Zerrbilder: Magdalena Marsovszky im Interview mit „Radio Corax“

Die Regierung Orbán befindet sich in der Kritik. Und das nicht immer zu Unrecht: Die Beschneidung der Befugnisse des Verfassungsgerichts anlässlich einer aus Sicht der Regierung „unerfreulichen Entscheidung“ betreffend Abfindungen für Führungskräfte in staatlichen Betrieben gibt, ebenso wie einige Vorschriften im neuen Mediengesetz, Anlass zu Befremden.

Es gibt jedoch weiterhin Beispiele dafür, dass es Übertreibungen und stark einseitige Betrachtungsweisen der ungarischen Verhältnisse gibt, welche die tatsächliche Lage überzeichnen und zum Teil verfälscht wiedergeben. In diesem Zusammenhang wird – zumeist von einem linken oder linksliberalen Standpunkt aus – versucht, die Maßnahmen der Regierung in Richtung einer „großen völkischen Wende“ und damit in Richtung einer (scheinbar) konsequent rechtsradikalen Denkweise zu deuten. Eine der Wortführerinnen für diese Deutung ist die seit langem als Orbán-Kritikerin bekannte Kulturwissenschaftlerin Magdalena Marsovszky. Sie war im November 2010 Gast bei Radio Corax, Halle.

http://www.podcast.de/episode/1895923/Ungarn_unter_Orban_-_ein_Gespr%C3%A4ch_mit_Magdalena_Marsovszky_Serie_191:_Corax-Widerhall

Einige Punkte des Interviews sollen hier in Thesenform herausgegriffen und behandelt werden:

These 1: Seit Sommer 2010 ist ein „richtiges völkisches Regierungsprogramm“ verabschiedet worden. Dieses hat das „völkische ius sanguinis-Prinzip“ („Abstammungsprinzip“) in das ungarische Staatsbürgerschaftsrecht aufgenommen. Seitdem sollen alle „Magyaren im ethnischen Sinne“, die in den umliegenden Ländern leben, die ungarische Staatsangehörigkeit erhalten können.

Anzumerken ist hierzu: Das Abstammungsprinzip ist – neben dem „ius soli“ („Recht des Geburtsortes“) eines der europäischen Grundprinzipien des Staatsbürgerschaftsrechts. Es gilt im Grundsatz auch u.a. in Deutschland, Frankeich und Österreich. Das Attribut „völkisch“ ist unangebracht, soweit es dazu dient, ein anerkanntes Rechtsprinzip, das traditionell auch in Ungarn gilt, dazu zu nutzen, ein Land in die rechte Ecke zu drängen.

In mehreren Punkten falsch ist die Behauptung Marsovszkys, das Angebot, die ungarische Staatsbürgerschaft zu erwerben, gelte „für die ethnischen Ungarn in den umliegenden Ländern“. Richtig ist, dass Ungarn durch die Neuregelung den erleichterten Erwerb der eigenen Staatsangehörigkeit an alle weltweit lebenden Menschen mit ungarischen Vorfahren (d.h. ein oder mehrere Vorfahren hatten die Staatsbürgerschaft Ungarns oder dessen Vorgängerstaaten) vorsieht. Maßstab ist allein die Staatsbürgerschaft eines der Vorfahren, nicht dessen Ethnie.

Die Verleihung der Staatsbürgerschaft an die Nachkommen eigener Staatsbürger ist kein Einzelfall und steht mit EU-Recht im Einklang. Jeder Mitgliedstaat der EU entscheidet souverän, nach welchen Maßstäben er die eigene Staatsbürgerschaft verleiht (ius sanguinis oder ius soli). Dies geschieht zudem nicht automatisch (dies wäre ein Völkerrechtverstoß), sondern auf Antrag.

Ein Einzelfall? Nein. Im Hinblick auf Mittel- und Osteuropa ist zudem erwähnenswert, dass Rumänien den Staatsbürgern des Nicht-EU-Landes Moldawien ebenfalls ohne weitere Beschränkungen die rumänische Staatsbürgerschaft verleiht und damit Nicht-EU-Bürger zu EU-Bürgern macht. Ein international vernichtendes Echo wie bei Ungarn war hier allerdings nicht zu vernehmen.

These 2: Orbán wollte immer die Herstellung der „nationalen Einheit“ über die Grenzen des heutigen Ungarn hinweg. Dies im Sinne einer „ethnisch-biologistischen, gewachsenen Einheit“. Gemeint ist „Volkstum“.

Richtig ist, dass die Regierungsparteien (Fidesz und KDNP) für die Interessen der ungarischen Minderheiten in den umliegenden Ländern einsetzen wollen. Diese große Zahl an Ungarn im Ausland (insgesamt ca. 2,5, Mio. Menschen) ist auf die Tatsache zurück zu führen, dass Ungarn nach dem 1. Weltkrieg etwa 2/3 seines Staatsgebietes und 3 Mio. Menschen an die Nachbarländer verlor (im Vergleich: Deutschland musste etwa 10% seiner Gebiete abtreten). Die Vertretung der Interessen im Ausland lebender Minderheiten ist jedoch wiederum nichts Außergewöhnliches, wenn die Staatlichkeit der Nachbarländer gewahrt und respektiert wird. Ungarn hat stets bekräftigt, es würden keine Revisionen beabsichtigt. Im Kern geht es bei der Minderheitenpolitik vielmehr um die „Kulturnation“ – verbunden durch die gemeinsame Sprache und Kulturhistorie. Der KDNP-Vorsitzende und Vize-Ministerpräsident Zsolt Semjén hat im Jahre 2010 im Rahmen der „Ständigen ungarischen Konferenz“ betont, es gehe der ungarischen Regierung um die Nation im kulturellen, nicht im ethnischen Sinne.

These 3: In die neu geplanten ungarische Verfassung soll die „Heilige Ungarische Krone“ aufgenommen werden. Dies ist eine völkische Lebensraumideologie. Dadurch soll die „organisch gewachsene Einheit“ betont werden.

Hier lohnt es sich, den Arbeitsentwurf der neuen Verfassung im Wortlaut wieder zu geben:

„In Ungarn geht sämtliche Macht von der politischen Nation, d.h. vom Volk aus, deren Mitglieder einander gegenüber Verantwortung übernehmen und über gleiche Rechte und über unentziehbare Menschenwürde verfügen. Die Heilige ungarische Krone ist Ausdruck der verfassungsrechtlichen staatlichen Kontinuität. Die Nation übt ihre Macht über gewählte Abgeordnete, im Ausnahmefall auch unmittelbar aus. Ungarn übernimmt Verantwortung für das Schicksal der außerhalb der Grenzen lebenden Ungarn.“

Der Verweis auf die Heilige Krone steht noch nicht fest und ist bislang lediglich für die Präambel im Gespräch. Es handelt sich um eine symbolische und historische Bezugnahme auf die sog. „Lehre der Heiligen Krone“: Hierbei handelt es sich um eine im Mittelalter gewachsene historische (ungeschriebene) Verfassungstheorie, die bereits seinerzeit das Volk (nicht: den Monarchen, wie in mittelalterlichen europäischen Monarchien üblich!) als Souverän ansah. Kernpunkte der Lehre sind, dass der Monarch in Ungarn seine Macht „von der Heiligen Krone“, d.h. der Gemeinschaft und damit letztlich vom Volk, ableitet. Der Monarch stand „unter der Krone“. Die einzelnen Punkte der „Kronenlehre“ sind unter Wikipedia abrufbar. Der Verweis mag in westeuropäischen Ohren merkwürdig anmuten, die Lehre enthielt jedoch schon frühzeitig das Verbot der absoluten Macht des Herrschers, das Widerstandsrecht des Volkes und das Verbot, dass die Minderheit über die Mehrheit herrsche (Diktaturverbot). Man kann – etwas provokant formuliert – diese Punkte im Mittelalter sogar als ausgesprochen fortschrittlich im europäischen Vergleich bezeichnen.

Ob der Verweis in der heutigen Zeit nötig oder sinnvoll ist, darüber kann man trefflich streiten. Zweifel sind angebracht. Die Krone als Ausdruck völkischen Denkens zu bezeichnen, ist jedoch verkürzt und bei entsprechender Betonung des nationalistischen Charakters auch falsch. Der Verfassungsentwurf bekennt sich ausdrücklich zur parlamentarischen Demokratie und zu den europäischen Grundwerten. Auch dies wird bei der Diskussion über die Krone von Seiten der Kritiker fast immer verschwiegen.

These 4: Ungarns Kulturstaatssekretär hat angekündigt, den Ursprung „des Magyarentums“ durch DNA-Analysen nachweisen zu wollen (diese Anmerkung macht Marsovszky im Zusammenhang mit dem Vorwurf „völkischer Politik“).

Die Herkunft der Ungarn ist seit langer Zeit zwischen Forschern umstritten. Die bislang herrschende Auffassung, Ungarn seien „finn-ugrischer“ Herkunft, war in der jüngeren Vergangenheit heftigen Angriffen ausgesetzt. Kritiker dieses Dogmas behaupten neuerdings (mit teils fragwürdigen Bezugnahmen), die Ungarn stammten aus dem Bereich des alten Mesopotamiens und seien Nachfahren der „Sumerer“. Der objektive und kritische (so Paul Lendvai) Kulturhistorker Thomas von Bogyay, bis zu seinem Tode Anhänger der finn-ugrischen These, hat derartige Versuche stets angezweifelt: Man sei auf der Suche nach „ruhmvollen Vorfahren“. Ob die DNA-Forschung das wichtigste Thema ist, muss zwar bezweifelt werden, jedoch könnte sie neue Erkenntnisse über den Ursprung des „Magyarentums“ zu Tage fördern. Ein Bezug zu einer wie auch immer gearteten „völkischen Politik“ ist auch hier bei objektiver Betrachtung kaum möglich. Vielmehr möchte man (hoffentlich ergebnisoffene!) historsche Forschung bebtreiben.

These 5: Die Tatsache, dass man hinter Viktor Orbán steht, ist ein Beleg dafür, dass man „an die völkische Gemeinschaft glaubt“. Dies ist Ergebnis des seit 2002 erzeugten „völkischen Drucks von oben und von unten“.Die Ungarn glauben an die „Erlösung der Nation“.

Die Wahlanalysen und Umfragen zeigen, dass das Ergebnis der Wahlen und der Sieg der rechten Parteien weniger mit einer einheitlichen Ideologischen Basis, sondern vielmehr mit der Enttäuschung über die vergangenen acht Jahre verfehlter Regierungspolitik erklärbar ist. Marsovszky, die sich in Facebook als „Fan“ des ehemaligen sozialistischen Ministerpräsidenten Ferenc Gyurcsány zu erkennen gibt, versucht jedoch die (auch in den deutschen und österreichischen Medien vorkommende) Kritik an der Politik der vergangenen acht Jahre, die Ungarn 2008/2009 an den Rand des Staatsbankrotts geführt hat, zu verschweigen und argumentiert betont ideologisch. Ziel ist die Diffamierung der – scheinbar einheitlichen – politischen „Rechten“. Der Glaube an die „Erlösung der Nation“ ist in den Köpfen einiger rechter Wirrköpfe durchaus zu finden, charakterisiert jedoch nicht die Mehrheit der Gesellschaft. Belege für ihre Generalkritik an den ungarischen Wählern bleibt Marsovszky schuldig.

These 6: Es gibt einen Beauftragten für „Abrechnung“, der „so lange nicht ruhen darf“, bis die „Schuldigen der letzten acht Jahre eingesperrt werden“. Besondere Zielscheibe ist der ehemalige MP Gyurcsány.

Das Amt eines Kommissars für die Untersuchung von Straftaten und Unrecht der vergangenen acht Jahre gibt es tatsächlich. Freilich hat dieser Kommissar keine Kompetenzen für Strafverfolgung, sondern die Aufgabe, die Akten in den Archiven auf Unregelmäßigkeiten hin zu untersuchen und eventuelle Verfehlungen den Strafverfolgungsbehörden mitzuteilen. Selbst Orbán-kritische Journalisten erkennen an, dass Ungarn in den letzten acht Jahren von beispielloser Korruption geprägt war. Bei deren Aufklärung mitzuwirken, ist Aufgabe des „politischen Aufklärers“, über dessen persönliche Eignung man im übrigen trefflich streiten kann. Tatsache ist, dass auch nach der erstmaligen Abwahl Orbáns im Jahre 2002 ein identisches Amt (wenn auch mit anderem Namen) von den Souialisten eingeführt wurde. Es wurde vom Staatssektretär für Finanzen, László Keller, gehalten (Kritik Marsovszkys damals suchte man vergeblich). Keller erwarb sich schnell den Namen des „für die Anzeigeerstattung zuständigen Staatssekretärs“. Keine der Anzeigen führte zu einem Ergebnis. Schlichtweg falsch ist die Behauptung, der „Chefaufklärer“ Budai habe die Kompetenzen der Polizei.

These 7: Der Moderator von Radio Corax behauptet, die „EU sei etwas, das von Orbán im Wahlkampf als nicht sehr erstrebenswertes für Ungarn angesehen wurde“.

Eine schlichtweg falsche, frei erfundene Behauptung. Orbán sagte einmal vor vielen Jahren, wenn Ungarn den Beitritt nicht schaffe, gebe es auch ein Leben außerhalb der EU. Das Zitat wurde sodann von der Orbán-kritischen Presse in Ungarn aus dem Zusammenhang gerissen und wird bis heute als „Beleg“ für die angeblich EU-feindliche Einstellung der Regierungspartei herangezogen. Im Wahlkampf wurden zwar einzelne Punkte der EU-Politik kritisiert (wie in jedem nationalen Wahlkampf…), dies scheint jedoch der traurige europäische Konsens im mitgliedstaatlichen Wahlkampf zu sein: Alles Gute kommt von uns, alles Schlechte von der EU.

These 8: Ungarn will eine EU-Romapolitik entwickeln, wenn man aber sieht, welche Roma-Politik in Ungarn gemacht wird, könnte das wirklich schief laufen. Ein Beispiel ist ein Urteil, das gegen Roma in Ungarn verhängt wurde. Nachdem es in 2009 zu mehreren Morden an Roma in Ungarn gekommen war (Anm.: Die Verdächtigen, Rechtsradikale, befinden sich in Untersuchungshaft, das Strafverfahren läuft), seien die Roma in Angst gewesen und hätten – laut Marsovszky aus panischer Angst – ein schwarzes Auto beschädigt und dessen Insassen verletzt. Die Roma haben ein Transparent „Tod den Ungarn“ mit sich geführt und sind nun von einem ungarischen Gericht in erster Instanz wegen „Gewalt gegen die Gemeinschaft“ verurteilt worden. Dies ist laut Marsovszky eine Täter-Opfer-Umkehr.

Frau Marsovszky verkennt, dass das Urteil von einem unabhängigen Strafgericht in Miskolc gesprochen wurde und damit kein Auswuchs der „Roma-Politik“ Ungarns ist. Es ist nicht rechtskräftig. Wenn für dieses Urteil jemand zu kritisieren wäre, dann das Gericht. Ob das Urteil Bestand hat, wird sich zeigen. In jedem Fall ist erwähnenswert, dass der Angriff auf das o.g. Fahrzeug von 11 Personen mit Schaufeln, Macheten und Baseballschlägern verübt und laut Urteil durch Rufe wie „Tod den Magyaren“ begleitet wurde. Das Gericht wertete dies als Gewalt gegen eine Gemeinschaft und wendete einen relativ neuen Strafparagraphen an. Der Paragraph soll in erster Linie Minderheiten vor rassistischer Gewalt schützen, wurde nun aber erstmals „gegen“ eine gewalttätge Menge von Roma zur Anwendung gebracht. Es geht also darum, ob auch Minderheiten rassistisch verübte Gewalt begehen können. Dies wird das Berufungsgericht generell und auf diesen Einzelfall hin überprüfen. Bemerkenswert ist aber, dass Frau Marsovszky die gewalttätigen Roma durch die Verharmlosung ihrer Tat in Schutz nimmt, sie seien „in panischer Angst gewesen“. Dies kann durchaus richtig sein, nur war Frau Marsovszky – ebenso wenig wie der Autor dieses Beitrages – nicht vor Ort. Fakt ist, dass die Interviewte das Urteil als Beleg für eine rassistische Politik der „ungarischen Nation“ ansieht. Dies ist in jedem Fall kritikwürdig.

Aus Sicht des Verfassers verfehlen die Anmerkungen Marsovszkys über Ungarn nicht selten die Wirklichkeit. Es wird lediglich das (durchaus existierende) Problem Rassismus und Antisemitismus betont, jedoch der Eindruck erweckt, Ungarn könne darauf reduziert werden. Selbst wenn in ungarischen Medien (genannt sei hier Echo TV) auch antisemitische Töne angeschlagen werden, die in Deutschland und anderswo undenkbar wären und Marsovszky von diesen Stimmen teils wüst beschimpft wird, kann dies nach Ansicht des Verfassers nicht als „Beleg“ für die Denkweise der ungarischen Mehrheit herangezogen werden.  Bei denjenigen, die Ungarn nicht aus eigener Wahrnehmung kennen, kann durch solch einseitige Betrachtungen der falsche Eindruck entstehen, Ungarn sei insgesamt ein rechtsradikales Land. Genau hierin liegt die Mitverantwortung der Kulturwissenschaftlerin für das verzerrte Bild.

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15 Kommentare zu “Zerrbilder: Magdalena Marsovszky im Interview mit „Radio Corax“

  1. Sehr geehrte Damen und Herren,
    Sie schreiben: „Belege für ihre Generalkritik an den ungarischen Wählern bleibt Marsovszky schuldig“.

    Deshalb dachte ich mir, es wäre am besten, wenn ich Ihnen die Liste meiner wichtigsten Publikationen der letzten Zeit zuschicke.

    Weitere Literaturangaben finden Sie unter:
    http://www.forschungsforum.de

    Haben Sie vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!

    Freundliche Grüße, M.M.

    Und hier die Literaturliste:

    Neue völkische Bewegung und Antisemitismus in Ungarn, in: Salzborn, Samuel (Hrsg.) (2006), Minderheitenkonflikte in Europa. Fallbeispiele und Lösungsansätze, StudienVerlag, Innsbruck/ Wien/ Bozen, 201-221 und auszugsweise in:
    http://buecher.hagalil.com/studienverlag/marsovszky.htm.

    „Hat denn diese Rasse – habt Ihr endlich Angst?“. Antisemitismus in Ungarn, in: Wissenschaft und Frieden, interdisziplinäre Wissenschaftszeitschrift für Friedensforschung, Friedensbewegung und Friedenspolitik, Hrsg. Wissenschaft und Frieden e. V., Bonn, 4/ 2008, Jubiläumsausgabe anlässlich des 25-jährigen Bestehens der Zeitschrift, S. 65-69 [http://www.wissenschaft-und-frieden.de/seite.php?artikelID=1511]).

    About Antisemitism in Post-1989 Hungary, in: Comparative Central European Holocaust Studies. Ed. Louise O. Vasvári & Steven Tötösy de Zepetnek. Books in Comparative Cultural Studies, Steven Tötösy de Zepetnek, Series Editor & West Lafayette: Purdue University Press, 2009, 28-39.

    Völkisches Denken, antisemitische Mobilisierung und drohende Gewalt in Ungarn, in: Jahrbuch für Jahrbuch für Antisemitismusforschung, hrsg.
    Wolfgang Benz, 18/2009, Berlin: Metropol, 183-211 und in: http://www.hagalil.com/archiv/2010/03/01/ungarn-3/.

    Die fremde Besatzung ist weg, doch der „Freiheitskampf“ geht weiter.
    Und wo ist der Feind? in: Osteuropa – Schlachtfeld der Erinnerungen.
    hrsg. Thomas Flierl und Elfriede Müller, Berlin: dietz, 2010, 71-90.

    Antisemitism in Hungary. How an Ideology threatens to become violent, in: Antisemitism in Eastern Europe, ed. by Samuel Salzborn &
    Hans-Christian Petersen, Innsbruck: Peter Lang, 2010, 47-65.

    Ethnizität, völkisches Denken und Antisemitismus im Ungarn der Gegenwart,, in: Botsch, Gideon / Kopke, Christoph / Rensmann, Lars: Politik des Hasses. Studien zu Antisemitismus und Rechtsextremismus, Berlin (vbb) 2010, 291-306.

    „Die Märtyrer sind die Magyaren“. Der Holocaust in Ungarn aus der Sicht des Haus des Terrors in Budapest und die Ethnisierung der Erinnerung in Ungarn, in: Die Dynamik der europäischen Rechten. Geschichte, Kontinuitäten und Wandel, Globisch, Claudia/ Pufelska, Agnieszka/ Weiß, Volker (Hg.), Wiesbaden: VS 2010, 56-74.

  2. Danke der Wissenschaftlerin, dass sie sich mit diesem Thema befasst. Wenn sich eine Wissenschaftlerin mit Rassismus und Antisemitismus im heutigen Ungarn auseinandersetzt, dann kann man ihr nicht zum Vorwurf machen, dass Sie dies tut, weil dadurch dieser oder jener Eindruck entstehen kann.
    Wie immer man sich dreht und wie immer man sich wendet. Echo TV wird sogar von der FAZ als Fidesz nahe bezeichnet. Und wenn dann Zsolt Bayer solch ein guter Freund von Orbán dort Juden als stinkende Exkremente bezeichnet und bedauert, dass man in Orgovány nicht noch mehr Linke ermordet hat, dann sollte man M. Marsovszky dankbar sein, dass sie die harte Arbeit auf sich nimmt eine braune Kloake auszuräumen.
    Würde István Bibó heute leben, er würde sicher ein Buch über die „ungarische Hysterie“ schreiben. Was wir heute bei zu vielen Ungarn, die sich in einer hysterischen Gemeinschaft befinden, beobachten können, sie suchen und finden jemanden, um sich von jeglicher Verantwortung entbinden zu können. Da müssen Sündenböcke her.
    Wenn V. Orbán und Fidesz heute in Europa langsam aber sicher als das erkannt werden, was sie sind, dann sollten diese nicht versuchen den Spiegel, der ihnen vorgehalten wird zu zerschmettern. Aber ich fürchte das Weltbild dieser Leute (ich meine jetzt natürlich nicht alle Fidesz-Mitglieder sondern Orbán und seinen engen Kreis, ist geschlossen. Es erklärt und rechtfertigt alles. Echo TV, Zsolt Bayer? Wir müssen halt der Jobbik den Wind aus den Segeln nehmen. Wir sind doch keine Antisemiten, einer der unseren hat sogar eine Chanukkakerze angezündet und die besten Freunde von V.O. sind doch Juden.
    Außerdem haben wir doch 2/3 aller Sitze im Parlament, das ungarische Volk hat eine Wahlkabinenrevolution durchgeführt.
    Danke Magdalena Marsovszky.

  3. Guten Abend, Frau Marsovszky.

    Ich muss Ihnen leider widersprechen. Das französische Recht war bei historischer Betrachtung zunächst (also dem Ursprung nach) gemäß dem ius sanguinis verfasst. Dies jedenfalls seit Einführung des Code Civil im Jahre 1803. 1889 kam das Bodenrechts-Prinzip hinzu. 1998 wurde erneut das Bodenrecht gestärkt.

    Es bleibt jedoch auch nach aktuellem französischem Recht dabei, dass Kinder französischer Staatsbürger automatisch die Staatsbürgerschaft erwerben, und zwar unabhängig vom Geburtsort. Im Ausland geborene Kinder können die Staatsbürgerschaft unter bestimmten Bedingungen ablehnen.

    Somit halte Ihre Ansicht, Frankreich sei dem Ursprung nach ein „Bodenrechts-Land“, für irrig.

    Ich schrieb zudem nur, dass in Deutschland, Österreich und Frankreich „dem Grundsatz nach“ das ius sanguinis gelte. Da in Frankreich das ius sanguinis bis heute seinen Platz hat, ist meine Aussage aus diesem weiteren Grund m.E. zutreffend.

    Ferner ändert die Kritik am ius sanguinis Prinzip letztlich nichts daran, dass es ein europaweit gebräuchliches und anerkanntes Rechtsprinzip ist. Ich hoffe, in diesem Punkt besteht Einigkeit.

    Schönen Abend!

  4. Jetzt hab ich’s:

    „Ein laizistischer Nationalstaat, deren Bürger aufgrund ihrer Geburt auf dem Territorium Franzosen werden, das ist der komplette Gegenentwurf zu der neuen Blut-und-Boden-Ideologie mit Anbetung von Stephanskrone und Bigotterie, wie sie derzeit in Ungarn um sich zu greifen scheint. Aber was wissen schon die Franzosen. Während Orbán in Paris also den „nice guy“ spielte, zeigt diese Episode aus Budapest, von wem Europa wirklich in Bälde präsidiert wird.“
    http://www.pesterlloyd.net/2010_47/47nationaltheater/47nationaltheater.html

    Morgen mehr, jetzt gute Nacht.
    M.M.

  5. Ich empfehle Informationen aus erster Hand.

    http://www.botschaft-frankreich.de/spip.php?article1611

    Damit dürfte der Nachweis geführt sein, dass das ius sanguinis bis heute seinen Platz im französischen Recht hat. Das Bodenrecht wurde 1998 gestärkt.

    Ich sehe also Ihre Ansicht, in Frankreich habe „dem Ursprung nach“ das Bodenrecht gegolten, zum einen nicht bestätigt. Zum anderen halte ich diesen Punkt im Hinblick auf den Kern des Problems (meine These, es handle sich um ein verbreitetes Rechtsprinzip) nicht für entscheidend.

    Ähnliches gilt in Polen, in der Schweiz und in Italien. Italien kennt zudem ausdrücklich den erleichterten Erwerb der Staatsangehörigkeit, wenn Eltern oder Großeltern italienische Staatsbürger waren. Dies scheint auch in Spanien der Fall zu sein (dies konnte ich allerdings nicht verifizieren).

    MfG

  6. Guten Morgen,

    herzlichen Dank für Ihre Antwort.
    Ich spreche von der Blut-und-Boden Ideologie, die eine völkische ist (der Vergleich mit Frankreich hinkt wegen der republikanischen Tradition und des Laizismus). Diese Blut-und-Boden-Ideologie war typisch für Deutschland vor dem II. Weltkrieg und auch für Ungarn. Sicherlich gibt es in Deutschland auch heute völkische Tendenzen, das ist nicht zu leugnen. Aber im Gegensatz zum heutigen Deutschland sind in Ungarn der Nationsbegriff und die ganze kulturelle Konzeption von dieser völkischen Ideologie bestimmt.
    Wenn der stellvertretende Ministerpräsident, Zsolt Semjén die Auslandsmagyaren „meine Blutsbrüder“ nennt, dann ist dies eine Biologisierung von politischen und kulturellen Prozessen, die wissenschaftlich äußerst problematisch ist, da sie Strukturen für Ausgrenzungen von „Anderen“ erschafft.
    Die Ethnisierung der Politik ist in diesem Zusammenhang ein wichtiger Begriff (von Samuel Salzborn). Sie ist in großem Maße dafür verantwortlich, dass in Ungarn der Antisemitismus zum „kulturellen Code“ (Shulamit Volkov) und zur „Weltanschauung“ (Klaus Holz) wurde.
    Ich bin übrigens nicht nur ein Gyurcsany-Fan, sondern auch ein Bajnai-Fan. Und zwar deshalb, weil sie die ersten waren, die nicht ethnisierten.
    Es ist ihnen leider dennoch nicht gelungen, während ihrer Amtszeit von dem Begriff der ethnischen Kulturnation konsequent Abstand zu nehmen. Das ist meine eindeutige Kritik an den letzten acht Jahren.

    Danke übrigens für diese faire Diskussion. Das ist sehr europäisch, das ist mein Stil.

    • Hi,
      das nennen Sie faire Diskussion, wenn „die“ Ungarn und der Antisemitismus in einem Topf geworfen werden und dann mal kräftig gerührt?
      Das ist weder fair noch korrekt.

  7. Nun gibt es wenn ich mich nicht irre viele Israelis deren Eltern, Großeltern aus Ungarn vertrieben wurden, bzw. ausgewandert sind, die den ungarischen Reisepass beanspruchen.
    Das werden wieder völkische und nationalsozialistische Ungarn als Beweis erachten, dass die israelischen Juden Ungarn erobern wollen.
    In Wirklichkeit möchten die einen EU-Pass haben.

  8. Guten Morgen!

    Ich möchte allerdings auf die sog. „Ständige ungarische Konferenz“ von 2010 verweisen. Ich habe Semjén dort so verstanden, als spräche er von „Ungarn“ nicht im ethnischen, sondern im sprachlich-kulturellen Sinne. Ist diese Sichtweise nicht alternativ zu Ihrer „völkischen“ Betrachtung vertretbar und würde sie nicht bedeuten, dass letztlich alle Ethnien, die ungarische Staatsbürger unter ihren Vorfahren haben und sich zum „Ungarntum“ im o.g. Sinne bekennen, erfasst werden? In meinen Augen dürfte das den völkischen Ausgrenzungsvorwurf schwächen. Auch wenn es natürlich Leute gibt, die es völkisch sehen wollen/werden.

    Auch möchte ich darauf verweisen, dass das neue Gesetz nicht nur die Ungarn in den Nachbarländern erfasst. Ich selbst bin deutscher Staatsbürger, lebe in München und könnte sie nach den neuen Vorschriften wohl auch beantragen. Das Bedürfnis danach habe ich jedoch nicht, da ich keine persönlichen Vorteile sehe (anders als ukrainische Staatsbürger und auch rumänische, die sich hierdurch Reiseerleichterungen versprechen).

    Besten Gruß

  9. Zur Information:

    http://www.german-foreignpolicy.com/de/fulltext/57978

    Ungarn übernimmt Praktiken der deutschen Ethnopolitik und erklärt hunderttausende Bürger seiner Nachbarländer zu seinen Staatsangehörigen. Mittel dazu ist das neue ungarische Staatsbürgerschaftsrecht, das mit Jahresbeginn in Kraft getreten ist. Bürger sämtlicher angrenzender Länder erhalten auf Antrag einen ungarischen Pass, sofern sie ungarische Blutsabstammung geltend machen können. Modell ist die Praxis Deutschlands, „Blutsdeutsche“ in Polen und der Tschechischen Republik zu seinen Bürgern zu erklären. Das jetzt in Ungarn in Kraft getretene Staatsbürgerschaftsrecht ist Teil eines Komplettumbaus des Staates durch die Regierung, die mit der baldigen Verabschiedung einer neuen Verfassung völkische Grundsätze zur Grundlage der Budapester Politik für die kommenden Jahrzehnte erheben will. Teil des Umbaus ist das heftig kritisierte neue Mediengesetz, das geeignet ist, jede Opposition zur völkischen Politik dauerhaft zu unterdrücken. Die Regierungspartei Fidesz ist CDU und CSU freundschaftlich verbunden, sie wird von deutschen Parteienstiftungen begünstigt und kann an jahrzehntelange enge deutsch-ungarische Kooperation anknüpfen. Ihr Erfolg offenbart, wie völkische Politik im von Deutschland und seiner Ethnopolitik geprägten Europa auf lange Sicht zum Durchbruch kommt.

  10. Guten Abend!

    Ein meines Erachtens aber in einem wesentlichen Punkt „schiefer“ Ansatz:

    Ungarn „erklärt“ niemanden zu seinem Staatsbürger, sondern verleiht die Staatsangehörigkeit an Antragsteller. Dies tun alle Staaten weltweit nach den für sie geltenden Vorschriften. Und haben völkerrechtlich insoweit auch das Recht dazu.

    Die am Ende erhobene Analyse, es handle sich um die von Deutschland geprägt Ethno-Politik, kann ich nicht nachvollziehen. Wenn es heißen soll, Deutschland bestimme 65 Jahre nach Kriegsende noch immer mit scheinbar völkischen Ansätzen die EU, so halte ich das für falsch und sogar in gehörigem Maße paranoid.

  11. These 3: In die neu geplanten ungarische Verfassung soll die „Heilige Ungarische Krone“ aufgenommen werden. Dies ist eine völkische Lebensraumideologie. Dadurch soll die „organisch gewachsene Einheit“ betont werden.

    Das ist völlig an den Haaren herbeigezogen!

    Die Stephanskrone ist das gerade Gegenteil einer „völkischen Lebensraumideologie“. Hier ein Artikel von 1942 zur Stephanskrone. Der Autor dieses Artikels war nach dem Krieg eine über alle Parteigrenzen hinweg als moralische Autorität anerkannt. Die Zeitung in der das veröffentlicht wurde, gilt als Publikation des christlich-monarchistischen Widerstandes gegen das NS-Regime. Der Herausgeber dieser Zeitung war nach dem 20. Juli 1944 verhaftet und von der Gestapo umgebracht worden.

  12. Pingback: Budapester Zeitung veröffentlicht „offenen Brief“ von István Lovas an die ausländischen Korrespondenten in Ungarn « Hungarian Voice – Ungarn News Blog

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