„Mr. S8“ János Lázár und sein Bild von der ungarischen Gesellschaft – Orbán, übernehmen Sie (endlich)!

Es gibt sie immer wieder. Momente, in denen man wegen des Verhaltens und des Weltbildes ungarischer Politiker des Regierungslagers nur noch die Hände über dem Kopf zusammenschlagen kann.

Der Protagonist dieses Kommentars ist bekannt. Es ist János Lázár, Vorsitzender der Fidesz-Fraktion im ungarischen Parlament. Bekannt und beliebt nicht nur durch seinen unsäglichen Angriff auf das ungarische Verfassungsgericht, sondern auch dadurch, dass er sich auf Staatskosten eine Luxuslimousine des Typs Audi S8 „gegönnt“ hatte – das 400 PS-Gefährt gab er nach Protesten aus den Reihen der Opposition und kritischen Presseberichten zurück.

Doch Lázár ist – bildlich gesprochen – wie eine Speckschwarte, die im Wasser immer wieder oben aufschwimmt. Und von „Charakterspeck“ kann man nicht sprechen: Wie Index.hu berichtet, hat Lázár, der neben seiner Parlamentsfunktion auch Bürgermeister von Hódmezövásárhely ist, in einer durchaus interessanten Rede vor dem Gemeinderat sein Bild von Hilfebedürftigen und weniger Erfolgreichen kundgetan:

Ich habe mich nie dafür geschämt, dass ich dafür, was ich mein eigen nenne, hart arbeite. Ich bin in einem Milieu aufgewachsen, in dem Arbeit nicht als Schande galt, und man musste sich auch nicht für die Früchte seiner Arbeit schämen. Der Mensch soll sich etwas ansammeln, Stein auf Stein bauen. Wer dazu nicht fähig ist, wer nichts hat, ist meines Erachtens auch genau so viel wert, jedenfalls ist das meine Meinung.  Wer es in seinem Leben zu nichts gebracht hat, der ist auch nicht mehr wert, das kann ich sagen. Sein Leben ist eben auch nicht mehr wert. So ist meine Auffassung.“

Man glaubt, sich verhört zu haben. Der Parlamentsvorsitzende einer mit 2/3-Mehrheit regierenden Partei, die gerade mit einer neuen Verfassung das Land auf eine „neue moralische Grundlage“ stellen möchte (dort steht u.a., dass man dem „Befehl gehorcht, sich um Hilfsbedürftige zu kümmern“), die Menschenwürde betont und zu verhindern sucht, dass in Auslandswährung finanzierte Wohnung wegen der Überschuldung ihrer Eigentümer zwangsweise geräumt werden, spricht über eben diese Hilfsbedürftigen, als wären sie Müll. Nicht einmal der geschmackloseste Neoliberale hat sich in der Öffentlichkeit jemals zu so einer Aussage verstiegen. Dass in diese Gruppe vermeintlicher „Versager“ viele Millionen Menschen passen, liegt auf der Hand. So redet wohl kein seriöser Politiker über das Volk, dessen Interessen zu vertreten er mit seinem Eid gelobt hat.

Die Tatsache, dass man in einer freien Wirtschaft auch ohne eigene Schuld in schwierige finanzielle oder sonstige Situationen kommen kann, scheint dem Juristen Lázár fremd zu sein. Wenig verwunderlich, er selbst war bislang nur Politiker und Bediensteter im öffentlichen Bereich und bezieht seinen Lebensunterhalt und (ehemals) auch sein Luxusauto von eben jenen Bürgern, die Steuern zahlen, ohne in Saus und Braus zu leben. Wir dürfen hoffen, dass wir in Lázárs Aussagen kein Menetekel der für das Jahr 2014 geplanten Wahlslogans des Fidesz gesehen haben:

„Jedem, der etwas wert ist, geht es besser als vor vier Jahren. Für mehr Eigenverantwortung. Fidesz“.

Lázár hat sich durch seine Aussagen nicht zum ersten Mal als Aushängeschild der Fraktion disqualifiziert und politische Aussagen des Fidesz diskreditiert. In Deutschland würde ein Politiker dieses Schlages von seiner Partei unverzüglich zum Rücktritt gezwungen. Auch Ungarn im allgemeinen und Fidesz im besonderen braucht keine arroganten Emporkömmlinge, die als Berufspolitiker an die Fleischtöpfe herangerückt und darauf auch mächtig stolz sind, sondern verantwortungsbewusste Männer und Frauen, die die Realitäten des ungarischen Lebens kennen. Und zu dieser – zum Teil bitteren – Realität gehört eine große Zahl von Menschen, die nicht nur wegen ihres eigenen Verschuldens, sondern auch aufgrund verfehlter Politik der vergangenen Jahre um ihre Chancen und (nicht selten) um ihre Ersparnisse gebracht worden sind. Das, lieber Herr Lázár, war jedenfalls die Aussage Ihrer Partei im Wahlkampf.

Eine klare Aussage aus der Fidesz-Parteiführung und der Fraktion ist längst überfällig. Ansonsten könnte der Hochmut Einzelner den Fall vieler anderer bedeuten.

Weitere Quellen:

http://www.boon.hu/engine.aspx/lmp-szeg-233-nynek-lenni-bun/t/page/boon-article-detail-page/cn/haon-news-charlotteInform-20110319-0611086278/dc/im%3Aall%3Anews_special-hungary/ag/im-fuggetlen

http://www.origo.hu/itthon/20110319-lazar-janos-szerint-akinek-nincs-semmije-az-annyit-is-er.html