Strafgesetzänderung verabschiedet: Bis zu drei Jahre Haft für „bedrohliches Auftreten“ in Uniformen

Das ungarische Parlament hat heute den von der Regierungskoalition eingebrachten Vorschlag zur Verschärfung des Strafrechts verabschiedet. Fortan kann das „bedrohliche uniformierte Auftreten“ mit bis zu drei Jahren Freiheitsstrafe geahndet werden. Die Gesetzesänderung dient dazu, die jüngst eskalierende Situation um rechtsradikale „Bürgerwehren“ in den Griff zu bekommen.

Seltene und erfreuliche Einheit im Parlament: Mit der Regierungskoalition stimmten die Oppositionsparteien MSZP (Sozialisten) und LMP (Grüne). Lediglich die rechtsradikale Jobbik stimmte gegen den Vorschlag und hat bereits angekündigt, das Verfassungsgericht anzurufen; Jobbik gilt als parlamentarischer Arm der Bürgerwehren.

http://mandiner.hu/cikk/20110502_harom_evet_kaphatnak_az_egyenruhas_bunozok

TTT: Beitrag zum „ungarischen Kulturkampf“

Der ARD-Kulturmagazin „Titel Thesen Temperamente“ brachte am gestrigen Sonntag einen Bericht über den „Kulturkampf“ in Ungarn. Hauptzeuge der Anklage ist der weltberühmte Pianist András Schiff.

http://mediathek.daserste.de/sendungen_a-z/431902_ttt—titel-thesen-temperamente/7055556_revolution-von-rechts—ungarn-im-kulturkampf

Interessant ist die Aussage Schiffs, er wundere sich darüber, dass der Operndirektor Ádám Fischer einfach „entfernt“ und durch einen „mittelmäßigen“ Dirigenten ersetzt worden sei, die Mitglieder des Orchesters aber weiter spielen, „Hauptsache, sie werden bezahlt“…

Ob es wohl daran liegt, dass Fischer nicht „entfernt“ wurde, sondern sein Amt aufgrund von Differenzen über personelle Neubesetzungen und Meinungsverschiedenheiten über die Programmausrichtung selbst niederlegte? Dass er „entfernt“ worden sei, hat nicht einmal Fischer selbst behauptet. Möglicher Weise können sich aber auch nicht alle Konzertmusiker eine Haltung leisten, wie sie ein weltbekannter Pianist an den Tag legt; ob man die Musiker dafür gleich kritisieren muss, Herr Schiff?

Was den Intendanten des Nationaltheaters betrifft, so behauptet TTT, die Kritik an Robert Alföldi mache daran fest, dass er schwul sei. Das ist in dieser Form gewiss für einen Teil der ungarischen Rechtsextremen zutreffend. Die breite Ablehnung gegenüber Alföldi hat jedoch wohl eher etwas damit zu tun, dass er im Nationaltheater eine Ausstellung zuließ, die als geschmacklose Provokation gläubiger Christen aufgefasst wurde.

Ich hatte hier schon darauf hingewiesen:

https://hungarianvoice.wordpress.com/2011/04/09/sz-interview-mit-dem-pianisten-andras-schiff/

In dem Beitrag spricht Schiff auch davon, dass Róbert Alföldi, der Direktor des Budapester Nationaltheaters, „wegen seiner Homosexualität“ groben Angriffen ausgesetzt sei. Das ist leider richtig. Zum Gesamtbild gehört aber auch hier, dass man auf das Jahr 2010 zurückschaut, namentlich auf eine Ausstellung, die im Eingangsbereich des von Alföldi geführten Nationaltheaters stattfand. Da war auf großen Tafeln die Aufschrift „Nobody knows that I am gay“ („Keiner weiß, dass ich schwul bin“) zu sehen. Insgesamt zwölf dieser Tafeln waren mehr oder weniger unübersehbar im Nationaltheater aufgestellt. Die Ausstellung wurde komplettiert durch ein Kreuz, auf dem Jesus und Maria abgebildet waren. Empörte Beobachter deuteten diese Ausstellung als Hinweis auf Jesus und seine zwölf „schwulen“ Apostel und damit als grobe Provokation gläubiger Christen.“

Berechtigt ist die Kritik von TTT am Publizisten Zsolt Bayer. Wie kaum anders zu erwarten, stand er für ein Interview nicht zur Verfügung. Kritische Fragen zu seinen unerträglichen Texten scheinen unerwünscht zu sein.