WELT konstatiert „schallende Ohrfeige für Orban“ – aber kuck mal, wer da spricht…

Die WELT heute zu Ungarn:

http://www.welt.de/aktuell/article12044583/Schallende-Ohrfeige-fuer-Orban-Ungarn-spielt-auf-Zeit.html

Verfasst hat den Beitrag u.a. Gregor Mayer. Er zeichnet – anders als diejenigen Artikel seit gestern, die die Entspannung und die Rückkehr der sachlichen Töne in die Debatte um das Mediengesetz betonen, das Bild einer „schallenden Ohrfeige für Orban“. Der Regierungschef habe sich von José Manuel Barroso „maßregeln“ lassen müssen.

Dass Barroso Ungarn bislang im Wesentlichen um Klärung der strittigen Punkte bat und betonte, die Kommission werde eine unvoreingenommene Prüfung durchführen (ein Vertragsverletzungsverfahren laufe jedoch nicht), wird bemerkenswerter Weise nicht betont.

Hierzu der Standard:

EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso hat die „Zweifel“ seiner Behörde an der Vereinbarkeit des neuen ungarischen Mediengesetzes mit dem EU-Recht bekräftigt. Vor Journalisten forderte er am Mittwoch in Brüssel Regierungschef Viktor Orban zu einer „Klärung“ auf. „Ich hätte gerne von den ungarischen Stellen eine Klärung der Lage und möglicherweise die Beseitigung dieser Zweifel, die bestehen“, sagte Barroso.“

Deutliche Worte, die in der diplomatischen Sprache einiges bedeuten. Dass Ungarns Start in die EU-Ratspräsidentschaft „schlecht war“, betonte selbst Orbán. Aber eine „schallende Ohrfeige“? Zweifel sind angebracht, nicht zuletzt deshalb, weil Teile der Europäischen Politik die Handlungen der EU-Kommission als zu lasch bezeichnen. Hier wird also verhaltene Kritik hochstilisiert. Die (hierfür kritisierte) EU-Kommission ist bislang die einzige europäische Instanz, die durch Sachlichkeit überzeugt und eine Vorverurteilung vermeidet. Umso härter wird die rechtliche Kritik ausfallen, wenn die Prüfung abgeschlossen ist und Verstöße gegen EU-Recht ergibt.

Auf das Ergebnis der Untersuchung zu warten, ist offenbar nicht Mayers Intention. Devise: Lieber ein Hölzchen nachlegen! Ob es die „schallende Ohrfeige“ oder die Garnitur des Artikels ist, Orbán habe sich „mit versteinerter Miene“ die Wort von Barroso angehört – all das gehört zum wohlbekannten Stil des Herrn Mayer und (offenbar auch) seiner Co-Autorin. Die Aussage Barrosos, er sei von der ungarischen Demokratie überzeugt, fehlt – natürlich – in dem o.g. Beitrag. Gefällt ihm und seiner Kollegin etwa nicht, dass die Debatte nun sachlich fortgesetzt wird? Möglicher Weise. Wer Mayer kennt, kann jedoch kaum überrascht sein.

Der Autor von „Aufmarsch – die rechte Gefahr aus dem Osten“ ist für seine seit 1998 gewachsene Antipathie gegen Viktor Orbán und Fidesz  bekannt und (bei vielen) beliebt. Kostenproben seiner Art der Ungarn- und Fidesz-Darstellung aus dem Facebook-Profil der Publikation sind (zum Teil lange vor dem Mediengesetz erschienene) Aussagen zu „König Vickerl von Ungarn“ und Bezeichnung des Landes als „Orbánistan„. Auch von „Rassenjustiz“ ist die Rede, wenn Herrn Mayer das Urteil eines unabhängigen Gerichts in der Republik Ungarn gerade einmal nicht gefällt. Die Richter des Obersten Gerichts wurden als „Herrenreiter-Magyaren im Talar“ bezeichnet.

Besondere Erwähnung verdient Mayers Kommentar vom 25.08.2010 zu einem Beitrag von Zsuzsa Breier, die ebenfalls in der WELT einen Artikel zu Ungarn verfasste und das Land vor allzu pauschalen Vorwürfen der Fremdenfeindlichkeit und des Rassismus in Schutz nahm. Mayer fiel über Zsuzsa Breier mit folgenden Worten her:

Zsuzsa Breier, möglicherweise die nächste Botschafterin Ungarns in Berlin, nimmt in der „Welt“ ihren Orbán gegen die angebliche „Stigmatisierung“ seitens der internationalen Presse in Schutz. Ihre Argumente untermauert sie mit unbelegten und zum Teil entstellten Zitaten diverser Orbán-Kritiker sowie falschen Zahlen. Es… folgt der übliche FIDESZ-Sermon, Orbán habe schon vor der Wende für die Demokratie gekämpft, usw. Dem Leser vorgestellt wird die Essay-Autorin Breier als ungarische Kultur- und Literaturwissenschaftlerin – eine unabhängige Intellektuelle, möchte man meinen. Unterschlagen bleibt die Information, dass Breier in der ersten FIDESZ-Regierungszeit als Kultur-Attaché tätig war – und dass die von ihr geleitete Berliner Gesellschaft zur Förderung der Kultur im erweiterten Europa Veranstalterin war, als Viktor Orbán am Rande seines jüngsten Besuchs in der deutschen Hauptstadt im Juli einen offiziösen Vortrag hielt. Frau Botschafterin in spe verdient sich ihre Sporen!

Quelle: http://www.facebook.com/group.php?gid=313612961788&ref=ts#!/group.php?gid=313612961788&v=wall

Breier wurde übrigens nicht Botschafterin. Und auch Barroso betonte den „Fidesz-Sermon“, Orbán sei ein Kämpfer für de Freiheit gewesen.

Jeder Leser kann sich eine Meinung dazu bilden, wie die Berichterstattung von Herrn Mayer angesichts der oben dokumentierten „Grundtendenz“ zu Ungarn zu bewerten ist. Kurz gesagt: Jeder, der sich nicht dem hysterischen Geschreih anschließt, ist ein Orbán-Propagandist. Diffamierung statt inhaltlicher Debatte, und somit das Mittel, das man allzu gerne (und nicht immer zu Unrecht) der regierungsnahen Presse in Ungarn zum Vorwurf macht.

Was die Ungarn-Berichterstattung betrifft, ist spätestens heute der Nimbus einer „konservativen“ Zeitung gestorben. Herr Mayer und Vertreter seines „Ungarn-Bildes“ täten somit in Zukunft gut daran, nicht jedes Mal zu triumphieren, wenn in der WELT nach seinem Gusto verfasste Artikel erscheinen. Kostprobe aus Mayers Facebook-Profil? Voilà:

Oh weh, oh weh, nur mehr noch drei Tage bis zur gloriosen EU-Präsidentschaft Ungarns, und die konservative „Welt“ schreibt so was! Der geliebte Führer – ein „Pußta-Putin“?

Quelle: http://www.facebook.com/group.php?gid=313612961788&ref=ts#!/group.php?gid=313612961788&v=wall

Ja, die „konservative“ WELT. Als ob man damit mit einer Schubladisierung alles erklären könnte…

Der Leser kann sich hier den Wortlaut der Pressekonferenz vom 7.1.2011 ansehen. Eine „schallende Ohrfeige“ sieht wohl anders aus.

7 Kommentare zu “WELT konstatiert „schallende Ohrfeige für Orban“ – aber kuck mal, wer da spricht…

  1. Wie konnte Gregor Mayer den Ministerpräsidenten von Ungarn derartig herungermachen in der linksradikalen „Die Welt“ (Achtung Ironie!), wo doch Viktor Orbán von Angela Merkel per „arme Person“ gesprochen hat und zum Schluß kam, dass der zweite Sprecher der Bundesregierung sozusagen seine Privatmeinung äußert.
    Es sind Blamagen, die sich häufen, da beschuldigt das Fidesz nahe Hir TV den Londoner Economist das Bild von V.O. manipuliert zu haben und Economist weist nach, wie schlampig Hir TV mit Fakten umgeht. Doch Hir TV fällt es nicht ein die Stellungnahme von Economist zu veröffentlichen.
    Manchmal denke ich, da will man wieder Zustände haben, wie zur Zeit von János Kádár.
    Und jetzt wird da noch das „hysterische Geschrei“ beklagt, anstatt auf die Frage einzugehen, was denn die sachlichen Gründe dieser Kritik sind.
    Man glaubt mit „nationalem Schulterschluss“ alles lösen zu können. Aber wer gewissen konservative ungarische Blogs wie mandiner liest, der kommt darauf, dass auch rechte Anhänger von Fidesz erschüttert sind, über Orbán & Co.
    Geben die auch ein „hysterisches Geschrei“ von sich?

  2. Ach, Herr Pfeifer! In der Tat beklage ich das hysterische Geschrei, denn Kritik macht mir nichts aus.

    Ich selbst habe Kritik geübt. Das wollen und werden Sie jedoch nicht zur Kenntnis nehmen. Denn Sie wollen nur diejenige Kritik als solche geltenlassen, die „in Ihrer Sprache“ verfasst ist. Da steht Ihnen Mayer eben näher als ein Hefty. Ich habe mich daran gewöhnt und freue mich, dass Sie so rege an der Diskussion teilnehmen.

    Mandiner stört mich nicht im geringsten. Und das hat gute Gründe, die Hysterie fehlt. Lesen Sie mal:

    Teljes mértékben bízom és hiszek Magyarország demokráciájában, ez egy demokratikus ország és fontos, hogy ezzel kapcsolatban ne legyenek kételyeink” – mondta José Manuel Barroso pénteken a Parlamentben, az Orbán Viktorral tartott közös sajtótájékoztatóján. Az Európai Bizottság elnöke szerint vizsgálni fogják, hogy a médiatörvény összhangban áll-e az EU jogszabályaival..“

    Quelle: http://mandiner.hu/cikk/20110107_barroso_bizik_a_magyar_demokraciaban

    So etwas werden Sie bei Gregor Mayer vergeblich suchen. Drt ist von „Maßregel“ die Rede. Selbst Sie müssten also feststellen, dass dort etwas anders formuliert wird als es Mayer in seinen Artikeln und v.a. in seinem Facebook-Werbeauftritt tut.

  3. Ich weiß nicht warum Sie mir Gregor Mayer vorwerfen und von wo Sie das nehmen, dass er mir näher steht als Hefty. Heute las ich den Hefty Artikel in Élet és Irodalom und fand darin durchaus annehmbare Gedanken.
    Ich bin nicht einverstanden mit denen die das heutige Ungarn mit Horthys Ungarn gleichsetzen. József Debreczeni erklärt in seinem ausgezeichneten Arcmás, dass die kommende Regierung Orbán ärger ist, als diejenige von Horthy (er schränkt natürlich ein, also nicht die ersten und die letzten Jahre).
    Andererseits schauen Sie sich z.B. das heutige Magyar Hirlap an, da wird ein Stil gepflegt, der hier nur in extrem rechten Blättern üblich ist.
    Dann schauen Sie sich Magyar Demokrata vom 5.1.2010 an und lesen Sie die Polemik von Ernö Raffay gegen die Freimaurer. Und so einer lehrt an einer Universität.

    • Der unsägliche Stil der Hírlap und der Demokrata existiert allerdings nicht erst seit April 2010. Nur um bei den Lesern nicht den Eindruck aufkommen zu lassen, die Bayers und Bencsiks existierten erst, seit „Führer“ Orbán (Zitat Mayer) das Ruder übernommen hat.

  4. Aber warum kritisiere ich Raffay? Das ist ein Fehler, wir finden in Magyar Hirlap, Magyar Demokrata und Echo TV die völkische Ideologie in Reinkultur und das sind Fidesznahe Medien. Also ich nehme meine Kritik zurück.

  5. Natürlich gibt es antisemitische und rassistische Hetze in Fidesznahen Medien nicht nur seit dem 25. April 2010 und ich habe diese bereits früher kritisiert.
    Ich habe meine Kritik an Ernö Raffay zurückgenommen, denn der Mann ist durchaus konsequent. Er war während des Kádárregimes Spitzel der III/III und jetzt hetzt er halt gegen die Freimaurer im Fidesz nahen Magyar Demokrata und Magyar Hirlap. Und diese Hetze ist zum Teil – implizit versteht sich – auch antisemitisch.

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