Filmemacher Béla Tarr: „Die Regierung muss weg“

Der gerade mit dem großen Jurypreis bei der Berlinale ausgezeichnete ungarische Filmregisseur Béla Tarr („Das Turiner Pferd“) übt in einem Interview mit dem Tagesspiegel heftige Kritik an der ungarischen Regierung:

http://www.tagesspiegel.de/kultur/die-regierung-muss-weg-nicht-ich/3862646.html

Hier einige interessante Aussagen Tarrs:

„Ich bin ein freier Mann. Aber leider nicht mehr aus einem freien Land. Ungarn war die letzten 20 Jahre frei, das war beglückend, aber jetzt ist das wieder vorüber. Ein schlimmes Déjà-vu.“

„Bei uns passiert gerade, was man in Deutschland „Kulturkampf“ nennt. Die Regierung hasst die Intellektuellen, weil sie liberal und oppositionell sind, sie beschimpft uns als Vaterlandsverräter. Agnes Heller werfen sie sogar vor, sie habe dem Staat Geld gestohlen. Dabei ist sie 81, sie weiß gar nicht, was Geld ist!“

„Ich bin Ungar. Diese Regierung ändert gerade die Verfassung und stellt sich auf 20 Jahre Amtszeit ein. Aber sie muss weg. Nicht ich.“

Entgegen der Auffassung des („Welt“) „Schwarzweißmelancholikers“ Tarr ist und bleibt – trotz kritikwürdiger Maßnahmen der Regierung – Ungarn ein freies Land. Der Denkfehler, den Tarr begeht, liegt darin, dass er dem von Andreas Oplatka in der NZZ zutreffend beschriebenen Irrglauben zu folgen scheint, nur Linke und Liberale in Ungarn hätten das „aufgeklärte Europäertum“ für sich gepachtet. Nur dass diese „Freiheit“ in den vergangenen 20 Jahren allzu oft die Freiheit einer kleinen Minderheit von Wendegewinnlern war, ist leider nicht zu bestreiten.

Auch scheint Tarr an dem aktuell angeblich geführten „Kulturkampf“ am ehesten der Umstand zu stören, dass er von rechts geführt wird: Mahnende Worte bei Auswechslungen im Jahr 1994 (Horn) oder ab 2002 (Medgyessy) waren von ihm nicht zu hören. Seine Worte als Kulturschaffender wären jedoch glaubwürdiger, wenn er nicht mit György Konrád, György Dalos und anderen Trägern des öffentlichen Gewissens allein die zum Teil kritikwürdige Linie des Fidesz und Orbáns kritisieren würde. Leider haben viele – tendenziell der bei der Wahl 2010 untergegangenen SZDSZ nahestehenden – ungarische Intellektuelle und Kulturschaffende seit der Wende stets nur dann ihre Stimme erhoben, wenn eine wie auch immer definierte „Gefahr von rechts“ drohte. Das Bündnis der ehemaligen Dissidentenpartei mit den Postkommunisten wurde hingegen allzu kritiklos hingenommen. Trotz ihrer Kritik an der Spaltung der Gesellschaft haben die Mahner nicht viel zu deren Überwindung beigetragen. Selbst die für viele Menschen nur schwer erträgliche Tatsache, dass sich die postkommunistische MSZP heute als Garant für Freiheit geriert, scheint Tarr nicht zu stören.

Am Abschluss seines Interviews stellt Tarr, der einen Mangel an Demokratie und Freiheit bemängelt, sodann die Forderung auf, die Regierung müsse „weg“. Eine Regierung, die vor neun Monaten von einer 2/3-Mehrheit des ungarischen Parlaments gewählt wurde und trotz leicht rückläufiger Umfragewerte nach wie vor weit von den katastrophalen Umfrageergebnissen der Gyurcsánys und Bajnais entfernt ist.

Es sind übrigens zwei Oppositionsparteien (MSZP und LMP), die jegliche Mitarbeit an der neuen Verfassung, sogar die Teilnahme an der Debatte, abgesagt haben.

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14 Kommentare zu “Filmemacher Béla Tarr: „Die Regierung muss weg“

  1. Ich finde die Bemühung diejenigen ungarischen Künstler und Intellektuellen, die es wagen Kritik am nackten Kaiser zu üben, herunterzumachen eine Fleißaufgabe von Hungarian Voice auf die er nach einer Weile nicht mehr stolz sein wird.
    Natürlich gibt es unter den Orbánbewunderern auch Intellektuelle, wie der Prof. der vorschlägt Agnes Heller auszugrenzen, oder ein Journalist wie Zsolt Bayer. Aber so im ganzen sehe ich keine wirklich in der Welt bekannten Persönlichkeiten.
    Und gerade Agnes Heller hatte heftige Kritik an MSZP geübt, als diese an der Regierung war. Ich denke und mag mich irren, dass die Versuche von Hungarian Voice alles in das ideologische Prokrustesbett links-rechts zu legen, wenig mit der Realität und viel mit dem ‚Wunschdenken zu tun hat.
    Aber ich bin schon froh, dass Orbán dementiert, es gibt keine jüdische Weltverschwörung gegen Ungarn.
    Denn wenn ich manche Postings vom Fidesznahen Magyar Hirlap lese, dann komme ich zum Schluß, die Zeit ist stehen geblieben 1944. Die Juden werden als Läuse (tetvek) hingestellt, die schon immer das Land ausgeraubt haben.
    Doch in der seriösen Geschichtsschreibung z.B. bei Götz Aly kann man nachlesen, dass allein der Raubzug an den nach Auschwitz-Birkenau es Ungarn im Jahr 1944 ermöglicht hat, das Jahr so zu beenden, dass die nichtjüdische Bevölkerung nicht viel schlechter lebte als zuvor.
    Unvergessen bleibt der patriotische Aufruf der Gendarmen (die jetzt wieder gefeiert werden) in Kolozsvar die Leute die sie in die Waggons gepfercht haben mögen doch ihre Habseligkeiten, die sie bei der Untersuchung durch die Gendarmerie versteckt haben, doch den Gendarmen geben, denn sonst erhalten es die Deutschen.

  2. *Natürlich gibt es unter den Orbánbewunderern auch Intellektuelle, wie der Prof. der vorschlägt Agnes Heller auszugrenzen, oder ein Journalist wie Zsolt Bayer. Aber so im ganzen sehe ich keine wirklich in der Welt bekannten Persönlichkeiten.*

    Gut zu wissen, das nur der *in der Welt bekannte*
    zu den Intellektuellen zählt.
    Ist schon interessant, dass Ärzten, Ingenieuren und ähnlichen Berufszweigen schon gleich mal abgesprochen wird „Intellektuell“ zu sein.
    Da hab ich mich doch in der irrigen Annahme befunden, dass alle dazugehören, die „aufgrund ihrer Ausbildung und Tätigkeit – wissenschaftlich oder künstlerisch gebildet sind.
    Na ja, ich bin halt kein Schumpeter.

  3. Es ist bezeichnend, dass Herr Pfeifer, ob es passt oder nicht, Meinungen die ihm nicht passen, immer wieder mit dem Vorwurf des Antisemitismus versucht zu disqualifizieren.
    Ich stelle einfach fest, dass Kritik aus dem Lager der sg. Intellektuellen (natürlich bestimmt er, wer dazu gehört) nur dann im Ausland breitgetreten wird, wenn es einen nicht-links-liberalen Regierung in Ungarn gibt.
    Dass es immer der gleiche Personenkreis ist, der diese Mobilisierung lautstark betreibt ist auch eine Tatsache. Damit ist die Unbefangenheit dieser Kritiker zumindest zweifelhaft, unabhängig davon, dass es
    eine Menge an der ungarischen Politik zu kritisieren gibt.

  4. „Leider haben viele – tendenziell der bei der Wahl 2010 untergegangenen SZDSZ nahestehenden – ungarische Intellektuelle und Kulturschaffende seit der Wende stets nur dann ihre Stimme erhoben, wenn eine wie auch immer definierte „Gefahr von rechts“ drohte.“

    In einer freiheitlichen Ordnung dürfte das aber vollkommen zulässig sein, oder? Man darf doch vielleicht Präferenzen haben. Sie argumentieren ja schliesslich auch damit, dass die Mehrheit der Ungarn zu Fidesz hält, egal was derzeit stattfindet und dass das zu respektieren ist (was doch der Rest der Welt auch tut, wenn auch mit Kopfschütteln).

  5. Komisch, dass es an der Vorgängerregierung nix auszusetzen gab.Ich frage mich immer wo waren denn da die ausländischen „kämpferischen“ Stimmen für Recht und Gesetz???
    Mich beschleicht das unangehme Gefühl, dass der Löwe dann brüllt, wenn man im den Fleischtopf ein wenig höher hängt???

  6. …“Es sind übrigens zwei Oppositionsparteien (MSZP und LMP), die jegliche Mitarbeit an der neuen Verfassung, sogar die Teilnahme an der Debatte, abgesagt haben.“

    Weshalb die die Mitarbeit verweigern ? Klar, man erwartet von denen massive Attaken aus…Wien, Berlin,Brüssel,…

  7. Pingback: Béla Tarr distanziert sich vom „Tagesspiegel“-Interview « Hungarian Voice – Ungarn News Blog

  8. @Gast@ nimmt sich nicht die Mühe auf meine Behauptungen einzugehen, er kommt mit der Mantra, dass ich sozusagen, den in Ungarn real existierenden Antisemitismus aus den Ärmeln ziehe, um damit die politischen Geschäfte der links-liberalen zu fördern.
    Doch ich rate doch darauf einzugehen, was ich geschrieben habe, sich mal das anzuschauen, was man unter den entsprechenden on-line Artikeln in Magyar Hirlap lesen kann.
    Da finden sich Zuschriften, die in Österreich einfach nicht kommen könnten.
    Also bitte nehmen Sie konkret zu meinen Behauptungen Stellung und wenn ich mich geirrt habe, korrigieren Sie mich. Aber unterlassen sie es mir Motive zu unterstellen, die nicht meine sind. Ich habe nachweislich nicht wenig Artikel über Antisemitismus in Ungarn während der Jahre 2002-2010 publiziert und für viele Mißstände die damals herrschenden Parteien verantwortlich gemacht.

  9. Klar doch Hungarian Voice. Zunächst halten Sie es für möglich, dass ein Journalist des Tagesspiegel und seine Übersetzerin einfach das Gegenteil von dem schreiben, was Tarr ausgesagt.
    Ich möchte keine semantische Diskussionen führen über die Bedeutung von ahnen. Welche verbale Prügel hätte ich von Ihnen erhalten, wenn ich geschrieben hätte, jetzt kann man wissen? Da erst hätten Sie meine Schreibe kritisiert. Das ist ein klassischer Fall, wo ich es Ihnen nicht recht machen kann.

    Niemand hat Herrn Tarr gezwungen in Berlin ein Interview zu geben. Doch dann zu behaupten, der Journalist hätte seine Aussagen gefälscht ist nicht die feine Art, die man von einem ungarischen Künstler erwartet hat.
    Nun bleibe ich bei dem Wort ahnen. Denn wenn der Tagesspiegel tatsächlich Tarrs Aussage gefälscht hätte, dann bliebe ja die Möglichkeit im deutschen Rechtsstaat, die Zeitung zu klagen, wegen übler Nachrede. Ich hoffe sehr, Hungarian Voice wird uns weiter über diese Affäre berichten.

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