TTT: Beitrag zum „ungarischen Kulturkampf“

Der ARD-Kulturmagazin „Titel Thesen Temperamente“ brachte am gestrigen Sonntag einen Bericht über den „Kulturkampf“ in Ungarn. Hauptzeuge der Anklage ist der weltberühmte Pianist András Schiff.

http://mediathek.daserste.de/sendungen_a-z/431902_ttt—titel-thesen-temperamente/7055556_revolution-von-rechts—ungarn-im-kulturkampf

Interessant ist die Aussage Schiffs, er wundere sich darüber, dass der Operndirektor Ádám Fischer einfach „entfernt“ und durch einen „mittelmäßigen“ Dirigenten ersetzt worden sei, die Mitglieder des Orchesters aber weiter spielen, „Hauptsache, sie werden bezahlt“…

Ob es wohl daran liegt, dass Fischer nicht „entfernt“ wurde, sondern sein Amt aufgrund von Differenzen über personelle Neubesetzungen und Meinungsverschiedenheiten über die Programmausrichtung selbst niederlegte? Dass er „entfernt“ worden sei, hat nicht einmal Fischer selbst behauptet. Möglicher Weise können sich aber auch nicht alle Konzertmusiker eine Haltung leisten, wie sie ein weltbekannter Pianist an den Tag legt; ob man die Musiker dafür gleich kritisieren muss, Herr Schiff?

Was den Intendanten des Nationaltheaters betrifft, so behauptet TTT, die Kritik an Robert Alföldi mache daran fest, dass er schwul sei. Das ist in dieser Form gewiss für einen Teil der ungarischen Rechtsextremen zutreffend. Die breite Ablehnung gegenüber Alföldi hat jedoch wohl eher etwas damit zu tun, dass er im Nationaltheater eine Ausstellung zuließ, die als geschmacklose Provokation gläubiger Christen aufgefasst wurde.

Ich hatte hier schon darauf hingewiesen:

https://hungarianvoice.wordpress.com/2011/04/09/sz-interview-mit-dem-pianisten-andras-schiff/

In dem Beitrag spricht Schiff auch davon, dass Róbert Alföldi, der Direktor des Budapester Nationaltheaters, „wegen seiner Homosexualität“ groben Angriffen ausgesetzt sei. Das ist leider richtig. Zum Gesamtbild gehört aber auch hier, dass man auf das Jahr 2010 zurückschaut, namentlich auf eine Ausstellung, die im Eingangsbereich des von Alföldi geführten Nationaltheaters stattfand. Da war auf großen Tafeln die Aufschrift „Nobody knows that I am gay“ („Keiner weiß, dass ich schwul bin“) zu sehen. Insgesamt zwölf dieser Tafeln waren mehr oder weniger unübersehbar im Nationaltheater aufgestellt. Die Ausstellung wurde komplettiert durch ein Kreuz, auf dem Jesus und Maria abgebildet waren. Empörte Beobachter deuteten diese Ausstellung als Hinweis auf Jesus und seine zwölf „schwulen“ Apostel und damit als grobe Provokation gläubiger Christen.“

Berechtigt ist die Kritik von TTT am Publizisten Zsolt Bayer. Wie kaum anders zu erwarten, stand er für ein Interview nicht zur Verfügung. Kritische Fragen zu seinen unerträglichen Texten scheinen unerwünscht zu sein.

7 Kommentare zu “TTT: Beitrag zum „ungarischen Kulturkampf“

  1. Pluspunkt für TTT die Wahl des Titels. „Kulturkampf“ ist zwar auch, wie die ewigen Nazi-Vergleiche, ein germanozentrischer Blick auf Ungarn, aber näher an der Wahrheit.

    Frage – war aber nicht zumindest im letzten Jahr der Sozialisten ein sehr bedenklicher Kulturkampf von links zu vermerken, mit Kampagnen gegen die Kirchen und kirchennahe Medien (Frequenzentzug für ein christlich orientiertes Radio, Verleumdungskampagne gegen angeblich „schwule“ kirchliche Würdenträger per Internet)?

  2. TTT – Titel Thesen Temperamente??

    Mein Beitrag zum „Kulturkampf“??

    Ganz einfach:
    T wie Titel: Sind immer „provokativ“ (für MedienErfolg!)
    T wie Thesen: Sind immer „persönlich ausgewählt“ (persönliche Weltanschauung…)
    T wie Temperamente: Sind immer GEFÄRBT, d.h. mit persönlicher TemperamentFarbe versehen… (Das ist doch „Temperament“… )

    Somit sind aus drei „T“ schnell zwei „T“ – d.h. eine 2/3- Mehrheit zusammengeschustert… (leider NICHT immer aus persönlicher Überzeugung… sondern dem Massentrieb GEHORCHEND zuzuschreibenD…)

    DIE 2/3 – gänzlich „auftragsbewusst“ – machen – ganz „demokratisch“ – was sie wollen…! So lang‘, als sie noch – zusammen – wollen…

    Das ist keineswegs „ein germanozentrischer Blick auf Ungarn“, wie Boris schrieb…

    Jedenfalls bleibt die eine, linguistisch-semantische Problemstellung:
    Was ist „DEMO-KRATIE“?

    Was ist „Herrschaft des Volkes“?

    Nun ist es aber schon zu spät: Das Neue „Grundgesetz“ ist per 18. April festgeschrieben, per 25. April 2011 durch einen „willigen STEMPEL, namens SCHMITT“ – kritiklos – unterschrieben… Per 01.01.2012 in Kraft…

    Die kommenden „sarkolatos törvények“ – das Wort „sarkolatos“ fand ich im „Ungarisch-Deutsches GROSSWörterbuch, mit Neuer Rechtschreibung“ NICHT…, – werden den Rest auch noch „fest-schreiben“!

    Im GROSSWÖRTERBUCH stand lediglich der Eintrag „sarkos“, d.h. „ECKIG“, zwischen „sarkmagasság“ (>> ePolhöhe) und „sarkosság“ (>> eEckigkeit).

    TTT
    Titel – Thesen – Temperamente!

    Wir dürfen gespannt sein, gänzlich gespannt darauf warten, was diese EXOTEN in EUROPA, im Anschluss an ihre Grundgesetzgebung mit ihren „sarkolatos törvények“ [mit ihren „eckigen“ Gesetzen], in nächster Zukunft noch veranstalten werden…

    Da sehe ich grösstmögliche Chancen für die auswandernde AkedemikerJugend mit Sprachkenntnissen:

    Die werden in Brüssel erklären, übersetzen und darbieten können, welche Bedeutung das zweite Viktorianische Zeitalter in Europa – längerfristig gesehen – hat… oder auch „hatte“…

    SORRY!
    ZENTRALISMUS kann auf einer vielfarbigen Weltkugel, trotz KlimaErwärmung, Eisschmelze, prognostizierter MeeresspiegelErhöhung nie und nimmer überleben…

    In diesem Geiste
    Guten Morgen, gute Nacht EUROPA

    Jean Louis

  3. Opern-Regierungsbeauftragter Ádám Horváth: „In dieser Zeit (bedeutet) Ordnung Regelungen (einzu)halten, die Moral und die Ethik, wir müssen Patriot sein…“

    An einer Oper. Im Kulturellen Betrieb eines (eigentlich) offenen, westlich geprägten demokratischen Staates.

    Das macht einen schon sprachlos.

    Frage an HV, warum Sie in Ihrer (damit eben auch selektiven) Kommentierung nicht auch darauf eingegangen sind. Oder halten Sie derlei Äußerungen an einer Staatsoper für normal? Sind „Ordnung, Regelungen, Moral, Patriotismus“ die treibenden Kräfte kulturellen Schaffens? Sollte das dann auch anderswo, etwa in Deutschland oder Rumänien oder anderswo so sein? Leidet Kunst nicht letztlich unter derlei Vorgaben von einem in diesem Falle sehr präsenten, staatlichen Oben, so weich (nein, sie sind nicht in irgendwelche Gesetze gegossen) und eben doch so bestimmt (implizit geben Sie ja zu, dass die Leute im Orchestergraben im Falle von Kritik eben kurzerhand ihren Job verlieren…) sie sein mögen? Aber Sie mögen diese „weichen“ im allgemeinen Themen nicht, ich weiß… 😉

    (P.S.: Bitte nicht nur darauf verweisen, dass die Sätze Horváths lediglich aus dem Kontext einer größeren Argumentationslinie und damit verzerrend abgebildet wurden.)

    • @ Peter K.: Habe mir den Beitrag gerade nochmal angeschaut. Ich würde Ihnen zustimmen, wenn Horváth gesagt hätte, dass „die im Opernbetrieb Tätigen Patriot sein müssen“ oder „dass die Oper dafür verantwortlich ist, (rechte) Moral und Ethik zu verbreiten“. Hat er das gesagt? Wir sehen zwei kurze Aussagen, eine zur „Moral“ und eine zum „Patriotismus“. Wenn Sie die Fragen kennen, auf die Horváth geantwortet hat, posten Sie hier doch einfach das ganze Interview. Dann wissen wir, welche Fragen gestellt wurden und was Horváths Aussagen diesbezüglich waren. „Wir müssen Patrioten sein…“, war das eine Vorgabe für die Oper (wie Sie meinen) oder nur das Kundtun einer politischen Meinung?

      Natürlich haben Sie diese Antwort vermutet (insoweit haben Sie mich wieder einmal „entlarvt“), ich kann Ihnen aber trotzdem diese Zeilen nicht ersparen.

      Dass Leute ihren Job verlieren, habe ich übrigens weder behauptet noch „implizit zugegeben“. Ich denke nur, es kann sich nicht jeder leisten, aus Solidarität mit Herrn Ádám Fischer seinen Job hinzuschmeißen, wie es Schiff und TTT offenbar für angemessen gehalten hätten.

      • @HV. Fakt ist ja: Horváth kommt kaum zu Wort. Und: völlig neutral betrachtet könnte das, was er im Interview sagt, jeder Vertreter der Regierung in jedwedem Amt zu jedwedem Vorkommnis gesagt haben.

        So weit so gut, oder auch nicht – dann bringt die Sequenz inhaltlich keinen weiter.

        Wenn doch, dann liegt es doch immerhin nahe, dass er das Gesagte im Kontext seines Schaffens, seines Zuständigkeitberichtes von sich gab. Und es damit im weitesten Sinne zumindest richtungsweisend für die programmatische Ausrichtung ist. Persönlich finde ich jedenfalls, dass dies auch in die Regierungsprogrammatik, die an vielen Stellen anzutreffende Rhetorik der Regierung etc passt. Oder etwa nicht?

        Dass der Bereich Künste, solange er sich frei entwickeln kann, tendenziell eher von linksliberal denkenden Menschen betrieben wird, trifft wohl ohne allzu viel Verkürzen zu müssen, für alle demokratischen Staaten westlicher Prägung zu. Kreatives Schaffen verlangt in jedem Fall die nötige Freiheit. Dass Fischer seine Wagnertage in Budapest wohl nicht mehr fortführen wird, das mag Orbán und seinen Mannen egal sein. Die über die Jahre gewachsene Wahrnehmung und Anerkennung der internationale Wagner-Fangemeinde für das in Budapest Geschaffene, hat Ungarn gewiss gut getan. Wenn es dies konkret und künftig ähnliches nicht mehr gibt oder geben sollte, dann fehlen einige Komponenten einer möglichst bunten, breit gefächerten Farbplatte. Doch daran liegt es der derzeitigen regierung ohnehin nicht.

        Dass kaum einer den Mund aufmacht und schweigend weiter arbeitet, daran ging es Schiff auch an anderer Stelle. Dass das äußern einer regierungskritischen Meinung die Konsequenz des Jobverlustes nach sich ziehen kann, hat es schließlich schon mehrfach geben in den letzten Monaten (Ja, Sie verlangen nun auch gleich wieder konkerte Beweise und ehrlich gesagt fehlt mir die Zeit und Lust, jetzt danach zu suchen. Aber ich denke zumindest hier kann man kaum etwas entgegnen – derartiges ist schließlich (das wird nun wieder Gefallen finden) auch 2002 und bei anderen Wechseln geschehen. Lediglich das grundlose Kündigen von Beamten haben, soviel ich weiß, nur die Moralapostel versucht.)

  4. Nun der Kulturkampf geht weiter und wird wieder für Schlagzeilen sorgen, hat man doch Vidnyánszky Attila zum neuen Direktor des Nationaltheaters berufen.

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