NZZ-Kommentar von Andreas Oplatka über „Ungarn, die Mitte und das Augenmaß“

Die Neue Züricher Zeitung wird ihrem guten Ruf, was die Ungarn-Berichterstattung angeht, abermals gerecht. Das Blatt druckte heute einen Beitrag von Andreas Oplatka, Historiker und Dozent an der Universität Basel sowie an der Andrássy Uni Budapest, ab. Oplatka wurde 1942 in Budapest geboren, wuchs jedoch nach der Flucht im Jahre 1956 in der Schweiz auf. Von 1968 bis 2004 arbeitete er als Redakteur der NZZ, u.a. in Budapest und Moskau. Oplatka ist u.a. Autor des im Jahre 2009 – zum 20. Jahrestag der Maueröffnung – erschienenen Buches „Der erste Riss in der Mauer: September 1989 – Ungarn öffnet die Grenze.“

http://www.nzz.ch/nachrichten/politik/international/ungarn_die_mitte_und_das_augenmass_1.9460160.html

Der Beitrag dürfte der lesenswerteste zu Ungarn seit Beginn des Jahres 2011 sein. Oplatka kritisiert einerseits Fidesz und die von der Partei seit 2010 gemachten Fehler (hier hebt Oplatka das Pressegesetz und die Rentenreform hervor), tut dies jedoch in ruhigem und gemäßigten Tonfall. Was diesen Punkt angeht, so hält der Kommentator den westlichen Journalisten den Spiegel vor und konfrontiert sie mit ihrer maß- und teils geschmacklosen Kritik an der Regierung bzw. am Land.

Nötig und heilsam aber wäre auch ein klein wenig Augenmass in Westeuropa. Mit einem Mal wimmelt es hier von Kennern Ungarns und von ihren forschen Urteilen. So war in den letzten Wochen die Rede von einem Land auf dem Weg zum Totalitarismus, Ungarn wurde Bazillus genannt in dem doch sonst so kerngesunden europäischen Gewebe, man ortete die Hauptstadt des europäischen Antisemitismus in Budapest, und die Bezeichnung «Führerstaat» fiel – Auslagerung lästiger Reminiszenzen nach Ostmitteleuropa. Ein Wiener Blatt wiederum hatte den guten Geschmack, eine Karikatur zu publizieren, in der Ungarn – nicht Orban, nicht der Fidesz, nein, das Land – als Neandertaler erschien. Dies als Beitrag zu den gutnachbarlichen Beziehungen.“

Oplatka macht es in seinem Beitrag vor: Kritik muss in der Sache geübt werden. Die Chance, in der ungarischen Regierung und Bevölkerung Gehör zu finden und einen zielführenden Dialog zu führen, dürfte so deutlich größer sein. Dies zeigt auch das Beispiel „Mediengesetz“: Es ist bislang einzig die EU-Kommission, die mit ihrer nüchternen Kritik etwas erreichte. Die anderen Akteure – insbesondere Linke, Grüne und Liberals im EU-Parlament – scheinen eher an der Verwertung des im Mediengesetz enthaltenen „political capital“ interessiert zu sein. Dass man sich die Meinung sogar auf Grundlage von „Informationsschreiben“ der oppositionellen ungarischen Sozialisten und auf Basis inhaltlich falscher Presseberichte stützte, ist ein Indiz für die Richtigkeit obiger These Oplatkas zu den vermeintlichen „Ungarn-Experten“.