Esztergom: „Schwarze Liste“ mit vermeintlichen Gegnern des ehemaligen Stadtrates entdeckt

Wie das Online-Newportal politics.hu berichtet, wurde in einem Safe im Büro des ehemaligen Vizebürgermeisters von Esztergom, József Németh (Fidesz), eine Liste von 50 „missliebigen“ Personen entdeckt, die in Streitigkeiten mit dem früheren Stadtrat verwickelt waren.

Die Liste enthält unter anderem die Namen von Staatssekretär Pál Völner (Fidesz), seiner Stabschefin und ihres Ehemanns, eines Lehrers am Esztergomer Szent István Gymnasium, das von der Stadtverwaltung geschlossen worden war. Vertreten sind auch die stellvertretende Direktorin der Schule und ihr Ehemann, die beide kritische Artikel über den ehemaligen Bürgermeister Tamás Meggyes verfasst hatten, sozialistische Abgeordnete aus dem Komitat Kómárom-Esztergom, Unternehmer, Sportfunktionäre, Leiter kirchlicher Schulen und Mitglieder der Anti-Meggyes-Zivilbewegung.

Eine Bürgermeisterkette im Wert von 825.000 Forint (ca. 3.000 EUR), die bereits seit Jahren als verschollen galt, wurde ebenfalls in dem Safe entdeckt, wie die unabhängige Bürgermeisterin von Esztergom, Éva Tétényi, dem Radiosender Infórádió am Donnerstag berichtete.

Laut Tétényi wurde der Safe im Büro des Fidesz-Vizebürgermeisters Németh seit der Übergabe der Verwaltung im Oktober 2010 nicht geöffnet, da die Schlüssel nicht auffindbar gewesen seien.

Németh zufolge gehöre der Safe nicht ihm, sondern sei Teil des Büros. Der Schlüssel sei im Sekretariat verwahrt worden, er wisse nicht, welche Dokumente gefunden worden seien.

Der frühere Bürgermeister Meggyes (Fidesz) war im Oktober 2010 abgewählt worden, nachdem er wegen seiner autoritären Amtsführung und Vorwürfen der Vetternwirtschaft bereits mehrfach in die Kritik geraten war. Erst vor kurzem wurde bekannt, dass die Stadt zahlreiche Prozesse von Meggyes und dem Publizisten Zsolt Bayer finanziert. In den meisten Fällen geht es um den Vorwurf der Verleumdung. Bayer hatte Meggyes mehrfach die Möglichkeit gegeben, Anschuldigungen gegen seine Person in seinen Sendungen zurückzuweisen.

Der Stadtrat von Esztergom wird nach wie vor mehrheitlich durch Fidesz bestimmt. Tétényi bemängelt die Blockadepolitik der Mehrheit und plädiert für Neuwahlen.

Der Meggyes-kritische Blog „Meggyes a hibás“ („Meggyes ist schuld“), dessen Macher ebenfalls auf der Liste steht, formuliert es trefflich mit den Worten: Willkommen in den 50er Jahren. Eine passende Anspielung auf die Spitzelmethoden der finsteren Rákosi-Ära.

Esztergom ist die ehemalige Krönungsstadt des Königreichs Ungarn. Sie liegt am Donauknie an der ungarisch-slowakischen Grenze und ist Heimat der größten Kathedrale des Landes (St. Stephan). Die auf der anderen Donauseite gelegene Stadt Štúrovo (ung. Párkány) wird seit dem Jahr 2001 wieder durch eine Brücke mit Esztergom verbunden. Die Brücke (Maria-Valeria-Brücke) war im 2. Weltkrieg zerstört und fast 60 Jahre lang nicht mehr aufgebaut worden; ihre Wiederrichtung wurde maßgeblich mit EU-Darlehen aus dem PHARE-Programm finanziert. An die gespenstisch anmutende unterbrochene Brücke erinnern sich die Bürger beider Städte und viele Besucher noch heute.

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