Zoltán Kocsis: „Schon der kleinste Rassismus ist ekelhaft“

Zoltán Kocsis, musikalischer Leiter der Ungarischen Nationalen Philharmoniker, hat der ungarischen Wochenzeitung HVG ein Interview zur Situation im Land gegeben. Es knüpft an dem vor kurzem erschienenen SZ-Interview an, welches – auch in Ungarn – hohe Wellen schlug.

Zoltán Kocsis: Schon der kleinste Rassismus ist ekelhaft

In Ungarn gibt es genauso viel Rassismus, Antisemitismus und Antiziganismus, wie in jedem beliebigen anderen europäischen Land. Schon der kleinste Rassismus ist zu viel und ekelhaft, aber es gibt ihn. Trotzdem kann man nicht ein ganzes Land dafür in die Nachrichten bringen oder mit Schlamm bewerfen“ – sagte Zoltán Kocsis, der weltbekannte Pianist und musikalische Leiter der Ungarischen Nationalen Philharmoniker, der hvg.hu.

hvg.hu: In dem von der Magyar Narancs veröffentlichten Artikel „In den Stunden der Übelkeit“ regte sich der Autor über Ihr Interview mit der Süddeutschen Zeitung auf. Ihm gefiel gar nicht, dass Sie sagten, Sie fühlten sich wohl in Ungarn. Sogar auf der Titelseite des Blattes verwies man darauf, dass Sie „gezählt“ hätten, wie viele Juden und wie viele Zigeuner in Ihrem Orchester spielen. Was sagen Sie dazu?

Zoltán Kocsis: Meiner Meinung nach sind in dieser aufgeheizten Stimmung, die derzeit in Ungarn vorherrscht, alle verrückt geworden. Ich muss mich für das, was ich der deutschen Zeitung gesagt habe, nicht schämen, das sollten vielmehr diejenigen tun, die aus dem Ausland unser Land und unser Volk verleumden, indem sie zu ausländischen Journalisten rennen. Ich brauchte drei Stunden meiner Zeit dafür, den einen Journalisten davon zu überzeugen, dass Ungarn nicht die Hölle oder – wie es ein englischer Journalist schrieb – ein widerliches kleines Land ist, aus dem es übel riecht.

hvg.hu: András Schiff, der in der Washington Post zum Ausdruck brachte: „als freiheitsliebender Künstler betrachte ich mit Sorge, dass im Bezug auf Ausgrenzung, die Aggression gegenüber Minderheiten und die Intoleranz, Ungarn in Europa sehr weit vorne liegt“, wurde von Ihnen nach Budapest eingeladen, er solle die Nationalen Philharmoniker dirigieren. Hat er die Einladung angenommen?

Z.K.: Leider hat er noch nicht geantwortet. Auch ich bin freiheitsliebender Künstler, aber was András Schiff und Ádám Fischer behaupten, ist schlichtweg nicht wahr. In Ungarn gibt es genau so viel Rassismus, Antisemitismus und Antiromanismus – das letztgenannte Wort habe ich von Károly Bari gelernt – wie in jedem beliebigen europäischen Land. Schon der kleinste Rassismus ist ekelhaft und zu viel, aber es gibt ihn. Überall. Dafür kann man aber nicht ein ganzes Land in die Nachrichten bringen und mit Schlamm bewerfen. Tatsache ist, dass man die Lage in Ungarn im Ausland – und das ist naturgemäß so – zu stark vereinfacht darstellt: „die Ungarn“. Diese vielen Skandale, die üblen Aussagen werfen ein schlechtes Bild auf das Land, und ich möchte es nicht zulassen, dass mein Land, das auch das von András, Ádám und György Konrád ist, von irgend jemandem durch den Schmutz gezerrt wird! Ich kann es einfach weder verstehen noch nachvollziehen, warum man ein Land mit solchen Vorzeichen niedermacht, nur weil ein paar einflussreiche Politiker nun etwas weiter weg von den Fleischtöpfen sitzen. So wird zum Beispiel wegen einiger, nicht einmal besonders wesentlicher Punkte im Mediengesetz völlig überflüssiger Aufruhr veranstaltet.

hvg.hu: Wo wir schon bei der Politik sind, wie bewerten Sie die Wahl im vergangenen Jahr?

Z.K.: Die Gesellschaft hat nicht für die beiden schönen Augen des Viktor Orbán gestimmt, und auch nicht gegen Ferenc Gyurcsány. Man hat die Ergebnisse der vergangenen vier bzw. acht Jahre bewertet. Die Gesellschaft hat genug von Kriminalität, von den Feindseligkeiten, aber vor allem genug von dem Auseinanderdriften der Gesellschaft. Es wäre gut, endlich in die gleiche Richtung zu gehen, was man auch als wirtschaftliche, kulturelle und moralische Erholung bezeichnen könnte. Das spiegeln die Wahlergebnisse wider, die Menschen wollen eine einheitliche Regierung.

hvg.hu: Der Süddeutschen sagten Sie, Ungarn sei ein Sozialstaat geworden. Was meinen Sie damit?

Z.K.: Dass die Menschen sich um einander kümmern. Trotz aller Probleme, die das Land belasten, denke ich, dass der Begriff „Mensch“ jetzt mehr bedeutet, als in den Jahren zuvor.

hvg.hu: Manch einer titelt vom Kulturkampf, andere visionieren, dass Ungarn zur kulturellen Wüste zu verkommen droht. Wenn das auch übertrieben ist, so will die Regierung doch zweifellos ihren eigenen Geschmack etwas stärker der  Gesellschaft aufzwingen. Wie sehen Sie die Lage im Inland, vor allem, so weit es die Kultur betrifft?

Z.K.: Jede Regierung ist mutig, wenn es darum geht, die Kultur anzufassen, vor allem wenn die Kürzungen vornimmt, denn sie weiß, dass dies kurzfristig keine Folgen hat. Und es ist offenkundig auch nicht das Wichtigste für diese Regierung, die Kultur blütenweiß zu waschen, ich denke aber, trotz allem, dass man sehr genau hinsehen muss. Wenn ich nur unser Haus ansehe, so hat man uns in den vergangenen acht Jahren 300 Mio. Forint (über eine Mio. EUR) weggenommen, was wir als Staatsbürger mit Geduld ertragen haben, aber selbst wenn dem nicht so gewesen wäre, hätte es wohl keine Probleme bereitet; denn der Durchschnittsbürger hält Kultur für so etwas wie den Überbau. Er hält sie nicht für unbedingt notwendig, und das wissen auch die Politiker sehr genau. Die negativen Folgen nimmt man später wahr, nämlich dann, wenn solche Werte, die heute noch sehr wettbewerbsfähig sind und für die man uns in der Welt wahrnimmt, vollständig dem Boden gleich gemacht wurden. So ein Wert ist offenkundig die Musik!

hvg.hu: Wie fühlen Sie sich in Ungarn, als Privatperson und als Maestro – Pianist –  und Lehrer?

Z.K.: Ich fühle mich sehr wohl in meiner Haut, und ich glaube, dass ich ein normaler, anständiger Bürger bin. Ich komme gerade von einer Tour in Deutschland zurück, während der wir zehn Auftritte hatten; ich habe mit großem Erstaunen festgestellt, welch großes Publikum wir, die  Nationalen Philharmoniker, haben. Wir sind eine Truppe, in der seit sehr langer Zeit genau die Gespräche stattfinden, die es in der Gesellschaft noch nicht gibt, und deren Ausbleiben zu Leid für das ganze Land führt, und die zu jenen Vorstellungen führen, die es im Alltag gibt. Die politischen Lager verfluchen sich gegenseitig aus genau diesem Grund, und die Menschen haben genug davon. Wenn irgend etwas in Gang gesetzt wird, so sagt die andere Seite sofort, das sei schlecht, weil diese Idee nicht von ihr kommt. Wir bei den Philharmonikern kennen uns und die Geschichte des jeweils Anderen, dessen Familie, wir schätzen uns und sprechen miteinander. Und genau aus diesem Grund ist die Frage, woher man kommt, ein natürlicher Zustand, keine Quelle von Konflikten. Niemand hält den Bogen besser oder bläst ein Instrument schöner, weil er aus einer bestimmten Familie stammt, sondern deswegen, weil er begabt ist. Aber wenn er aus einer bestimmten Familie stammt, dann bereichert er damit unsere gemeinsame Kultur, und es wäre schade, darauf zu verzichten!

hvg.hu: Es hat ziemliche Misstöne ausgelöst, als Sie sagten, dass im Orchester elf jüdische und elf Musiker mit Romaabstammung arbeiten, und so lange man Ihnen nicht sage, diese Menschen müssten entlassen werden, glauben Sie nicht an solche Sachen…

Z. K.: Ich hatte gerade schon darauf hingewiesen, dass wir im Orchester all das angesprochen und ausdiskutiert haben, was in der Gesellschaft noch keinem Dialog zugänglich war. Die Nationalen Philharmoniker sind die perfekte Abbildung der Landesbevölkerung. In diesem Land leben sehr viele begabte Menschen, unabhängig von ihrer Herkunft, und dies ist eine der größten Reserven unseres Landes, und Bedingung für genau jenes künstlerische Niveau, welches wir verkörpern. Ich glaube an die Vermischung, die „Reinrassigkeit“ ist der größte Blödsinn, den es gibt. Wir im Karpatenbecken sind das beste Beispiel. Wie viele Nationen haben sich hier vermengt? Diesem Umstand können wir es verdanken, dass wir überlebt haben, und dass die Welt uns als begabtes Volks kennt. Allerdings auch als streitsüchtiges… Wenn die Welt sich so weiterentwickelt – da sind wir keine Ausnahme – gibt es in ein paar Jahrhunderten vielleicht gar keine Araber, Schwarzen oder Chinesen mehr, sondern nur Menschen. Ich respektiere jeden Mitmenschen, ich erwarte allerdings im Gegenzug auch, dass er mein Gewissen, meine Reizschwelle und auch meine Toleranz nicht herausfordert.“

Quelle: http://hvg.hu/velemeny/20110225_kocsis_zoltan