Paul Lendvai kritisiert „Ungarns Marsch nach rechts“

Der ungarischstämmige österreichische Publizist Paul Lendvai hat in einem längeren Beitrag in der WELT die Entwicklungen in Ungarn kritisiert.

http://www.welt.de/print/die_welt/vermischtes/article12515720/Ungarns-Marsch-nach-rechts.html

Bereits in der Einleitung behauptet Lendvai, die Fidesz-Partei Orbáns habe „jahrelang nichts gegen Judenhass“ unternommen und verhalte sich auch jetzt passiv. Dass die Stärkung der rechtsradikalen Partei Jobbik gerade in der Zeit der sozialliberalen Koalition erfolgte und sich die Wähler dieser Strömung in der Gesellschaft nach überwiegender Auffassng gerade aus dem sozialistischen Lager rekrutieren, ist Lendvai – wie schon in der Vergangenheit – keiner Betonung wert. Ebenso wenig der Umstand, dass seit Antritt der Regierung Orbán Aufmärsche der rechtsradikalen „Ungarischen Garde“ nicht mehr zum alltäglichen Bild gehören und die Jobbik seit Mitte 2010 deutlich in der Wählergunst abgenommen hat.

Zutreffend ist Lendvais Analyse im Hinblick auf die „kollektive Amnesie“ Ungarns im Hinblick auf den 2. Weltkrieg und den Holocaust. Bis heute wird die eigene Geschichte verharmlost und die Verantwortung auf die Deutschen abgeschoben, obgleich es in Ungarn zahlreiche Profiteure und Kollaborateure Hitlerdeutschlands gab. Diese kollektive Amnesie, die schon kurz nach dem 2. Weltkrieg begann und darauf aus war, das „Volk“ zu entlasten und Feindbilder anderswo zu suchen, wurde jedoch gerade im Kommunismus gepflegt. Gemeinsam mit einer betont propagandistischen Sichtweise auf das autoritäre Horthy-System („Horthy-Faschismus“) bildete gerade diese Phase in der ungarischen Geschichte die Grundlage des bis heute vorherrschenden „kollektiven Vergessens“.

Darüber hinaus vergisst Lendvai, dass es dieses „Vergessen“ nicht nur im Hinblick auf die Holocaust-Opfer gibt. Teile der ungarischen Gesellschaft (insbesondere linke Kreise) kritisieren etwa bis heute, dass den Opfern des Kommunismus mit der Erweiterung des „Holocaustleugnungsparagraphen“ auf die Verbrechen des Kommunismus ein ebenbürtiger Schutz vor Verharmlosung und Verleumdung gewährt wurde. So wurde im liberalen Klubrádió die These vertreten, eine Erweiterung des Paragraphen sei inakzeptabel, denn anders als Juden hätten die Opfer des Kommunismus ja die Wahl gehabt, sich der Bewegung anzuschließen. Somit sei jeder, der Opfer des Kommunismus wurde, in gewisser Weise selbst dafür verantwortlich. Dass durch die Strafbarkeit beider Tatbestände gar keine Gleichsetzung erfolgt, sondern nur ebenbürtiger Schutz der Opfer gewährt wird, wird dabei fast routinemäßig verschwiegen.

Die Analyse Lendvais ist in vielen Punkten korrekt (vor allem im Hinblick auf das unsägliche Schweigen des Fidesz zu den antisemitischen Auswürfen des Fidesz-nahen Publizisten Zsolt Bayer), jedoch – wie gewohnt – lückenhaft und sehr einseitig. Die Botschaft ist klar: Verantwortlich für Judenhass muss Fidesz sein. Es werden nur wenige Tage vergehen, bis im liberalen TV-Sender ATV die Aussagen Lendvais unter der Einleitung „die konservative WELT schrieb…“ multipliziert werden wird.

Immerhin verkündet Lendvai ganz offen, dass auch er diejenigen, die heute in Ungarn das Sagen haben („regieren“?), als „Gesindel“ betrachtet („Wie Schiff treffend formulierte, sei es das große Glück des Gesindels, das derzeit das Sagen hat, dass nur wenige Beobachter in Europa ungarisch verstehen.“). Über die Motive des einen oder anderen Beitrags dürfte somit ab heute kein Zweifel mehr bestehen.

Als Ausgleich sei der Beitrag von Andreas Oplatka empfohlen.

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13 Kommentare zu “Paul Lendvai kritisiert „Ungarns Marsch nach rechts“

  1. Pingback: Tweets that mention Paul Lendvai kritisiert „Ungarns Marsch nach rechts“ « Hungarian Voice – Ungarn News Blog -- Topsy.com

  2. Nun wer sich Magyar Hirlap und Echo TV des Orbán-Freundes Gábor Széles während der vergangenen Jahre anschaute, der konnte keine Zweifel haben, dass im Fidesz-Dunstkreis expliziter und impliziter Antisemitismus transportiert wurden.
    Sicher ganz aggressiv kam der Antisemitismus und Rassismus
    beim Stiefkind von Fidesz, bei Jobbik, zum Vorschein.

    Und wenn wir bedenken, dass jetzt schon der Fidesz Bürgermeister des I. Budapester Bezirkes die aus der Burg im Februar ausbrechenden SS-Verbrecher und ihre ungarischen Komplizen feiert, dann wissen wir, welcher Geist da möglich ist.

    Dafür aber ist weder Gyurcsány noch MSZP verantwortlich.

    • Sagen Sie bitte dazu, dass die seit Jahren zur traurigen Tradition gewordenen Aufmärsche internationaler Neonazis dieses Jahr offenbar nicht stattfinden. Fidesz hat also das geschafft, was MSZP/SDZSZ seit Jahren nicht einmal versucht haben. Da hilft es auch nicht, Gábor Tamás Nagy en passant zum Nazi- oder SS-Sympathisanten zu erklären.

  3. Na ja, vieles davon hat er ja so oder ähnlich in seinem Buch Die Ungarn eine tausendjährige Geschichte schon geschrieben.

    “ Es war freilich nicht die jüdische Rolle bei den revolutionären Umwälzungen, die die ungarisch-jüdische Symbiose zerstörte. Der Historiker Oszkár Jászi legte in seinem großen Werk über den Zerfall der Monarchie die wahren Gründe offen: Die Mithilfe der Juden im Kampf gegen die Nationalitäten war nicht mehr erforderlich und erwünscht gewesen, und deshalb änderte sich auch die öffentliche Meinung so radikal. Plötzlich gab es keine großen nationalen Minderheiten in Rumpfungarn, sondern einen mit den verarmten kleinadligen christlichen Mittelschichten und den vielen Flüchtlingen aus den Nachfolgestaaten konkurrierenden jüdischen Mittelstand. Das nationale Schreckgespenst wurde durch das jüdische Schreckgespenst ersetzt…“

    und das stammt von 2001 (meines zumindestens
    na sowas!!

  4. Also wenn ein Journalist sich selbst zitiert, dann ist das bitte kein Recycling. Sein eigenes geistiges Eigentum zu gebrauchen verstößt nicht gegen journalistische Ethik.
    Heute jammert Zsolt Bayer auf Magyar Hirlap, dass er von nun an nicht mehr über Politik schreiben wird.
    Dafür aber kann – wer einen starken Magen hat – auf ECHO TV Hetze gegen Roma anschauen. Die Namen des „Journalisten“ und seines Gesprächpartners nenne ich nicht, denn Fidesz-Politiker könnten ihm dafür einen literarischen Preis verleihen.
    Dass die historischen christlichen Kirchen zu solcher rassistischen Hetze schweigen ist ein Skandal.

    • Zu gerne würde ich mich gemeinsam mit Ihnen freuen, dass der unerträgliche Bayer nicht mehr über Politik schreibt. Ich befürchte allerdings, dass der Mann sein Versprechen nicht einlösen wird.

    • *Also wenn ein Journalist sich selbst zitiert, dann ist das bitte kein Recycling. Sein eigenes geistiges Eigentum zu gebrauchen verstößt nicht gegen journalistische Ethik.*

      wenn aber ein Beitrag so anfängt
      „Jahrelang hat die Fidesz-Partei dem Judenhass freien Lauf gelassen. Nun tut sie nichts, um ihn einzudämmen“

      und ich dann mich selber von 1999!!!** zitiere, dann hat das für mich schon ein eigenartig g´schmäckle

      **da scheint die Erstausgabe gewesen zu sein.

  5. hungarianvoice
    wahrscheinlich haben sie Recht. Nach einer Weile wird er erklären, dass das nur ein Witz war und er die Reaktion seiner Leser testen wollte.
    denn wenn er aufhören würde über politik zu schreiben, dann würden es seine Lesergemeinde als ein Sieg der jüdischen Weltverschwörung gegen Ungarn sehen. Und jetzt wo die Wahkabinenrevolution gesiegt hat, wird man doch nicht den Z.B. fallen lassen, wo er doch einen Beitrag zu dieser Revolution geleistet hat.
    Gestern hielt ich in Wien einen Vortrag über die Lage in Ungarn, da war auch ein junger Ungar unter den Zuhörern, der hier schwarz hart physisch arbeitet und damit wesentlich mehr verdient als er zuhause verdienen würde, wenn er in seinem Fach arbeiten könnte.
    Vor ein paar Tagen ging ich an einem Kloster vorbei wo Arme gratis verköstigt werden. Und ich hörte zwei Männer, die miteinander Ungarisch sprachen.
    Dann höre ich, dass in Ungarn Menschen in ihrer Wohnung
    erfrieren. In Unterführungen in Budapest gibt es viele Polizisten, die nur darauf achten, dass doch kein obdachloser Mensch dort bleiben kann. All das macht traurig.

  6. Galamus, 12.02.2011: „Fidesz hat lange Zeit dem Judenhass freien Lauf gelassen. Jetzt tut sie nichts, um ihn einzudämmen – schreibt Paul Lendvai in seiner auf der Homepage der deutsche konservativen Tageszeitung.“

  7. Ja, dies ist ein sehr stark tabuisiertes Thema. Es wird sich wahrscheinlich bald herausstellen, daß diejenige, die der Fidesz als regierungspartei mit 2/3-Mehrheit den Ungarn (als Volk!) Antisemitismus und Rassismus vorwerfen, den Interessen der jüdishen Bevölkerung Ungarns schwere Schäden zufügen.

  8. Heute in der „konservativen“ WELT: Der gleiche Artikel im neuen Gewand. Aus „Ungarns Marsch nach rechts“ wird „Das falsche Selbstbild der antisemitischen Ungarn“. Wenigstens ist der Verfasser derselbe, sonst hätten wir „Guttenberg 2.0″….

    Offenbar reicht es neuerdings nicht mehr, derartige Artikel einmal zu veröffentlichen.

    http://www.welt.de/kultur/history/article12586045/Das-falsche-Selbstbild-der-antisemitischen-Ungarn.html

  9. Pingback: Das Artikelrecycling der WELT – Alter Wein in neuen Schläuchen « Hungarian Voice – Ungarn News Blog

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