János Lázár und sein Dienstwagen: Ein Boulevardthema. Oder doch nicht?

Lassen Sie uns ein wenig den Boulevard beschreiten:

Es ist eines der Reizthemen in der ungarischen Politik. Welcher Politiker fährt welches Fahrzeug? Und vor allem: Ist das Fahrzeug, im Hinblick auf die Situation des ungarischen Durchschnittswählers, angemessen? Oder wird es den Budapester Straßen gerecht – hm, dann wären wohl nur noch SUVs unterwegs.

Anders als in der Bundesrepublik, wo sich die Bürger an die hubraumstarken Panzerlimousinen der Regierungsmitglieder in Bund und Land gewöhnt haben und „Aufreger“ darüber in der Boulevardpresse schnell verpuffen (die „Dienstwagenaffäre“ von Gesundheitsministerin Ulla Schmidt vermochte lediglich das Sommerloch zu füllen), verursacht der Blick auf den Fuhrpark ungarischer Politiker nicht nur Aufruhr in der  Boulevardpresse. Woran es wohl liegen mag? Identifizieren sich die Bundesbürger eher mit den großen Limousinen Made in Germany? Wohl ja. Und mal ehrlich: Wie sähe es denn aus, wenn die Kanzlerin mit einem Renault oder gar einem Fiat zum Bundestag chauffiert würde? Hierzulande gilt: Du bist, was Du fährst. Oder – aus Sicht der Hersteller – Du bist was, wenn Du Hoflieferant wirst: Aus diesem Grund stehen auch die deutschen Hersteller Schlange, um das Product Placement ihrer Fahrzeuge über die Führungselite in Politik und Wirtschaft unter das Volks zu bringen. Nur Porsche hat es nicht geschafft…aber hier gilt auch: Wie sähe es denn aus, wenn…

Ein ganz anderes Bild 700 km weiter östlich. Budapest. Von Identifikation mit der eigenen Autoindustrie ist hier wenig zu spüren. Woher auch, Audi, Suzuki (ok, bad example) und bald auch Mercedes sind vor Ort, als nationales Kleinod werden der Stern oder auch die vier Ringe jedoch nicht angesehen. Es herrscht der Neidkomplex: Seit Jahren, insbesondere seit der vermeintlich „zügellosen“ (nicht von anderen Perioden zu unterscheidenden) Dienstwagenpraxis in der ersten Regierung Orbán (Gyurcsány im Fernsehduell 2006: „Sie hatten zwanzig Autos, Herr Orbán, ich habe nur eins“) ist der vermeintliche Luxus der Politik, personifiziert im Dienstwagen, dem Rennpferd des 20. und 21. Jahrhunderts, eine gesellschaftliche Debatte wert. Seit mehr als 10 Jahren wird die jeweilige Regierung von der Opposition für ihre teuren Fahrzeuge kritisert, in einer Art und Weise, dass es mitunter (bzw. fast immer) lächerlich wirkt. Da wird ein VW Passat oder ein Citroen C6 schon mal zum „Luxusauto“; der Zuhälter im VIII. Stadtbezirk würde freilich nur müde lächeln. Hauptsache war und ist, man kann den Gegner diffamieren. Als integer gilt nur derjenige, der die dienstlich gefahrenen Strecken mit seinem Privatauto zurücklegt oder bekennt, nur einen ungebremsten Anhänger zu besitzen (wie es der ehemalige MSZP-Finanzminister und schwerreiche Buntmetallhändler János Veres tat).

Gerade Fidesz hat in der Phase der vergangenen 8 Jahre jede Möglichkeit genutzt, aus der – oft genug vorliegenden – Verschwendungssucht der sozialistischen und liberalen Eliten politisches Kapital zu schlagen. Die Botschaft war stets: Wir sind anders. Und natürlich drehte es einem bei Auftritten sozialistischer Jungpolitker, die sich mit bierernster Miene an einem Marsch zum Gedenken der im 2. Weltkrieg ermordeten ungarischen Juden beteiligen, dabei Witze rissen und mit ihren Dienstwagen prahlten (János Zuschlág, Gergely Arató) den Magen um. Hier gaben sich Emporkömmling, nicht Staatsmänner, die Ehre. Wer so etwas sieht, der vergisst schnell, dass ein Politiker – ob MSZP oder Fidesz – kein Ausbeuter ist, wenn er sich auf Staatskosten von A nach B fahren lässt und dabei noch repräsentativ wirken will.

Es geht – wie so oft – nicht um die Größe des Dienstwagens (bzw. anderer Körperteile), sondern darum, dass  man die eigenen Taten am selben Maßstab misst wie die der politischen Gegner. Derjenige, der mit Gyurcsánys Dienstauto Politik gemacht hat, muss sich konsequenter Weise die Frage stellen lassen, welches Auto er selbst zu fahren gedenkt. Die Büchse der Pandora ist nun eben offen, schließlich ist Wirtschaftskrise, die Menschen müssen um ihre Renten fürchten, die Mehrwertsteuer wird erhöht und die Staatsschulden müssen reduziert werden.

Und da fällt das Bild just auf János Lázár, den Vorsitzenden der Fidesz-Fraktion im ungarischen Parlament. 1975 geboren, hat der Jungpolitiker zusätzlich den Posten des Oberbürgermeisters von Hódmezövásárhely inne (ein früherer Stadtteil ist der Spielort von „Ich denke oft an Piroska„). Und Herr Dr. Lázár legt die dienstlichen Strecken mit keinem geringeren Fahrzeug als einem Audi S8 – selbstredend der Supersportler unter den deutschen Luxuslimos – zurück. 5 Liter Hubraum, V 10, 450 PS. Der Motor, der auch im Lamborghini Gallardo Verwendung findet.

(Quelle: egyenlito.blog.hu)

Man gönnt sich ja sonst nichts! Wäre wohl alles kein Thema, wer aber den Mund so weit aufreißt, der muss sich eben solche Fragen stellen lassen. Wie peinlich diese Entdeckung für die Führungsriege gewesen sein muss, zeigen hilflose Erklärungen wie etwa die, dass Herr Lázár (nach eigenem Bekunden „Autonarr“) das Auto gar nicht selbst ausgewählt habe, sondern sich auf die Meinung der Fachleute verlassen hätte. Die Entscheidung sei danach gefallen, mit welchem Kfz man sicher von A nach B komme und pünktlich sei…nun, der Macher dieses Blogs erreicht auch mit 160 PS sicher und zügig das Ziel. Und das auf deutschen Autobahnen, wo es – anders als in Ungarn – kein Tempolimit von 130 km/h gibt. Zwischen beiden Kfz gibt es sicher solche, die auch für Herrn Lázár angemessen gewesen wären.

Wie immer ist natürlich nicht das Kfz selbst das Problem. Es ist vielmehr die Doppelmoral und Vergesslichkeit hinsichtlich der eigenen, in der Opposition verlautbarten Maßstäbe, die – wenn man einmal am Honigtopf ist – vergessen scheinen. Es geht um Glaubwürdigkeit, Bescheidenheit und Bodenhaftung. Und dieses Thema ist wohl in der Tat einen Blogeintrag wert.

Viktor Orbán legt seine Dienststrecken übrigens mit einem im Vergleich mageren schwarzen VW-Bus (T5) zurück. Vielleicht wäre es ja an der Zeit, die Jungspunde ein wenig zu bremsen.

10 Kommentare zu “János Lázár und sein Dienstwagen: Ein Boulevardthema. Oder doch nicht?

  1. Orbán Viktor im schwarzen VW-Bus (T5)?
    Lázár János im Audi S8 unterwegs? Gemäss Foto scheint der ja auch – passend – schwarz zu sein.

    Das ist eben das Zeitalter schwarzer Karrieristen. Was Dr. Lázár schon geleistet hat, ist doch umwerfend.

    Vorallem staune ich, wie man so erfolgreich Ämter kumulieren kann: Bürgermeister (z.B. auch Kósa L. & Rogán A.) und Fraktionschef im Parlament. Daneben noch Zrt.-Unternehmer („Sparkasse“) und Grossgrundbesitzer (In seiner „Deklaration“ musste er Zusatzblätter kopieren und einfügen für die Liste aller seiner Liegenschaften! http://www.parlament.hu/internet/plsql/ogy_vagyonpub.vagyon_kiir?P_FNEV=/vagyon/2010/l016_j0101231k.pdf&p_cont=application/pdf)

    So ein leuchtender Stern aus der Provinz (Ich denke oft an Piroska…) hat doch einen Audi S8 wohl verdient. Oder etwa nicht? Privat hat er ja – gemäss Deklaration – keinen Wagen… Auch hat er keinen LAPTOP geschenkt bekommen (Im Unterschied zu anderen Deklarationen berühmter Köpfe hat er in der zutreffenden Rubrik keinen LAPTOP eingetragen)!
    Dr. Lázár wird nächstens 36 (Februar). Warum soll in Ungarn so etwas wie von „Hódmezővásárhely zum Millionär“ nicht wahr werden können?

    Das „Programm der Nationalen Zusammenarbeit“ (aktuelles FIDESZ/KDNP-Regierungsprogramm, H47/2010 MÁJ 22) steht doch für eine „wunderbare Zukunft“:
    In Ungarn. Für Ungaren… Mit soviel Erfolg, wie bei der FIDESZ-Klientel, gibt es wohl keine RENTEN-Sorgen… Frau Selmeczi Gabriella hat doch eben erst „beruhigt“… bzw. in Sachen Verstaatlichung der Rentenkassen von „grossem Erfolg“ geschwärmt (siehe „Nachrichtenlage“!).

    Ich werde mal nachgucken, was für einen Wagen die Frau Selmeczi Gabriella fährt… Als „Frau“ vielleicht „nur“ einen schmucken, schwarzen Suzuki?

  2. Einen TT könnte er den Wählern besser verkaufen, der ist wenigstens made in Hungary… Ich bin gestern 530km über Puszta-Landstraßen gefahren, und um sicher von A nach B zu kommen, hätte ich Herrn Lázár tatsächlich eher ein SUV empfohlen. Vor allem, falls er nah am Wähler sein möchte und auch mal in kleine Dörfer fährt, deren Zufahrtstraßen noch nichts vom Széchenyi terv gesehen haben.

    Aber der Dienstwagen ist doch nur ein Symptom. Sie müssen zugeben: Fidesz hat sich den „Lügern“ gegenüber in den letzten Jahren als so unglaublich integer und heilig positioniert, dass sie jetzt nur verlieren können. Jeder Fehltritt eines Moralapostels wiegt doppelt so schwer, selbst wenn er normalerweise nur eine Randnotiz im Politikalltag wäre.

    • Der Grundmotor des S8 ist meiner Kenntnis nach auch „Made in Hungary“. Vielleicht hat sich Dr. Lázár – oder sein Berater in Sachen Dienstwagen – ja wirklich etwas dabei gedacht :-). Ingolstadt bedankt sich.

      Was den zweiten Absatz Ihres Kommentars angeht: Dass die Dienstwagen nur ein Symptom sind, ist völlig richtig. Gerade derjenige, der (gemeint ist Fidesz) das lächerliche Thema Dienstwagen jahrelang kultiviert und politisches Kapital daraus schlägt, sollte eben nicht zum absoluten Topmodell greifen: Und einen S8 hatte meines Wissens bislang kein einziger ungarischer Politiker, nicht mal der Staatspräsident. Dass Wirtschaftskrise ist, kommt erschwerend hinzu. Eigentlich geht es hier um Glaubwürdigkeit. Da müssen offenbar gerade Berufspolitiker noch einiges lernen.

      Weniger problematisch finde ich übrigens Mobiltelefone und Computer. Dass Arbeitsmittel gestellt werden, halte ich für normal.

  3. Mir erscheint es offensichtlich ein Problem zu sein. Zum einen wegen der Glaubwürdigkeit, wenn man es vorher so laut kritisiert hat. Aber zum anderen deshalb, weil die Politiker eigentlich danach streben sollten, die wirtschaftliche Lage so weit zu verbessern, dass der einfachste Weg, ein solches Auto zu fahren, ganz reguläre Einkünfte sind und nicht das richtige politische Amt und die dazugehörige Vernetzung.

  4. In den „boulevard“-Kontext sei eingefügt:

    http://www.pesterlloyd.net/2011_05/05vermoegenserklaerung/05vermoegenserklaerung.html

    Dem Text des PL ist nicht viel hinzufügen. Wer mehr wissen möchte, kann dem Link im Bericht folgen, sich aus der Liste der Honorablen eine Person auswählen und dann auf der WebSite des Parlamentes die dargebotenen Informationen studieren (Das nennt sich „Transparenz“).
    Das mündige Google-Volk kann wenigstens zur Kenntnis nehmen, wer „da oben das Sagen hat“.

    Ein Klick auf „Vagyonnyilatkozat 2010“ auf der „Personen-Übersichtsseite“ ist gar für Graphologen interessant: Die meisten Formulare sind per Hand ausgefüllt, obschon praktisch alle „deklarieren“, sie hätten ein LAPTOP erhalten. Immerhin gibt es auch einige Muster in Sachen „mit Laptop ausgefüllter Deklarationen“.

    Befremdend bleibt die „Ämterkumulierung“, die gar so weit gehen kann, dass man Geld als Mandatsträger im Parlament (Legislative) erhält, gleichzeitig auch noch ein Honorar als „Staatssekretär Aussenministerium“ (Exekutive??)…Bsp. Németh Zsolt Attila.

    Frau Selmeczi Gabriella fährt jedenfalls keinen schwarzen Suzuki. Sie hat – gemäss ihrer Deklaration – kein Fahrzeug/ keine Fahrzeuge. Also vielleicht „nur“ einen Dienstwagen… (Marke nicht feststellbar… doch vermutlich kein Audi S8).

  5. Lázár setzt nach: Seiner Meinung nach gehe es ihm lediglich die Sicherheit und die Zuverlässigkeit seines (450 PS) Dienstwagens. Die Marke sei ihm egal.

    Lázár sagte, er wohne nach wie vor in Hódmezövásárhely, man solle nicht von im erwarten, dass er die 200 km von seiner Heimatstadt nach Budapest in einem Fahrzeug zurücklege, dass „jeden Moment kaputtgehen kann“. Schließlich sei er zweifacher Familienvater.

    Kein Kommentar…

    http://atv.hu/belfold/20110208_lazar_nem_akar_olyan_autoval_jarni_ami_percenkent_lerobban_video

  6. Pingback: Fidesz-Fraktionschef verzichtet auf Luxuslimousine « Hungarian Voice – Ungarn News Blog

  7. Pingback: „Mr. S8″ János Lázár und sein Bild von der ungarischen Gesellschaft – Orbán, übernehmen Sie (endlich)! « Hungarian Voice – Ungarn News Blog

  8. *Ein ganz anderes Bild 700 km weiter östlich*

    tja,das nenn ich mal Pech.Hätte er weiter westlich gewohnt, dann wäre das nicht passiert, denn dann hätte
    er rendkívül kedvezményes,“ einen geleasten A8 fahren können (dürfen)
    oder eben nur einen der 3 A6 oder einen der 3 A4.
    Aber welcher Bürgermeister will schon A4
    fahren (höchstens mal der alpolgármester )

    http://www.kisalfold.hu/gyori_hirek/het_audibol_allo_autoflottat_berel_mostantol_gyor_varosa_-_video/2214990/

    aber bitteschön, nur keinen Neid 😉

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