„Burgkomitat“ oder weiterhin „Komitat“?

Die Fraktionsvorsitzenden von Fidesz und KDNP, János Lázár und Péter Harrach, unterbreiteten dem Verfassungsausschuss gestern den Vorschlag, die Bezeichnung „Komitat“ (ungarisch „megye“) für die staatlichen Verwaltungsbezirke in der Verfassung beizubehalten und von einer Rückkehr zum alten „Burgkomitat“ Abstand zu nehmen. Letztgenannter Begriff (ungarisch „vármegye“) war bis nach dem Krieg in Gebrauch. Kritiker sehen in der Rückkehr zur alten Bezeichnung einen versteckten Revisionismus, d.h. eine Bezugnahme auf „Großungarn“.

Der Verfassungsausschuss des Parlaments vertrat in seiner heutigen Sitzung weiterhin die Meinung, dass zur traditionellen Bezeichnung, die nach dem 2. Weltkrieg von den Kommunisten abgeschafft wurde, zurückgekehrt werden sollte. Der Änderungsvorschlag von Lázár und Harrach wurde daher abgelehnt. Für eine Wiedereinführung des Burgkomitates stimmten – gegen den Vorschlag des Ausschussvorsitzenden – die Mehrheit der Fidesz- und der Jobbik-Vertreter im Ausschuss.

Der Vorschlag, das Oberste Gericht in „Kurie“ („Kúria“) umzubenennen, bleibt aufrecht erhalten. Auch insoweit gab es Kritik, allerdings bezeichnet sich der Europäische Gerichtshof auf seiner Internetseite selbst entsprechend (http://curia.europa.eu).

10 Kommentare zu “„Burgkomitat“ oder weiterhin „Komitat“?

  1. Einen lustige und interessante Aussage habe ich letzthin von Navracsics Tibor gehört, der darauf hingewiesen hat, dass die bisherige Bezeichnung des Obersten Gerichtshofes – Legfelsőbb Bíróság – grammatikalisch nicht korrekt ist.

    Der Oberste Gerichtshof müsste grammatikalisch „Legfelső Bíróság“ heißen, „legfelsőbb“ ist eine Steigerung des Superlativs „legfelső“.

    Natürlich war das nicht der Kern seiner Aussage in der Diskussion bzgl. „Oberstes Gericht“ oder „Kurie“, er hat das nur nebenbei erwähnt.

  2. Burgkomitat; Vármegye ein geschichtlicher Begriff. Es war schade, in eine neue europäische Verfassung einzuführen – zusammen mit einem ideologischen nationalen Ton, der ebenfalls der vergangenheit angehören sollte.
    Wir bauen ein Europa der nationalen Identitäten auf demokratischer Basis, auf der grundlage der Menschenrechte und menschlichen Bedürfnisse, bei der jede Ideologie transzendiert wird.

    vármegye kifejezes a törteneleme. Kar tenyleg ez az ideologiai nacionalizmus felelsztese egy Europaban, amelyik szellemileg vezetö resze azert harcol, hogy ideologiakat transzcendalva az emberi jogok es szüksegletek alapjan allva epitsük a demokraciat minden egyes tag-orszag sajat identitasanak megfelelöen.

    Dipl Psych Bela Preszly
    Heidelberg

    • Identitás, történelem nelkül? Ez hogy megy?

      Ich brauchte eine Weile, um als Türkeikorrespondent eine Grundgegebenheit des Landes zu verstehen: 1923 wurde dem Land von Atatürk eine neue, „fortschrittliche“ Verfassung und Orientierung verpasst, die brechen sollte mit dem Ballast von Tradition und Geschichte, und in die „westliche Modernität“ führen sollte. Jetzt, 80 Jahre später, erlebt das Land die Gegenreaktion, eine Rückkehr zu einer geschichtsgebundeneren Identität, die aber trotzdem Kraft gibt für eine Renaissance der Türkei.

      Der Polit-Psychologe Volkan Vamik hat in seinem Buch „Bloodlines“ herausgearbeitet, wie wichtig Identitätsfragen auch für Konfliktlösung und -verhinderung sind. Im Interview mit uns analysierte er, wie die neue, aufgestülpte EU-Identität die einst zuallererst „deutschen“ oder „ungarischen“ Europäer traumatisiert hat – und dass dies „therapiert“ werden müsse, sonst führe die Verdrängung des Traumas zu einer Explosion. Das Interview hier:

      http://www.welt.de/politik/article1267698/Warum_sich_Tuerken_und_Europaeer_angiften.html

      Auf Ungarn bezogen: Die neue nationale Identitätsbesessenheit des Landes, belegt durch den großen Rückhalt für Fidesz und Jobbik, ist Ausdruck dieses Traumas, zugleich muss eine „Therapie“ wohl genau da ansetzen, wo die neue Verfassung ansetzt: Mit Worten (ob nun „Vármegye“ – kommt das überhaupt? – oder Stefanskrone), Worte also die die nationale Identität stärken, ohne deswegen jemandem wehzutun oder gegen andere gerichtet zu sein.

      • Lieber Herr Kálnoky,

        spannende Fragen! Ich kenne die Bücher von Herrn Volkan nicht, sie stecken sicher voller interessanter Beobachtungen. Allerdings habe ich starke Zweifel, was die Wissenschaftlichkeit seiner Thesen angeht. Vorstellungen von „nationalen Charakter“ oder Übertragungen aus der Individualpsychologie auf die Volksseele sind aus der politischen Soziologie schon lange verabschiedet worden. „Völker“ oder „Nationen“ existieren nicht als Kollektive in der Wirklichkeit, sondern sind Konstrukte, Zuschreibungen, Ideologeme, Vorstellungen, die über Schule, politische Institutionen, „family stories“ oder sonstige Wege aktiv vermittelt (Soziologen würden sagen: „reproduziert“) werden müssen. Einzelne Individuen können Traumata erleben, „Nationen“ jedenfalls nicht. Gesellschaften bestehen aus unterschiedlichsten sozialen, ökonomischen und kulturellen Gruppen mit den unterschiedlichsten Geschichtsnarrativen und Identitäten.

        Die Deutschen sind ein gutes Beispiel. Natürlich haben Millionen von Deutschen Staatsbürgern im Dritten Reich und während des Krieges ein Trauma erlitten, davon manche in extremer Form (z.B. die vom Regime verfolgten). Die Europäische Identität war für deutsche keinesfalls traumatisch, im Gegenteil – es bot ihnen einen Ausweg aus den individuell in sehr unterschiedlicher Weise erlebten Schuldgefühlen. Insofern liegt Herr Volkan hier völlig daneben. Das was er beschreibt, sind nicht spontan entstehende Ausbrüche von nationalen Traumata, sondern ganz bewusst gesteuerte Elitenstrategien, die historische Narrative benutzen, um Macht zu erringen oder zu halten. Das gilt für die Türkei genau so wie für Ungarn. In Deutschland gibt es auch Instrumentalisierungen der Vergangenheit von rechts und links, aber sehr wenig davon hat mit einer kollektiven Völkerpsychologie zu tun – der linke Hausbesetzer ist genauso Deutscher wie der klerikale Bayer.

      • Lieber Herr Boulanger,

        Was immer man an Vamik Volkan bemängeln mag, ich glaube es ist noch niemand auf den Gedanken gekommen, seine Wissenschaftlichkeit in Zweifel zu ziehen. Ich empfehle, ihn einfach mal zu lesen, bis dahin hier der Wiki-Eintrag:

        http://de.wikipedia.org/wiki/Vamik_Volkan

        Aber das soll nun nicht von Ungarn ablenken.

      • Lieber Herr Kálnoky,

        vielen Dank für den Link und an der Wissenschaftlichkeit und dem Wert der (individual-) psychoanalytischen Werke von Herrn Volkan will ich nicht zweifeln. Mir ging es darum, die Übertragbarkeit individualpsychologischer Begriffe auf Kollektive zu hinterfragen. Die Sozialwissenschaften bemühen sich seit langem, die (recht aufwändigen) sozialen Mechanismen aufzuzeigen, mit denen Identitäten konstruiert werden, und zu erklären, wie Identitätspolitik funktioniert, d.h. wie sogenannte „politische Unternehmer“ (Orbán ist ein gutes Beispiel, aber das selbe könnte auch von links kommen) vorhandene Erzählungen selektiv so zusammenstellen (oder zu manipulieren), wie es ihnen nützt, und dabei bestimmte „Traumata“ immer wieder erst erzeugen. Insoweit bleiben wir beim Thema. Aber Schluss mit dem Vortrag, ich fand das Thema nur so spannend.

  3. Ich befürchte dem „Volk“ ist das sowas von schnurzpiepegal, wie das Kind nun heissen soll.
    Vielmehr interessiert es doch, ob man was zu beißen hat und alle im Monat anfallenden Rechnungen zahlen kann.
    Ach ja, ich meine mit Volk alle von den „kleinen Intellektuellen“ abwärts.

  4. Die Debatte über diese Bezeichnungen finde ich tatsächlich auch nicht sonderlich spannend oder zielführend. Es gibt wichtigeres, zB dass jeder „was zu beißen hat“. Aber der Frust mit wirtschaftlichen Notsituationen wird ja irgendwie kanalisiert und hier spielen dann Identitäten sicherlich eine Rolle, da sich aus dem Frust und der Not, dass es UNS schlecht geht gerne ein gemeinsamer externer Gegner gesucht wird. Hier ist schon entscheidend, wie das WIR und das SIE konstruiert wird.
    Volkan schreibt ja, dass es traumatisiernd ist, wenn von einer bestehenden Identität ausgehend einem eine neue übergestülpt werden soll. Das kann ich noch intuitiv nachvollziehen, denke aber ähnlich wie Christian Boulanger, dass die bestehende (individuelle) Identität auch schon etwas kontruiertes ist, was ich irgendwann mal gelernt habe. Und die Idee einer Nation ist ja noch nicht so alt, sich damit zu identifizieren wurde den Leuten ja auch irgendwann mal übergestülpt. Halte es daher nicht für verkehrt, wenn alle neuen (im Sinne von jung) Europäer auch eine europäische Identität ausbilden. Verstehe nämlich auch nicht, warum sich Identitäten ausschließen sollen – man hat ja eh immer mehrere.

  5. T. Sanyi, das klingt ein wenig so, als glaubten Sie, dass Identität so etwas wie ein neuer Pullover ist, man strickt es sich schnell zusammen und zieht es dann über.

    Die Krux ist jedoch die: Identitäten und Mentalitäten sind nur schwer und langsam wandelbar und wirken in der Tiefe eines jeden Individuums, somit kollektiv auch in der Gesellschaft als Ganzes. Wenn von Identitätswandel die Rede ist, dann geht es immer um Zeiträume von Jahrzehnten.

    Ich denke, das freudige deutsche Abtauchen hinter abstrakte europäische Identitäten hat viel mit dem nunmehr fast 70jährigen Trauma der Nazizeit zu tun, als man noch stolz „Deutsch“ war und sich dann sehr schämen musste; und es ist auffallend, dass Ungarns neuer Nationalstolz nirgends wilder angefaucht wird als in Deutschland (obwohl man den Magyaren die Sache mit der Öffnung der Grenze doch eigentlich „nie vergessen“ wollte.)

    Der Grund ist genau der, dass Ungarn sich gegen die aufgestülpte EU-Identität wehrt, eine Identität, die Deutschland doch so nötig hat, um sich „gut“ zu fühlen. Da sind Verlustängste, das Beispiel könnte Schule machen, und plötzlich müsste man wieder sich selbst sein: Deutsch. Mit allem, was da verdrängt lauern mag.

  6. @Herr Kálnoky & T. Sanyi

    Natürlich verändern sich Identitäten nur langsam. Das Problem ist die Vorstellungen, Identitäten seien etwas fest definierbares, etwas Statisches, so wie die „ungarische Identität“ oder „europäische Identität“. Weder das eine noch das andere existiert, deswegen kann auch nichts „übergestülpt“ werden. Es gibt nur normative Erzählungen über das, welche Identitäten es angeblich gibt, und individuell angenommene Vorstellungen darüber, normalerweise ein Mischmasch von verschiedenen Identitäten. Mann/Frau ist nicht „nur“ Ungar oder Deutscher, bzw. das, was man dafür hält, sondern auch „Mann“, „Budapester“ oder „Berliner“, „Chef“ oder „Gewerkschafter“, „Fan von Schalke 04“ , „Akademiker“ oder „Bauarbeiter“, „Europäer“, „Schwabe“, „Christ“ oder „Moslem“, etc. etc., die Identitäten überschneiden sich und sich in vielfältiger Weise kombinierbar.

    Über das, was die „ungarische“ oder „deutsche“ Identität ausmacht, wird gestritten, sie ist nicht feststellbar oder aus der Geschichte ableitbar. Sie zwar nur „mit Gewalt“, d.h. über Institutionen fixiert werden, z.B. dadurch, dass das, was irgend jemand mal darüber geschrieben hat, autoritativ in Schulbüchern als die „wahre“ Identität vermittelt wird. Es könnte aber auch immer etwas anderes in den Schulbüchern stehen. Ob das dann angenommen wird, ist eine ganz andere Frage.

    Ich habe gar nichts gegen nationale Identitäten, halte sie sogar für notwendig für den Zusammenhalt. Aber man darf nicht vergessen, dass es immer Kunstprodukte sind, die sich stetig wandeln, und die niemals einheitlich oder „authentisch“ sein können.

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