Gyöngyöspata: Verurteilungen bringen oppositionelle Kreise in Rage

Tamás Eszes, Chef der selbsternannten Bürgerwehr „Véderö“ (Wehrmacht), die vor einigen Wochen durch ihr Auftreten im Ort Gyöngyöspata für Angst in der Romabevölkerung und internationales Aufsehen gesorgt hatte, wurde laut Presseberichten von einem Gericht in Gyöngyös wegen Beleidigung und Körperverletzung zu einer Haftstrafe von 18 Monaten verurteilt. Eszes habe während seiner Festnahme Polizeibeamte beleidigt und geschlagen. Die Strafe wurde zur Bewährung ausgesetzt, die Bewährungszeit beträgt vier Jahre. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

Nach dem oben verlinkten Bericht des Pester Lloyd wertete das Gericht mehrere Vorstrafen von Eszes (Körperverletzung, Verleumdung und Steuerhinterziehung) als strafschärfend.

Die schon wenige Wochen nach der Tat ausgesprochene Verurteilung wirft ein grundsätzlich positives Licht auf das zuständige Gericht. Es wurde eine Haftstrafe ausgesprochen, dies noch dazu in recht kurzer Zeit. Gleichwohl wird der Sachverhalt von oppositionellen Kreisen zum Anlass genommen, erneut das Bild einer „Zwei-Klassen-Justiz“ zu zeichnen .

Der Pester Lloyd greift in diesem Zusammenhang einen empörten Blogbericht auf, demzufolge die bislang unbescholtene Angehörige der Roma-Minderheit in Gyöngyöspata nun wegen eines Zwischenfalls in Haft müsse („Zwei Urteile: Bewährung für vorbestraften Nazi, Haft für unbescholtene Roma„).

Was war geschehen? Im Zuge der angespannten Situation in Gyöngyöspata hatte die Romni eine Frau tätlich angegriffen, die sich – so der Pester Lloyd – abwertend über Roma geäußert habe.

Das zuständige Gericht verurteilte die Romni im Mai 2011 u.a. wegen leichter Körperverletzung zu einer Geldstrafe. Deren Höhe soll nach obigem Bericht (inkl. Verfahrenskosten) 380.000 Forint (ca. 1.400 EUR) betragen. Die Strafe selbst beträgt 250.000 Forint, also ca. 900 EUR. Die Angeklagte nahm das Urteil an, sodass es rechtskräftig wurde. Sie ist jedoch offenbar nicht in der Lage, den Zahlungsauflagen rechtzeitig nachzukommen, weshalb sie – so der Pester Lloyd und der o.g. Blog – nun eine so genannte  „Ersatzfreiheitsstrafe“ antreten müsse. Beide Medien empören sich nun über den Umstand, dass eine bislang unbescholtene Romni in Haft müsse, ein vorbestrafter Neonazi jedoch Bewährung erhalte, ergo: auf freiem Fuß bleibe. Der Pester Llloyd: „Wir halten es für unerträglich, den Neonazis die Genugtuung zu Teil werden zu lassen, eine Roma wegen ihrer Überreaktion auf deren abscheuliche Aktion im Gefängnis zu sehen, während ihr Anführer quasi ungeschoren davon gekommen ist.“

Offenbar wird derzeit Geld für die Verurteilte gesammelt, um ihr die Ersatzhaft zu ersparen.

Die Empörung der beiden Medien über die scheinbare Zweiklassenjustiz ist unbegründet. Zunächst ist festzuhalten, dass im direkten Vergleich der Rechtsfolgen der Véderö-„Anführer“ Eszes – zu Recht – mit einer Freiheitsstrafe von 18 Monaten keineswegs „ungeschoren davonkam“, sondern die deutlich härtere Strafe erhielt als die Romni, die lediglich zu einer Geldstrafe verurteilt wurde.  An dieser Tatsache kann auch der Umstand nichts ändern, dass  bei Nichtzahlung einer rechtskräftig verhängten Geldstrafe diese in „Ersatzhaft“ umgewandelt wird. Dies ist – jedenfalls in der gesamten EU – nichts Außergewöhnliches (zur Rechtslage in Deutschland vgl. hier). Nicht durchsetzbare Geldstrafen müssen von den Verurteilten im Wege der Haft abgebüßt werden, dies freilich nur, wenn – wie es im Regelfall erfolgen wird – keine Ratenzahlung gewährt wird und der Verurteilte mehreren Aufforderungen, die Geldstrafe zu tilgen, ohne Entschuldigung nicht nachkommt. Ob die Romni überhaupt Ratenzahlung beantragt hat, teilt der Pester Lloyd jedoch nicht mit – die Hysterie wäre bestenfalls dann gerechtfertigt, wenn man ein entsprechendes Gesuch grundlos abgelehnt hätte.

Der in obigen Berichten erweckte Eindruck von (so ein Kommentator im o.g. Blog) „Zwei-Rassen-Justiz“ ist folglich böswillig und falsch. Es versteht sich europaweit von selbst, dass Geldstrafen, wenn sie ohne Entschuldigung nicht bezahlt werden, zu einer Ersatzhaft führen. Dies sieht die ungarische Presse offenbar ähnlich: Soweit ersichtlich, widmet sie dem vermeintlichen „Justizskandal“ bis heute keine gesteigerte Aufmerksamkeit. Sollte man auf Ersatzhaft verzichten, wären Geldstrafen bei Mittellosen oder – was öfter vorkommt – Zahlungsunwilligen wirkungslos, es könnten nur die härteren Freiheitsstrafen verhängt werden. Das Gericht hätte also offenbar, um dem Gerechtigkeitsempfinden des Pester Lloyd gerecht zu werden, die bislang strafrechtlich nicht in Erscheinung getretene Romni zu einer (zur Bewährung ausgesetzten) Freiheitsstrafe verurteilen müssen. Dies wäre – aus juristischer Sicht – jedoch überzogen und hätte zweifellos ebenfalls zu einem Aufruhr der oppositionellen Presse geführt. Leichte Körperverletzungen werden bei Ersttätern kaum mit Freiheitsstrafen geahndet.

Nachtrag vom 19.06.2011:

Zwischenzeitlich hat sich der Verteidiger, Dr. Péter Dániel, zu Wort gemeldet. In einer längeren Notiz via Facebook (abrufbar über die Gruppe „Százezren Gyöngyöspatáért“) rechnet der betont regierungskritische Dániel, der seit 2009 auch eine politische Karriere anstrebt, mit den Beteiligten des Strafverfahrens, der Polizei und der ungarischen Regierung ab. Man habe seine Mandantin in Handschellen abgeführt, obwohl sie keinen Widerstand geleistet habe. Die Familienmitglieder seien durch Polizeihunde verletzt worden. Danach habe man der Beschuldigten zu Beginn der polizeilichen Vernehmung das Recht auf einen Anwalt verweigert. Dem Staatsanwalt wirft Péter „rassistische Bemerkungen“ während der Verhandlung vor, die nur „auf ausdrücklichen Wunsch“ des Verteidigers in das Protokoll aufgenommen worden seien. Man habe überdies versucht, die Anwesenheit der Familie der Angeklagten durch Polizeihunde zu verhindern. Der Anklagevorwurf habe sich – so der Anwalt – nicht zweifelsfrei bestätigt, das Opfer selbst hätte zugegeben, dass es nur auf die Bitte der (so Dániel) „rechten Schmutzmedien“ eine „Komödie“ gespielt habe.

Trotz allem sei das „unbegründete und rechtsverletzende Urteil“ auf ausdrücklichen Wunsch seiner Mandantin und ihrer Familie akzeptiert worden.

23 Kommentare zu “Gyöngyöspata: Verurteilungen bringen oppositionelle Kreise in Rage

  1. HV. Das ist ein Witz oder? Die Empörung über den FAKT, dass jemand wegen einer Ohrfeige aus begründbarer innerer Erregung im Gefängnis landet, ein pathologischer Neonazi aber auf freiem Fuß verbleibt ist sehr wohl berechtigt. Formaljuristisches Recht kann auch in faktischem Unrecht enden, das haben Sie in Ihrer endlos Law-and-Order-Tirade leider übersehen. Kálnoky geht noch weiter, der will am besten gleich Waterboarding (jaja, maßlos übertrieben) für Verdächtige, weil das gestohlenes Geld wiederbringen soll, wie er wohl meint. Warum nicht gleich ein Gottesurteil? – Im Ernst und in Ruhe: Das Gericht hätte die Möglichkeit Sozialstunden zu verhängen, eine Ermahnung auszusprechen und wegen der überhitzten Athmosphäre das Verfahren einstellen können, es hätte auch die Provokantin wegen Beleidigung gegenüber Minderheiten anklagen können, alles wäre möglich gewesen. Eine Geldstrafe auszusprechen, bei der man weiß, dass die Angeklagte sie nicht zahlen KANN, ist eine bewußte Entscheidung für Haft und immer motiviert. Jeder Richter hat bei einer Entscheidung nicht nur die formale Richtigkeit, sondern auch die Auswirkungen für das Leben des Verurteilten zu bedenken, von Angemessenheit kann hier keine Rede mehr sein, zumal bei den Umständen in Gyöngöyspata, bei denen die Bewohner in ihrem Recht auf Unversehrtheit bedroht gewesen sind. Die Verhängung einer Bewährungsstrafe bei einem Vorbestraften erfolgt ebenfalls nicht unmotiviert. Hier Lärm zu schlagen, ist angesichts anderer – auch Ihnen – bekannter aktueller Geschichten sehr wohl nötig. Damit schützt man keinen Straftäter, sondern man agiert humanistisch. Der Mensch zuerst, nicht die Paragraphen. Mit freundlichen Grüßen. M.S.

    • @ M.S.:

      „Formaljuristisches Recht kann auch in faktischem Unrecht enden, das haben Sie in Ihrer endlos Law-and-Order-Tirade leider übersehen.“

      Der erste Halbsatz ist richtig. Bemerkenswert ist, dass immer die Nichtjuristen am besten wissen wollen, wann das der Fall ist (Im Namen des „Volkes“, nicht wahr?).

      Das Gericht hat sich gegen die Einstellung entschieden, das sollten wir, wenn wir das Urteil im Wortlaut nicht kennen und die wir immerzu auf unabhängige Gerichte pochen, respektieren. Gemeinnützige Arbeit wird meines Wissens bei Erwachsenen nur sehr selten verhängt; insbesondere in diesem Fall, wo die Betroffene angeblich krank, Rentnerin und arbeitsunfähig sein soll, wird das wohl kaum in Betracht kommen. Ich kann mir lebhaft Ihre Kommentare vorstellen, wenn man Sozialstunden angeordnet hätte.

      Der Normalfall ist eben die Geldstrafe. Also, was ist denn nun Ihre Lösung (außer der Einstellung)? Bewährungsstrafe oder vielleicht eine rechtskräftig verhängte Geldstrafe „auf sich beruhen“ lassen? Wie sieht es denn dann mit dem Gleichheitssatz aus? Aber wenn Sie nicht verstehen möchten, dann lassen Sie es eben. Und die Richterschaft – in ganz Europa – wird sicher dankbar für Ihren Hinweis sein, dass man die Folgen auf die Verurteilten in die Strafe einzubeziehen hat. Das haben die Damen und Herren bestimmt nicht gewusst…

      Vielleicht erzählen Sie Ihren Lesern ja, sobald Ihre Empörung abgeklungen ist, ob die Betroffene Ratenzahlung beantragt oder nach der Verurteilung einfach den Kopf in den Sand gesteckt hat. Wenn ersteres zuträfe, schließe ich mich sofort Ihrer Empörung an, wenn die Ratenzahlung ohne sinnvolle Begründung abgelehnt wurde. Der Rest meiner „Law-and-Order-Tirade“ ist Rechtspraxis. Ob Sie es nun glauben oder nicht, ob es Ihnen gefällt oder nicht. Aber mit dem oben zitierten Satz zum faktischen Unrecht können Sie ja alles erklären.

  2. Gute Leistung des Blog und des PL, das aufzuspiessen, man kann sich herrlich darüber aufregen. Ratenzahlung bei 23 000 HUF Monatseinkommen? Das kann ja wohl höchstens „zumutbare“ 500 / Monat sein, das wären dann also bei 380 000 HUF 760 Monate also 63 Jahre. Oder wie hoch sollten die Raten sein?

    Gleichwohl hat HV natürlich Recht, es ist alles korrekt, wahrscheinlich gibt es einen verbindlichen Bußgeldkatalog, formal alles kein Grund zum Aufschreien – es zeigt nur, dass die Armut dieser Leute zum Aufschreien ist.

    Übrigens hübsche Einnahmen für den klammen ungarischen Staat — wenn das nun nicht zu einer neuen Geldquelle ausgebaut wird! 🙂 Medial erregende Geldstrafen verhängen und dann zusehen wie dank PL das Geld unerwarteterweise tatsächlich in die Staatskasse sprudelt.

    • *…. es zeigt nur, dass die Armut dieser Leute zum Aufschreien ist.*

      Stimmt, jedoch stellt sich mir die Frage:
      Ob es aber jemanden eingefallen wäre für die erwähnte Person zu sammeln, wenn es sich nicht antiorbanmässig vermarkten lassen würde??
      Habe vorher nirgendwo etwas über einen Spendenaufruf gelesen, oder hab ich was übersehen???

      • Ich hatte einen Zusatz zu meiner Bemerkung gelöscht weil ich heute meinen unpolemischen Tag habe.

        Sinngemäß: Nicht-Roma (jetzt bloß nicht Ungar sagen, das entlarvt mich als Rassisten) ohrfeigt Roma weil der ihn einen Sch$§ß-Ungarischen Rassisten genannt hat, und wird dafür zu einer Geldstrafe von 380 000 HUF verurteilt, bei einer Rente von 46.000 / Monat.

        Wer geht für ihn sammeln?

    • @ Kálnoky: Ich frage mich ebenfalls, warum ich zu diesem Thema so rein gar nichts in den insoweit höchst sensiblen oppositionellen Blättern wie Népszava finde…wo man doch Skandale so gerne ausschlachtet. Warum liest man – außer bei den beiden o.g. Medien – nichts davon, dass eine gesundheitlich angeschlagene und mittellose Frau eine Ersatzfreiheitsstrafe antreten muss? Noch dazu schon vier Wochen nach der Verurteilung? Ich bin für jeden halbwegs authentischen Linkvorschlag dankbar, der die Informationslücken füllt.

      • Hoppá, jetzt wo ich aufmerksamer lese, ist das was Herr Markus Schicker hier als „Ohrfeige“ verharmlost plötzlich laut PL selbst (zitiert auf Pusztaranger) „mehrfach heftig geschlagen“.

        Eine noch genauere Betrachtung führt dann zu hirszerzö.hu, wo ein MTI-Korrespondent zitiert wird, die geschlagene Frau habe daraufhin im Gesicht geblutet.

        http://hirszerzo.hu/belfold/20110520_gyongyospata_roma_no_buntetes

        Der Link beantwortet vielleicht auch HVs Frage nach weiteren Berichten.

        Also Herr Schicker könnte vielleicht seinen Satz korrigieren, etwa so: Aufgrund verständlicher innerer Erregung schlug eine ungarische Bürgerin mehrfach heftig eine Romni ins Gesicht, so dass diese zu bluten begann. Dennoch wurde die Ungarin empörenderweise gerichtlich verurteilt, obwohl ihre Erregung doch verständlich war.

        Oh sorry….. habe da die Seiten durcheinander bekommen aber gewiss würde der PL im umgekehrten Fall genauso engagiert berichten.

      • @BK und HV: Verstehe hier nun wirklich nicht, warum Sie beide sich wechselseitig in Rage reden, den Kommentarbereich des Blogs über Gebühr für die Selbstdarstellung ihrer ironischen und zynischen Abhandlungen nutzen. Zur Sache trägts nichts bei, tut ihr nicht gut, allenfalls ihren offensichtlich nicht nur durch die sommerliche Wärme erhitzten Gemütern.

        Kühlen sie beide diese doch in einem offline- oder mail-Dialog, da kann man dann je nach Laune auch noch hier und da eine Schippe drauflegen. Insbesondere auf den Blog-Betreiber und seinen ansonsten hehren Ansatz des Objektivieren-Wollens fällt das nun negativ zurück.

      • @ Peter K.: An den Rundumschlag mit dem üblichen Abschluss („…fällt das nun negativ zurück.“) habe ich mich schon gewöhnt. Er ist aber leider zu pauschal, um darauf zu replizieren. Was genau beanstanden Sie denn? Im übrigen wüsste ich wirklich gerne, was Ihr Bekannter Losonci zu dem Thema des Artikels sagt. Legen Sie ihm doch den Beitrag des PL vor.
        Ich hätte eine Anregung: Ich würde mich sehr freuen, wenn Sie sich öfter in der Sache zu Wort melden würden und nicht nur dann, wenn Sie denken, diesen Blog wieder einmal für seine fehlende Objektivität entlarvt zu haben.

      • Nun ja, ich denke deutschsprachige Zeitungen und sonstiges hätten evtl die Sorgfaltspflicht (da sie ja über gutinformierte Quellen verfügen) den dummen Bürger aufzuklären, ob der
        Eszes nun sitz oder nicht???
        Azt mondja a fáma,hogy
        „A NAV emberei csaptak le a Véderő vezetőjére, s Egerbe szállították kihallgatásra adócsalás gyanúja miatt. “
        Kann man aber wohl nicht im eigenen Sinne vermarkten.

  3. „unbescholtene Roma„:DDDDDDD
    „Die arme ziguener“:DDDD
    Der Eszes aber gehört genau dort hin,wo die Romni ist momentan!
    Solchene rechtsextrimisten haben hier auch nicht viel zum suchen..

  4. Leider keine direkte Antwortfunktion mehr möglich.

    @HV.

    Ich sehe keinen „Rundumschlag“, habe hier nur punktuelle auf den Dialog zwischen Ihnen und BK hingewiesen, der meiner Meinung nach nicht konstruktiv zur Sache beitrug, wo zurück. Sondern der eben von Emotionen geleitet war. Alles erlaubt, klar.

    Nur finde ich eben, dass es für Sie in Ihrer Position, Ihrer Rolle des Blogschreiber und der damit verbundenen Aufgabe, Mission abträglich ist. Das fiel mir seid langem erstmals wieder auf, deutlich, daher erlaubte ich mir diesen Kommentar.

    Das hat mit PL nichts zu tun udn mit Bálint nichts. Weil ich nicht einmal auf den Inhalt, sondern den Stil abgezielt habe.

    Und ansonsten werde ich mir auch künftig dann Kommentare erlauben, wenn ich es für richtig halte und wenn ich die nötige Zeit und Energie habe, wie heute morgen, vor diesem Beitrag ich bekannterweise auch zu BK’s argumentationsstrang an anderer Stelle einen längeren Kommentar verfast habe.

    Im übrigen beschwere ich mich auch nicht, dass auf meinem eigenen Blog (Thema-bedingt schwieriger, aber nicht unmöglich und letztlich nur vom Interesse abhängig) Sie oder andere nur selten Kommentieren oder fordere das aktiv ein.

    Schönes Wochenende trotz all meiner Unverschämtheit.

  5. >>Faul sind sie“, meint Milena Ludanyi, eine adrette Ungarin aus ¬Gyöngyöspáta, einem Dorf 80 Kilometer östlich von Budapest. „Zigeuner arbeiten nicht, sie zehren nur von Sozialhilfe. Unser Dorf verkommt, weil es immer mehr Zigeuner gibt.“ Die gepflegte, gut aussehende Frau hat eine Weile ihre Emotionen beherrschen können, aber jetzt platzt es heraus. „Es sind übrigens nicht nur die Zigeuner, die unseren Ort zu Grunde richten. Es sind auch die Mitglieder der LMP, der Grün-Alternativen Partei, und die Juden.“
    Wer Paul Lendvais Buch über die Entwicklungen in Ungarn und Premier Viktor Orbán liest, wundert sich über nichts mehr
    Während Milena Ludanyi ihre Sonnenbrille, geschmückt mit kleinen Imitat-Diamanten, auf ihre Nase schiebt, läuft sie ein paar Meter weiter. „Sehen Sie, auf der anderen Seite des Dorfes gibt es ein paar Weinkeller. Einer gehört meiner Familie. Die Tavernen besitzen heutzutage keinen Wert mehr, weil sie komplett von Zigeunern umringt sind. Die klauen aus den Kellern, was sie kriegen können. Am liebsten würde ich aus Gyöngyöspáta wegziehen. Aber es geht nicht – unser Haus ist nichts mehr wert.“
    Letzteres stimmt wahrscheinlich. Seitdem seit Anfang März Hunderte rechtsex¬treme Typen durch das Dorf marschieren, Roma zusammenschlagen und ankündigen, ein Selbstverteidigungstraining in unmittelbarer Nähe von Roma-Häusern abzuhalten, ist das Dorf als „böser Ort“ in den Schlagzeilen. Und die klingen wenig vorteilhaft. Die Neonazis gehören zu paramilitärischen Verbänden wie Szebb Jövöért und Vederö, die wiederum Verbindungen zu Jobbik, der rechtsextremen Partei, unterhalten, deren große Stunde schlug, als sie bei der Parlamentswahl im April 2010 gut 17 Prozent der Stimmen holte.
    <<
    http://www.freitag.de/politik/1124-das-ist-erst-der-anfang

    • @ Karl Pfeifer: Ein Artikel ganz nach Ihrem Geschmack, nicht wahr? Hat man wieder eine gefunden, die man als repräsentativ für die Mehrheitsgesellschaft in Gyöngyöspata darstellen kann…

      Dass die Anwesenheit der Neonazis dem Ort buchstäblich den Rest gegeben hat, ist korrekt. Bedauerlich nur, dass für „Freitag“ und Sie die Ereignisse, sozusagen als „Stunde null“, mit dem Auftauchen der Véderö und des sonstigen rechtsradikalen Gesocks´ zu beginnen scheinen. Von den Zuständen davor möchten Sie nach wie vor nichts wissen. Ich kann nicht umher, an dieser Stelle nochmals Peter K. dafür zu danken, dass er mit dem ortansässigen Winzer Bálint Losonci gesprochen und seine Eindrücke hier und auf seinem Blog borwerk.de geschildert hat. Natürlich machen sich Menschen wie Losonci nicht so gut in „Freitag“, weil bei ihnen nicht der vermeintlich allgegenwärtige Rassismus und Antisemitismus mitschwingt, der ihre Aussagen zur Sache dann a priori „disqualifiziert“. Losonci hat nichts gegen Juden und trägt auch keine Brille mit kleinen Imitat-Diamanten, sondern ist ein besorgter Familienvater, dessen kleinem Sohn man auch mal eine Decke aus dem Kinderwagen gestohlen hat. Klingt furchtbar, ist aber in „Freitag“ keine Erwähnung wert.

      Wer die seit langem herrschenden Zustände in Gyöngyöspata und die von Teilen der Roma-Bevölkerung ausgehende Kriminalität ignoriert, der kann auch die Reaktion der Menschen auf den Einmarsch der unsäglichen „Bürgerwehren“ nicht verstehen. Dass am Ende des Tages der Staat hier seit Jahren versagt und dafür gesorgt hat, dass die Mehrheitsbevölkerung sich sogar über die Präsenz der „Bürgerwehren“ und die damit verbundene Publicity-Show von Jobbik gefreut hat, steht fest. Nur haben eben nicht Viktor Orbán und Sándor Pintér, sondern andere die Weinkeller ausgeräumt und Obstgärten geplündert. Das sollten wir bei der ganzen Debatte nicht vergessen, wenn wir den Begriff der Täter-Opfer-Umkehr so inflationär verwenden. Man kann eben Täter und Opfer sein.

      https://hungarianvoice.wordpress.com/2011/05/10/gyongyospata-preisgekronter-ungarischer-winzer-kommt-in-der-heti-valasz-zu-wort/

  6. @Pfeiffer. Herr Pfeiffer, jetzt muss ich doch auch endlich mal meinen Senf dazu geben und Sie direkt kommentieren, nachdem ich mir das seit einer halben Ewigkeit aus der nötigen Distanz angeschaut habe.

    Ich verstehe Sie und Ihre Haltung in einigen Punkten und teile so manche Bedenken, was die jetzige Regierung anbelangt. Aber auch bei mir fehlt bislang schlichtweg das Verständis dafür, dass sie für manch naheliegende Argumentationen, die im Grunde gut Platz fänden in ihrer Sicht der Dinge, scheinbar immun sind. Da wollen Sie scheinbar blind sein, oder es fehlt ihnen die nötige Größe, Distanz zu wahren, etwas zu abstrahieren, einzugestehen, dass die Welt da draußen hier und da einen Tick vielfältiger, bunter ist.

    Schade, denn es tut vielfach nichts zur Sache, der Schritt hier (etwa als es um die Polieigewalt 2006 und Ágnes Heller ging) und da (oben) ist ein im Grunde kleiner, aber für Sie offensichtlich zu großer und er schmälert ihren Beitrag auf eine Weise, die unangemessen groß ausfällt, die in keiner Relation steht zu dem, was sie sonst geleistet haben und immer noch leisten.

  7. Ich weiss nicht warum, aber „Freitag“ hat es noch nicht auf meine Liste der Pflichtlektüren geschafft. Der Vater war ja gut aber muss man deswegen auch im Sohn etwas Besonderes sehen? Der Bericht zeigt die Tragödie des deutschen Journalismus – nicht nur hinkt Deutschland weit, weit hinter den angelsächsischen Ländern her, wenn es um „original reporting“ geht – das bisschen was gelegentlich geleistet wird, ist speziell bzgl Ungarn oft auch ideologisch verzerrt,

    Nick Thorpe, BBC, zeigt mit jedem seiner Berichte wie gute Berichterstattung aussieht. Einfach googlen. zB:

    http://www.bbc.co.uk/news/world-europe-12322338

    (wäre fast einen eigenen Thread wert)

  8. HV verstehe ich es richtig, dass Sie mit allem was Sie so veröffentlichen einverstanden sind?
    Hat nicht Herr Pinter versprochen binnen zwei Wochen Ordnung zu schaffen?
    Warum läßt man von einem vorbestraften Gewalttäter angeführte Bande marschieren?
    Wurden die Roma-Frauen -Kinder wie die Regierung behauptet vom Roten Kreuz zu Ostern zu einem Osterurlaub evakuiert?
    Warum greift die Regierung nicht gegen uniformierte rassistische Banden durch?

    • Ach Herr Pfeifer…nach 14 Monaten Ihrer Dauerpräsenz in diesem Blog (über die ich mich wegen der – oder trotz aller – Diskussionen freue; meinen Respekt habe ich Ihnen ja verschiedenartig schon gezollt) wage ich beurteilen zu können, dass Sie nur dann etwas (auszugsweise) unkommentiert posten, wenn Sie damit einverstanden sind. Denn wenn Sie etwas anders sehen als ein Autor, vergehen regelmäßig keine 5 Minuten, bis Sie kommentieren. Der gute Adam LeBor wird dann gerne mal zur Sau gemacht, wenn er den IWF kritisiert, während Kritik an Frau Marsovszky sofort mit gezogenem Schwert pariert wird. Ihre beneidenswerte Eigenschaft, alles, was nicht in Ihre Argumentationslinie hineinpasst, auszublenden und echte Diskussionen mit Parolen abzublocken, ist mir mittlerweile bekannt. Ganz zu schweigen davon, dass Sie – alles natürlich mit dem Postulat der liberalen Denke und Freiheitsliebe, die in erster Linie Ihnen und Ihren Gesinnungsgenossen zustehen soll – die Argumente der nicht Gleichgesinnten nur zu gerne dadurch bekämpfen, dass Sie sie in eine rechte Ecke stellen. Bereitwillige Helferlein finden Sie ja genug.

      Aber damit Sie, in Anbetracht fortgeschrittener Stunde, besser schlafen können: Ich bin bei weitem nicht mit allem, was ich hier den Lesern zur Verfügung stelle, einverstanden. Und auch nicht mit allen Kommentaren, die die Leser anbringen.

      Ihre Fragen kann ich wie folgt beantworten:
      – Pintér: Die Welt wurde auch nicht in „7 Tagen“ erschaffen. Und Sie wollen doch nicht, dass er mit den gleichen Mitteln vorgeht wie sein Freund Gergényi im Oktober 2006? Man muss eben rechtsstaatlich bleiben, auch wenn es um die Feinde des Rechtsstaats geht. Unerträglich, aber unvermeidbar!
      – Vorbestrafter Gewalttäter: Unabhängige ungarische Gerichte haben nach einigen Festnahmen festgestellt, dass das Marschieren allein keine Straftat ist und die „Marschierer“ auf freien Fuß gesetzt. Daraufhin wurde ein Gesetz verabschiedet, falls es Ihnen entgangen wäre. Leider kann man Aufmärsche von Rechtsextremen wohl auch in Ungarn nicht grundsätzlich unterbinden. Jahr für Jahr marschiert die NPD durch Wunsiedel, Jahr für Jahr versucht man, es ohne Erfolg zu unterbinden. Mich stört so etwas genauso wie die Aufmärsche autonomer Gewalttäter in Berlin, die Jahr für Jahr eine Spur der Verwüstung hinterlassen.
      – Ob Osterurlaub oder Evakuierung: Fest steht, dass es eine wunderbar inszenierte Anti-Regierungskampagne war, zu der ein Ex-Ministerpräsident höchstselbst (natürlich ohne jedes politische Kalkül!) 1 Mio. HUF beisteuerte. Ganz zu schweigen von Herrn Field.
      – Ich denke, es wird noch nicht genug, aber jedenfalls mehr getan als unter MSZP/SZDSZ. Deren Regierungszeit und deren Untätigkeit haben wir den massenhaften Zulauf zu „Garden“ und anderem Gesocks zu verdanken. Ist der Müllberg einmal so hoch, dass er das Dach sprengt, braucht man eben ein wenig mehr Zeit, um aufzuräumen. Damit will ich übrigens das Taktieren Orbáns mit den rechten Wählerschichten nicht schönreden.

  9. Ich habe in der Regel genauso kritisch über Ungarn berichtet, als der Ministerrpräsident Ferenc Gyurcsány war. Daher ist es auch irrelevant, was die MSZP machte oder versäumte. Denn nach der „Wahlkabinenrevolution“ hätte man doch eine Besserung der Lage erwarten müssen. Doch diese trat nicht ein. Und jetzt auf die zerstrittene und gelähmte MSZP zu zeigen, macht wenig Sinn.

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