Budapest: Demonstrationen gegen das Mediengesetz

Am heutigen Tage versammelten sich – nach Presseberichten – rund 10.000 Menschen auf dem Budapester Kossuth-Platz, um gegen das am 1. Januar 2011 in Kraft getretene Mediengesetz zu demonstrieren. Die Protestaktion wurde im wesentlichen über soziale Netzwerke im Internet organisiert. Die Veranstalter betonten, es handle sich nicht um die Veranstaltung politischer Parteien.

http://www.pesterlloyd.net/2011_02/02DemoBudapest/02demobudapest.html

 

Die Teppich-Story: Darf es noch ein Skandälchen sein?

Manchmal muss man einfach lachen.

Ungarn hat einen neuen Eklat. Wenn ich die Verkleinerungsform wüsste, hätte ich die verwendet. Nach der ernsthaften, wenn auch nach Ansicht einiger etwas überhitzten Debatte um das Mediengesetz sucht man in der einen oder anderen Redaktion offenbar nach Themen, um das gerade entstehende Ungarnbild am Kochen zu halten. Und man wird, als guter Trüffelsuchhund, ja auch fündig. Voilà! Wie die Presse heute aufdeckte, liegt eine Provokation sondersgleichen im Ratsgebäude zu Brüssel, ein 202 Quadratmeter großer Ausdruck ungarischen Revisionismus, Größenwahns und Großmachtstrebens. Nein, es sind nicht die ausgebreiteten napoleonischen Pläne der ungarischen Regierung auf Gebietserweiterung.

Es ist?…ein Teppich!

Ein Stück Stoff also, das – so steht es hier – die Geschichte Ungarns in Bildern darstellen möchte. Neben der Kettenbrücke (über die wir wohl alle schon gegangen sind), dem Esterházy-Schloss und der Kaiserin Sissi befindet sich darunter eine Landkarte des ungarischen Königreiches in seinen Grenzen von 1848. Laut der österreichischen Tageszeitung Presse ein Affront! Und eine Provokation Europas.

Die Zeitung teilt uns den historischen Hintergrund wie folgt mit:

Der 202 Quadratmeter große Teppich besteht aus zahlreichen Motiven, darunter auch die Karte von 1848, einem Jahr, als Ungarn Kriege gegen Nicht-Magyaren in ihrem Königreich führten. Damals wurden sowohl Russen, Kroaten, Rumänien, Slowaken als auch österreichische Truppen angegriffen. In Folge führte dies zu kriegerischen Auseinandersetzungen mit Österreich, Russland und Kroatien. Letztlich endete dies im österreichisch-ungarischen Ausgleich.“

Historiker drehen sich im Grabe um. Die Ungarn führten im Jahr 1848 Kriege gegen Nichtmagyaren…und griffen Österreich an? Passt das zur Debatte um das Mediengesetz? Der jahrhundertealte Konsens und die Freundschaft zwischen Ungarn und Österreichern, auch die gute Erinnerung an die liebe Kaiserin Sissi, scheinen vergessen. Nun ist nicht mehr von einem (in allen Geschichtsbüchern, auch bei Lendvai, so bezeichneten) Freiheitskampf der Ungarn gegen die Habsburger die Rede, sondern wird auf blutrünstige Rassisten angespielt, die gegen „Nichtmagyaren“ kämpften.

Freilich liest man nicht, dass es sich um einen Freiheitskampf gegen die Habsburger handelte (der österreichische Kaiser hatte im Oktober 1848 den ungarischen Reichstag aufgelöst, da er die Bestrebungen für eine unabhängige Republik nicht tolerierte). Auch nicht, dass die Habsburger Buda und Pest mit ihren Truppen besetzten (Lesart der Presse: „Ungarn griff Österreich an“…). Und ebenfalls nicht, dass der Aufstand nach zwischenzeitlichen Erfolgen (es kämpften mit den Ungarn übrigens auch Nichtmagyaren, z.B. Polen) mit Hilfe des russischen Zaren Nikolaus blutig niedergeschlagen wurde. Feldzeugmeister von Haynau wird zum Friedensbotschafter? Und Deák, Kossuth, Batthyány, Széchenyi und Andrássy, plötzlich Menschen, die alles „nichtmagyarische“ bekämpften? Und war der ungarische Freiheitsdichter Sándor Petöfi, eigentlich geboren als Alexander Petrovics und damit Slowake, am Ende auch ein identitätsverirrter Faschist? Ganz zu schweigen von den Juden (die nirgends in Europa besser assimiliert waren als in Ungarn, Bevölkerungsanteil ca. 14%) und anderen Minderheiten, die für ihr Land kämpften?

Wir können wohl lange darüber nachdenken, was Die Presse dazu bewegt, uns mit derartigen pseudo-historischen Ergüssen zu beglücken und sogar von Provokation zu sprechen. Im letzten Absatz des Beitrags dann der Ansatz einer Antwort: Trianon, doppelte Staatsbürgerschaft. Dass mit 1848 eine längst verdaute kriegerische Auseinandersetzung zu einem Krieg der Ungarn gegen Nichtmagyaren karikiert wird, die zwischen Österreich und Ungarn, geschweige denn den anderen Nachbarländern, heute kein Thema mehr ist, ist nicht einmal mehr bedauerlich, sondern nur noch lächerlich. Weil aus einem Nichts ein Elefant gemacht wird. Aus einem…Teppich.

Es kommt noch besser:

Der Teppich spiegelt die derzeitige Fidesz-Politik wider, die Träume von Großungarn aufleben lässt“, kritisiert die grüne EU-Abgeordnete Ulrike Lunacek.

Aha. Das wollten wir „politisch Korrekte“ doch alle hören. Ein historischer Teppich, der u.a. Sissi abbildet, eignet sich als als Symbol des Großmachtstrebens. Offenbar gibt es Politiker, die sich für keinen noch so blödoiden Kommentar zu schade sind. Mal unterstellt, die ungarische Regierung hätte tiefere symbolische Absichten verfolgt: Ist ein Teppich, auf dem sich Menschen die Füße abwischen, hierfür wirklich geeignet?

Zum Corpus delicti:

http://www.eu2011.hu/de/ungarische-kulturgeschichte-auf-einen-teppich-getraeumt

http://www.eu2011.hu/news/cultural-history-hungary-carpet

Ergänzung vom 15.01.2011, 10:40Uhr:

Auch der Spiegel , die Frankfurter Rundschau, das Hamburger Abendblatt und sogar die BILD bringen den „Teppich-Skandal“.. Spitzfindig auch der Titel: „Großungarn“-Teppich provoziert Brüssel (Echt? Ganz Brüssel?). Interessant wäre zu erfahren, wer die in Mehrzahl genannten „Kritiker“ sein sollen. Gibt es neben Frau Lunacek noch weitere, deren größtes Problem dieser böse, böse Teppich ist? Wäre interessant zu erfahren, denn die nächsten Wahlen zum EU-Parlament kommen bestimmt.

Es ist natürlich (auch diesmal) reiner Zufall, dass Gregor Mayer, Budapester Korrespondent der dpa (diese wird von o.g. Blättern als Quelle für den „Teppich-Skandal“ angegeben), in seinem Facebook-Auftritt Folgendes zum Besten gibt:

Der „Ungarn-Teppich“ in der Eingangshalle des Brüsseler EU-Ratsgebäudes sorgt für Konsternierung. Kernstück dieses anlässlich der ungarischen Ratspräsidentschaft ausgelegten Bodenschmucks ist die Landkarte des Habsburger-Reiches aus dem Revolutionsjahr 1848. Es ist codierte Irredenta. Ein eigenständiges Ungarn gibt es …erst seit dem Ausgleich von 1867 (wieder) – eine Karte aus jenem Jahr hätte in der Tat Groß-Ungarn gezeigt, und das wäre nun im Herz der EU wirklich nicht gegangen. Aber was hat 1848 im Jahr 2011 zu suchen?“

Ja, die Agenturarbeit ist wirklich sehr objektiv. Ein isoliertes Stück eines Teppichs, der u.a. auch Sissi abbildet, als codierte Irredenta? Manch einer ist in seiner Welt offenbar so gefangen, dass er alles nur noch durch eine Brille wahrnimmt. Womöglich glaubt Mayer wirklich, dass Hinweise eines kleinen, den Europäern weitestgehend unbekannten Landes auf die eigene Geschichte verboten sind, nur weil die Lunaceks dieser Welt sich davon in ihrer selbstdefinierten „political correctness“ angegriffen fühlen könnten. Könnte es sich nicht nur um eine Darstellung der Geschichte handeln?

Ich zweifle daran, dass ohne die o.g. Beiträge sich irgend jemand an diesem Stück Stoff gestört hätte. Aber dafür brauchen wir ja die „Übersetzer“, die uns mitteilen, was wirklich gemeint war, nicht wahr?

Der Spiegel: Ice-T darf rappen

Der Spiegel berichtet heute über die Einstellung des von der ungarischen Medienbehörde NMHH eingeleiteten Verwaltungsverfahrens gegen den kleinen Radiosender Tilos Rádió.Das Verfahren war eingeleitet worden, weil der Sender in den Verdacht geraten war, gegen Jugendschutzvorschriften des Mediengesetzes von 1996 (alte Rechtslage) verstoßen zu haben. Tilos hatte im Herbst 2010 den Song It´s on von Ice-T vor 21 Uhr und damit gespielt und damit den Anfangsverdacht eines Verstoßes gegen § 5/B des Gesetzes begründet. Es habe der  Verdacht bestanden, dass die im Song verwendete Sprache die Entwicklung Jugendlicher stören könnte. Dieser Verdacht, so die Behörde, habe sich nun – nach der Anhörung und Durchführung einer mündlichen Verhandlung – nicht bestätigt: Die Slang-Sprache werden im Regelfall nicht verstanden. Dies führte zur Einstellung.

http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,739290,00.html

Die Einleitung des Verfahrens hatte kritische Berichte in Europa, im Zusammenhang mit dem neuen Mediengesetz, hervorgerufen. Man sah „Tilos“ als erstes Opfer der neuen, von der Regierung dominierten Medienbehörde. Diese Befürchtungen haben sich nicht bestätigt.

Dass die Behörde mit ihrem Vorgehen dem Jugendschutz gedient hat, darf man mit einem Fragezeichen versehen: Zwar geht man bei der NMHH davon aus, dass der Song von den ungarischen Jugendlichen nicht verstanden wird. Zuvor hatte man jedoch das Stück auf ungarisch übersetzen lassen. Über die Internetseite von Tilos Rádió, wo man das behördliche Schreiben der Behörde der Öffentlichkeit zugänglich machte, kann spätestens jetzt jeder Jugendliche in Ungarn erfahren, was Ice-T so singt. 🙂

Deutschlandradio-Interview mit Ádám Fischer

Der ungarische Dirigent Ádám Fischer im Interview mit Deutschlandradio Kultur zu seiner heute an das EU-Parlament übergebenen Petition „An die Künstler in Europa und in der ganzen Welt“.

http://www.dradio.de/aodflash/player.php?station=3&broadcast=348687&datum=20110111&playtime=1294733365&fileid=a690d078&sendung=348687&beitrag=1362041&/

Die Welt hat Herrn Fischer zu dem Thema ebenfalls interviewt:

http://www.welt.de/kultur/musik/article12073628/Rassismus-ist-in-Ungarn-salonfaehig.html

Das nachhören und nachlesen beider Beiträge empfehle ich.