Rudolf Ungváry: Reaktionen auf Bankensteuer als antisemitische Schadenfreude?

Die Einführung der – prozentual höchsten – Bankensteuer weltweit durch Ungarns rechtskonservative Regierung hat erwartungsgemäß wenig Begeisterung bei den Betroffenen und der Hochfinanz ausgelöst. Auch ob die Steuer das angestrebte Ziel, einen wesentlichen Beitrag zur Konsolidierung der Haushaltstuation zu leisten, erreichen kann, ist noch offen. Das Steuergesetz ist und bleibt umstritten, eine EU-rechtliche Überprüfung dürfte folgen.

Welche Assoziationen die Bankensteuer jedoch in manch einem Hirn auslöst, ist für den normal denkenden Menschen kaum verständlich. Lesen wir, was der Schriftsteller Rudolf Ungváry, gern gesehener und scharfer Kritiker von Ministerpräsident Viktor Orbán, in seinem Beitrag „Die ungarische Normalität“, veröffentlicht in der US-amerikanischen „Népszava“, daraus macht:

Diejenigen Menschen, die das heutige politische System unterstützen, durchleben während der Herrschaft dieser Regierung die Verwirklichung ihrer innersten Träume. Dass diese Herrschaft ewig dauern wird, erfüllt sie mit größter Sicherheit. Ihre „Kultur“ ist so, dass sie das glauben. Sie fühlen Schadenfreude, wenn sie hören, dass die Banken besteuert werden. Wie sie auch so etwas ähnliches gefühlt haben, als das jüdische Vermögen enteignet wurde. Sie sind natürliche keine Antisemiten, man brauche zwar Antisemitismus, wenn auch nicht gleich bei  der Mehrheit. Aber irgendwie denkt man: Die Juden werden ihren Teil schon dazu beigetragen haben, dass man mit ihnen immer Ärger hat…

Der Gedankengang von Ungváry ist allzu oft derselbe- Es wird auf den Vorwurf des Antisemitismus hingearbeitet. Nun führt also die Bankensteuer zu „Schadenfreude“ in dr Bevölkerung, und diese (!) oder jedenfalls eine ähnliche (!) Schadenfreude gab es selbstverständlich auch bei der Enteignung der jüdischen Bevölkerung in der Nazizeit. Violà! Ungarn waren und sind antisemitisch. Wenn auch nicht alle. Und auch die stereotyp-antisemitische Verknüpfung von „Banken“ und „Juden“ kommt diesmal nicht aus einer schäbigen rechtsradikalen Ecke, sondern von einem angesehenen linken Publizisten und Schriftsteller, der für die ungarische und US-amerikanische Népszava schreibt.

Was erwartet uns Europäer, wenn die europäische Bankensteuer käme? Müssen sich viele hundert Millionen Menschen, die eine Mitwirkung der Banken an den Aufräumarbeiten der Finanzkrise für gerecht halten, auf die oben genannten Attribute gefasst machen?

Die Frage, ob wir empörte Reaktionen auf derartige Aussagen in der Süddeutschen, dem Standard oder auch in politisch korrekten Blogs zu lesen bekommen werden, düfte (leider) bereits beantwortet sein.

http://nepszava.com/2011/03/velemeny/ungvary-rudolf-a-magyar-normalitas.html

6 Kommentare zu “Rudolf Ungváry: Reaktionen auf Bankensteuer als antisemitische Schadenfreude?

  1. Lieber Hungarianvoice, ich schätze Ihre Kritik der Kritik, weil sie mich zwingt, die eigenen Argumente besser zu durchdenken. Ich bin auch gegen die leichtfertige und letztlich sich selbst entwertende Verwendung des Antisemitismusvorwurfs. Dieses „Faschisten“ bzw. „Kommunisten“-Geschwätz von beiden Seiten kann ich auch nicht ausstehen. Nur eines: die Verwendung der Kampfvokabel „politisch korrekt“ ist kaum geeignet, ihrer Empörung Überzeugungskraft zu verleihen. Damit begeben wir uns auf das Niveau der sogenannten Leserkommentare in den Tageszeitungen, wo mitteilungsfreudige Zeitgenossen in Ermangelung von Argumenten von „Gutmenschen“ und „politischer Korrektheit“ schwafeln. Sie haben genug Sachargumente, die Sie hier vortragen. Bitte mehr davon …

  2. Inhaltlich: Die Regierung sagt ja gerne, dass mittlerweile eine ganze Reihe von Ländern dem Beispiel Budapests gefolgt sind und ebenfalls eine Bankensteuer eingeführt haben. Ist da was dran?

    • @ Kálnoky:

      Korrekt. Deutschland – und damit die größte Volkswirtschaft in der EU – hat Ende März eine nach der Bilanzsumme zu bemessende Bankanabgabe eingeführt. Weitere Länder sind das für seine antikapitalistischen Umtriebe bekannte Großbritannien 🙂 und auch Österreich.

  3. Ah!! Dann hat Dolfi uns aber verschwiegen, dass Deutschland deswegen die Banken besteuert, weil es ja schon im zweiten Weltkrieg die Juden enteignete. Oder liegt der Denkfehler bei mir?

    • Der Denkfehler liegt nicht bei Ihnen. Ungváry hat offensichtlich den letzten Funken Verstand verloren. Abgesehen davon, dass die Gleichsetzung von „Banken“ mit „Juden“ das älteste antisemitische Schmuddelklischee ist, das ich kenne. Offenbar ist, wenn man nur Orbán angreifen kann, wirklich jedes Mittel Recht. Aber das ist ja nichts Neues.

      Ach, und bevor ich es vergesse: Ähnlichen Unsinn liest man in Ungarn fast täglich in den Zeitungen. Die angebliche Zensur bzw. Selbstzensur lässt grüßen 🙂

  4. Pingback: Ákos Kértész: „Die Ungarn sind genetisch zum Untertan geboren“ « Hungarian Voice – Ungarn News Blog

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s