Ágnes Heller im Interview mit dem „Stern“: „Kleine Philosophen sind eifersüchtig“

Der Stern veröffentlichte am 17.02.2011 ein Interview mit der ungarischen Philosophin Ágnes Heller.

http://www.stern.de/politik/ausland/agnes-heller-im-interview-ungarische-philosophin-kritisiert-ministerpraesident-orban-1654984.html

Ágnes Heller, eine ehemalige Dissidentin im Kádár-System, gilt als Orbán-kritisch. Mit anderen namhaften Philosophen wird sie derzeit verdächtigt, von der Vorgängerregierung gewährte Forschungsmittel in Höhe von ca. 200.000,00 EUR zweckentfremdet genutzt zu haben. Insgesamt werde die Verwendung von Forschungsgeldern in Höhe von 500 Mio Forint (ca. 1,5 Mio. EUR) geprüft.

Heller und ihre Kollegen bestreiten die Vorwürfe und stellen die Fragen zur Mittelverwendungen seit Anbeginn als Angriff auf regierungskritische liberale Intellektuelle dar; Unterstützer der Philosophen sprechen mitunter sogar von einer antisemitischen Hetzjagd („liberal“ sei ein kodiertes Wort für „jüdisch“). Zudem behauptet Heller:

Die Vorwürfe gehen von einigen kleinen Philosophen aus, die große Philosophen sein wollen. Sie sind eifersüchtig. Sie haben das Material über uns an die regierungstreue Presse gegeben.“

Diese Aussage zeugt freilich nicht gerade von „Größe“ oder Bescheidenheit einer namhaften und international hochdekorierten Philosophin, die laufende Ermittlungen oder Zweifel zur Verwendung öffentlicher Gelder als Angriffe „eifersüchtiger, kleiner“ Kollegen qualifiziert. Im Grunde zeugt die Aussage vielmehr von eben jener Arroganz, die man sonst gerne dem ungarischen Ministerpräsidenten unterstellt. Zu der Verwendung des aus dem Steuersäckel und damit maßgeblich von eben jener vermeintlich minder begabten Bevölkerung stammenden und für bestimmte Zwecke bestimmten Geldes, dem eigentlichen Thema der Ermittlungen, äußerte sich Heller bislang vage mit der sinngemäßen Aussage, das Geld sei „eben ausgegeben worden“. Stattdessen spricht die Betroffene eher von ihrer Vergangenheit als Dissidentin.

Vorwürfe, Heller habe sich persönlich bereichert, werden dabei übrigens nicht (mehr) erhoben. Der ungarische Regisseur Béla Tarr behauptet im Tagesspiegel trotzdem:

„Agnes Heller werfen sie sogar vor, sie habe dem Staat Geld gestohlen. Dabei ist sie 81, sie weiß gar nicht, was Geld ist!“

Auch in Deutschland tätige Fachkollegen stellten sich in den vergangenen Wochen offen auf die Seite der Verdächtigen und erweckten in ihren – mit anderen Themen (Mediengesetz) vermengten Kommentaren – den Eindruck einer von staatlichen oder jedenfalls regierungsnahen Stellen initiierten „Hetzjagd“, obwohl sie für die Praxis an den einzelnen Instituten keine Gewähr übernehmen können. So menschlich aufrichtig dieser Einsatz für geschätzte Kollegen, deren wissenschaftliche Leistungen niemand bestreiten kann, auch sein mag, so sollten doch gerade bei denen, die laut „Demokratie“ einfordern, die Ermittlungen der hierfür zuständigen Behörden und die Entscheidung der unabhängigen Richterschaft abgewartet werden. In Teilen oder ganz vorverurteilende Presseberichte in der Magyar Nemzet oder die teils hanebüchenen Kommentare vermeintlich „konservativer Denker“ sollten zudem weder überbewertet noch mit staatlichen Stellen gleichgesetzt werden – wenn man dies könnte, so hätte in den vergangenen Jahren international Schimpf und Schande über die linke Tageszeitung Népszava hereinbrechen müssen, die in ihrer Berichterstatung gegenüber Orbán, Fidesz und KDNP seit je her weniger einem Florett als einem Krummsäbel ähnelt.

Die Beteiligung der Regierung beschränkt sich im Moment darauf, dass der für die Untersuchung eventueller (u.a.) finanzieller Unregelmäßigkeiten während der Vorgängerregierung zuständige Regierungskommissar Regelverstöße festgestellt haben will und die Sache den Ermittlungsbehörden übergeben hat. Seine Kompetenz endet dort – alles andere wäre kritikwürdig.

Im Zusammenhang mit den Ermittlungen weist Heller im Interview – nicht zum ersten Mal – auch auf die vermeintlich „diktatorische Gesinnung“ von Ministerpräsident Viktor Orbán hin, impliziert damit also nichts anderes, als seien die Ermittlungen gegen ihre Person vom Willen, sie loszuwerden, geprägt. Ebenso wird das Mediengesetz erwähnt („Druck aus der EU ist wichtig“). Die interviewende „dpa“ degradiert sich hierbei zum treuen oppositionellen Stichwortgeber, kritische Fragen zu dem Thema der Ermittlungen werden nicht gestellt und nicht beantwortet.

Dass von Seiten der staatlichen Ermittlungsbehörden bis dato weder Anklage erhoben wurde und auch in Ungarn unabhängige Gerichte über Schuld oder Unschuld entscheiden, tritt natürlich – wie so oft – in den Hintergrund. Die Tugend der Geduld im Hinblick auf den Ausgang der Ermittlungen scheint aber wohl nicht zur „Größe“ der Betroffenen zu gehören, stattdessen wird der gute Ruf und die Bekanntheit genutzt, eine Sympathiekampagne zu fördern. In der Sache selbst kommt bemerkenswert wenig.

Immerhin ist Heller, die seit Wochen jede Kritik und offene Diskussion über die Förderpraxis mit dem Argument zu unterdrücken versucht, es handle sich um eine politischen Kampagne, redlich genug, im letzten Moment die Notbremse zu ziehen: Sie spricht aus, dass Orbán ihres Erachtens weder antisemitisch noch rassistisch sei.

Wer den Fragenkatalog und das Thema des Interviews gegebenenfalls als einseitig empfunden hat, für den könnte folgende Hintergrundinformation hilfreich sein: Das Kürzel der „dpa“ (Deutsche Presseagentur) dürfte darauf hinweisen, dass der Budapester Korrespondent der Presseagentur, Gregor Mayer,  tätig geworden ist. Wer Herrn Mayer näher kennenlernen möchte, kann sich unter der Facebook-Seite des von ihm (mit Bernhard Odehnal) verfassten Buchs „Aufmarsch“ näher informieren:

http://www.facebook.com/group.php?gid=313612961788&v=wall

Mayer verweist auf seinem Facebook-Blog auch auf das o.g. Interview. Kostproben der von ihm seit etwa einem Jahr erneut betriebenen Anti-Orbán-Propaganda waren hier im Blog schon mehrfach thematisiert worden (über „Gregor Mayer“ über die Suchfunktion einsehbar).

Genannt wird Mayer im „Stern“ nicht, sein Name wäre auch wenig geeignet, die Einhaltung der Grundsätze für Agenturarbeit zu gewährleisten. Laut Wikipedia sollen Agenturberichte nämlich

so objektiv wie möglich sein und keine politische Färbung haben. Sie gelten als verlässlich und gut recherchiert, bei Fehlern werden diese schnellstmöglich korrigiert und weitergeleitet. Wenn eine wichtige Nachrichtenagentur eine fehlerhafte Meldung sendet, wird diese möglicherweise von den Redaktionen übernommen.“

Was die Übernahme von Mitteilungen der Agenturen angeht, ist an die von dpa verbreitete Nachricht, das neue ungarische Pressegesetz enthalte hohe Geldstrafen für „nicht ausgewogene Berichterstattung“, zu erinnern. Diese Meldung, die von zahlreichen Redaktionen ungeprüft übernommen und wochenlang wiederholt wurde, stellte sich Anfang Januar als falsch heraus. Nach den Hungarian Voice vorliegenden Informationen korrigierte die dpa diese Meldung bis heute jedoch nicht. Und so schließt sich der Kreis. Wer hat die Falschmeldung wohl in die Welt getragen? Nun, der Korrespondent in Südamerika wird es wohl nicht gewesen sein.

Anbei ein weiterer Bericht der dpa:

http://www.stern.de/politik/ausland/orbans-mediengesetz-ungarns-kulturschaffende-fuerchten-konservativen-knebel-1654977.html

17 Kommentare zu “Ágnes Heller im Interview mit dem „Stern“: „Kleine Philosophen sind eifersüchtig“

  1. Für mich ist es nicht nachvollziehbar, weshalb der Regierungskommissar Gyula Budai bzw. seine Gesinnungsgenossen bevor er/sie die Beweise für die Anschuldigungen bei der Polizei vorgelegt haben, eine Kampagne in den regierungsnahen Medien gegen „liberale“ Philosophen eröffnet haben? Wenn es wirklich nur um eine Verletzung von Gesetzen geht, warum wird die politische Stellungnahme der Philosophen betont?
    Was soll man denken vom Vorsitzenden der MTA der ungarischen Akademie der Wissenschaften J. Pálinkás, der auf die politische Stellungnahme von Radnoti gegen den Ministerpräsidenten hinweist und schrieb, „einige Philosophen haben politische Kämpfe initiiert und jetzt lecken sie ihre Wunden.“ Radnoti hat darauf geantwortet, dass er nicht seine Wunden leckt sondern den Fehdehandschuh gehoben hat. Radnóti und seine Gruppe wurden wohl beschuldigt, es wurde aber mehr als ein Monat nach der Kampagne kein Verfahren gegen ihn eröffnet.
    Nun hat der Regierungskommissär die Beschuldigung gegen Sándor Radnoti und János Weiss zurückgezogen. Wie kommen solche Beschuldigungen zustande, wenn man sie nach ein paar Wochen zurückzieht. Welchen Zweck erfüllt diese Kampagne?
    Manche Beschuldigungen scheinen einem Witzblatt entnommen, zum Beispiel dass man Plato aus dem Ungarischen ins Ungarische übersetzt hat. Und noch etwas beim Religionsphilosophen György Gábor vermerken die Medien – ohne, dass dies mit der Beschuldigung zu tun hätte – dass dieser auch am Budapester Rabbinerseminar lehrt. Was will man damit wohl bezwecken?

  2. Volkes Stimme entlarvt mal wieder ihre unbewußten Intentionen. Ágnes Heller und Kollegen werden nicht etwa nur verdächtigt, sondern sind auch gleich noch verdächtig. („Auch in Deutschland tätige Fachkollegen stellten sich in den vergangenen Wochen offen auf die Seite der Verdächtigen …“)

  3. Wäre doch ggf. eine Bemerkung wert gewesen, dass es z.B. bis Mitte Februar noch nicht bis zum Stern vorgedrungen war, dass D.Denett seine Unterschrift unter dem erwähnten Schreiben am 1.Februar widerrufen hat??!!

    Anmerkung:
    (Hatte hier die „Suchenfunktion“ nach Dennett bemüht, weil ich dachte es sei darüber berichtet worden, habe aber nichts gefunden)

  4. Laut „Ellenszék“, einem ungarischen Blog, habe der MSZP-Politiker Zoltán Szabó in einer Radiosendung mit György Blogár (Klubrádió) die Hintergründe der zweckentfremdeten Mittelverwendung erläutert. Man habe aufgrund von Kürzungen bei der Forschungsförderung der Ungarischen Akademie der Wissenschaften im Rahmen eines „gentlemen´s agreement“ beschlossen, etwa 1 Mrd. Forint Fördermittel aus dem Nationalen Forschungs- und Technologiefonds auf die MTA zu übertragen.

    http://ellenszek.nolblog.hu/archives/2011/01/20/Moby_Dick_s_az_EU_Integrci/

    Möglicher Weise eine plausible Erklärung dafür, warum Gelder, die laut Presseberichten für die Erforschung gesellschaftlicher Fragen im Zusammenhang mit dem EU-Beitritt und der Wettbewerbsfähigkeit Ungarns bestimmt waren, u.a. für eine Arbeit mit dem Namen „Philosophie und Wissenschaft im Altertum“ ausgegeben worden sein sollen.

    Auch wenn sich niemand persönlich bereichert hat, dürfte eine solche sachwidrige Verwendung zweckgebundener Fördermittel rechtlich zu beanstanden sein.

  5. Großer Triumph einer hat die Unterschrift zurückgezogen, doch bleiben die Unterschriften von weltbekannten Wissenschaftlern drauf.
    Eine internationale Philosophenkonferenz in Pécs die hätte in Mai stattfinden sollen wurde von den ausländischen Teilnehmern abgesagt.
    Auch diese Angelegenheit geht zu Ende, wie das Hornberger Schießen.
    Im übrigen, weshalb wird bei Prof. György Gábor eine Sache erwähnt die nichts mit dem Verdacht er hätte staatliches Geld mißbraucht zu tun hat, nämlich dass er auch am Rabbinerseminar in Budapest lehrt?

  6. Bis vor einem Jahr wäre ich PRO A.H. noch auf die Barrikaden gegangen. Inzwischen habe ich sie erlebt, wie sie agiert, wenn man sie auf gemachte Zusagen festnageln will.

    Da kann sie zugesagte Termine nicht einhalten, weil sie plötzlich in Argentinien zu einer Preisverleihung eingeladen ist. Sie bedenkt aber nicht, dass man das alles sauber nachrecherchiert – und nix stimmt und darauf angesprochen, was ja in Ungarn ein totales n-no ist, totales Schweigen von ihrer Seite.

    Sie ist für mich nicht mehr diese Lichtgestalt, als die ich sie schon gesehen hatte. Sie schaut eben auch, wo es „warm rauskommt.“

  7. Endmoraene, wie immer ihrer Erfahrung, aber ich denke, von der Heller Bande zu schreiben, ihr vorzuwerfen, sie hätte eine halbe Millarde Forint mit der Schubkarre herausgekarrt, bevor noch irgendeine Untersuchung durch Polizei, Staatsanwaltschaft und Gericht erfolgte, hat nichts mit A.H. zu tun sondern mit dem Kulturkampf den V.O. begonnen hat.
    Dazu gehört das unmögliche Mediengesetz, die Kampagne gegen Philosophen, gegen Theaterleute etc. etc.
    Und ja es gibt ihn den Neid, der beamteten Philosophen die keine Beachtung finden, auf Kollegen, die im Ausland Bücher publizieren und zu Konferenzen eingeladen werden.
    Mit großem Jubel wird berichtet, dass ein Philosoph seine Unterschrift von einer Erklärung zurückgezogen hat.
    Doch per saldo, zeigt sich mit jeden Tag mehr, welch elende politische Kampagne man gestartet hat.

  8. kullancs beurteilen Sie bitte mich nicht nach ihrem Maßstab und versuchen Sie nicht abzulenken von einem politischen Fidesz-Skandal. Es ist einfach kindisch ausgerechnet mir zu unterstellen, ich würde irgendwelche beamtete Denunzianten beneiden.
    Denn wenn bei der ‚Verwaltung von Esztergom durch einen Fidesz Bürgermeister Milliarden verschwunden sind und dies der ungarische Rechnungshof in einem Bericht schrieb, dann versuchte man zuerst den Bericht geheimzuhalten. Nun wird die gegenwärtige Bürgermeisterin einige Anzeigen bei der Staatsanwaltschaft tätigen. Übrigens dieser Bürgermeister zahlte auch 25 Millionen Forint für die Verteidigung des „Fäkalien-Antisemiten“ (die presse) Zsolt Bayer.
    Und schon gibt es auch einen Skandal in Zuglo, wo Papcsak Verträge mit Familienangehörigen in der Höhe von 80 Millionen Forint abgeschlossen hat.
    Die ganze Kampagne gegen Philosophen soll von dieser Fidesz-Korruption ablenken und den Ärger der Leute ablenken.

  9. Herr Pfeifer,
    „kullancs beurteilen Sie bitte mich nicht nach ihrem Maßstab und versuchen Sie nicht abzulenken von einem politischen Fidesz-Skandal. Es ist einfach kindisch ausgerechnet mir zu unterstellen, ich würde irgendwelche beamtete Denunzianten beneiden“

    Nun sitze ich hier und überlege , was ich Ihnen auf diese Unterstellung antworten soll, denn ich wurde so erzogen Achtung vor dem Alter zu haben.
    Ich will es mal dabei bewenden lassen anzumerken:
    Ich war davon ausgegangen, das hier von Philosophen die Rede ist und nicht von Journalisten i.R.

    (siehe Überschrift)

    und der Link von mir zu einem Artikel von einem Philosophen führte.

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