten sich auch diejenigen bewusst sein, die mit solchen Aktionen – man könnte auch Straftaten sagen – für Ungarn zu kämpfen denken.

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4 Kommentare zu “Frankfurter Allgemeine: Georg Paul Hefty watscht Böll-Stiftung ab

  1. Übrigens, „Die Presse“ gehört einem Verlag an, der zur gänze der katholischen Kirche in Österreich gehört.

    „Es sei Friede und Eintracht! Sofort! Wer widerspricht, wird bestraft!
    SIBYLLE HAMANN (Die Presse)
    Die ungarische Politik unter Regierungschef Viktor Orbán wird immer autoritärer. Was nicht nur den Publizisten Paul Lendvai, sondern auch sämtliche anderen EU-Bürger interessieren sollte.

    Paul Lendvai ist 81 Jahre alt. In diesem langen Leben gab es viele unvorhersehbare Wendungen. Aber eine Konstante: „Politisch unzuverlässig“ war und ist er eigentlich immer. In den 1950er-Jahren saß er monatelang im Gefängnis und hatte als Journalist Berufsverbot. 1956 emigrierte er nach Österreich und berichtete von hier aus jahrzehntelang über Osteuropa.
    Er hielt Distanz zu den Stalinisten, ließ sich von Dissidenten nicht ungeschaut vereinnahmen, fieberte bei den demokratischen Umbrüchen mit und begleitete die Verwerfungen, die nach der Wende kamen, mit kritischem Blick. „Politisch unzuverlässig“ zu sein ist ein Ehrentitel für einen Journalisten. Doch Lendvais alte Heimat hat derzeit eine Führung, die das anders sieht.
    In Ungarn wird nämlich „Eintracht“ gepredigt, mit hörbar herrischem Unterton. Regierungschef Viktor Orbán ist nicht damit zufrieden, eine komfortable Zweidrittelmehrheit im Parlament zu haben.
    Nein, es muss gleich ein ganz neues System her, ein „System der Nationalen Zusammenarbeit“. Es soll auf den Tragsäulen „Arbeit, Heim, Familie, Gesundheit und Ordnung“ stehen, und bei seiner Errichtung wolle man „entschlossen, ohne Kompromisse und unerschütterlich“ vorgehen. (Diese Erklärung muss übrigens in allen öffentlichen Gebäuden Ungarns ausgehängt sein, in der vorgeschriebenen Größe von 50 mal 70 Zentimetern, samt Glasrahmen.)
    Was das konkret bedeutet, erfährt Lendvai in diesen Tagen am eigenen Leib. „Hetzer gegen das ungarische Volk“ und „Vaterlandsverräter“ wird er genannt. Er bekommt diffamierende Schmähbriefe, teils in antisemitischem Tonfall.
    Wo er öffentlich auftritt, gibt es gut orchestrierte Störaktionen und Drohungen. Eben musste eine Veranstaltung in Frankfurt aus Sicherheitsgründen abgesagt werden. Lendvai ist, wie erwähnt, 81. Da steckt man nicht mehr alles locker weg.
    Was hat er denn gesagt? Dass Orbán ein „genialer Machtpolitiker“ ist, der eine „Mischung aus nationalistischen, klerikalen und linkspopulistischen Phrasen“ drischt; dass seine Fidesz-Partei nach Bedarf gemeinsame Sache mit den Rechtsradikalen macht und Ressentiments gegen Juden und Roma ausnützt; dass die Regierung direkt auf Justiz und Medien zugreift und absichtlich die demokratischen Institutionen schwächen will; dass in Ungarn eine „Säuberung“ stattfindet.
    Das ist wohl alles ziemlich nah an der Wahrheit. Aber sagen darf man es nicht, vor allem nicht, wenn man Ungar ist. Denn alle Ungarn, egal ob im In- oder Ausland, scheinen neuerdings verpflichtet, Lobgesänge auf ihre Regierung anzustimmen und stets laut aufzuheulen, wenn diese irgendwo kritisiert wird.
    Das Kulturministerium ist Teil des „Ministeriums für Nationale Ressourcen“ geworden; absolute Priorität hat dort nun die Volkskultur, die Förderung der Auslandsungarn und „alles, was der Nation dient“. Außenminister János Martonyi erklärte den Botschaftern seines Landes, ihre Arbeit werde ab sofort daran gemessen, wie sie auf Medienberichte reagieren, „in denen Ungarn schlecht gemacht wird“. Und in ganz Europa stehen rabiate Emigrantenvereine parat, um „anti-ungarische“ Veranstaltungen zu stören oder, wenn geht, zu verhindern.
    „Es sei Friede, Freiheit und Eintracht!“ Das kann auch eine gefährliche Drohung sein.“

    (Quelle: „Die Presse“, Print-Ausgabe, 01.12.2010), http://diepresse.com/home/meinung/quergeschrieben/sibyllehamann/614686/Es-sei-Friede-und-Eintracht-Sofort-Wer-widerspricht-wird-bestraft

  2. Ich habe mir erlaubt, die Anführungszeichen zu setzen und den Link beizufügen (Urheberrecht!)

    Den Beitrag habe ich gelesen. Ihr Lob für Heftys Artikel wird dadurch aber wohl nicht relativiert, oder?

    Was sagt uns denn die Tatsache, dass Die Presse der Kirche gehört? Soll das, was Hamann schreibt, deshalb eine konservative Meinung sein? Etwa vor dem Hintergrund, dass Frau Hamann zuvor bei „Profil“ war?

    Besonders armselig ist der Hinweis auf „in ganz Europa“ bereitstehende „rabiate Emigrantenvereine“. Als ob die nichts besseres zu tun hätten, als zu protestieren. Kein Wort natürlich über die Veranstaltung in Berlin am 25.11.2010, die ohne jede Störung verlaufen ist. Frankfurt wird (zu Recht) thematisiert, und (zu Unrecht) nur das.

    Auch die pauschale Behauptung, dass Fidesz Ressentiments gegen Juden und Roma „ausnützt“, ist unterste Schublade. Aber solche Aussagen sind ja so politisch korrekt, da muss man einfach zustimmen, nicht wahr? Amen.

  3. Also die Kritik die Hefty an der Formulierung der HBS übte ist berechtigt.
    Und ich denke sowohl der Artikel von Hefty als auch der von Hamann sind wichtig. Hefty hat in der heutigen FAZ eine Rezension über das neue Lendvai-Buch publiziert, an seinem Text würde ich Kritik üben, wenn ich die Zeit und Lust hätte, dies hier zu tun.
    Ich habe keine Hintergedanken, wenn ich Fakten schreibe, wie z.B. über wem die presse gehört.
    Und ich habe auch nicht behauptet, dass die katholische Kirche oder Sybille Hamann konservativ seien, solche Spekulationen überlasse ich Ihnen.
    Nun kann man nicht leugnen, dass ein fidesznaher Journalist wie Zsolt Bayer in den fidesznahen Medien ECHO TV und Magyar Hirlap antisemitische Texte transportiert.
    Und Sybille Hamann ist eine angesehene österreichische Historikerin derenTaschenbuch „Hitlers Wien / Lehrjahre eines Diktators“ ich empfehle zu lesen.

  4. Also die wenigen Vereine, die ich kennen gelernt habe, leben von dem Bedürfnis der Exilanten, Ungarn, die (warum auch immer) zurückgelassene Heimat , gemeinsam hochzustilisieren, zu romantisieren und nostalgisch zu huldigen. Das ist wahrscheinlich sehr menschlich. Sie feiern Nationalfeiertage und gucken ungarische Filme, ein Verein (Frankfurt) vermischt das darüber hinaus auch noch mit Religiosität, dann gibt es ungarische Gottesdienste, und ähnliches. Es gibt kleine Ausstellungen zu 56 und solche Sachen. Dem einen mag es gefallen, dem anderen nicht, reine Geschmackssache. Ungemütliche Themen jedoch, die Ungarn irgendwie negativ berühren, werden offiziell nicht behandelt. Was man also auch immer von diesen Vereinen halten mag – mal ganz vorsichtig ausgedrückt: besonders anti-national oder kritisch sind sie jedenfalls nicht..

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