Hintergrund.de über ungarische Zwangsarbeit „nach deutschem Vorbild“

Das mir bislang unbekannte Portal „Hintergrund.de“ befasst sich mit dem Thema „Zwangsarbeit“ in Ungarn. Hintergrund sieht bereits „Arbeitslager“ und „Polizeibewachung“… Einige Auszüge:

Ungarn steht vor der Einführung einer allgemeinen Zwangsarbeit für alle bisherigen Sozialhilfeempfänger. Somit holt sich die erzreaktionäre ungarische Rechtsregierung um Premier Viktor Orban wieder einmal die Inspiration für ein faschistoides Politikvorhaben aus Deutschland. Budapest verankerte bereits eine „Schuldenbremse“ nach deutschem Vorbild in der ungarischen Verfassung. Diese Parallelen gibt es auch beim jüngsten Vorstoß: Ähnlich dem Konzept der „Ein-Euro-Jobs“ innerhalb der Hartz-IV-Arbeitsgesetze, die von der rot-grünen Regierungskoalition 2005 durchgesetzt wurden, soll künftig allen arbeitslosen Ungarn jedwede Sozialhilfe gekappt werden, die sich der Zwangsarbeit in „öffentlichen Arbeitsprogrammen“ verweigern.“

Von diesen Maßnahmen wird hauptsächlich die Minderheit der ungarischen Roma betroffen sein, die Rund 7,5 Prozent der Bevölkerung ausmacht. Aufgrund allgegenwärtiger Diskriminierung herrscht unter den Roma in Ungarn – die während des real existierenden Sozialismus zumeist in den längst abgewickelten Industriekombinaten und in der Landwirtschaft arbeiteten – derzeit eine Arbeitslosenquote von mehr als 50 Prozent.“

Ungarn müsse „auf den Pfad einer auf Arbeit basierenden Ökonomie zurückkehren, die Bürger müssen verstehen, dass es keinen Weg zum Reichtum durch Spekulation gibt“, tönte Orban bei einer Parlamentsansprache Ende Juni in Anlehnung an ordinär faschistische Arbeitshausideologie.“

Die Arbeitslosenquote von mehr als 50 Prozent (es sind übrigens annähernd 80%!) unter den Roma erklärt nur derjenige mit „allgegenwärtiger Diskriminierung“, der von Ungarn keine Ahnung hat und ein von Ideologie geprägtes Bild zeichnen will. Differenzierter als die Einschätzung von Herrn Konicz ist der Beitrag auf Deutschlandradio mit Rolf Bauerdick, der hier nochmals wärmstens empfohlen wird. Bauerdick gelingt es, einerseits auf die Probleme von Antiziganismus und Diskriminierung einzugehen, ohne dabei aber die Roma als reine Opfer darzustellen: Seiner Auffassung nach muss auch die Roma-Bevölkerung deutlich mehr tun und die „Skepsis gegenüber der Bildung ablegen“, um sich zu integrieren. Integration ist eben für jene, die keine ideologischen Feindbilder pflegen, keine Einbahnstraße.

Das vermeintlich „faschistische“ Ungarn unter seiner „reaktionären“ Fidesz-Regierung hat laut Pressemeldungen von letzter Woche übrigens ein Stipendienprogramm für Roma in Höhe von 1,5 Mrd. Forint aufgelegt. Zu wenig, könnte man rügen. In Anbetracht der Haushaltslage aber ein gutes Zeichen und laut Staatssekretär Zoltán Balog mehr, als für diesen Zweck jemals bereitgestellt worden ist. Die Zukunft wird zeigen, was der Zigeunerbevölkerung langfristig mehr zu helfen vermag: Eine fördernde und fordernde Bildungspolitik oder die Fortsetzung dessen, was wir in den letzten zwei Jahrzehnten gesehen haben: Das Hineindrängen der Roma in eine vermeintlich allein fremdverschuldete Opferrolle inkl. der Vermittlung des Eindrucks, es gäbe aus dieser keinen Ausweg. Wer die ungarische Politik beobachtet, der weiß, dass die politische Linke in Ungarn sich nur dann für die Roma interessiert, wenn man ihr Schicksal zu politischem Kapital schmieden kann.

Der Artikel hat etwas Gutes: Dank Konicz wissen wir nun, dass es in Deutschland Zwangsarbeit gibt. Glücklicherweise springt die Mainstream-Presse mit Deutschland nicht so um wie mit Ungarn.

Der Beitrag wurde auch von der marxistischen Tageszeitung „Junge Welt“ publiziert: http://www.jungewelt.de/2011/07-06/040.php

19 Kommentare zu “Hintergrund.de über ungarische Zwangsarbeit „nach deutschem Vorbild“

  1. Ich schau mich schon seit einem Weilchen auf Hungarian Voice um und ich finde den Blog sehr gelungen. Ich stamme, wie es scheint, aus einem ähnlichem Umfeld wie HV, bin allerdings traditioneller Weise FIDESZ-Anhänger (obwohl ich nie wählen durfte) und sehe daher einige Vorgänge in Ungarn noch etwas weniger skeptisch als HV. Nichtsdestotrotz sehe auch ich die Politik der FIDESZ derzeit nicht als perfekt an, vorallem hinsichtlich der Bauern (stamme aus einer Familie von Paprikabauern). Aus meinem Dörfchen jedenfalls kenne ich die Romaproblematik ebenfalls aus Erfahrung und mich bringt die selbstgerechte Art der deutschen Presse wie sie über dieses Thema schreibt, ebenfalls auf die Palme. Vorallem, da die Türken in Deutschland auch nicht besser behandelt werden. Wobei: in Ungarn gibt es meines Wissens nach keinen Sarrazin… Insofern finde ich diesen Artikel sehr gelungen! Ich würde nur einen Schritt weitergehen: die MSZP ist im Grunde stets an den Zigeunern interessiert, jedoch als politisches Instrument um die Ungarn gegen sie aufzuhetzen. So mobilisieren sie den Mob und können sich selbst als die Retter der Zigeuner inszenieren, deren Stimmen sowie die der Intellektuellen abgreifen und der Westen ist so unbedarft und fällt drauf rein. Tatsächlich ist die MSZP also das Elend der Zigeuner.

    • Palóc wenn MSZP tatsächlich diese Taktik gebraucht hat, dann hat diese ihnen kein Vorteil gebracht. Ich glaube Ihre Erklärung ist abenteuerlich und ein wenig verschwörungstheoretisch.
      Ihr Vergleich mit Deutschland und den Türken hinkt sehr stark, im Gegensatz zu Ungarn gibt es keine Partei im deutschen Bundestag, die in ihrem Grundsatzdokument die Diskriminierung von Türken vorschlägt. In Ungarn aber gibt es eine solche Partei, welche Diskriminierung von Roma vorschlägt.
      Die Probleme der Roma sind nicht alle 2010 entstanden, als Fidesz regierende Partei wurde. In der Wochenendausgabe der Wiener Zeitung ist ein Artikel von Karin Rogalska zum Thema erschienen „Ungarns Minderheiten steht das Wasser bis zum Hals“. Dieser Artikel kann durchaus kritisiert werden.

      Fidesz schielt immer wieder in Richtung von Jobbik und leistet sich selbst damit -.denke ich – keinen guten Dienst.

      • Ich sehe nicht wo FIDESZ Richtung Jobbik schielt. Das hat sie auch gar nicht nötig, denn die Jobbik hat bisher noch nichts vernünftiges vollbracht. Sie schaut im Grunde nur zu – ein Vorteil der 2/3-Mehrheit, denn sonst hätte die FIDESZ ohne fremde Hilfe keine Verfassungsänderungen zu Stande bringen können und die LMP und die MSZP hätten sicher aus Prinzip nicht mitgespielt. Die Jobbik hätte dann, nicht mal unbedingt auf Wunsch der FIDESZ hin, das eine oder andere mitgetragen und dann wäre das Geschrei groß gewesen.
        Ich denke auch nicht, dass meine Ansicht paranoid ist. Das ist nur eine Taktik die basierend auf Beobachtung der politischen und gesellschaftlichen Situationen schnell erarbeitet ist. Dazu braucht man keine Verschwörung. Diese Ansicht stammt im übrigen nicht einmal von mir selbst, sondern wurde mir zugetragen und soll von einem Zigeunervertreter selbst stammen- Natürlich plappere ich das nicht nur nach, sondern mache mir selbst meine Gedanken dazu – nur um etwaigen Kommentaren ihrerseits vorzubeugen 🙂
        Zur Situation von Ausländern speziell Türken in Deutschland – ich glaube hier beschönigen, ja glorifizieren sie die Situation geradewegs. Zum einem hat die NPD Resentiments gegen Migranten („Kinder statt Inder“ und schlimmeres) im Wahlkampf auch schon bedient. Insofern ist nebensächlich was bei denen tatsächlich im Wahlprogramm steht, die sind nur weniger ehrlich. Darüberhinaus bedienen sich auch die etablierten Parteien dieses Resentiments. Es ist gar nicht lange her, da hat das Kopftuchverbot wochenlang die Tagespolitik bestimmt. Ich darf sagen: meine Großmutter trägt ebenfalls Kopftuch, obwohl sie konservativ wählt und fundamentale Christin ist und sie konnte das ganze Problem nicht nachvollziehen. Es ist bloßer Populismus zu behaupten es wäre einSymbol der Unterdrückung von Frauen. Es gab Muslima die dem widersprachen. Wenn eine Muslima es dennoch nicht tragen will, soll sie doch. Der Staat soll dann dafür Sorge tragen, dass sie deswegen nicht diskriminiert oder schlimmeres wird – nicht mehr und nicht weniger. Gegen das Kopftuch, das für die Muslime ähnlich wie das Kruzifix für Christen, auch ein Symbol ihrer Religion darstellt, zu verbieten, ist definitiv falsch und kurzsichtig. Jeder Druck erzeugt einen Gegendruck, d.h. um so mehr sie die Muslime zwingen solche Dinge aufzugeben, umso größer wird nur der Widerstand – und im Endeffekt werden sich die Türken dann noch weniger integrieren. Merke weiterhin, dass Integrationen nicht gleich Assimilation ist. Assimilation bedeutet aus Ausländern Deutsche zu machen – auch ich lasse mich nicht assimilieren, weder in Deutschland, noch in Ungarn, noch sonst wo. Meine kulturelle Identiät ist Teil meiner Persönlichkeit, ich werde sie nicht aufgeben. Und auch hier würden sie nur mehr Gegendruck erzeugen. Wer sich freiwillig assimilieren lässt, bitte, aber bitte nicht erzwingen! Darüberhinaus hat eine Frau Köhler die Frecheit besessen, Deutschenfeindlichkeit anzuprangern. Jawohl: Frechheit! Das Deutschenfeindlichkeitsproblem mag bei nichtintegrierten Türken voranden sein, das betrifft aber in erster Linie nur Großstädte (Größe Köln, Berlin, München) und betrifft daher vielleicht 5% der Fläche Deutschlands. Im übrigen Land herrscht latente Ausländerfeindlichkeit. Ich habe derartige Erfahrungen ebenfalls machen müssen (sehen Sie: das war der Druck auf dem ich reagiert habe indem ich aus Protest heraus meiner ungarischen Hälfte hin gewandt habe -> Druck / Gegendruck!) und ich darf sagen: man kommt sich veralbert vor wenn dann Panik vor Deutschenfeindlichkeit propagiert wird. Und wieso wird das alles betrieben? Weil es im Volk gut ankommt (bei den Deutschen) und damit Wählerstimmen produziert. Was zeigt das wiederrum? Das die Deutschen keineswegs so ausländerfreundlich sind wie sie glauben. Die Wahrheit ist, dass sie sich solange über uns freuen, wie sie wissen, dass wir auch wieder gehen und dabei noch etwas Geld da lassen. Die Wahrheit ist auch: der Assimilationsdruck ist selten so hoch wie in Deutschland. In Ungarn verlangt jedenfalls keiner, dass sich die Zigeuner assimilieren lassen, jedenfalls nicht die etablierten Parteien. Im Grunde interessiert es keinen ob die Zigeuner ihre eigene Sprache sprechen und ihre Bräuche ausleben, solange sie sich integrieren, d.h. an die Gesetze halten und am gesellschaftlichen Leben teilnehmen. Deswegen war weder Kopftuch noch sonst irgendein Symbol einer religiösen oder nationalen Minderheit je derart politisches Thema wie in Deutschland.

      • @ Palóc: Einen Punkt möchte ich inhaltlich berichtigen. Der Spruch „Kinder statt Inder“ kam nicht von der NPD, sondern von der CDU – Herr Rüttgers aus NRW höchstselbst hat diesen unsäglichen Wahlkampf geführt. Ganz zu schweigen von dem Wahlkampf des Herrn Roland Koch in Hessen, der ebenfalls ganz klar ausländerfeindliche Ressentiments geschürt hat (doppelte Staatsbürgerschaft). Von der NPD und ihren Wurfzetteln („Gute Heimreise“ usw.) möchte ich hier gar nicht sprechen. Deutschland ist also, wie Sie richtig sagen, keineswegs eine Insel der Glückseligen.

      • Danke, HV, für die Richtigstellung.Das unterstützt ja meine Meinung noch um so mehr. Hier wird im übrigen ein weiteres Problem der deutschen Berichterstattung deutlich: mit zweierlei Maß messen…

  2. Die Rätsel des Internet. Alexa.com:

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  3. HV Deutschland ist keine Insel der Seligen (der Papst nannte Österreich so) und Österreich auch nicht. Doch, die Sprache die in Ungarn in Medien und Politik gebraucht wird ist hier in den deutschsprachigen Ländern nicht salonfähig.
    Nehmen wir zum Beispiel die Lehrbeauftragte der Budapester Universität, die EU-Abgeordnete Krisztina Morvai.
    http://www.haaretz.com/news/hungarian-jews-should-stick-to-playing-with-their-circumcised-tails-1.277483
    Palóc, das Wort „magyar“ wird in Ungarn auch als Beschreibung einer halluzinierten ethnischen Einheit gebraucht und in solchen Fällen, ist es auch gerechtfertigt das Wort nicht mit ungarisch oder Ungar zu übersetzen.
    Das was in Ungarn nur ein gleichgültiges Achselzucken hervorruft, wird in anderen Ländern anders wahrgenommen. Darüber ist mancher Ungar empört.
    In Ungarn kann man zum Beispiel hören „ez az ember igazi keresztény“. Die korrekte Übersetzung: „Dieser Mensch ist ein wirklicher Christ“. Nur manche Ungarn meinen damit, dieser Mensch ist kein Jude. Es kommt also auf den Kontext an.
    Der Übersetzer sollte also den Kontext wissen, in dem gewisse Behauptungen aufgestellt werden.
    Übrigens irren sich nicht nur Ungarn sondern oft genug Ausländer mit der Zuschreibung. Der Leugner nationalsozialistischer Verbrechen David Irving merkte in seinem Buch über die Revolution 1956 nach dem Namen von Ferenc Erdei an „Jude“. Ich schenkte dieses Buch András Hegedüs, der lachte und sagte, wenn das Erdei wissen würde, möchte er sich im Grab umdrehen, er war immer Antisemit.

    • Würde mich mal interessieren wenn Sie „halluzinierte ethnische Einheit“ genauer erläutern würden. Im Moment liest es sich so als würden Sie meinen, dass die Ungarn außerhalb der Grenzen nichts mit den Ungarn in Ungarn zu tun hätten oder haben dürfen. Im Gegensatz dazu ist es aus meiner Sicht völlig legitim die nationale Einheit zu betonen. Deutschland hatte auch den Wunsch nach Wiedervereinigung und hatte dabei auch keine Hemmungen Grenzen zu ignorieren. Das war auch richtig so. Sicherlich sind die Umstände etwas schwieriger, da die ethnische Zusammensetzung beispielsweise Siebenbürgens weniger eindeutig ist, jedoch sehe ich keine Rechtfertigung dafür, dass Deutschland seinen Wunsch nach Einheit ausleben darf (und ihn hinterher nicht mal gebührend zu schätzen weis), während Ungarn gefälligst kuschen soll. Wieder mal zweierlei Maß. Dabei redet man in Ungarn übligerweiße nicht mal von Grenzveränderungen (dabei wäre ein Loslösung der Széklerlands nach Volksabstimmung aus meiner Sicht unproblematisch und würde die Situation gleichzeitig befrieden als auch stabilisieren), sondern lediglich von Autonomie. Nur das dann niemand garantieren kann, dass die Autonomie – sofern man sie denn erreicht – auch langfristig bestand haben wird. Mit der Herangehensweise, Ungarn solle sich doch mit Trianon abfinden, werden Sie jedenfalls großen Ärger heraufbeschwören. Die Ungarn werden eben das – richtigerweise – nicht tun und die Spannungen werden zunehmen. Und dann könnte ein Unglück geschene, so wie im Schwarzen März. Und es könnte noch schlimmer werden. Nur die äußeren Umstände müssen passen, sei es Beispielsweise ein Politiker Kaliber Gyurcsány in Rumänien. Und dann wird sich die EU vorwerfen lassen müssen, weggeschaut zu haben statt Probleme angegangen zu haben.
      Was ihren Kommentar zur Übersetzung des Begriffs „magyar“ angeht, Sie geben also immerhin zu, dass dort Interpretation gefragt ist. Es ist immer schwierig zu beurteilen, was ein Mensch genau sagen wollte – der jeweilige Mensch wird es stets am besten wissen was er meint. Wenn Sie also ruminterpretieren, dann besteht die ernsthafte Gefahr, dass sie Leuten Dinge in den Mund legen. Meiner Meinung nach ist die Übersetzung des Begriffes „magyar“ so er von einem Politiker einer etablierten Partei benutzt wurde, stets korrekt mit „ungarisch“ oder „Ungar“ übersetzt. Es sprach ja damals auch niemand von einer „germanischen Einheit“ (jedenfalls nicht nach 45)…

      • @ Palóc: Nun, einen wesentlichen Unterschied zwischen Ungarn und Deutschland sehe ich durchaus. Die beiden deutschen Staaten schlossen einen völkerrechtlichen Vertrag, der zur Wiedervereinigung führte. Es war der politische Wille beider Staaten, sich zu vereinigen. Ich habe meine Zweifel, dass auch nur eines der Nachbarländer Ungarns einen solchen Vertrag schließen will.

        Wie Sie aber richtig anmerken, geht es der ganz überwiegenden Mehrheit der Ungarn nicht um Grenzveränderungen, sondern nur um Fragen der kulturellen Einheit und ggf. auch Autonomie. Dass die Slowakei darauf so allergisch reagiert, hängt damit zusammen, dass dieses Land vor knapp zwei Jahrzehnten als Abspaltung von der CSFR entstanden ist. Und gerade dort werden so grundsätzliche Fragen wie der Gebrauch der eigenen Sprache zurückgedrängt – hier ist Ungarn, was das Recht auf die eigene Sprache angeht, nicht nur in der Region, sondern auch EU-weit vorbildlich. Es dürfte kaum ein Land in der EU geben, was Volksgruppen so weitreichende Selbstverwaltungsrechte gewährt wie Ungarn. Und zwar auf Verfassungsebene.

        Dass im Moment mit Jobbik eine Partei im Parlament sitzt, die Grenzrevisionen mal mehr und mal weniger offen fordert, ist traurig. Ich bezweifle aber, dass ihr Wahlerfolg mit diesem Punkt zusammenhängt. Wie hoch der Anteil der Grenzrevisionisten im Volk ist, weiß ich natürlich nicht. Dass man Trianon nicht verarbeiten konnte, hängt mit der – je nach politischer Couleur der Herrschenden differierenden, aber gewiss nie um Ausgleich bemühten – Geschichtsschreibung seit 1920 zusammen. Es dürfte noch einige Jahrzehnte brauchen, bis man hier zu einer ausgewogenen Betrachtung kommt. Es hat auch in Deutschland viel länger als 20 Jahre bedurft. Gerade diejenigen, die heute mit erhobenen Zeigefingern aus Deutschland und Österreich auf Ungarn deuten, sollten dies nicht vergessen. Hier immerzu 90 Jahre (ausgehend von 1920) ins Feld zu führen und zu sagen „Kommt, jetzt vergesst mal und kümmert Euch um die Zukunft“, ist schon deswegen heuchlerisch, weil 70 Jahre lang keine ehrliche Aufarbeitung stattfinden konnte. Weder unter Horthy, noch unter den Kommunisten. Wer nicht weiß, woher er kommt, kann bekanntlich auch seine Zukunft nicht überzeugend meistern. Die ehrliche Aufarbeitung fehlt im Zusammenhang mit Ungarns Rolle im 2. Weltkrieg und die Mitverantwortung am Holocaust, aber eben auch im Zusammenhang mit Trianon.

      • Palóc, ich will hier keine Abhandlung schreiben über halluzinierte ethnische Einheit. Nur so viel. Die Mehrheit der Ungarn in der Slowakei und die Mehrheit der Ungarn in Transsylvanien fühlen sich ganz gut dort wo sie sind und ihr primäres Interesse ist es, mit dem Staat in dem sie leben gut auszukommen. Sie sind nicht an Spannungen interessiert, denn mit Recht müssen sie dann befürchten, darunter als Erste zu leiden. Tatsache ist, dass in der Slowakei eine binationale Partei Most-Hid ganz gute Ergebnisse bei den letzten Wahlen hatte und MKP nicht ins Parlament kam.
        Diese nationale Einheit ist also imaginiert und führt schnurstracks zu Konflikten mit den Nachbarn Ungarns. Bis zur letzten Regierung Orbán, waren sich ausländische Beobachter einig, Ungarn hat seit der Wende eine vernünftige Nachbarschaftspolitik geführt. D.h. auch während der ersten Regierung Orbán (1998-2002)
        Nun hat sich das geändert und das wird natürlich registriert.

  4. Ich denke hier unterscheiden sich unsere Auffassungen ein wenig, HV. Das ist nicht schlimm und sie unterscheiden sich, denke ich, nur ein klein wenig. Ich bin fest davon überzeugt, dass auch Grenzveränderungen nicht pauschal ausgeschlossen werden sollten. Grundsätzlich kann auch Autonomie funktionieren bzw. reichen, nur wie ich schon angedeutet habe, kann die auch wieder zurückgenommen werden – siehe Széklerland. Um es mal deutlich zu formulieren: es könnte passieren, dass wir uns 50 Jahre „den Hintern aufreisen“, dann tatsächlich 20 Jahre Autonomie genießen, dann kommt ein Fico und alles beginnt von vorn. Das wäre doch sehr unbefriedigend. Natürlich befürworte ich nicht, dass Grenzkorrekturen mit kreigerischen Mitteln durchgesetzt werden. Ich respektiere auch die rumänische bzw. slowakische Seite und natürlich haben auch unsere Nachbarn Recht auf ihre Selbstbestimmung und Unabhängigkeit. Insofern sollte jede Grenzveränderung über die Zustimmung der Mehrheit der in den fraglichen Gebieten lebenden Bevölkerung haben. Meines Wissens nach findet sich aber in den Verträgen von Trianon eine Klausel in der sinngemäß steht, dass eine Korrektur der dort festgeschriebenen Grenzen möglich ist, wenn alle Beteiligten einverstanden sind (leider verfüge ich über keine Quelle. vielleicht weis HV mehr) sodass man wohl nicht mal Verträge brechen müsste. Selbst nach Trianon wäre dann also eine Grenzkorrektur legitim. Würde beispielsweise das Széklerland wieder Ungarn zugesprochen werden – womit die Mehrheit der Bevlkerung vermutlich einverstanden wäre – und würde man dann beidseits der Grenzen regionale Autonomie mit starker Vertretung der Nationalitäten (gerne auch Roma) sowie Bildung in Muttersprache garantieren, dann würde man die Situation in Siebenbürgen vermutlich stabilisieren und der Region vermutlich sogar einen Dienst erweisen indem man ihr ihren multietnischen Charakter langfristig erhält. Keine Seite könnte die Autonomie ohne Weiteres zurückziehen, da die andere Seite sofort nachziehen würde. Natürlich wäre das Széklerland eine Exklave, aber Schengen vorausgesetzt sehe ich da keine Probleme. Natürlich müsste Rumänien zustimmen und kein Rumäne würde das derzeit tun. Nichtsdestotrotz wäre das eine zivilisierte Lösung, insofern würde es vielleicht lohnen darüber nachzudenken wie man die Rumänen überzeugen könnte bzw. welchen Ausgleich man schaffen könnte. Diese Idee klingt sicherlich theoretisch, aber sie hat Reiz. Und sagen wir es mal so: die Autonomie Ungarns innerhalb der ungarisch-österreichischen Monarchie (ich denke das kann man nach modernen Maßstäben so nennen) klang auch mal „theoretisch“, aber wir haben es geschafft die Österreicher zu „überzeugen“. Ein weitaus theoretischer Ansatz wäre es, Gebiete zu zwei Staaten gleichzeitig gehören zu lassen. Meines Wissens nach wurde das noch nie versucht (jedenfalls fällt mir kein Beispiel ein) und es ist schwervorstellbar wie dies aussehen könnte, aber ein Brainstorming wäre es vielleicht mal wert.
    Um zum guten Schluss nochmal zum Kommentar von Herren Pfeiffer zurückzukommen, ich denke, dass Sie hier Äpfel mit Birnen vergleichen. Weder ich noch HV haben die Jobbik in Schutz genommen und auch Herr Orbán hat sich mit Herrn Vona bereits Auseinandersetzungen bezüglich der Roma im Parlament geliefert. Deswegen habe ich den Begriff der „etablierten Parteien“ genutzt, zu denen ich Jobbik nicht zähle. Sowohl ich als auch HV haben darüberhinaus Argumente geliefert, die dafür sprechen, dass in Deutschland sich auch die etablierten Parteien (nicht nur die NPD) die Ressentiments Ausländern gegenüber zu Nutze machen. Sie jedoch liefern nur Argumente dafür, dass sich in Ungarn nur die Jobbik diese Resentiments leistet, nicht aber die etablierten Parteien. Dabei suggerieren Sie, dass dieses Problem auch in Ungarn parteiübergreifend vorhanden ist – bleiben den Nachweis aber schuldig. Die Jobbik ist ein Problem, das will ich gar nicht schönreden und sicher auch HV nicht, aber es ist ein qualitativer Unterschied, wenn auch die übrigen Parteien Kapital aus derartiger Redensweise schlagen… Sagen wir mal so: Herr Sarrazin ist wohl immernoch SPD-Mitglied…

    • @ Palóc:

      Zu einer Revisionsklausel kann ich leider nichts sagen, ich kenne eine solche nicht. Ich vertrete einen anderen Ansatz, bei dem es auf diese Frage nicht ankommt: In einem vereinten Europa ohne Grenzkontrollen ist die Frage, auf welchem Staatsgebiet ich lebe, letztlich nicht mehr allein entscheidend. Heimat ist dort, wo ich zu Hause bin. Wichtiger ist, dass ich mich als Angehöriger der ungarischen Minderheit (besser: Volksgruppe) in der Slowakei frei entfalten kann (wie auch als Slowake, Kroate, Donauschwabe usw. in Ungarn). Dazu gehört die eigene Sprache, schulische Ausbildung in dieser und – im Idealfall – auch eine Selbstverwaltung. Verwurzelung ist für mich – ich führe zu dieser Frage oft Gespräche mit Ungarn und treffe mitunter auf Unverständnis – eine eher regionale und kulturelle Frage. Anders als die Kritiker sehe ich eine auf Antrag gewährte Staatsangehörigkeit ebenfalls nicht als Problem (ich könnte sie beantragen, weiß aber nicht, welche Vorteile sie mir, der ich bereits EU-Bürger bin, brächte). Es handelt sich wohl eher um ein symbolisches Thema.

      Die Debatte um Grenzrevisionen halte ich hingegen für schädlich, sie stiftet nämlich kein gegenseitiges Verständnis zwischen Mehrheit und Minderheit, vielmehr Unruhe. Das Bittere ist übrigens, dass die Auslandsungarn das ausbaden dürfen, was Jobbik daheim erzählt.

      Und was Orbán betrifft, so finde ich es zwar begrüßenswert, wenn man die Situation der Auslandsungarn aktiv anspricht und nicht – wie in 40 Jahren Sozialismus – unter den Tisch kehrt. Meiner Meinung nach macht Orbán hier aber auch Fehler: Ich hatte z.B. in einem meiner Beiträge darauf hingewiesen, dass ich seinen Ansatz bzgl. Slowakei, die von den dortigen Ungarn gewählte Most-Híd zu ignorieren und MKP als alleinigen Vertreter der Ungarn dort anzusehen, als verfehlt, ja sogar als klare Missachtung des Wählerwillens empfinde. Ich denke, mit Most-Híd ist eine erfreuliche Strömung gewählt worden, eine, die sich um Ausgleich bemüht. Anders als Fico/Slota auf der einen und Jobbik auf der anderen Seite.

      https://hungarianvoice.wordpress.com/2010/12/15/unangemessene-parteinahme-orban-zeigt-gemasigten-slowakischen-ungarn-die-kalte-schulter/

      • @HV: „schulische Ausbildung in [der eigenen Muttersprache] und – im Idealfall – auch eine Selbstverwaltung.“.

        Kann ich im Grunde nachvollziehen und befürworte ich auch. Nur stellt sich einerseits die nüchtern quantitative Frage, ab welchem Schwellenwert ist dies in einer Gemeinde/Region zu befürworten und umzusetzen, ab welcher „Menschenmenge“/-anzahl macht das Sinn. Das müsste im besten Falle gar EU-weit geregelt werden (nein, ich bin nicht scharf auf EU-Regelungen im allgemeinen).

        Und andererseits müsste eben auch die offizielle (erste) Staatssprache (also in Ungarn das Ungarisch für eine kroatische Minderheit etc.) verpflichtend gelernt werden und in weiten Teilen der Lehrplan des jeweiligen Staates doch Bestand haben, um ausreichend politisches und historisches verstädnnis und damit eben auch eine Verwurzelung/Verzahnung mit dem Staat, in dem man als Minerheit lebt gefördert werden. Ganz zu Scheigen von Fairness hinsichtlich einheitlicher Schlabschlüsse. Denn einer Abkapselung sollten derlei Ansätze auch keinen Vorschub leisten.

      • @ Peter K.: Ich gebe Ihnen voll und ganz Recht. Selbstverständlich muss das Erlernen der offiziellen Staatssprache und der Landeskunde (inkl. Geschichte usw.) zum Pflichtprogramm gehören. So wie es meiner Ansicht nach jetzt schon Praxis ist.

  5. HV so ähnlich denke ich auch. Most-Hid ist eine Entwicklung in die richtige Richtung.
    Ich halte mich verhältnismässig oft in Sachsen auf und habe in Pirna (südlich von Dresden) ein deutsch-tschechisches Gymnasium mit Internat gesehen. Es gibt auch ein ähnliche Entwicklung mit Polen. Die Politik der Spannung nützt nur den Extremisten und das Erstarken dieser ist nicht im Interesse der Völker, die in dieser Region leben.

  6. Nun ist das ja wohl schon langsam „Schnee von gestern“,
    allerdings muss ich dem Verfasser des Artikels ja sowas von recht geben, werden doch gerade hier vor meinen Augen die Minderheiten zur
    *Zwangsarbeit unter Vernachlässigung aller technischen Fortschritte des letzten Jahrhunderts* eingesetzt.Die *Arbeitssklaven* schütten zwar keine Dämme auf,aber von Technologie des 21. Jahrhunderts ist rein gar nix zu sehen.Sie müssen-man stelle sich das mal vor!!- mit der Schaufel in der Hand,Bauschutt (vom Schulumbau) beseitigen!!! Sie werden sowas von unter Druck gesetzt, dass sie nicht mal dazu kommen eine Pause einzulegen….. und sich einen hinter die Binde zu kippen!!Das ist ja Folter ohne gleichen!!
    Ach so, hatte ich vergessen zu erwähnen:Bei der Minderheit handelt es sich um Angehörige der Volksgruppe C2H5OH (Was gut und gerne auch eine Art von Mehrheit 😉 sein könnte?? )

  7. Während die deutschsprachige Presse über Antiziganismus in Ungarn und „Zwangsarbeit nach deutschem Vorbild“ berichtet, brachte die liberale slowakische Partei „Freiheit und Solidarität“ eine Gesetzesinitiative auf: Ziel ist die kostenlose Verschreibung von Verhütungsmitteln an Arme, ggf. sogar die kostenlose Sterilisation. Zielgruppe Nr. 1 – die Roma. Man stelle sich vor, Viktor Orbáns Fidesz würde derartiges auch nur laut denken – wir könnten wohl wieder flammende Reden aus Brüssel hören.

    Presseecho auf die Pläne der slowakischen Liberalen: Bislang gleich null. Offenbar ist Ungarn generell interessanter als die umliegenden Länder. Dort wird sogar eine Kampagne gegen Abtreibung als eklatenter Rechtsverstoß wahrgenommen.

    http://index.hu/kulfold/2011/08/15/rasszista_a_szlovak_sterilizacios_terv/

  8. „Antiziganismus in Ungarn und Zwangsarbeit nach deutschem Vorbild”
    und sogar die Österreicher hängen mit drin.
    Das haut mich ja nun total um.
    Sind doch die Städte Neukölln (D ), Graz (A),Pecs (H) (um nur einige zu nennen) in einem europäischen Netzwerk verbunden, dass aus Mitteln des Programms „Bürgerinnen und Bürger für Europa“ gefördert sind. Die hatten nun die glänzende Idee ein nachhaltiges ökosoziales Zukunftsprojekt für Roma unter dem Namen BIO-KNOBLAUCH ROMANES ins Leben zu rufen.
    Das Projekt steht lt.Experten in gedanklicher Nähe zu Leibeigenschaft und Zwangsarbeit.

    Ich bin verblüfft!!!Tja, was haben die Deutschen und Österreicher aber auch immer für rassistische Ideen!!

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