Das Artikelrecycling der WELT – Alter Wein in neuen Schläuchen

Auf den Beitrag „Ungarns Marsch nach rechts“ von Paul Lendvai in der WELT vom 12.02.2011 wurde an dieser Stelle bereits hingewiesen. Der Autor kritisierte in seinem Artikel die aus seiner Sicht gegebene Untätigkeit der ungarischen Regierungspartei Fidesz gegenüber Rassismus und Antisemitismus:

https://hungarianvoice.wordpress.com/2011/02/12/paul-lendvai-kritisiert-ungarns-marsch-nach-rechts/ (mit Link zum WELT-Artikel)

Am 03.03.2011 dann die Überraschung. Beim Suchen in der WELT-Online entdecke ich einen (scheinbar) aktuellen Artikel von Paul Lendvai mit dem Titel „Holocaust-Verniedlichung – Das falsche Selbstbild der antisemitischen Ungarn“. Schon nach dem ersten Absatz kommt es mir vor, als hätte ich all das, was Lendvai den Lesern präsentiert, schon einmal zu Gesicht bekommen. Und siehe da: Es handelt sich um den identischen Artikel, der bereits einen knappen Monat zuvor unter „Ungarns Marsch nach rechts“ firmiert hatte.

http://www.welt.de/kultur/history/article12586045/Das-falsche-Selbstbild-der-antisemitischen-Ungarn.html

In der ersten Regierungsperiode des Viktor Orbán (1998-2002) hatte man sich wenigstens noch die Mühe gemacht, immer neue kritische Berichte und Essays über die Regierung zu verfassen, wenn es darum ging, (berechtigte oder auch unberechtigte) Kritik an der Regierung zu üben. Bestenfalls das Thema blieb, aber der Bericht wechselte. Seinerzeit traute man offenbar den Lesern der eigenen Zeitung zu, ein Thema schon bei der ersten Lektüre inhaltlich zu verfassen. Neuerdings werden auch die Berichte schlichtweg zweimal veröffentlicht, lediglich der Titel wird ausgetauscht – in diesem Fall verschärft von „Marsch nach rechts“ zu „Holocaust-Verniedlichung – Das falsche Selbstbild der antisemitischen Ungarn“. Um die Brisanz auch bildlich zum Ausdruck zu bringen, wird unter dem Titel sogar ein Bild von Adolf Hitler und dem Reichsverweser Miklós Horthy abgebildet. Und natürlich darf auch die seit Monaten beinahe jedem Ungarnbericht der WELT beigefügte Bilderserie „Ungarns mächtige Rechtspopulisten“ nicht fehlen, in der Politiker der rechtsradikalen Jobbik (Vona und Morvai) gemeinsam mit Viktor Orbán (Fidesz) und Zsolt Semjén (KDNP) abgebildet werden. Und auch der Parlamentsabgeordnete und Bürgermeister des kleinen Ortes Edelény, der unabhängige Oszkár Molnár, wird zum „mächtigen Rechtspopulisten“ hochstilisiert. Derart sauber recherchiertem Journalismus ist die WELT, wie wir spätestens seit dem Pamphlet „Führerstaat Ungarn“ wissen, verpflichtet. Jene „konservative“ WELT, die von linken Kritikern der Regierung nur allzu gerne als Beleg dafür genannt wird, dass die eigene Kritik zutreffend ist.

Über die Motive dieses Artikel-Recyclings kann man lange spekulieren. Da Druckerschwärze und sonstige Ressourcen nicht eingespart werden, scheint es der Drang zu sein, bestimmte Themen „am Köcheln zu halten“. Wenn es (nach Abflachen der Kritik um das Mediengesetz) schon nichts Aktuelles zu berichten hat, nehme man einfach ein Dauerthema und publiziere einen hierzu veröffentlichten Artikel unter neuem Titel ein zweites Mal. Dass man als Leser einer Tageszeitung möglicher Weise etwas anderes erwartet, spielt hierbei keine entscheidende Rolle.