Historikerstreit in Ungarn: „Man darf auch nicht alles den Ungarn in die Schuhe schieben“

László Karsai, angesehener ungarischer Historiker, hat der Beurteilung seines Kollegen Krisztián Ungváry zur Rolle Ungarns bei der Deportation und Ermordung der ungarischen Juden nach der deutschen Besatzung Ungarns im Jahre 1944 widersprochen. Die Online-Ausgabe der Wochenzeitung HVG hat einen lesenswerten Beitrag zum aktuellen Historikerstreit veröffentlicht. Er soll den Lesern in deutscher Übersetzung zugänglich gemacht werden. Die Replik UNgvárys wird zeitnah, nach Abschluss der Übersetzung, hier verfügbar gemacht.

http://hvg.hu/velemeny/20110517_ungvary_karsai_holokauszt

Der Streit zwischen Karsai und Ungváry: Wer ist der Hauptverantwortliche für die Deportation der Juden auf dem Land?

Bis heute geistert ein Geheimnis herum: Wie konnte man in der Zeit zwischen 15. Mai 1944 und Anfang Juli, innerhalb weniger Wochen, die auf dem Land lebenden 500.000 ungarischen Juden zusammentreiben, in Ghettos sperren, in Waggons pferchen und in Todeslager transportieren? Wer ist dafür verantwortlich? Die deutschen Besatzer? Die Regierung Sztójay und ihre Verwaltung, weil sie noch leidenschaftlicher als die Deutschen dabei waren, ihre Landsleute in den Tod zu schicken? László Karsai und Krisztián Ungváry sehen die damaligen Ereignisse unterschiedlich.

László Karsai: Schieben wir nicht alles auf die Ungarn!

Krisztián Ungváry stellte in einem Interview mit HVG eine interessante Hypothese auf: Den Deutschen, die unser Land am 19. März 1944 besetzten, sei es gar nicht wichtig gewesen, eine möglichst große Zahl von Juden zu deportieren.

Die Deutschen hätten sich schon mit ein paar Hunderttausend Männern für die Zwangsarbeit zufrieden gegeben, und sie seien überrascht gewesen, wie groß der ungarische Eifer, zu deportieren, gewesen sei. Die Regeln unseres Fachs gelten allerdings auch für die Historiker, die sich mit dem Holocaust beschäftigen: Wenn wir eine historische Hypothese aufwerfen, dann müssen wir ehrlich sagen, wenn wir unsere These nicht mit Originalquellen, Dokumenten aus Archiven, Augenzeugen, Zeugenaussagen oder ähnlichem untermauern können. Mein Kollege jedoch zeichnet eine historisch mögliche Variante auf, spielt mit Gedanken, wie z.B. „was wäre passiert, wenn die ungarische Regierung nicht die Alten und Kinder nach Auschwitz geschickt hätte“, sondern arbeitsfähige männliche Juden, ohne uns mitzuteilen, dass er seine These nicht mit Originalquellen untermauern kann. 

Bevor ich meine eigene Hypothese aufstelle, möchte ich auf einige irrige Annahmen meines Kollegen hinweisen. Es stimmt nicht, dass das Parlament nach der Besatzung weiter Sitzungen abhielt und bereitwillig die Immunität von Abgeordneten aufhob, die festgenommen worden waren. Ab 22. März 1944 wurden die Sitzungen des Parlaments für unbestimmte Zeit verschoben (363. Sitzung). Die nächste Sitzung fand erst gute zwei Monate später statt, am 24. Mai 1944, als Sztójay seine Anfangsrede als Ministerpräsident hielt (364. Sitzung); in den folgenden beiden Tagen wurde jeweils für ein paar Minuten über uninteressante Themen debattiert (365. und 366. Sitzung). Am 2. Juni 1944 präsentierte der rechtsradikale Politiker Jenő Rátz, zugleich stellvertretender Ministerpräsident der Kollaboranten-Regierung Sztójay, seinen Auftrag vor (er erlangte sein Mandat über eine Zwischenwahl), im Anschluss daran wurden die Sitzungen des Abgeordnetenhauses erneut bis 21. September 1944 vertagt (367. Sitzung).  In den genanten Sitzungen Nr. 363 bis 367 wurden die verhafteten Abgeordneten nicht einmal erwähnt, dies war erst am 21. September, in der beherzten Wortmeldung von Tibor Kóródy, dem ehemaligen Pfeilkreuzler und zu diesem Zeitpunkt Abgeordneten, der Fall; dies war drei Wochen nachdem Horthy die Regierung Sztójay entlassen hatte (Sitzung Nr. 368.).

Es gab also keine „normalen“ Parlamentssitzungen, es gab keine Debatten, Kurzinterventionen, ministerielle Vorlagen, und niemand kam auf die Idee vorzuschlagen, die parlamentarische Immunität verhafteter Abgeordneter aufzuheben. Das Oberhaus hielt seine erste Sitzung nach dem Einmarsch der Deutschen am 25. Mai 1944 ab, hier hielt Ministerpräsident Sztójay eine programmatische Rede, er stellte auch die grundsätzliche Lösung der Judenfrage in Aussicht. Der den Vorsitz führende Baron Zsigmond Perényi verkündete, dass „einige Mitglieder des Oberhauses verhindert seien, ihre gesetzgeberischen Pflichten zu erfüllen“ (was eine feine Umschreibung der traurigen Tatsache war, dass diese zeitgleich im KZ Mauthausen Zwangsarbeit verrichteten), aber er gab seiner Hoffnung Ausdruck, dass „ein gesetzliches Verfahren schnellstmögliche Lösung dieses Problems bringen“ werde.” In der nächsten Sitzung am 2. Juni 1944 gedachte man der zwischenzeitlich verstorbenen Kollegen des Oberhauses. Das Oberhaus traf hiernach erst am 21. September wieder zusammen, auch hier kam die Frage der Aufhebung der Immunität der nach dem 19. März verhafteten Abgeordneten und Mitglieder des Oberhauses nicht zur Sprache.

Die Gestapo-Agenten haben nicht nur Parlamentsabgeordnete, sondern auch Minister und Mitglieder des Oberhauses sowie den Deutschen feindlich gesinnte Politiker verhaftet. Man kann die Situation nur schwer mit dem Satz „die Regierung blieb an ihrem Platz“ umschreiben. Von den Mitgliedern der Regierung Kállay fand der Ministerpräsident selbst in der türkischen Botschaft Asyl, der Innenminister, Ferenc Keresztes-Fischer, wurde in das KZ Mauthausen verschleppt. Von den Mitgliedern der Regierung Kállay wurden nur der Verteidigungsminister Lajos Csatay, der Minister für Nationalschutz und Propaganda István Antal (nun als Minister für Justiz, Religion und Erziehung der Regierung Sztójay), der Minister für Versorgung Lajos Szász und Finanzminister Lajos Reményi-Schneller Mitglieder der Regierung Sztójay, neben sieben weiteren rechtsextremen, nazifreundlichen Politikern.

Auch kann man nicht von einem „Besuch“ Eichmanns nach Ungarn im Jahr 1944 sprechen. Er erschien vielmehr zum ersten Mal überhaupt am „Tatort“ der Judenvernichtung eines Landes. Heinrich Himmler, der Reichsführer SS, ordnete an, dass man „nach Ungarn den Meister selbst“ (Anm.: den Meister der Deportierungen) „schicken sollte“. Eichmann erinnerte sich, er habe von Himmler den Befehl bekommen, „das Land von Osten nach Westen zu durchkämmen, und jeden Juden zu deportieren“ . Die Versuche Ungvárys, dies in Zweifel zu ziehen, sind nicht neu. Götz Aly und Christian Gerlach haben in ihrem Werk „Das letzte Kapitel. Realpolitik, Ideologie und die Ermordung der Juden 1944-1945“ (Budapest, 2005) zum Ausdruck gebracht, dass ihres Erachtens ein „interaktiver“ Vorgang zu der Tragödie der ungarischen Juden geführt habe, die nach der Besatzung ernannte Regierung Sztójay habe eine begünstigende, aktive Rolle gespielt, sei nicht nur ein Werkzeug in den Händen der Nazis gewesen. 

Die beiden Verfasser behaupten nicht, dass die Deutschen zu Beginn mit 50-100.000 jüdischen Zwangsarbeitern und mit der Abschottung der restlichen ungarischen Juden in Lagern zufrieden gewesen wären. Ihre Behauptungen kann man mit Zeitdokumenten und den Zeugenaussagen in den Prozessen vor den Volksgerichtshöfen nach dem Krieg widerlegen. Aly und Gerlach sprechen detailliert davon, dass die Naziführung die Außen- und Innenpolitik Ungarns ab 1942 mit wachsender Gereiztheit beobachtete. Ab Herbst 1942 forderten sie, mal in härterem, mal in milderem Tonfall, dass die ungarischen Juden den gelben Stern tragen sollten und man sie in Ghettos sperren und sodann aus dem Land deportieren sollte.

Der damalige ungarische Botschafter in Berlin, Döme Sztójay, hatte am 2. Dezember 1942 eine im Tonfall bestimmte Note seiner Regierung im deutschen Außenministerium zu übergeben. Der antisemitische ungarische Botschafter hielt es nicht für gut, dass seine Regierung die Erfüllung der deutschen Forderungen ablehnte, welche man am 17. Oktober in Budapest überbracht hatte. In der Note hatte Ministerpräsident Miklós Kállay mitgeteilt, dass er die Einführung von Judensternen und die Deportation der ungarischen Juden für nicht möglich halte. Wir wissen aus zahlreichen diplomatischen Meldungen dieser Zeit und aus anderen Quellen, dass die Entscheider in Budapest, an ihrer Spitze Reichsverweser Miklós Horthy und Ministerpräsident Miklós Kállay, schon im Sommer 1942 wussten, was die „Endlösung der Judenfrage“ im Sinne der Nazis bedeutete. Neben allgemeinen humanitären Überlegungen hatten sie Angst davor, dass die massenweise Deportation der ungarischen Juden zu ernsthaften wirtschaftlichen Problemen führen könnte. Aly und Gerlach irren sich, die ungarischen politischen Führer fürchteten sich für den Fall der Deportation nicht vor Widerstand und schon gar nicht vor einem Partisanenkrieg. Demgegenüber glaubten Horthy und seine Berater – wie wir heute wissen, zu Unrecht -, mit einer Politik der schützenden Haltung gegenüber Juden Punkte in London, Washington, vielleicht sogar in Moskau sammeln zu können.

Aly und Gerlach erkennen, dass die Naziführung, an ihrer Spitze Adolf Hitler, im Jahr 1943 mehrfach die judenfreundliche Politik der Regierung Kállay ungewöhnlich scharf kritisiert hat. Hitler griff im April 1943 Horthy an, dies wegen der Suche nach einem Seperatfrieden und der schützenden Haltung gegenüber den Juden. Edmund Veesenmayer, der Osteuropa-Experte des deutschen Außenministeriums reiste im Oktober 1943 für einen längeren „Studienaufenthalt“ nach Ungarn. Seinen zusammenfassenden Bericht legte er am 10. Dezember Außenminister Joachim Ribbentrop vor.  Veesenmayer bezeichnete die von ihm zahlenmäßig falsch geschätzten 1,1 Millionen ungarischen Juden als „Staatsfeind Nr. 1“ des Deutschen Reiches. Seines Erachtens bedeuteten 1,1 Millionen Juden eine ebensolche Zahl „an Saboteuren im Land, und eine ebenso große, wenn nicht gar doppelt so große Zahl an Ungarn, die als Helfershelfer der Juden bei der Sabotage und Spionage mitwirken oder sie tarnen“ . Harte Worte, wenn man bedenkt, wie man in Kriegszeiten mit Saboteuren und Spionen umgeht. Wenn man 1,1 Millionen jüdische Spione und Saboteure in Ungarn „eliminiert“, befreie man Ungarn zugleich von 1,2 Millionen „Söldnern“ der Juden, bewertete Edmund Veesenmayer die Lage. Er schrieb: „Das Reich kämpft heute schon um seine Existenz, und ich kann mir nicht vorstellen, dass wir uns im wachsenden Gewicht des Krieges uns dauerhaft den Luxus leisten können, ein solches Sabotagezentrum fortbestehen zu lassen.”

Die Vorbereitung der Besatzung basierte auf den Vorschlägen Veesenmayers, man nahm sogar den Vorschlag an, unmittelbar vor dem Einmarsch Horthy „für Verhandlungen“ aus dem Land zu Hitler zu locken. Es ist schwer vorstellbar, dass man gerade im Bezug auf die Judenfrage seine Vorschläge nicht achtete. Sowohl Ribbentrop als auch Szójay wussten, dass das größte Hindernis für die Endlösung der Judenfrage nach deutschem Muster die Regierung Kállay war. Ribbentrop gab dem ungarischen Botschafter mit Nachdruck zur Kenntnis, dass er dessen Argumentation nicht akzeptiere, nachdem – formulierte Sztójay mehrfach – „an entscheidender Stelle gegenüber dem meistgehassten Feind des Nationalsozialismus, dem Judentum, eine völlig ablehnende Haltung, ohne jede Konzession, einzunehmen sei.” Im Dezember 1943 betrieben die Naziführer eine „völlig ablehnende“ Haltung „ohne Konzessionen“, d.h. eine solche, die sich nicht mit der bloßen Segregation im Land zufrieden gab. Sztójay wies seine Regierung mehrfach darauf hin: Seit den „Vorgängen in Italien“, dem „Verrat“ der Regierung Badoglio würde das Deutsche Reich „gegebenenfalls gegenüber jedermann, ohne Zögern, mit der größten Entschlossenheit vorgehen.”

Ich stimme Krisztián Ungváry darin zu, dass die Infrastruktur in Auschwitz zeitweise zusammenbrach, aber es lagen nicht tage- oder gar wochenlang tausende Tote auf dem Gelände des KZ herum, wie es im Jahre 1942 im Vernichtungslager Treblinka der Fall gewesen war. Das Registrierungssystem des Lagers brach zusammen, man konnte die als arbeitsfähig Erfassten größtenteils nicht registrieren, auch eine Tätowierung der Haftnummer auf dem Arm war nicht möglich. Die Leichen wurden jedoch eingeäschert, entweder im Krematorium, oder in den provisorischen Verbrennungsgruben. Allerdings kann ich die Behauptung Ungvárys nicht nachvollziehen, wonach Ungarn die als „sozialer Ballast“ angesehenen Alten und Kinder nach Auschwitz geschickt haben soll. Um die jüdischen Kinder und die Alten kümmerten sich ihre Familienmitglieder, Verwandte, die jüdischen Hilfsorganisationen usw. Für die Staatskasse bedeutete nur der Aufwand für die Hinterbliebenen der den „Heldentod“ gestorbenen jüdischen Zwangsarbeiter eine geringfügige finanzielle Belastung; aber Innenminister Andor Jaross, die Staatssekretäre László Baky und László Endre, ebenso wie die mehrere tausend Gendarmen, Polizisten, Soldaten, Verwaltungsbeamte, Eisenbahner  usw. deportierten nicht aus diesem Grund so leidenschaftlich.

Aly und Gerlach betonen, dass die Deutschen schon im Jahr 1942 (auch) alle ungarischen Juden hätten ermorden wollen. Auch sie halten es für entscheidend, dass Eichmann schon viele Tage vor dem Einmarsch deutscher Truppen in Ungarn die höchsten „Experten der Judenvernichtung“ des KZ Mauthausen zusammengerufen hatte. Zutreffend ist auch, dass die Deutschen keinen vorab ausgearbeiteten Plan für die Deportation der ungarischen Juden hatten. Hierauf waren sie aber nicht angewiesen. Eichmann, Dannecker, Wisliceny, Krumey, Novak und ihre Helfer verfügten schon über mehrjährige Erfahrung in der Deportation aus ganz Europa. Von Polen über Frankreich bis Griechenland hatten sie seit 1940 schon die Deportation zehntausender Polen, Juden und Zigeunern organisiert.

Es ist sehr unwahrscheinlich, dass der „Meister“ der Deportationen höchstselbst und so viele „Experten der Judenvernichtung“ nach Budapest gereist wären, um einige zehntausend Zwangsarbeiter zu rekrutieren. Die Verschleppung von 50.000 arbeitsfähigen Juden für die Zwangsarbeit wäre für einen Wisliceny oder einen Dannecker die Arbeit von einigen Tagen gewesen. Aus deutschen Quellen wird deutlich, dass die Anforderung von 50-100.000 Zwangsarbeitern für die Deutschen nur ein Vorwand war. Als die Nazis erfuhren, dass die Ungarn bereit waren, ein paar zehntausend „Arbeitsjuden“ auszuliefern, protestierten sie unverzüglich. Wenn die zuständigen Nazis auf etwas nicht vorbereitet waren, dann darauf, 50-100.000 männliche Juden zur Zwangsarbeit zu übernehmen. Sie verwarfen also die ganze Idee von „Arbeitsjuden“, die wichtigsten diplomatischen Meldungen werden von den Verfassern Aly und Gerlach auch zitiert.

Ich glaube, ich verstehe die Gedanken von Krisztián Ungváry: Die Präambel der neuen Verfassung ist schwulstig, die verwirrenden und geschichtsfälschenden Feststellungen bedeuten eine ernsthafte Gefahr für jeden Historiker, der seine Forschungsarbeit ernst nimmt. Die Behauptung, unser Land habe zwischen 19. März 1944 und dem 2. Mai 1990 sein Selbstbestimmungsrecht verloren, oder gar, wie es András Levente Gál, der Staatssekretär im Verwaltungsministerium am 19. März zum Ausdruck brachte, „die Rechtsfähigkeit“ , ist falsch. Ich befürchte aber, dass Ungváry in seinem berechtigten Zorn über das Ziel hinausgeschossen ist. Es ist unrealistisch zu glauben, dass die Behörden der Besatzer durch diejenigen des besetzten Landes „übers Ohr gehauen“, getäuscht wurden, oder der Wille der Besatzer missachtet worden wäre und ihnen statt arbeitsfähigen Juden Alte, Frauen, Kranke und Kinder angedreht worden wären. Die Verantwortung der Regierung Sztójay und all jener, die an der Entrechtung, Ausbeutung und Deportation der Juden mitwirkten, ist unbestreitbar. Allerdings forderten die Deutschen, die Deportation aller Juden, und die Regierung Sztójay und ihr Machtapparat setzten diese Befehle bereitwillig um.“

(Replik von Krisztián Ungváry demnächst)

Verweis auf den von Karsai erwähnten Beitrag von Aly/Gerlach (ungarisch):

http://beszelo.c3.hu/cikkek/a-holokauszt-utolso-fejezete

Ferner eine Anmerkung von László Varga zum Historikerstreit zwischen Ungváry und Karsai:

http://hvg.hu/velemeny/20110527_varga_ungvary_karsai

12 Kommentare zu “Historikerstreit in Ungarn: „Man darf auch nicht alles den Ungarn in die Schuhe schieben“

  1. Vargas Beitrag wohltuend differenziert, er gibt den Schlüssel dazu, wie es überhaupt zwei verschiedene Meinungen in dieser Frage geben kann – weil offenbar die chaotischen Entscheidungsstrukturen der Nazis selbst parallele und widersprüchliche Vorgaben hervorbrachten, zwischen Hitlers vorläufigen „Arbeitsjuden“ und Eichmanns sofortiger Ausrottungs-Agenda. Wie man es auch sieht, nichts mindert die Verantwortung der ungarischen Nation vor der Geschichte – die Deportation wäre ohne aktive und freiwillige Beteiligung der ungarischen Stellen nicht in diesem Umfang möglich gewesen.

  2. Richtig die Vergangenheit bleibt und damit die Schuld.

    Schönreden hilft nicht.

    Kritik an Ungarn-Botschafter in Wien
    In der Kontroverse um die Entlassung des Leiters des Budapester Holocaust-Zentrums, László Harsányi, hat der ungarische Botschafter in Wien, Vince Szalay-Bobrovniczky, heftige Kritik auf sich gezogen.

    Die Journalistin Marta S. Halpert wirft dem Diplomaten ein „unerträgliches Maß an Zynismus“ vor, wenn er behaupte, dass die Verfolgung der Juden in Ungarn erst mit der deutschen Besetzung im März 1944 begonnen habe.

    Vorwurf der „Verharmlosung“
    Der Botschafter liefere damit den Beweis für den Versuch der derzeitigen ungarischen Regierung, die schrecklichen Verbrechen während der Shoah zu verharmlosen, schreibt die Korrespondentin des deutschen Wochenmagazins „Focus“ in Wien im „Standard“.

    Antisemitismus begann vor 2. Weltkrieg
    Bereits vor Beginn des Zweiten Weltkriegs habe die ungarische Regierung unter Reichsverweser Miklós Horthy antisemitische Gesetze erlassen. Auf das Konto der Pfeilkreuzler gehe die willkürliche Erschießung hunderter Juden am Budapester Donauufer.

    18.000 Juden – polnische und ukrainische Flüchtlinge sowie viele Ungarn mit ungeklärter Staatsbürgerschaft – seien bereits im Juli/August 1941 auf alleinige Initiative der ungarischen Behörden nach Kamenyec-Podolsk in die besetzte Ukraine deportiert und dort von deutschen SS-Einheiten und ukrainischen Helfern ermordet worden, schreibt Marta Halpert.

    Für Halpert ist es „beschämend“
    „Beschämend“ findet Halpert, „wie der Botschafter seiner heutigen Regierung Folgendes gutschreibt: Dass die jüdische Gemeinde von Budapest ‚glücklicherweise‘ (sic!) eine der größten heute in Europa sei, weil die Großzahl überlebt habe“.

    Halpert weiter: „Meine Eltern überlebten – im Unterschied zu meinen Großeltern und anderen Verwandten – nur Dank des rechtzeitigen Einmarsches der Roten Armee“.

    Szalay-Bobrovnicky schrieb Leserbrief
    In einem vergangene Woche vom „Standard“ veröffentlichten Leserbrief hatte Szalay-Bobrovniczky betont, dass es in Ungarn „keine neue Geschichtsdeutung“ gebe.

    „Diejenigen, die Ungarn, Nachbarland und Freund Österreichs, als eine Bananenrepublik vom Schlag autoritärer Systeme darstellen und dadurch ein angespanntes Klima zwischen Budapest und Wien erzeugen wollen, müssen das mit ihrem eigenen Gewissen ausmachen“, schrieb der Botschafter.

    Quelle: http://volksgruppen.orf.at/ungarn/aktuell/stories/148881/

    • Die Presse am 30.05.2011 zum Thema: „Ungarischer Botschafter verärgert Juden-Vertreter“

      http://diepresse.com/home/politik/aussenpolitik/666431/Ungarischer-Botschafter-veraergert-JudenVertreter?_vl_backlink=/home/politik/aussenpolitik/index.do

      Nachtrag:

      Interessantes Detail: Marta S. Halpert behauptet in ihrem Beitrag im Standard:

      Den Beweis für den Versuch der derzeitigen ungarischen Regierung, die schrecklichen Verbrechen gegen ihre jüdischen Bürger während der Shoah zu verharmlosen, liefert der amtierende ungarische Botschafter in Österreich, Vince Szalay-Bobrovniczky, höchstpersönlich: Mit einem unerträglichen Maß an Zynismus setzt er sich über historische Fakten hinweg, indem er behauptet, dass die Verfolgung und das Leid der Juden erst durch die deutsche Besetzung, also am 19. März 1944, begonnen habe.“

      Das hat der Botschafter Ungarns in Wien, auch wenn seine Geschichtsdeutung fragwürdig ist, nicht gesagt. Er schrieb:

      Es ist eine historische Tatsache, dass die Juden aus Ungarn erst nach der deutschen Besetzung deportiert worden sind – auch mithilfe der Regierung. Das hat in maßgeblichen ungarischen Stellen niemand zu keinem Zeitpunkt geleugnet.“

      Dem Botschater in den Mund zu legen, er habe die Verfolgung und das Leid der Juden, die es ohne Zweifel auch vor 1944 gab, mit dem Einmarsch der Deutschen verknüpft, ist unredlich und zeugt von schlechtem Stil. Und wenn man schon so empört schreibt wie die „Journalistin“ Halpert – die nebenbei noch in der Anti-Defamation-League ist -, könnte man eigentlich auch bei den Fakten bleiben. Ich denke, die Worte des Botschafters sind kritikwürdig, man muss aber keine „Sachverhaltsquetsche“ betreiben und etwas hineinlesen, was er nicht gesagt hat. Das gleiche gilt für folgende Behauptung Halperts:

      Beschämend ist es auch, wie der Botschafter seiner heutigen Regierung Folgendes gutschreibt: Dass die jüdische Gemeinde von Budapest „glücklicherweise“ (sic!) eine der größten heute in Europa sei, weil die Großzahl überlebt habe.“

      Hier beginnt Frau Halpert schlichtweg, zu phantasieren. Dass Szalay-Bobrovniczky „seiner Regierung“ auch nur den kleinsten Beitrag „gutgeschrieben“ habe, ist aus dem Leserbrief nicht zu entnehmen.

      Der Botschafter hat laut MTI in einem Leserbrief auf Halpert reagiert. Mal sehen, ob der Standard diesen abdruckt.

      Die Beiträge:

      Szalay-Bobroyniczky: http://derstandard.at/1304552986930/Kritik-an-Regierung-Orban-Es-gibt-in-Ungarn-keine-neue-Geschichtsdeutung?seite=2
      Halpert: http://derstandard.at/1304553179761/Ungarn-das-ewige-Opfer

  3. Szalay-Bobroyniczky ist ein guter Mann. Schwachpunkt seiner ersten Stellungnahme ist vermutlich sein modernes Ungarn-Verständnis. Frau Halpert sagt nicht, wie auch Herr Pfeiffer es nicht sagt, dass der Hauptanklagepunkt gegen das Horthy-Regime vor der deutschen Invasion — nämlich das Massaker von Kamenyeck-Podolsk – nicht „ungarische“ Juden betraf, insofern man Ungarn modern definiert. Die Opfer waren, insofern sie kulturell ungarisch waren, siebenbürgische Juden.

    Horthy befleissigte sich damit einer Politik, wie auch Rumänien sie versuchte – die „eigenen“ Juden relativ vor deutschen Vernichtungsforderungen zu schützen, dafür aber in den von Hitler „geschenkten“ Territorien den Nazis gefällig zu sein.

    Für uns Siebenbürger ist dies keine Entschuldigung, sondern umso schmerzhafter; insbesondere da gerade diese Juden sich Ungarn kulturell weit zugehöriger fühlten als Rumänien. Nebenbei gesagt ist Antisemitismus im doch sehr anregend multikulturellen Siebenbürgen meines Erachtens bis heute weit weniger ausgeprägt als im „Mutterland“.

    Es wäre erfrischend, wenn all diese Ankläger a la Halpert auch einmal erzählen würden, von welcher Seite Hilfe oder versuchte Hilfe kam – vorrangig von der Seite, die nun gerne als faschistoid beschimpft wird, nämlich von katholisch- oder allgemeiner christlich Konservativen, vor allem aus den Reihen der Aristokratie.

    • Jetzt bin ich aber wirklich erstaunt Herr Kálnoky. Das ist pure Kasuistik. Von den 18.000 Juden, die nach Kamenets-Podolsk deportiert worden sind waren 2000 ungarische Staatsbürger.
      In der seriösen Geschichtsschreibung werden sowohl diejenigen erwähnt, die antisemitische rassistische Hetze betrieben haben, wie zum Beispiel der heute so verehrte Bischof Ottokár Prohászka (gestorben 1927) und andererseits, diejenigen, die wie z.B. Margit Schlachta Menschen gerettet hatten.

      Ich habe zum Beispiel einen Artikel über die ungarische Atheistin Anna Kéthly publiziert, die mit christlichen Argumenten im ungarischen Parlament sich gegen die Juden diskriminierende Gesetze aussprach. Ich habe auch über eine schottische Christin publiziert, die weil sie Stellung nahm aus Ungarn nach Auschwitz deportiert wurde. Bevor Sie mich diesbezüglich kritisieren, sollten Sie sich wenigstens die Mühe machen und lesen was ich dazu schrieb.

      Im übrigen kann ich auch Ihnen die Lektüre von István Bibós Buch über das Problem der Verantwortung der ung. Gesellschaft empfehlen. Er schreibt auch über die Verantwortung der Kirchen.

    • Grüß Gott aus Siebenbürgen !

      Zu Ihrem „nebenbei“ Gesagten: ich glaube, daß in der Mongolei gar kein Antisemitismus gibt.

      Dazu: …“Nach dem Krieg wanderten zahlreiche Juden nach Israel und Amerika aus, so dass 1990 in ganz Rumänien !!! ( !!! von mir gesetzt ) etwa nur noch 20.000 Juden lebten. Die Ausreise nach Israel wurde mit einer Auslösesumme belegt: die israelische Regierung oder jüdische Organisationen hatten dem rumänischen Staat für entstandene Kosten in Bildung und Ausbildung pro Kopf zu zahlen. Nach dem Sturz Ceaucescus kam es erneut zu einer Auswanderungswelle, so dass heute die Zahl der in Rumänien verbliebenen Juden zwischen 8 – 9.000 geschätzt wird.“ als glaubhafte Quelle : Hagalil

      Neben den „antisemitischen “ Volk …“ Heute leben in Ungarn schätzungsweise 80–90.000 Juden, die überwiegende Mehrheit, 60–70.000, in der Hauptstadt Budapest. Hier gibt es etwa 20 Synagogen und zahlreiche Einrichtungen zur Förderung des religiösen Lebens, der Wohlfahrt und der Ausbildung. „…

      • @ terrier: Ich verstehe nicht, worauf Sie hinauswollen. Eine große oder kleine Zahl von Juden in einem Land lässt keine Rückschlüsse auf die Existenz/Nichtexistenz von Antisemitismus zu. Dass es in Budapest eine große jüdische Gemeinde gibt, ist insoweit für die Frage, wie die Bevölkerung über das Judentum denkt, wenig aussagekräftig. Die Existenz von Antisemitismus generell in Frage zu stellen, käme der ungarischen Anekdote über die „Nichtexistenz von Antisemitismus im Sozialismus“ gleich, die sinngemäß lautet:
        „Ein Parteifunktionär kommt in ein Dorf und fragt: Gibt es bei Ihnen Antisemitismus? Antwort eines Bewohners: Nein, aber bestünde Bedarf.“

  4. Lieber Herr Pfeiffer,

    Zunächst einmal – es geht hier nicht darum, irgend etwas zu entschuldigen oder zu relativieren.

    Aber wir sprechen doch von derselben Deportation? Sicher waren auch ungarische Mutterland-Juden dabei, (ich muss also wohl meine blog-hastige Formulierung angemessen nuancieren) aber es war eine Minderheit derer, die dort grausam von Deutschen ermordet wurden, viele offenbar deswegen, weil sie ihre ungarische Staatsbürgerschaft nicht rasch genug hatten dokumentieren können.

    Und ich halte an dem Punkt fest, den Sie auslassen – das Siebenbürgens Juden besonders betroffen waren, und dass es die Politik Ungarns war, Hitlers Gier nach Judendeportationen – bis zur Invasion durch die Deutschen – möglichst nicht aus dem Mutterland zu befriedigen.

    Klicke, um auf holocaust_in_northern_transylvania.pdf zuzugreifen

    Daraus:

    The Jewish community of Northern Transylvania also suffered in the wake of the
    campaign the Hungarian authorities conducted against “alien” Jews in the summer of 1941.
    Especially hard hit were many of the communities in Maramureş and Satu Mare counties,
    where an indeterminate number of Jews were rounded up as “aliens.” They were among the
    16,000 to 18,000 Jews who were deported from all over Hungary to near Kamenets-Podolsk,
    where most of them were murdered in late August 1941.
    Despite the many casualties and discriminatory measures, however, the bulk of the
    Jews of Northern Transylvania, like those of Hungary as a whole, lived in relative physical
    safety, convinced that they would continue to enjoy the protection of the conservativearistocratic government. This conviction was shattered almost immediately after the German
    occupation of Hungary on March 19, 1944.

  5. @hungarianvoice Haben Sie wirklich nicht verstanden meine Meinung auf die Bemerkung von Herr Kálnoky ? …“Nebenbei gesagt ist Antisemitismus im doch sehr anregend multikulturellen Siebenbürgen meines Erachtens bis heute weit weniger ausgeprägt als im „Mutterland“………

    Ich würde nur „heute“ geltend lassen.
    Ich meine, geltend für die ganze Welt , daß Antisemitismus in einem Land sehr starck von der Zahl dort lebenden Juden abhängig ist. In Rumänien leben heute kaum Juden mehr. Das gilt, meiner Meinung nach, auch für Deutschland, Schweiz oder USA. Ob irgendwo Ausländerfeindlichkeit oder Antimexikanerismus heißt , ist eine Nebensache. Mehr möchte ich eigentlich dazu nicht sagen.

      • OK 🙂 man darf nicht alles aussprechen,weshalb ich die Mongolei genannt habe. Entschuldigung, ich musste (nolens volens) die “ Blumensprache“ erlernen. Sie sind , zu Ihrem Glück, verschont geblieben.

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