Krisztián Ungváry über die „Trianon-Frage“

In einem längeren Interview erläutert der ungarische Historiker Krisztián Ungváry, wie seines Erachtens mit dem im kollektiven Gedächtnis Ungarns noch weitgehend unverdauten Friedensvertrag von Trianon umzugehen ist.

http://www.budapester.hu/index.php?option=com_content&task=view&id=5755&Itemid=28

11 Kommentare zu “Krisztián Ungváry über die „Trianon-Frage“

  1. 1918 schlossen die Zentralmächte (Deutschland, Österreich-Ungarn, Bulgarien und das Osmanische Reich) in Bukarest einen Frieden mit Rumänien, der diesem Staat sehr schwere Bedingungen auferlegte.
    http://www.mtholyoke.edu/acad/intrel/routreat.html
    1919 wurde in Saint-Germain der Friedensvertrag mit der Republik Österreich geschlossen, bei dem auch mehrheitlich von deutschsprachigen Österreichern bewohnte Gebiete an die Tschechoslowakei, Italien (Südtirol, Kanaltal) und Jugoslawien abgetreten werden mußten.

    Der Vertrag von Trianon ist also nicht präzedenzlos.

      • Hungarian Voice, da haben sich nach 1918 auch Millionen deutschsprachige Österreicher (Sudetenland) plötzlich im Ausland befunden und natürlich die deutschsprachigen Südtiroler (habe nicht alle deutschsprachigen aufgezählt)
        und was die Größe des Territoriums anbelangt weiß ich auch nicht, wer da mehr Territorium verloren hatte. Übrigens ging das Original des Friedensvertrags Saint-Germain verloren.

        Die Zentralmächte haben Rumänien sehr schwere wirtschaftliche Bedingungen auferlegt, wenn ich mich richtig erinnere, sollten die als Reparation einen großen Teils ihrer Erdölproduktion für lange Zeit Deutschland liefern. Nach dem Sieg der Alliierten im Herbst 1918 wurde dieser Friedensvertrag annulliert.

    • „Da wir nicht über Italien, Belgien und Frankreich hier diskutieren bleibe ich beim Thema Ungarn. Dieser Hinweis auf andere, den kenne ich aus der Zeit, als ich noch in Gerichte ging, und hörte, wie ein Taschendieb, der in der Wiener U-Bahn erwischt wurde, damit argumentierte, dass doch die „Großkopfeten mehr stehlen“. Der Richter akzeptierte nicht diese Argumentation. Im Analogieschluss bedeutet das, wir diskutieren hier über Ungarn und wir bleiben dabei.“

      Hass, Herr Pfeifer, blendet. Aber zu mindest konsequent könnten Sie bleiben.

  2. Ich finde Ungváry hier sehr gut und differenziert – würde noch den Aspekt hinzufügen, dass kurzfristiges politisches Kalkül oft falsch gerechnet ist, heute wie damals.

    Hitler hatte nämlich genau deswegen leichtes Spiel mit all den Mini-Nachfolge-Staaten, weil das Habsburgerreich zerschlagen worden war und nichts mehr da stand als eine Reihe komplexierter Zwergstaaten. (Sein Albtraum war eine eventuelle Restauration unter Habsburg.) Der Effekt war also das genaue Gegenteil dessen, was beabsichtigt war. Ironischerweise hat Frankreich das am Schnellsten verstanden, daher die insgeheime Unterstützung Frankreichs für den Restaurationsversuch Karl von Habsburgs.

  3. Lieber Herr Kálnoky,
    also die k.u.k. hat sich selbst kaputt gemacht, weil die zentrifugale Bewegung wesentlich stärker war als die zentripetale. Das erklärte uns vor fast 6 Jahrzehnten unser monarchistischer Geschichtslehrer.
    Im wesentlichen scheiterte sie, weil man den Slawen (Tschechen, Slowaken, Polen und Südslawen) nicht die gleiche Rechte gewähren wollte, wie den Ungarn.
    Freilich zuerst meuterten die ungarischen Truppen im Oktober 1918.

    Neu ist für mich, dass die Republik Frankreich die Restaurationsversuche von Karl Habsburg unterstützte.
    Ich dachte, sie hätte sich eher um die kleine Entente bemüht.
    Da wäre ich interessiert eine Quelle von Ihnen zu erfahren.
    Auf alle Fälle hat sich der Admiral ohne Flotte und Reichsverweser eines Königreichs ohne König nicht sehr nett verhalten, als Karl Habsburg nach Ungarn zurückkehren wollte.

    Erst diese Tage schrieb ich eine Rezension für ein Printmedium über eine Biographie eines Habsburgers, die noch nicht erschienen ist.

  4. Mein Punkt bezog sich auf Ungvárys Argument des Kalküls seitens der Siegermächte, ein Wiedererstarken Deutschlands verhindern zu wollen, indem man auch Österreich-Ungarn als potentiellen Verbündeten zerschlug. Insodern das ein Kalkül war, ging es nach hinten los, was der französische Ministerpräsident Briand früh erkannte und Karl v Habsburg wissen liess, dass er im Erfolgsfall eine Restauration in Ungarn unterstützen würde (zumal auch Italien sich für Ungarn zu interessieren begann). Nicht zuletzt wegen dieser Ermutigung unternahm Karl seinen zweiten Anlauf zur Macht nach dem ersten gescheiterten Versuch.

    Quelle zB Gordon Brook-Shepherd, „Uncrowned Emperor“, London 2003, S. 56.

  5. Danke für diesen Hinweis. Auf alle Fälle hat sich Miklós Horthy 1921 nicht sehr freundlich zu seinem König verhalten.
    Was immer Briand gesagt hat, in der Tat hat Frankreich die kleine Entente unterstützt.
    In der heute auch im netz gestellten Ausgabe von Élet és Irodalom fand ich einen Artikel von Maria Vásárhelyi, der sich mit den zwanzigjährigen Ungarn und Trianon beschäftigt.
    http://www.es.hu/vasarhelyi_maria;a_huszonevesek_es_trianon;2011-06-01.html

  6. Balázs: Was hat das mit Hass zu tun, wenn ich empfehle beim Thema Ungarn zu bleiben?
    Es ist durchaus zulässig auf Zustände in anderen Ländern hinzuweisen, um zu vergleichen. Aber in Prinzip – so habe ich es verstanden – beschäftigt sich Hungarian Voice mit Ungarn.
    All das erinnert mich an eine amerikanische Geschichte. Während des Zweiten Weltkrieges, hatten die USA Flugzeuge nach Russland geliefert. 1944 kam eine Kommission der amerikanischen Luftwaffe nach Russland, und als deren Mitglieder ein paar amerikanische Flugzeugeohne ohne Motor am Flugplatz sahen, und sie fragten was da passiert ist, erhielten sie die Antwort: „Und wie gehen Sie um mit den Negern?“
    Bitte erklären Sie mir, wo Sie in meinen eher nüchternen Zuschriften Hass entdeckt haben. Hätte ich nicht auf den Bukarester Friedensvertrag oder auf den von Saint-Germain hinweisen dürfen?. Was konkret beanstanden Sie?

  7. Im völkischen Geist vereint
    Ungarns Rechte stochert in offenen Wunden des Vertrags von Trianon

    Mit dem Rechtsruck in Ungarn, den sie besorgt als „völkische Wende“ bezeichnet, befasst sich die ungarische Kulturwissenschaftlerin Magdalena Marszovsky in der Zeitschrift „Stimmen der Zeit“. Die Forscherin spricht Klartext, weshalb sie in ihrem Land häufig Anfeindungen ausgesetzt ist.

    F.A.Z. vom 11.06.2011 758 Wörter

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