Die üblichen Verdächtigen: Hillary, hilf!

Nachdem wir heute an verschiedenen Stellen (z.B. Frau Lauer in Standard) über die angeblich so wenig erfolgreiche EU-Ratspräsidentschaft Ungarns lesen mussten, schließen wir den Abend doch mit einer weiteren publikumswirksamen Aktion der Herren György Konrád, György Dalos, Gábor Demszky, TGM und anderer ab. Eine Dame ist auch dabei, verwunderlicher Weise nicht Ágnes Heller. Aber immerhin ist Sándor Radnóti mit von der Partie.

Man bittet um die Hilfe der amerikanischen Außenministerin Hillary Clinton und weint sich über das „gerade im Aufbau befindliche autokratische System“ aus. Was werden die USA jetzt wohl tun? Eine neue Schutztruppe für Ungarn einrichten, Marschflugkörper über dem Fußballplatz von Felcsút oder Orbáns Zweitwohnsitz kreisen lassen…? Möglicher Weise Guantanamo, ein weltweites Leuchtturmprojekt in Sachen Rechtsstaatlichkeit, um ein paar Container für die Fidesz-Führungsriege erweitern?

Einer der Unterzeichner, Gábor Demszky, war übrigens bis 2010 Bürgermeister der Hauptstadt. In dieser Eigenschaft zeichnete er den Polizeipräsidenten Gergényi nach den Unruhen von 2006 mit einem Orden aus. Dies trotz damals schon bekannter Berichte über Polizeigewalt, ohne Untersuchungen der Umstände der zahlreichen Verletzungen abzuwarten. Ein wahres Zeichen demokratischer Einstellung!

26 June 2011, Budapest

Dear Madame Secretary:

It is a great honor for Hungary that you will represent the United States on the occasion of the opening of the Tom Lantos Institute in Budapest.

For us, members of the erstwhile democratic opposition to the one-party communist regime, this is an occasion of utmost importance. Tom Lantos gave his whole-hearted support to the cause of freedom at a time when Hungary was still a dictatorship. We all held Representative Lantos in great esteem; many of us maintained bonds of friendship with him until his death.

Regretfully, however, Hungary is rapidly moving away from the standards upheld by Tom Lantos. While it is only to be commended that the Tom Lantos Institute was established with the consensus of the Hungarian government and the democratic parties, today our government refuses to seek accord concerning any issue crucial to democracy.

In the past year, the rule of law has been seriously damaged in our country. The Prime Minister, overwhelmingly elected in 2010 with a promise to strengthen civic liberties, is today openly distancing himself from the ideals of Western democracies, calling them obsolete. His ruling coalition systematically demolishes the constitutional guarantees of separation of powers, removing all checks and balances that restrain the executive.

An autocratic system is in the making in Hungary.

The first victim of these restrictions was freedom of the press. An omnipotent authority was created, composed solely of governing-party delegates, empowered to supervise not only broadcasting, but also the print and on-line media. The public-service media were renationalized, and obliged to only use news provided by the state press agency. This one-party authority arbitrarily imposes massive fines, and can deny to media outlets the renewal of their licenses. This in turn has already triggered media self-censorship.

Neither was the Constitutional Court, the most potent safeguard of the rule of law during the past twenty years, able to avoid this fate. First, its scope of competence was curtailed, and now the Court is being expanded, with five new justices appointed by the ruling parties.

Despite appeals to find common denominators, the ruling parties drew up a new constitution on their own, cold-shouldering the opposition. The constitution has recently been met with fierce criticism by the Council of Europe’s legal commission, both for curtailing fundamental rights and for arbitrarily requiring a super-majority for future revisions of the present government’s economic policies.

In a similar vein, the ruling parties are intent on modifying the election law, a cornerstone of democracy, while disregarding the opinion of the opposition parties.

The independence of the judiciary is under grave assault as well. Despite judges having proven their integrity for the past twenty years, they are now being forced into retirement en masse; the National Council of Justice, the safeguard of the courts‘ autonomy, has been deprived of its constitutional protection; the process of appointing judges will hereafter be defined by the governing parties.

All independent public services are now being headed by functionaries loyal to the ruling party. It has become standard practice to strip citizens of their civil rights, mostly by passing retroactive laws.

Let us cite just two developments of the past week. Private entrepreneurs have been obliged to raise wages through a government decree. Habeas Corpus will be virtually repealed through a draft law soon to be passed by Parliament: the length of detention without judicial oversight would be raised from 72 to 120 hours, and the right of detainees to consult a lawyer would be denied during the first 48 hours of detention.

Madame Secretary:

The historic visit of President George Bush in 1989 helped us Hungarians to establish democracy in our country. Your visit may help us to prevent its demolition today.

We are certain that you will speak up for Hungary’s once again endangered freedom.

Yours sincerely,

Attila Ara-Kovács, journalist

György Dalos, writer

Gábor Demszky, former Mayor of Budapest

Miklós Haraszti, former OSCE Representative on Freedom of the Media

Róza Hodosán, former MP

János Kenedi, historian

György Konrád, writer

Bálint Magyar, former Minister of Education

Imre Mécs, former MP

Sándor Radnóti, philosopher

László Rajk, architect

Sándor Szilágyi, writer on photography

Gáspár Miklós Tamás, philosopher“

12 Kommentare zu “Die üblichen Verdächtigen: Hillary, hilf!

  1. Geschätzter HUNGARIAN VOICE!

    Meines Ermessens wäre es „objektiv“ und „sachlich“ gewesen, darüber einige Worte zu verlieren, wer Tom Lantos war, weshalb Hillary Clinton in Budapest „vorbeischaut“, und – wenn schon – den Brieftext ohne Kommentar und Wertung zu kommunizieren.

    Wie man auch immer die Personen, welche unterzeichnet haben, persönlich im Einzelnen beurteilen will – sofern man ihre Arbeiten mit angemessener Zuwendung bereits gelesen hat – ist eine Sache.
    Wohin die Reise mit der „Machtentfaltung“ der 2/3-Mehrheit in Ungarn geht, dürfte inzwischen klar sein: Der Ausdruck „autokratisches System“ scheint mir – diplomatisch formuliert – nicht „falsch“ zu sein.

    Ob man dies „beweinen soll“… bleibe in der Dunkelkammer der persönlichen Freiheit des Einzelnen. Jedenfalls ist auch klar, dass die Trägerschaft dieses „autokratischen Systems“ plus ihre Anhängerschaft dünnhäutig bleiben, wenn jemand es wagt, „ihre Kreise zu stören“!

    Herrn Demszky werde ich gewiss nicht „in Schutz“ nehmen… Immerhin wurde er für mehrere Zyklen durch „Budapesterinnen und Budapester“ gewählt! Wer hingegen welche Preise und Ehrungen wann und wo verteilt, so möchte ich an den HV-Post in Sachen Madách-Preis und Bayer Zsolt erinnern.

    Und welche Probleme gibt es mit Radnóti Sándor… dass er ein „immerhin …. mit von der Partie“ verdient.

    Ich wünschte mir, mehr Menschen – in Ungarn und, als „Zuseher“, ausserhalb der Landesgrenzen – würden sich von der unkonstruktiven, mühseligen, unfruchtbaren Arbeit des „Kultivierens“ und „Weiter-Ausbuddelns“ von „Schützengräben“ distanzieren, und den Slogan HALGASSUK MEG EGYMÁST (Schlagzeile der abgelaufenen „Sozialen Konsultation“ des Herrn Ministerpräsidenten OV) etwas ernster nehmen, dabei auch in Sachen „Kritikfähigkeit“ hinzulernen.

    Den Ungarn bleibt u.a. zu wünschen, dass sie ihren „Galgenhumor“ nicht verlieren, der ja nur so lange vorhanden ist, als man noch nicht – zu recht? oder gar „entrechtet“ – dort oben hängt… Nach 24 oder 48 Std. spielt es ja keine Rolle mehr, ob ein „Verteidiger vorbeigucken darf“…

    In diesem Geiste, angenehme Nachtruhe!

    Wir werden ja irgendwann lesen können, was Hillary Clinton zu Budapest „verlautbart hat“! Der „Report“ von Freedom House ist schon angekommen: Die „amüsieren sich ja wohl nur“…. in Sachen „democracy“… um die Zeit zu vertreiben – nehme ich an… ? Die Venedig-Kommission arbeitet auch wohl nur deshalb, um die „Apanagen“ ruhigen Gewissens mitzunehmen…

  2. @ Jean Louis: Vieles, was Sie oben ansprechen, ist durchaus richtig. Ich glaube aber, Kritik an der Politik einer demokratischen Mehrheit zu üben, ist nichts für „offene Briefe“ an die USA. Und da wir uns allzu gerne die USA als Beispiel nehmen: Ich kann mich nicht daran erinnern, dass die US-Demokraten während ihrer Oppositionszeit schluchzend an Russland oder die EU gewandt hätten, um Hilfe gegen George W. Bush zu erbitten…

    Das Theater, was wir gerade sehen, nimmt gerade hysterische Züge an. Es existiert – in demokratischen Staaten – wohl nur in Ungarn. Was den Inhalt des Briefes betrifft: Wenn die US-Botschaft in Budapest Népszava, Népszabadság und 168 óra liest bzw. Klubrádió hört, dann kennt sie die Meinung der Verfasser des Briefes schon und hat Hillary Clinton über Briefings schon informiert. Was in mir den Verdacht erweckt, dass es sich mehr um eine Aktion handelt, die an die (ehemaligen) Anhänger von MSZP-SZDSZ in Ungarn „and abroad“ gerichtet ist: „Seht, es ist schon so schlimm, dass wir uns – wie früher – hilfesuchend an die USA wenden müssen.“

    Vielleicht setzen sich Frau Clinton und Tamás (G.M.) ja auf einen Kaffee zusammen. Clinton wird sicher begeistert über die (gerade mal wieder) marxistischen Ansichten von TGM sein 🙂 …

    • Na ja!

      @hungarianvoice
      „Vielleicht setzen sich Frau Clinton und Tamás (G.M.) ja auf einen Kaffee zusammen. Clinton wird sicher begeistert über die (gerade mal wieder) marxistischen Ansichten von TGM sein 🙂 …“

      Na ja! Und nochmals „Na ja!“

      1956 gab es auch Hilferufe… Davon weiss ich bestenfalls „vernebelt“… dies und „des“… Wie man vielleicht um München herum, in Bayern sagt!…

      Heute geht es nicht um „TGM“, nicht um „Hillary“… geschweige denn, um „CLINTON“! Oder um „Mighty BILL!!“…
      (Der hält noch Vorträge und „kassiert“…)

      Heut‘ geht es um die „Zukunft“, die wir alle uns „herbeiwünschen“, per heut‘, jedoch nie und nimmer – wirklich – „er-ahnen“ oder „er-kennen“ können…

      Trotzdem haben wir „unsere persönlichen Visionen“…
      Von der Zukunft, von unserer, persönlichen Zukunft…

      Sorry!
      [Das war – möglicherweise – zu „persönlich“… Im Rahmen globaler WEB-Kommunikation…]

      Nichteinmal „MARX“ kann man verdammen!!

      Unfreiwilig kam er auf die Welt… wie auch wir…
      Wuchs auf und studierte dies und das…. wie auch wir…
      Dann schrieb er…
      wie auch wir…

      Möglicherweise ist Hillary Clinton noch „be-GEISTERUNGS-fähig“…
      Bei einem Kaffee mit „TGM“… nach der TOM LANTOS-Feier… zu Budapest!

      Was sie „den MEDIEN“ zukommen lässt, ist – diplomatisch gesprochen – IHRE SACHE…

      Der Schlagzeile „HILLARY HILF“ wird sie auf ihre Art „genügeleisten“…

      Bin richtig neugierig!!… Auf die PRESSE!…

      Wo bleibt TOM LANTOS??
      Wenn auch schon verstorben….
      WO BLEIBT SEIN VERMÄCHTNIS?

      OK! [ein US-amerikanisches ImportWort unseres Alltags…“ok“!]

      >>> Bei „Kaffee und Kuchen“ werden wir auch dies – einst – besprechen „können“… oder auch „müssen“!

      DE MORTUIS (Tom Lantos) NISI BENE!!

      Demnach gilt:

      Bei einem Kaffee könnte auch TOM LANTOS verhandelt werden…

  3. Immerhin haben die Unterzeichner dieses Briefes etwas gegen das Kádárregime getan, als noch einige Fideszpolitiker Mitglieder der MSZMP bzw. Informanten der III/III waren.
    Und wenn ich mich richtig erinnere, haben Fideszpolitiker im Ausland während der Gyurcsányregierung die Behauptung aufgestellt, das Land verlasse den Weg der Demokratie.

    • @ Karl Pfeifer: Die immer gleiche Antwort von der MSZMP und Informantentum, Herr Pfeifer? Die Vergangenheit manches Fidesz-Politikers scheint Sie ja deutlich mehr zu interessieren als die Texte von Lendvai aus den 50ern und einer Ágnes Heller aus eben dieser Zeit. Schade eigentlich. Wenn Sie nämlich den selben Maßstab anlegen würden, dann wäre das Thema erledigt mit der Feststellung, dass sich Leute ändern. Welche Motive diese Menschen dabei bewegen, ist nicht pauschal zu beantworten. Es gibt aber offenkundig nicht nur so geradlinige und aufrichtige Menschen wie Sie.

      Ja, es gab auch diese Zwischenrufe von Fidesz. Die Leute, die heute Hillary Clinton herbeischluchzen, waren allerdings damals an vorderster Front dabei, als es darum ging, Obrán für seine hierdurch zum Ausdruck kommende „fehlende Akzeptanz demokratischer Wahlen“ zu rügen. Fazit: Regiert Fidesz, brüllt man im Ausland. Regiert die Linke, muss man im Ausland das Maul halten. Fällt Ihnen was auf?

  4. Diese Liste der Unterzeichner ist durchaus repräsentativ ! 🙂 Das schönste Wort dabei , „former“ , haben eigentlich alle verdient !

  5. HV Sie urteilen da also mit zweierlei Maß. Ich habe nichts von Lendvai gelesen, was er in den 50er Jahren geschrieben hat. Doch was immer da behauptet wurde, er kam 1957 nach Wien und hat sich nicht als III/III Spitzel betätigt. Und Agnes Heller war dankbar, dass man sie mit einer Jugendsünde konfrontiert hat. Und sie vergleichen die beiden mit Spitzeln, die bis zu letzt mit dem Kádárregime zusammengearbeitet haben?
    Nehmen wir nur den ersten Unterzeichner, der als „ungarischer Nationalist“ von Rumänien ausgebürgert und nach Ungarn ausgewiesen wurde.
    Bei allen politischen Unterschieden, Respekt verdienen die Unterzeichner.
    Diejenigen aber, die sich als Spitzel oder 150% Einpeitscher bis zum letzten Moment betätigten, um dann schnell „ihre Meinung“ zu ändern kann ich nicht respektieren. Es sind in der Regel Konjukturritter.

  6. Sehr geehrter Herr HV!
    Sie sind Heute in Hochform, ich hebe meine imaginäre Hut.
    Noch dazu haben Sie vollkommen Recht !

  7. HV – Was soll diese Häme, dieser Zynismus, diese Unsachlichkeit, diese
    penetrante Besserwisserei? Mit Diskursfähigkeit hat das alles sehr wenig zu tun!

  8. Pingback: Ungarische Intellektuelle: Religionsfreiheit ist in Gefahr « Hungarian Voice – Ungarn News Blog

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