Esterházy-Interview mit dem Standard: „Wie im Westen über die politischen Veränderungen in Ungarn geschrieben wird, ist manchmal haarsträubend“

Der weltbekannte Schriftsteller Péter Esterházy (u.a. „Harmonia Caelestis“) ist nicht dafür bekannt, ein Freund des Fidesz zu sein. Der Mann scheint in den unruhigen Zeiten gleichwohl als Lichtblick. Ohne Schaum vor dem Mund gelingt es ihm, Kritik an der Regierung, ihrer – so Esterházy – autoritären Linie in einer akzeptablen Art und Weise, d.h. ohne Nazivergleiche, zu formulieren. Ein unbedingt lesenswertes Interview:

http://derstandard.at/1301874201357/Interview-Ich-bin-ruhig-behaupte-ich-unruhig

Wichtig, weil so selten aus den Reihen der Sympathisanten der Opposition, ist dieser Satz:

„Wie im Westen über die politischen Veränderungen in Ungarn geschrieben wird, ist manchmal haarsträubend. Wenn man „Führerstaat“ sagt, beschreibt das nicht die Sache. Es ist ein sehr autoritäres Gebilde, das sich hier ausbildet, aber diese Metaphern sind einfach falsch.“

Köszönjük. Danke.Es bestehen allerdings Zweifel, dass die Botschaft ankommt…

TAZ-Blog: „In Ungarn gibt es nur eine Wahrheit“

Laut TAZ-Blog bestimme in Ungarn ein restriktives Mediengesetz, was geschrieben werden dürfe und was nicht. Ein Interview mit drei Dissidenten, die – so der TAZ-Blog – sich das nicht gefallen lassen wollen. Zugleich ein komprimierter Beleg dafür, wer gefragt wird, wenn es um Ungarn geht.

http://blogs.taz.de/hausblog/2011/04/09/in_ungarn_gibt_es_nur_eine_wahrheit/

Interviewt werden Gáspár Miklós Tamás, der in die Reihen der „Grünen Linken“ zurückgekehrte Liberale, Dissident, Konservative und Kommunist (eines nach dem anderen), die Top-Orbán-Kritikerin Ágnes Heller und Gergely Márton (Journalist bei der oppositionellen Népszabadság).

Volksstimme.de: Darf Ungarn wirklich „Ungarn“ heißen?

Volksstimme.de berichtet über die neue ungarische Verfassung – aus der Sicht des Soziologen Pál Tamás, der in Budapest und Berlin lehrt:

http://www.volksstimme.de/vsm/nachrichten/meinung_und_debatte/meinung_und_debatte/?em_cnt=1991125

Wenn es auch viele erschüttert: Ungarn heißt in Zukunft tatsächlich Ungarn. Die Empörung ist groß, aber völlig überflüssig: Die Staatsform der Republik ist jedoch in der Verfassung nämlich ausdrücklich weiter festgeschrieben.

Ankündigung des Sonntagsinterviews in der TAZ: Ágnes Heller, die Furchtlose

Die ungarische Philosophin Ágnes Heller stand der TAZ für ein Interview zur Verfügung. Ein Teaser kann hier eingesehen werden, das Interview ist ab morgen zu lesen:

http://www.taz.de/1/leben/taz-medienkongress-2011/artikel/1/angst-liegt-nicht-in-meinem-charakter/

Regierungschef Orbán sei ein „Demagoge, ein rechtsorientierter, nationalistischer“, der  „zudem nur die Reichen bedient“. András Schiff bringt parallel im SZ-Interview dazu folgende Beschreibung: „Orbán ist kein Faschist, er ist nur radikaler Karrierist und nationalistischer Populist.“ Für Nazi- und Stalinvergleiche ist das von Orbán geführte Land aber trotzdem gut.

Heller ist seit einem (u.a.) gegen sie eingeleiteten Ermittlungsverfahren wegen Verdachts der zweckwidrigen Verwendung staatlicher Fördermitel an der Akademie der Wissenschaften zu einer der offensiv auftretenden Kritikerinnen der Fidesz-Regierung geworden (wir berichteten). Sie bezeichnete die gegen sie geführten Ermittlungen als Versuch, sie, eine „liberale jüdische Intellektuelle“, mundtot zu machen. In ziemlich hysterischen Tonfall sprach sie jüngst in Brüssel davon, man werfe ihr vor, eine Giftmischerin zu sein, die aus Menschen „Liberale“ formen wolle und die mit Luzifer persönlich im Bunde stehe.

Dass der Wunsch Hellers, ihre politische Botschaft zu verbreiten, größer geschrieben wird als die Sorgfalt, die Vorgänge im Land vollständig darzulegen, zeigt ihr Verhalten auf dem Treffen der Grünen in Brüssel vergangenen Monat (hier nachzulesen). Der ebenfalls regierungskritische Philosoph Gáspár Miklós Tamás äußerte sich über die Kollegin Heller kürzlich so: „Ágnes Heller hat in politischen Dingen nur sehr selten Recht.“ Und auch die Orbán-Beraterin und Soziologin Zsuzsa Hegedüs (Selbstbeschreibung: Ich sehe mich als grün-linksliberale jüdische Intellektuelle, die 35 Jahre in Paris gelebt hat“) bezeichnete den Vorwurf, es handle sich um eine antisemitische Regierungskampagne gegen Heller, als absurd.

Besonders interessant dieser Satz im TAZ-Vorbericht:

Die Bilder aus der arabischen Welt, mit denen uns das Fernsehen versorgt, seien „redigiert“ und „zu einem Sinn gebündelt“. „Was ich im Fernsehen sehe, ist für mich kein Beweis“, folgert Heller.

Nun, nichts anderes gilt für das von Ágnes Heller und anderen in der Presse verbreitete Ungarnbild.

Rudolf Ungváry: Reaktionen auf Bankensteuer als antisemitische Schadenfreude?

Die Einführung der – prozentual höchsten – Bankensteuer weltweit durch Ungarns rechtskonservative Regierung hat erwartungsgemäß wenig Begeisterung bei den Betroffenen und der Hochfinanz ausgelöst. Auch ob die Steuer das angestrebte Ziel, einen wesentlichen Beitrag zur Konsolidierung der Haushaltstuation zu leisten, erreichen kann, ist noch offen. Das Steuergesetz ist und bleibt umstritten, eine EU-rechtliche Überprüfung dürfte folgen.

Welche Assoziationen die Bankensteuer jedoch in manch einem Hirn auslöst, ist für den normal denkenden Menschen kaum verständlich. Lesen wir, was der Schriftsteller Rudolf Ungváry, gern gesehener und scharfer Kritiker von Ministerpräsident Viktor Orbán, in seinem Beitrag „Die ungarische Normalität“, veröffentlicht in der US-amerikanischen „Népszava“, daraus macht:

Diejenigen Menschen, die das heutige politische System unterstützen, durchleben während der Herrschaft dieser Regierung die Verwirklichung ihrer innersten Träume. Dass diese Herrschaft ewig dauern wird, erfüllt sie mit größter Sicherheit. Ihre „Kultur“ ist so, dass sie das glauben. Sie fühlen Schadenfreude, wenn sie hören, dass die Banken besteuert werden. Wie sie auch so etwas ähnliches gefühlt haben, als das jüdische Vermögen enteignet wurde. Sie sind natürliche keine Antisemiten, man brauche zwar Antisemitismus, wenn auch nicht gleich bei  der Mehrheit. Aber irgendwie denkt man: Die Juden werden ihren Teil schon dazu beigetragen haben, dass man mit ihnen immer Ärger hat…

Der Gedankengang von Ungváry ist allzu oft derselbe- Es wird auf den Vorwurf des Antisemitismus hingearbeitet. Nun führt also die Bankensteuer zu „Schadenfreude“ in dr Bevölkerung, und diese (!) oder jedenfalls eine ähnliche (!) Schadenfreude gab es selbstverständlich auch bei der Enteignung der jüdischen Bevölkerung in der Nazizeit. Violà! Ungarn waren und sind antisemitisch. Wenn auch nicht alle. Und auch die stereotyp-antisemitische Verknüpfung von „Banken“ und „Juden“ kommt diesmal nicht aus einer schäbigen rechtsradikalen Ecke, sondern von einem angesehenen linken Publizisten und Schriftsteller, der für die ungarische und US-amerikanische Népszava schreibt.

Was erwartet uns Europäer, wenn die europäische Bankensteuer käme? Müssen sich viele hundert Millionen Menschen, die eine Mitwirkung der Banken an den Aufräumarbeiten der Finanzkrise für gerecht halten, auf die oben genannten Attribute gefasst machen?

Die Frage, ob wir empörte Reaktionen auf derartige Aussagen in der Süddeutschen, dem Standard oder auch in politisch korrekten Blogs zu lesen bekommen werden, düfte (leider) bereits beantwortet sein.

http://nepszava.com/2011/03/velemeny/ungvary-rudolf-a-magyar-normalitas.html

Rechtswissenschaftlicher Beitrag zur (neuen?) ungarischen Verfassung

Prof. Dr. Stephan Kirste zweifelt in seinem lesenswerten Beitrag auf VSR Europa Blog an, dass die neue ungarische Verfassung tatsächlich eine „neue“ Verfassung sei. Seiner Ansicht nach handelt es sich tatsächlich nur um eine inhaltliche Änderung der bestehenden Verfassung.

http://vsr-europa.blogspot.com/2011/04/bekommt-ungarn-eine-neue-verfassung.html

 

SZ-Interview mit dem Pianisten András Schiff

Die Süddeutsche Zeitung veröffentlichte in ihrer Online-Ausgabe vom 08.04.2011 ein Interview mit dem in Italien lebenden Pianisten András Schiff. Das Gespräch mit dem gebürtigen Ungarn führte Alex Rühle.

http://www.sueddeutsche.de/kultur/ungarn-andrs-schiff-im-gespraech-leute-werden-kaltgestellt-1.1082634

Der Geist des Interviews spiegelt sich am besten in folgender Passage wider:

SZ: Am 18. April bekommt Ungarn eine neue Verfassung. Die Präambel heißt „Nationales Glaubensbekenntnis“, darin werden der ungarische Nationalstolz und der Stolz auf das tausendjährige ungarische Reich beschworen.

Schiff: Hm, tausendjähriges Reich, da war doch was. Ich komm‘ nur gerade nicht darauf. Nein, ernsthaft: Mir wird übel, wenn ich das höre. Das passt nicht zu Europa. Ich glaube an Europa, nicht an ein tausendjähriges Reich. Und Ungarn ist ein Schmelztiegel aus Asiaten, Juden, Slawen, Balten, Mitteleuropäern. Ich verstehe diesen Nationalismus nicht. Wir sind doch nicht beim Hundezüchter.“

Die SZ bleibt ihrem Stil in der Ungarn-Berichterstattung treu. Tatsächlich beschwört das „Nationale Glaubensbekenntnis“ nicht das „tausendjährige ungarische Reich“. Es verweist jedoch auf die Gründung Ungarns vor tausend Jahren durch den Staatsgründer, den Heiligen Stephan, und darauf, dass dieser den Staat auf ein „solides Fundament gestellt hat“. Zu diesem soliden Fundament gehörten übrigens alle damals im Land lebenden Volksgruppen und Nationalitäten: Ungarn war zu diesem Zeitpunkt ein multikultureller Staat. Den Begriff „Tausendjähriges Reich“, einen klaren Nazi-Vergleich, nimmt Schiff trotzdem fast dankbar auf und spielt damit („Tausendjähriges Reich, da war doch was?“).

Es ist vor dem Hintergrund der – hinreichend bekannten – Zustände in Ungarn zur Zeit der Staatsgründung auch völlig überflüssig, dass Schiff darüber belehrt, Ungarn sei ein Schmelztiegel aus vielen unterschiedlichen Völkern und Ethnien. Schiff sagt nur das, was jeder weiß. Anstatt Allgemeinplätze als Neuigkeit zu verkaufen, könnte Schiff ein Scherflein zur Versachlichung des Diskurses beitragen, indem er unsägliche Nazivergleiche unterlässt. Verärgerung in Ungarn über derartige Aussagen ist verständlich, ebenso darüber, dass Schiff am 01.01.2011 (wohl rein zufällig am Tag der Übernahme des Ratsvorsitzes durch Ungarn) einem Artikel in der Washington Post Beifall klatschte, in dem von einer „Putinisierung Ungarns“ gesprochen wurde und er das Recht Ungarns (nicht Orbáns!), den EU-Vorsitz zu halten, in Abrede gestellt hat. Selbstverständlich sind Auswüchse wie die antisemitischen Tiraden eines Zsolt Bayer als Reaktion hierauf völlig inakzeptabel und durch nichts zu rechtfertigen. Es gibt – neben Bayer – jedoch auch berechtigten Ärger über Schiffs inhaltliche Aussage.

Zum Niveau des Diskurses in Ungarn und diejenigen, die ständig neues Öl ins Feuer gießen, hat die ungarische HVG vor nicht allzu langer Zeit einen sehr lesenswerten Beitrag verfasst, der von Hungarian Voice übersetzt wurde.

Leider kommen die Süddeutsche und ihr Interviewpartner nicht über die Zwangsneurose, Begriffe aus den dunkelsten Diktaturen zu  auf eine demokratisch gewählte Regierung eines EU-Mitgliedstaates übertragen zu wollen, hinweg. Dies belegt auch die Behauptung Schiffs, das laufende Ermittlungsverfahren gegen Ágnes Heller und andere wegen des Verdachts zweckwidriger Verwendung von Fördermitteln an der Ungarischen Akademie der Wissenschaften (MTA) erinnere an „stalinistische Schauprozesse“. Oben wird mit dem Stilmittel des Nazivergleichs operiert („Tausendjähriges Reich“), weiter unten kommt Stalin zum Zuge. Besser könnten es auch die ungarischen Sozialisten nicht, die jüngst von „Rechtsradikalen Stalinisten“ sprachen. Jeder Massenmörder hat offenbar neben Orbán Platz. Das unsägliche und nicht besonders intellektuelle Fazit: Orbán ist eine schlimme Kreuzung aus beidem. Haben sich die SZ und Schiff gefragt, wie sich Opfer der beiden genannten Diktaturen – insbesondere Naziopfer – und deren Nachkommen fühlen, wenn man diese Zeiten zum heutigen Ungarn in Bezug setzt?

Und man muss hinzufügen: Dieser Ton wird angeschlagen nach jahrelangem Schweigen und damit jedenfalls konkludenter Zustimmung gegenüber der Wirtschafts-, Sicherheits-, Sozial- und Innenpolitik der Vorgängerregierungen seit 2002, die die heutige Situation in Ungarn – einschließlich einen mit 2/3 regierenden Viktor Orbán – überhaupt erst möglich gemacht haben.

Der Gedanke, dass Ungarns Regierung demokratisch gewählt wurde und – trotz aller Fehler und etwas rückläufiger Umfragewerte – immer noch haushoch vor den Sozialisten führt (die Liberalen haben sich nach der verlorenen Wahl von 2010 praktisch aufgelöst), spielt in dem Beitrag keine Rolle. Auch über die Gründe für das Erstarken der Rechtsradikalen wird nicht gesprochen. Im Hinblick darauf, dass Schiff seit Jahren in Italien lebt und die Zustände in Szabolcs-Szatmár und andernorts überhaupt nicht kennt, ist das jedoch wenig überraschend. Was Schiff weiß, hat er – ausweislich der von ihm genutzten Stichworte – ebenfalls der Presse entnommen. Und weiß daher natürlich auch, dass im allzu bekannten Postengeschachere nur die zum Zuge gekommen sind, „fünftklassige Niemande“ sind.

Der nächste Beitrag der SZ über die Reaktionen in Ungarn auf dieses Interview ist bestimmt schon reserviert. Ein wahres perpetuum mobile des Journalismus. Murdochs Fox News könnte es nicht besser.

Nachtrag:

In dem Beitrag spricht Schiff auch davon, dass Róbert Alföldi, der Direktor des Budapester Nationaltheaters, „wegen seiner Homosexualität“ groben Angriffen ausgesetzt sei. Das ist leider richtig. Zum Gesamtbild gehört aber auch hier, dass man auf das Jahr 2010 zurückschaut, namentlich auf eine Ausstellung, die im Eingangsbereich des von Alföldi geführten Nationaltheaters stattfand. Da war auf großen Tafeln die Aufschrift „Nobody knows that I am gay“ („Keiner weiß, dass ich schwul bin“) zu sehen. Insgesamt zwölf dieser Tafeln waren mehr oder weniger unübersehbar im Nationaltheater aufgestellt. Die Ausstellung wurde komplettiert durch ein Kreuz, auf dem Jesus und Maria abgebildet waren. Empörte Beobachter deuteten diese Ausstellung als Hinweis auf Jesus und seine zwölf „schwulen“ Apostel und damit als grobe Provokation gläubiger Christen.

Ist so etwas denn wirklich nötig? Kann man die dringend nötige Akzeptanz Homosexueller durch so eine – von der Kunstfreiheit zweifellos gedeckte, aber gleichwohl geschmacklose Ausstellung – wirklich verbessern? Wieder einmal scheint die Forderung nach „Respekt gegenüber dem Anderen“ merkwürdige Auswüchse an den Tag zu fördern.