Kulturstaatssekretär Géza Szőcs über den „Philosophenskandal“ – Kritik an Magyar Nemzet

Die Népszabadság Online veröffentlicht heute den kurzen Ausschnitt eines Interviews von Kulturstaatssekretär Géza Szőcs bezüglich des sog. „Philosophenskandals“, das in der Zeitung „Vasárnapi Hírek“ erschienen ist:

http://nol.hu/belfold/20110228-szocs_geza_a__filozofusugyrol_

Der – selbst schriftstellerisch tätige – Staatssekretär wird von Antifaschisten schon mal als „Kultursäuberer“ bezeichnet. In der Népszabadság heißt es u.a.:

„Ich glaube nicht, dass man das Land zu einem Schlachtfeld des Kulturkampfes machen sollte, ganz egal wer und wie lange jemand an der Regierung ist” – sagte Géza Szőcs der Vasárnapi Hírek. Der Kulturstaatssekretär des Humanministeriums hob im Zusammenhang mit dem „Philosophenskandal“ hervor: Ich halte Ágnes Heller und Mihály Vajda „für Denker, die mit ihren bedeutenden geistigen Leistungen das Prestige und das Renommée unseres Landes gefördert haben.

Ich freue mich gar nicht darüber, dass eine solche Routineuntersuchung, die noch nicht abgeschlossen ist, zu einer Situation geführt hat, die geeignet ist, Intellektuelle herabzuwürdigen, die zu Vorurteilen ihnen gegenüber oder gar zu Vorverurteilungen führt … Ich bedaure, dass die laufende Untersuchung dazu geführt hat, dass Tatsachen zu früh an die Öffentlichkeit gelangt sind, die man nur im Rahmen einer vollständigen Aufarbeitung des Sachverhaltes vor die große Öffentlichkeit hätte bringen dürfen. Es war ein voreiliger Schritt.”

Die Kritik des Staatssekretärs geht in die Richtung der Tageszeitung Magyar Nemzet, die als erste über den Verdacht der Zweckentfremdung von Fördergeldern berichtet hatte. Die Opposition sowie in- und ausländische Presseorgane des linken und liberalen Spektrums setzen die Berichte der Tageszeitung seit Wochen mit einer „Regierungskampagne“ gleich und sprechen mitunter – obwohl gar keine Anklage erhoben wurde und der Ausgang des Verfahrens völlig offen ist, von „Schauprozess“.

 

Die ZEIT zum Mediengesetz: „Ungarns Komplizen“

Die ZEIT vom 24.02.2011 enthält einen Beitrag von Alice Bota zum ungarischen Mediengesetz. Die Autorin kritisiert diesmal nicht Ungarn (so schreibt sie jedenfalls), sondern die EU. Dort seien mit den Konservativen „Ungarns Komplizen“ am Werk gewesen, habe man sich doch mit kleineren Änderungen des Mediengesetzes zufrieden gegeben und damit Werte der Union „verraten“.

http://www.zeit.de/2011/09/P-Ungarn-Mediengesetz?page=1

Der Beitrag fasst die Regelungen wie folgt zusammen:

„Die Nachrichtenagentur wurde zentralisiert, Journalisten müssen »ausgewogen berichten«, andernfalls drohen harte Sanktionen; eine Medienbehörde, deren Vorsitzende direkt vom Ministerpräsidenten Viktor Orbán ernannt wird, wacht darüber.“

Es fällt auf, dass Bota behauptet, es drohten „harte Sanktionen“, wenn Medien nicht ausgewogen berichteten. Welche „harten Sanktionen“ dies sein sollen, teilt die Autorin dem Leser jedoch nicht mit. Die Beobachter der Auseinandersetzung um die angeblichen Geldstrafen, die bei Verstößen gegen das Gebot der Ausgewogenheit verhängt werden sollten, wissen freilich seit Anfang Januar 2011, dass es solche „harten Sanktionen“ in Form finanzieller Konsequenzen überhaupt nicht gibt. Diejenigen, die dies seit Ende 2010 behauptet hatten, wollten von ihrer Mitverantwortung an der Verbreitung von Falschmeldungen jedoch nichts wissen und bezichtigten ungarische Politiker bis zuletzt sogar der Lüge, anstatt sich durch Lektüre des § 181 des Mediengesetzes von dessen Inhalt zu überzeugen: Tatsächlich erfassen die im Gesetz vorgesehenen Strafvorschriften das Ausgewogenheitsgebot nämlich gerade nicht. Die „harten Sanktionen“ beschränken sich vielmehr darauf, dass ein Anspruch auf Gegendarstellung geltend gemacht werden kann. So heftig die (Falsch)Meldung – u.a. durch die Deutsche Presseagentur – in die Welt getragen wurde, so gering ist der Eifer, die gemachten Fehler zu berichtigen. Alles – natürlich – im Namen der Pressefreiheit.

Dass das Ausgewogenheitsgebot auch (z.B.) aus dem deutschen Rundfunkstaatsvertrag bekannt ist und somit nichts Diabolisches sein muss, erwähnt die ZEIT-Autorin nicht. Stattdessen wird behauptet, die EU habe ihre eigenen Werte verraten. Dabei hat die Kommission bei nüchterner Betrachtung das getan, was sie im Rahmen ihrer Kompetenzen, die ihr durch die EU-Verträge zugewiesen sind, erreichen konnte. Die „Hütern der Verträge“ ist – zum Leidwesen der Sozialisten, Liberalen und Grünen auf EU-Ebene – keine mit Generalkompetenzen versehene „politische Aufsichtsbehörde“, die Mitgliedstaaten vorführt. Sie ist auf juristische Kritik beschränkt und hatte die Möglichkeit, Verstöße Ungarns gegen die Richtlinie über audiovisuelle Mediendienste zu rügen (und hätte insoweit auch ein Vertragsverletzungsverfahren eröffnen können). Sie hat diese Aufgabe erfüllt. Diejenigen, die laut Sanktionen gegen Ungarn gefordert haben, stammen – wie etwa der österreichische Sozialist Swoboda – übrigens aus Ländern, deren öffentlich-rechtliche Medien nur allzu stark von politischen Interessen durchsetzt sind. So viel zu den „europäischen Werten“.

Dass die deutsche Sozialdemokratie, deren Wortführer Martin Schulz maßgeblich daran mitwirkte, das EU-Parlaments zu einem Volkstribunal gegen die ungarische Regierung zu machen, Miteigentümer eines großen Verlagskonglomerates ist und dort sogar versucht haben soll, auf Inhalte Einfluss zu nehmen, stört diejenigen wenig, die sich über vermeintliche „rechte“ Übermacht in der ungarischen Presse mokieren. Am wenigsten die SPD-Politiker.

Österreich war – wie Deutschland – übrigens eines derjenigen (25!) EU-Länder, die sich im Rahmen der AVMD-Richtlinie gegen den Vorschlag der Kommission, politisch unabhängige Medienbehörden zu schaffen, ausgesprochen hat. Nochmals: So viel zu den europäischen Werten. Politische Einflussnahme scheint für die heutigen Mahner wohl insbesondere deshalb ein Problem zu sein, weil sie von der „falschen“ Richtung ausgeübt werden kann. Inwieweit sich das ungarische Mediengesetz bis heute auf die freie Meinungsäußerung ausgewirkt haben soll, verrät man uns übrigens nicht. An den Inhalten der Pressorgane ist jedenfalls keine Änderung festzustellen.

Pester Lloyd berichtet über Gyurcsány Rede zur Lage der Nation

Der Pester Lloyd berichtet über die Rede zur Lage der Nation, die der Ex-Ministerpräsident Ferenc Gyurcsány am 18.02.2011 im Grand Hotel Royal in Budapest vor ausgewähltem Publikum hielt:

http://www.pesterlloyd.net/2011_08/08gyurcsanyRede/08gyurcsanyrede.html

Zu den Gästen gehörten Teile der MSZP, insbesondere solche, die seit der Wahl 2010 etwas in den Hintergrund gedrängt wurden (z.B. Pál Steiner und Zoltán Szabó), ebenso wie der „Orbán-Biograf“ József Debreczeni.

Die Rede in ungarischer Sprache: http://kapcsolat.hu/video/gyurcsany_ferenc_evertekelo_2011

Bemerkenswert ist, dass Viktor Orbán, der diese Art politischer Rede in Ungarn etablierte und auch nach seiner Abwahl 2002 weiter führte, hierfür von der ungarischen Linken und Teilen der in- und ausländischen Presse heftig kritisiert worden war. Immerhin hatte Orbán jedoch die eigene Partei hinter sich, was man von Gyurcsány nicht gerade behaupten kann. Gyurcsány sieht sich nach wie vor dazu berufen, die MSZP zu modernisieren. Klassische sozialdemokratische Werte in der Wirtschaftspolitik findet man bei ihm jedoch vorwiegend dann, wenn es darum geht, potenzielle Wähler anzusprechen – die Regierungsjahre waren von einem neoliberalen Kurs geprägt.

Wohnungsbauförderung à la MSZP: Ehemaliger Staatssekretär erwarb Dienstwohnung für ein Drittel des Wertes

Der ehemalige Staatssekretär des ungarischen Verteidigungsministeriums, László Fapál, soll nach Presseberichten eine vom Ministerium erworbene Dienstwohnung (ca. 150 qm Wohnfläche, 4,5 Zimmer) im Jahr 2006 u ungewöhnlich günstigen Konditionen erworben haben.

Die Wohnung im Budapester Stadtteil Zugló wurde vom Ministerium im Jahr 2005 für einen Betrag von 65 Mio. Forint erworben. Unverzüglich nach dem Erwerb konnte Fapál das Objekt für eine (ungewöhnlich günstige) monatliche Miete in Höhe von 12.000 Forint (beim damaligen Wechselkurs etwa 50 EUR) bewohnen. Als seine Tätigkeit als Staatssekretär etwa ein Jahr später endete, habe er die Wohnung im Juli 2006 für etwa ein Drittel des Kaufpreises – 22 Mio. Forint – erworben. Fapál, der seit 2006 als Berater für das Ministerium tätig war, befindet sich seit Ende 2010 in anderer Sache in Untersuchungshaft.

Quelle: http://www.hirtv.hu/?tPath=/view/videoview&videoview_id=12104

Das Verteidigungsministerium geriet im Frühjahr 2010 mit mehreren Korruptionsskandalen in die Medien, die sowohl Immobiliengeschäfte als auch Unregelmäßigkeiten bei der Beschaffung betroffen haben sollen. Bargeld sei unter anderem in „Whiskyverpackungen“ an Begünstigte überbracht worden. Die Untersuchungen dauern an. Der frühere Minister, Ferenc Juhász, der das oben genannte Immobiliengeschäft persönlich genehmigt haben soll,  erschein auf einer Sitzung des zuständigen Untersuchungsausschusses nicht.

Zoltán Kocsis: „Schon der kleinste Rassismus ist ekelhaft“

Zoltán Kocsis, musikalischer Leiter der Ungarischen Nationalen Philharmoniker, hat der ungarischen Wochenzeitung HVG ein Interview zur Situation im Land gegeben. Es knüpft an dem vor kurzem erschienenen SZ-Interview an, welches – auch in Ungarn – hohe Wellen schlug.

Zoltán Kocsis: Schon der kleinste Rassismus ist ekelhaft

In Ungarn gibt es genauso viel Rassismus, Antisemitismus und Antiziganismus, wie in jedem beliebigen anderen europäischen Land. Schon der kleinste Rassismus ist zu viel und ekelhaft, aber es gibt ihn. Trotzdem kann man nicht ein ganzes Land dafür in die Nachrichten bringen oder mit Schlamm bewerfen“ – sagte Zoltán Kocsis, der weltbekannte Pianist und musikalische Leiter der Ungarischen Nationalen Philharmoniker, der hvg.hu.

hvg.hu: In dem von der Magyar Narancs veröffentlichten Artikel „In den Stunden der Übelkeit“ regte sich der Autor über Ihr Interview mit der Süddeutschen Zeitung auf. Ihm gefiel gar nicht, dass Sie sagten, Sie fühlten sich wohl in Ungarn. Sogar auf der Titelseite des Blattes verwies man darauf, dass Sie „gezählt“ hätten, wie viele Juden und wie viele Zigeuner in Ihrem Orchester spielen. Was sagen Sie dazu?

Zoltán Kocsis: Meiner Meinung nach sind in dieser aufgeheizten Stimmung, die derzeit in Ungarn vorherrscht, alle verrückt geworden. Ich muss mich für das, was ich der deutschen Zeitung gesagt habe, nicht schämen, das sollten vielmehr diejenigen tun, die aus dem Ausland unser Land und unser Volk verleumden, indem sie zu ausländischen Journalisten rennen. Ich brauchte drei Stunden meiner Zeit dafür, den einen Journalisten davon zu überzeugen, dass Ungarn nicht die Hölle oder – wie es ein englischer Journalist schrieb – ein widerliches kleines Land ist, aus dem es übel riecht.

hvg.hu: András Schiff, der in der Washington Post zum Ausdruck brachte: „als freiheitsliebender Künstler betrachte ich mit Sorge, dass im Bezug auf Ausgrenzung, die Aggression gegenüber Minderheiten und die Intoleranz, Ungarn in Europa sehr weit vorne liegt“, wurde von Ihnen nach Budapest eingeladen, er solle die Nationalen Philharmoniker dirigieren. Hat er die Einladung angenommen?

Z.K.: Leider hat er noch nicht geantwortet. Auch ich bin freiheitsliebender Künstler, aber was András Schiff und Ádám Fischer behaupten, ist schlichtweg nicht wahr. In Ungarn gibt es genau so viel Rassismus, Antisemitismus und Antiromanismus – das letztgenannte Wort habe ich von Károly Bari gelernt – wie in jedem beliebigen europäischen Land. Schon der kleinste Rassismus ist ekelhaft und zu viel, aber es gibt ihn. Überall. Dafür kann man aber nicht ein ganzes Land in die Nachrichten bringen und mit Schlamm bewerfen. Tatsache ist, dass man die Lage in Ungarn im Ausland – und das ist naturgemäß so – zu stark vereinfacht darstellt: „die Ungarn“. Diese vielen Skandale, die üblen Aussagen werfen ein schlechtes Bild auf das Land, und ich möchte es nicht zulassen, dass mein Land, das auch das von András, Ádám und György Konrád ist, von irgend jemandem durch den Schmutz gezerrt wird! Ich kann es einfach weder verstehen noch nachvollziehen, warum man ein Land mit solchen Vorzeichen niedermacht, nur weil ein paar einflussreiche Politiker nun etwas weiter weg von den Fleischtöpfen sitzen. So wird zum Beispiel wegen einiger, nicht einmal besonders wesentlicher Punkte im Mediengesetz völlig überflüssiger Aufruhr veranstaltet.

hvg.hu: Wo wir schon bei der Politik sind, wie bewerten Sie die Wahl im vergangenen Jahr?

Z.K.: Die Gesellschaft hat nicht für die beiden schönen Augen des Viktor Orbán gestimmt, und auch nicht gegen Ferenc Gyurcsány. Man hat die Ergebnisse der vergangenen vier bzw. acht Jahre bewertet. Die Gesellschaft hat genug von Kriminalität, von den Feindseligkeiten, aber vor allem genug von dem Auseinanderdriften der Gesellschaft. Es wäre gut, endlich in die gleiche Richtung zu gehen, was man auch als wirtschaftliche, kulturelle und moralische Erholung bezeichnen könnte. Das spiegeln die Wahlergebnisse wider, die Menschen wollen eine einheitliche Regierung.

hvg.hu: Der Süddeutschen sagten Sie, Ungarn sei ein Sozialstaat geworden. Was meinen Sie damit?

Z.K.: Dass die Menschen sich um einander kümmern. Trotz aller Probleme, die das Land belasten, denke ich, dass der Begriff „Mensch“ jetzt mehr bedeutet, als in den Jahren zuvor.

hvg.hu: Manch einer titelt vom Kulturkampf, andere visionieren, dass Ungarn zur kulturellen Wüste zu verkommen droht. Wenn das auch übertrieben ist, so will die Regierung doch zweifellos ihren eigenen Geschmack etwas stärker der  Gesellschaft aufzwingen. Wie sehen Sie die Lage im Inland, vor allem, so weit es die Kultur betrifft?

Z.K.: Jede Regierung ist mutig, wenn es darum geht, die Kultur anzufassen, vor allem wenn die Kürzungen vornimmt, denn sie weiß, dass dies kurzfristig keine Folgen hat. Und es ist offenkundig auch nicht das Wichtigste für diese Regierung, die Kultur blütenweiß zu waschen, ich denke aber, trotz allem, dass man sehr genau hinsehen muss. Wenn ich nur unser Haus ansehe, so hat man uns in den vergangenen acht Jahren 300 Mio. Forint (über eine Mio. EUR) weggenommen, was wir als Staatsbürger mit Geduld ertragen haben, aber selbst wenn dem nicht so gewesen wäre, hätte es wohl keine Probleme bereitet; denn der Durchschnittsbürger hält Kultur für so etwas wie den Überbau. Er hält sie nicht für unbedingt notwendig, und das wissen auch die Politiker sehr genau. Die negativen Folgen nimmt man später wahr, nämlich dann, wenn solche Werte, die heute noch sehr wettbewerbsfähig sind und für die man uns in der Welt wahrnimmt, vollständig dem Boden gleich gemacht wurden. So ein Wert ist offenkundig die Musik!

hvg.hu: Wie fühlen Sie sich in Ungarn, als Privatperson und als Maestro – Pianist –  und Lehrer?

Z.K.: Ich fühle mich sehr wohl in meiner Haut, und ich glaube, dass ich ein normaler, anständiger Bürger bin. Ich komme gerade von einer Tour in Deutschland zurück, während der wir zehn Auftritte hatten; ich habe mit großem Erstaunen festgestellt, welch großes Publikum wir, die  Nationalen Philharmoniker, haben. Wir sind eine Truppe, in der seit sehr langer Zeit genau die Gespräche stattfinden, die es in der Gesellschaft noch nicht gibt, und deren Ausbleiben zu Leid für das ganze Land führt, und die zu jenen Vorstellungen führen, die es im Alltag gibt. Die politischen Lager verfluchen sich gegenseitig aus genau diesem Grund, und die Menschen haben genug davon. Wenn irgend etwas in Gang gesetzt wird, so sagt die andere Seite sofort, das sei schlecht, weil diese Idee nicht von ihr kommt. Wir bei den Philharmonikern kennen uns und die Geschichte des jeweils Anderen, dessen Familie, wir schätzen uns und sprechen miteinander. Und genau aus diesem Grund ist die Frage, woher man kommt, ein natürlicher Zustand, keine Quelle von Konflikten. Niemand hält den Bogen besser oder bläst ein Instrument schöner, weil er aus einer bestimmten Familie stammt, sondern deswegen, weil er begabt ist. Aber wenn er aus einer bestimmten Familie stammt, dann bereichert er damit unsere gemeinsame Kultur, und es wäre schade, darauf zu verzichten!

hvg.hu: Es hat ziemliche Misstöne ausgelöst, als Sie sagten, dass im Orchester elf jüdische und elf Musiker mit Romaabstammung arbeiten, und so lange man Ihnen nicht sage, diese Menschen müssten entlassen werden, glauben Sie nicht an solche Sachen…

Z. K.: Ich hatte gerade schon darauf hingewiesen, dass wir im Orchester all das angesprochen und ausdiskutiert haben, was in der Gesellschaft noch keinem Dialog zugänglich war. Die Nationalen Philharmoniker sind die perfekte Abbildung der Landesbevölkerung. In diesem Land leben sehr viele begabte Menschen, unabhängig von ihrer Herkunft, und dies ist eine der größten Reserven unseres Landes, und Bedingung für genau jenes künstlerische Niveau, welches wir verkörpern. Ich glaube an die Vermischung, die „Reinrassigkeit“ ist der größte Blödsinn, den es gibt. Wir im Karpatenbecken sind das beste Beispiel. Wie viele Nationen haben sich hier vermengt? Diesem Umstand können wir es verdanken, dass wir überlebt haben, und dass die Welt uns als begabtes Volks kennt. Allerdings auch als streitsüchtiges… Wenn die Welt sich so weiterentwickelt – da sind wir keine Ausnahme – gibt es in ein paar Jahrhunderten vielleicht gar keine Araber, Schwarzen oder Chinesen mehr, sondern nur Menschen. Ich respektiere jeden Mitmenschen, ich erwarte allerdings im Gegenzug auch, dass er mein Gewissen, meine Reizschwelle und auch meine Toleranz nicht herausfordert.“

Quelle: http://hvg.hu/velemeny/20110225_kocsis_zoltan

ARTE-Beitrag „Nationalismus in Ungarn“

Ein etwas älterer Beitrag auf ARTE über den „Nationalismus in Ungarn“:

http://videos.arte.tv/de/videos/nationalismus_in_ungarn-3622804.html

Wenn man sich die Worte des befragten Zeitungsredakteurs und des Rabbiners anhört, so scheinen beide ein deutlich differenziertes Bild von der Lage in Ungarn zu zeichnen als man im deutschsprachigen Raum zu lesen bekommt. Beide erwecken – trotz ihrer berechtigten Kritik an rechtsradikalen Tendenzen, die es zweifelsfrei gibt – nicht den Eindruck, in Ungarn hätten „Antisemiten das Sagen“ und müssten sich „Juden wieder fürchten“, wie es der in Deutschland lebende Nobelpreisträger Imre Kertész und die deutsche Presse im Jahre 2009 zum Ausdruck gebracht hatte (vgl. hier). Es wäre interessant zu erfahren, woher diese unterschiedliche Wahrnehmung kommt.

Neue Verfassung: Erhält das Verfassungsgericht seine alten Befugnisse zurück?

Aktuellen Presseberichten zufolge bestehen gute Chancen, dass die von der Fidesz-Parlamentsmehrheit im vergangenen Jahr beschränkten Befugnisse des ungarischen Verfassungsgerichts in der neuen Verfassung  im Wesentlichen wieder auf das alte Maß ausgedehnt werden. Dies bestätigte Gergely Gulyás, der stellvertretende Vorsitzende der Kommission zur Vorbereitung der Verfassung.

Die Beschränkung der Befugnisse des Verfassungsgerichts hatte im vergangenen Jahr für großen Aufruhr gesorgt. Nachdem das Gericht eine gesetzlich eingeführte und fünf Jahre rückwirkend geltende „Strafsteuer“ auf Abfindungen von öffentlichen Bediensteten für verfassungswidrig erklärt hatte, wurde das Gesetz mit Änderungen neu beschlossen, zugleich dem Gericht aber die Befugnisse, Budgetregelungen am Maßstab der Eigentumsfreiheit zu prüfen, entzogen. Seitdem sind Verstöße von Steuervorschriften gegen dieses (insoweit wichtigste) Grundrecht vor dem Verfassungsgericht nicht mehr justitiabel.

Gulyás betonte, die damalige Regelung sei aus einer Notsituation heraus entstanden. Es sei geplant, die Befugnisse wieder zu erweitern, lediglich eine präventive Normenkontrolle (d.h. eine verfassungsrechtliche Prüfung vor dem Inkrafttreten eines Gesetzes) solle dauerhaft entfallen.

Die Zugeständnisse durch die Fidesz-Mehrheit im Parlament werden als Zugeständnisse an die Opposition, insbesondere an die LMP, gewertet. Ob die (kleinste) Oppositionspartei an den Verhandlungstisch zurückkehrt und sich an der Verfassungsdebatte beteiligt, ist derzeit noch nicht klar. Auch die MSZP reagierte positiv auf die Mitteilung.

Béla Tarr distanziert sich vom „Tagesspiegel“-Interview

Der auf der Berlinale mit dem Großen Preis der Jury ausgezeichnete Regisseur („Das Pferd aus Turin“) Béla Tarr hat sich ausweislich eines Berichts de Nachrichtenagentur MTI von dem Inhalt eines vom Berliner „Tagesspiegel“ mit ihm gefertigten Interviews distanziert. Das Portal Origo veröffentlichte heute folgenden Beitrag:

Béla Tarr distanziert sich von dem mit ihm gefertigten Interview

„Ich sehe mich gezwungen, mich von dem in der Online-Ausgabe des Berliner Tagesspiegels am 20. Februar erschienenen Interview zu distanzieren“ – teilte Béla Tarr der MTI mit. Der Regisseur reagierte damit auf ein mit ihm gefertigtes Interview, in dem ihm Aussagen zugeschrieben wurden, in denen er die Kulturpolitik der Regierung streng bewertete, und unter anderem gesagt haben soll, dass „die Regierung gehen muss“.

Wir baten den sich in Berlin aufhaltenden Regisseur, dass er uns erläutern möge, welche seiner Aussagen unrichtig oder aus dem Zusammenhang gerissen zitiert wurden, hierauf wollte er jedoch nicht antworten. „Die Geschichte ist damit für mich abgeschlossen. Ich habe mich heute mit dem Journalisten, der den Artikel geschrieben hat, getroffen, danach habe ich die Pressemitteilung veröffentlicht, in dieser ist alles, was ich zu sagen habe, enthalten. Ich hoffe, dass der Tagesspiegel meine Mitteilung ebenfalls veröffentlicht“ – sagte Tarr dem Online-Portal Origo.

„Der Stil des Beitrags ist nicht meiner. Ich bin keiner, der auf so eine Art und Weise kämpft, streitet oder argumentiert. Ich halte es für schändlich, dass all das den Erfolg und die Akzeptanz unseres Films beschmutzt, und ihn auf das Niveau der Tagespolitik herabsetzt“ – sagte Tarr, dessen Film „Das Pferd aus Turin“ mit dem Jurypreis ausgezeichnet wurde, der MTI.

Die jetzt von Tarr herausgegebene Erklärung folgte einem Interview mit Kulturstaatssekretär Géza Szőcs mit dem Nachrichtensender HírTV am Sonntag Abend, in der dieser sich dahingehend äußerte, Tarr habe ihm mitgeteilt, er sei vom Tagesspiegel falsch interpretiert worden. Der Staatssekretär meinte, Béla Tarr sei von dem Vorfall erschüttert. Nach Auffassung Szöcs´ sei die Stimmung in Berlin derzeit eben derart hysterisch. „Die liberalen ungarischen Intellektuellen denken, ihre Existenz sei bedroht. Das stimmt jedoch nicht“ – so der Staatssekretär.

Am Montag meldete sich auch der Verband ungarischer Produzenten in der Sache zu Wort. Die Organisation teilte der MTI mit, sie gratuliere zum Erfolg des „Pferdes aus Turin“, man stimme jedoch nicht mit der auf der Pressekonferenz des Preisträgers nach der Berlinale verlautbarten Meinung überein, weil diese „nicht die wahre Situation der Branche“ widerspiegele. „Wir bitten Béla Tarr, dass er auf jeder internationalen Plattform kundtue, dass er nur seine eigene Meinung zum Ausdruck gebracht habe. Es ist bedauerlich, dies aus dem Munde eines Filmemachers zu hören, der auch in letzter Zeit noch wesentlich durch den ungarischen Staat gefördert wurde, damit er seine Filmpläne verwirklichen kann“ – betonte Gábor Kálomista, der Präsident des Verbandes ungarischer Produzenten.“

http://www.origo.hu/filmklub/blog/hir/20110221-tarr-bela-elhatarolodik-a-neveben-a-tagesspiegelben-megjelent-interjutol.html

Balázs Gulyás, der Geschäftsführer der Produzentenvereinigung MOKÉP teilte als Reaktion auf das Tagesspiegel-Interview mit, für die finanzielle Lage der ungarischen Filmbranche unter anderem die Tatsache verantwortlich, dass die Regierung Gyurcsány ein Jahr lang die zugesagten Fördermittel nicht ausgezahlt habe. Auch von der Regierung Medgyessy erteilte Förderzusagen seien nicht eingehalten worden. Diese Tatsache sei von Tarr in seinem Interview aber nicht erwähnt worden.

Der Tagesspiegel-Journalist Jan Schulz-Olaja wollte sich gegenüber dem ungarischen Fernsehsender ATV (noch) nicht dazu äußern, ob das Blatt eine Richtigstellung veröffentlichen werde. Unter Hinweis auf seine fehlenden ungarischen Sprachkenntnisse weigert sich Schulz-Olaja auch, zur Sache konkrete Angaben zu machen, bevor man ihn nicht in für ihn verständlicher Weise von dem MTI-Bericht informiere. Auch die Frage, ob ein Tonband von dem Gespräch mit Tarr gefertigt worden sei, ließ Schulz-Olaja laut ATV offen.