Wann man besser schweigen sollte…

Es gibt Momente, da sollte man schweigen, auch wenn ein Gewitter tobt und man allzu gerne eine Erklärung abgeben möchte. Das gilt vor allem dann, wenn man Blitz und Donner selbst mitverursacht hat.

Sándor Petöfi, der als Slowake (Alexander Petrovics) geborene ungarische Freiheitsdichter und Nationalheld des ungarischen Freiheitskampfes von 1848/1849 gegen das Habsburgerreich, wurde und wird von den Konservativen im Lande gleich einem Heiligen verehrt. Kein 15. März vergeht, an dem nicht Zeilen des Gedichts „Talpra Magyar“ oder andere Verse rezitiert werden. Gerade Fidesz hat seit je her versucht, die eigenen Werte mit denen der Revolution und den Aussagen Petöfis zu verbinden und Kontinuität zwischen den „alten“ und „neuen“ Werten zu suggerieren. Freiheit ohne Fremdbestimmung. In einem Land mit einer Jahrhunderte andauernden Fremdherrschaft an und für sich nichts Ungewöhnliches.

Man sollte an solchen würdigen Tagen jedoch nicht über die Erklärungsbedürftigkeit der eigenen politischen Agenda stolpern. Die Rede von Ministerpräsident Orbán am 15. März 2011 auf den Stufen des Nationalmuseums war – wie eh und je – davon geprägt, die Eigenständigkeit und Freiheit Ungarns zu beschwören. Zwischenzeitlich musste „Brüssel“ als Ersatz für die Habsburger herhalten, obgleich Ungarn der EU 2004 freiwillig beigetreten ist – dies kann man getrost als innenpolitisches Theater abhaken, das man auch in Deutschland und Österreich zu hören bekommt.

Bemerkenswert war jedoch Folgendes: Bei dem Vortrag des Petöfi-Gedichts „15. März 1848“ war von Freheitsliebe und Patriotismus die Rede, was aber fehlte? Die Passage über Pressefreiheit, einem im Jahre 1848 ebenfalls geforderten Wert. Sie war aus unerfindlichen Gründen verschwunden. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt. Petöfi hatte sich vor mehr als 160 Jahren gegen die von Österreich ausgehende Zensur ausgesprochen. Im Gewitter um das umstrittene ungarische Mediengesetz wirkte es auf die Veranstalter der Regierungsveranstaltung wohl als zu viel des Guten, Forderungen nach Pressefreiheit aus dem Jahr 1848/1849 zu verkünden und gleichwohl als legitimer Erbe der damaligen Werte aufzutreten.

Ein peinlicher Zwischenfall, der mit mehr Fingerspitzengefühl und Professionalität verhinderbar gewesen wäre. Man brauchte kein Augur zu sein, um vorherzusehen, dass sich nicht nur die oppositionsnahe inländische, sondern auch die ausländische Presse den Ball dankbar aufnahm und von der „Zensur Petöfis“ sprach. Frei nach dem Motto: Für Fidesz ist Zensur in Ordnung, wenn sie mit 2/3-Mehrheit aus dem Inland und nicht von den Habsburger herrührt. Und als wäre das nicht (peinlich) genug, gibt das Justiz- und Verwaltungsministerium heute eine Pressemitteilung heraus, in der dem geneigten Leser erklärt wird, die Verkürzung des Gedichts und das Herausstreichen der Passage um die Pressefreiheit habe mit „künstlerischen Aspekten“, der „Dramaturgie“ und auch der knappen Zeit bei der Veranstaltung zu tun gehabt. Erklären, was sich nicht sinnvoll erklären lässt.

Si tacuisses, philosophus mansisses…wie hätte Fidesz wohl reagiert, wenn die Sozialisten ein Petöfi-Stück gefleddert hätten?

7 Kommentare zu “Wann man besser schweigen sollte…

  1. Es tut mir Leid, wieder einmal Hungarian Voice berichtigen zu müssen. Der Vater von Sándor Petöfi war tatsächlich ein serbischer Fleischhauer.
    Doch Petöfi war ein ungarischer Revolutionär und Dichter.
    Attila József war der Sohn eines rumänischen Gastarbeiters und einer ungarischen Wäscherin und hat dies auch in einigen seiner Gedichte thematisiert.
    Radnóti wird auch zu Recht als ungarischer Dichter geehrt, was man lange verschwiegen hat, war die Tatsache, dass er 1944 als jüdischer Zwangsarbeiter nicht von Deutschen sondern von Ungarn umgebracht wurde. Einer der Täter fand seinen Weg zur ungarischen KP.
    Fidesz scheint tatsächlich viel Energie darauf zu verwenden, sich selbst lächerlich zu machen. Nicht einmal die Kommunisten hätten sich getraut Petöfi zu zensurieren
    Der Einfall Studenten Geld zu zahlen, damit sie dem Regierungschef zujubeln zeigt, die Richtung wohin Ungarn sich bewegt.

    • Ich habe mich hier nach Wikipedia gerichtet. Dort steht das hier:

      „Petőfi entstammte einer slowakischen Familie, seine Eltern waren der Fleischhauer und Wirt Štefan Petrovič und Mária Hrúz. Ab 1828 besuchte er die evangelische Elementarschule in Kecskemét und von 1833 bis 1834 das evangelische Gymnasium in Pest, anschließend bis 1835 das Piaristengymnasium und im Anschluss daran bis 1839 das Gymnasium in Aszód. Er verließ das Gymnasium, schloss sich einer Theatergruppe an und spielte in Statistenrollen am Nationaltheater. Von 1839 bis 1841 war er Soldat. Anschließend war er wieder als Schauspieler tätig und studierte in Pápa.“

      http://de.wikipedia.org/wiki/S%C3%A1ndor_Pet%C5%91fi#cite_note-1

      Allerdings findet man im Netz in der Tat Informationen darüber, dass Petöfis Vater ein assimilierter Serbe war. Seine Mutter war jedoch Slowakin.

  2. Petöfi wurde in Kiskörös südlich von Budapest in der ungarischen Tiefebene geboren, sein Vater war serbischer Fleischhauer. Petöfi hat viele seiner Gedichte dieser Tiefebene gewidmet.

    • Sie sind der Besserwisser ! IMMER !
      http://hu.wikipedia.org/wiki/Pet%C5%91fi_S%C3%A1ndor

      Édesapja, Petrovics István (Kartal, 1791. aug. 15. – Pest, 1849. márc. 21.) mészárosmester, a közhiedelem szerint szerb, újabb kutatások alapján szlovák családból származott, de magyarnak vallotta magát

      kurz: nach neuesten Forschungen stammen Petőfi´s Eltern
      aus dem slowakischen Raum.

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