SZ: Alex Rühle über den Sieg von „Brutalpopulist“ Orbán

Viktor Orbán dürfte längst zu dem Politiker geworden sein, den die deutsche Presse mit den phantasievollsten Namen  belegt: Wir hatten ja bereits den „Puszta-Putin“ . Nun genügt auch der Begriff des „Rechtspopulisten“ Herrn Alex Rühle von der Süddeutschen Zeitung nicht mehr, Viktor Orbán mutiert zum „Brutalpopulisten“.

Das journalistische Meisterwerk Rühles findet sich hier:

http://www.sueddeutsche.de/kultur/demontage-der-ungarischen-demokratie-der-brutalpopulist-macht-die-eu-schweigt-1.1126940

Ein Musterbeispiel dafür, wer hierzulande die Deutungshoheit genießt. Und wie hervorragend derartiges bei den SZ-Lesern ankommt, kann man anhand der Leserkommentare nur erahnen. Da liest man vom „Faschismus“ und von der „Wiedererstehung Horthys“. Nun ja, vom Brutalpopulisten zum Faschisten ist es ja nicht weit.

Nachtrag vom 09.08.2011:

Die ungarische Nachrichtenagentur hat auf einige Darstellungen in dem obigen Beitrag der Süddeutschen reagiert und am 08.08.2011 eine entsprechende Mitteilung herausgegeben:

„In dem von Alex Rühle verfassten und am 2. August 2011 veröffentlichten Beitrag „Wie Orbán Ungarns Demokratie zerlegt”  befinden sich einige Irrtümer. Die Nachrichtensendungen des öffentlichen Rundfunks befinden sich unter der Fachaufsicht des MTI-Nachrichtenzentrums, allerdings ist Dániel Papp nicht Chefredakteur, er ist noch nicht einmal Mitarbeiter unseres Unternehmens. Im übrigen wurde der Posten eines „politischen Chefredakteurs“ in Ungarn zum Ende der 1980-er Jahre abgeschafft.

Leider ist die Süddeutsche Zeitung dem leichen Fehler verfallen wie die Ungarische Sozialistische Partei in ihrer Pressemitteilung vom 4. August 2011 und wie die Népszava in ihrer heutigen Ausgabe: beide titulieren Dániel Papp als Leiter des Nachrichtenzentrums der MTI.

Daneben finden sich in den Archiven unserer Nachrichtenagentur keinerlei Hinweise darauf, dass der Vorsitzende des Medienrates schon vor zehn Jahren folgendes gesagt habe, dass es das oberste Ziel sein müsse, „das hundertprozentige Meinungsmonopol in den Medien zu erringen“ .

Hierfür gäbe es auch keine entsprechenden Mittel.

Die MTI betreibt seit 1988 den Landespressedienst, der sicherstellt, dass jede politische Partei und bedeutende Zivilorganisation ohne redaktionelle Kontrolle ihre Meinung den Bürgern über das Nachrichtennetz kundtun können.

Seit Mai 2011 hat die MTI, mit Ausnahme derjenigen Materialien, die von ausländischen Presseagenturen stammen, die Dienste der Agentur größtenteils kostenfrei gestellt. Kostenlos erreichbar sind unter anderem tägliche Ausschnitte derjenigen Presseartikel, die sich mit Ungarn befassen, auf diese Weise konnten sich unsere Leser auch über den Beitrag von Alex Rühle informieren.

Zsófia Rákosy

Pressesprecherin

Ungarische Nachrichtenagentur

22 Kommentare zu “SZ: Alex Rühle über den Sieg von „Brutalpopulist“ Orbán

  1. „Und soeben stellte ein parlamentarischer Sonderausschuss die Weichen dafür, dass die sozialistischen Vorgängerregierungen wegen des „politischen Verbrechens“ der Staatsverschuldung vor Gericht gebracht werden sollen. Das Gremium ergänzte, sollte das geltende Recht nicht ausreichen für eine Bestrafung der Politiker – es geht immerhin um die drei ehemaligen Ministerpräsidenten Peter Medgyessy, Ferenc Gyurcsany und Gordon Bajnai – müssten diese Gesetze eben schnellstmöglich rückwirkend geändert werden.“
    Na endlich! Ob es wirklich um alle drei geht oder um den einen, werden die Ermittlungen schon zeigen, aber dass man mit Lug ung Betrug davonkommt, ist für mich ungerecht.

    • In diesem Punkt bin ich nicht Ihrer Meinung. Natürlich bin auch ich nicht dafür, dass diese Herren einfach so davonkommen, aber das mit allen Mitteln durchzusetzen, ist auch wieder falsch. Ganz einfach aus dem Grund, dass der Schuss nach hinten losgeht wenn diese Methodik Schule macht. Stellen Sie sich vor jede Regierung macht das mit der Vorgängerregierung – egal, um was es geht. Stellen Sie sich vor die MSZP kehrt zurück, baut ihre Medienposition wieder aus und geht dann so vor wie die Fidesz es vor hat und rechtfertigt es mit deren Gebaren. Das würde also einen Prezedenzfall darstellen den später jeder zitieren könnte. Das ist nicht tragbar, selbst wenn eine rückwirkende Strafe in diesem Falle gerechtfertigt wirken mag.

      Es muss auch andere Wege geben. Ich denke es hat seinen Grund warum die MSZP Mr. Gyurcsány nicht über Bord wirft: ich denke, weil er ein Druckmittel hat / sie Angst vor ihm haben. Da ist noch eine Menge Schmutz im Spiel. Eventuell könnte man kleiner Fische wie die Genossen Geheimdienstler als Kronzeugen aufstellen – die wissen bestimmt auch noch von üblen Dingen. Aber so schlau wird die Staatsanwalt sicher auch sein. Abwarten.

      • @Palóc:

        Interessant, dass Sie die allgemein anerkannte bedeutende rechtstaatliche Problematik einer möglichen Einführung rückwirkender Gesetze nicht als problematisch ansehen. Dass Sie lediglich die Projektion nach vorne machen, weil sich die eigenen Waffen gegen „ihren“ Fidesz wenden könnten. Auch eine Möglichkeit, klar.

        Präzedenzfälle von Machtmissbrauch hat die gegenwärtige Regierung schon zur Genüge geliefert und kein Ende ist in Sicht. Insofern hat man schon für ausreichend Humus für kommende Legislaturperioden gesorgt, für Nährboden, vor dem politische Zeigefinger wieder auf die je andere Seite gerichtet werden kann. Teils gänzlich ohne Not übrigens.

  2. was soll denn die bemerkung mit der deutungshoheit? viele zeitungen berichten überhaupt nicht über ungarn (ignoranz ist besser?) bzw. unterstützen diese politik.
    vielmehr sollte man doch mal die frage stellen, ob die beschriebenen probleme existieren. gibt es umfassende rechtsstaatlichkeit in ungarn? gibt es fremdefeindliche gewaltverherrlichende hetze von fidesz-politikern?
    immerhin war es die fidesz-politikerin wittner, die sagte: „Das Parlament ist sowieso nur deshalb da, damit wir uns vorspielen, dass es in Ungarn ein Mehrparteiensystem gibt.“ [http://www.youtube.com/watch?v=cAht9LQGiN8&feature=player_embedded.] würde ein liberaler journalist sowas behaupten, dann wäre das eine schlimme beleidigung der ungarischen regierung.

    • 1. Wittner sprach vom System Gyurcsány.
      2. Liberale Journalisten behaupten „sowas“ in steter Regelmäßigkeit. Allerdings nur, wenn Fidesz an der Macht ist…
      3. Fragen bezüglich der Rechtsstaatlichkeit einzelner Maßnahmen kann man offen und kritisch diskutieren. Nicht zuletzt hier geschieht das (z.B. rückwirkende Besteuerung, Verfassungsgericht, Beschuldigtenrechte). Dass Ungarn ein Rechtsstaat – auch unter der neuen Verfassung – bleibt, wurde trotz berechtigter Kritik auch von der Venice-Commission nicht in Zweifel gezogen.
      4. Nennen Sie „fremdenfeindliche gewaltverherrlichende Hetze“ von Fidesz-Politikern – und bitte lassen Sie Oszkár Molnár in der Versenkung, wo er hingehört.

      • @1. die gute frau wittner redet gern und viel. ist sie eine „lupenreine demokratin“?
        @2. ich habe nichts gegen kritik an der mszp, ganz im gegenteil. ich mag diese rot angestrichene kapitalistenbande auch nicht. leider wird kritikern der fidesz-regierung immer wieder unterstellt, dass sie anhänger von mszp wären. das ist inzwischen langweilig.
        @3. gibt es „ein bisschen rechtsstaatlich“? die grundprinzipien eines rechtsstaates sind nicht allgemein gültig. die bisherigen gesetze schaffen ein klima von unsicherheit: was kommt als nächstes.
        @4. natürlich kann man hier darüber streiten was fremdenfeindlich bzw. was überhaupt fremd ist.
        – unter fremd verstehe ich in diesem zusammenhang alles was als nicht ungarisch angesehen wird: ausländer genauso wie juden oder menschen, deren lebens- oder denkweise vom wertesystem von fidesz/kdnp abweicht.
        – der große kulturschaffende bayer ist für mich ein fidesz-politiker (das kann man natürlich anders sehen wenn man will). die art seiner auseinandersetzung mit „fremden“ halte ich nicht für sehr freundlich.
        – die propaganda gegen die besatzungsmacht eu etc. hat reale auswirkungen auf in ungarn lebende ausländer. ausländern wird inzwischen von einem großteil der bevölkerung unterstellt, dass sie das land ausrauben usw. natürlich werden fidesz-anhänger immer wieder behaupten, dass das nicht ihre absicht sei und dass es sich dabei um bedauerliche missverständnisse handelt. damit schreibe ich über das allgemeine klima im land und das latente verhalten gegenüber fremden. natürlich kann man das nicht messen, und man kann gern abstreiten, dass die regierungspropagande dafür verantwortlich ist. also gibt es das nicht?
        – ich leugne nicht, dass es ein mieses spekulantentum gibt. das gibt es aber auch in anderen ländern, es ist nicht gegen ungarn gerichtet, sondern gegen jedes land, in dem es stattfindet. konservative ungarn kaufen ja auch gern billiges land in den nachbarländern.
        – es gab immer ausländer, die auf einladung der regierung in ungarn arbeiten (eine gute tradition im sinne von szent istván). die einladungen wurden (während laufender jahresverträge) von der regierung annuliert. folge: drastische gehaltskürzungen oder aus ungarn weggehen. das große vermächtnis von szent istván wir von dieser regierung mit füßen getreten, man führt seine ideen zwar im munde aber nicht im schilde.
        @weiterhin: fidesz-politker nehmen gern fördergelder der eu. warum eigentlich, wird ihnen das von dieser besatzungsmacht aufgedrängt?
        fidesz-anhänger nehmen sehr gern stipendien und fördermittel aus der brd an und beschweren sich dann über die schlimmer liberale politik dieses landes. keine sehr konsequente haltung.
        orbán behauptet, dass der neue „nationalstolz“ das land stärkt. hat jemals nationalstolz einem volk etwas gebracht? mir fällt dazu nichts ein …

  3. mich wundert sehr, daß die Ungarn sich gegen diese Anschuldigungen nicht angemessen wehren können. Sie benehmen sich irgendwie fast kindisch in bezug auf diese Angriffe, obwohl es genug Fakten gibt, die für die Regierung sprechen.
    Wünsche viel Mut und Klugheit und Reife für die Hungarianvoice.

  4. tja, das nenne ich mal mit reichlich Phantasie gesegnet, der Mann.
    Ich hoffe natürlich, er berichtet demnächst mal direkt und Vorort aus einem Arbeitslager.

  5. Hallo HV! Ich verfolge seit paar Monaten schon Ihren Blog. Ich halte ihn für sehr wertvoll, weil Sie sehr interessante Artikel ausfindig machen. Ihre eigenen Stellungnahmen sind meist zurückhaltend. Was ich mich bei diesem Rühleartikel nun fragte: stimmt da etwas nicht? Gibt es Unwahrheiten darin? (Sie haben ja durchaus schon Unwahrheiten in dt. Beiträgen aufgedeckt). Wenn nicht … warum sind Sie dann so kritisch ihm ggü.? Nur wegen des einen Wortes…?
    Galut

    • Greifen wir folgenden Absatz heraus:

      „Die wenigen unabhängigen Medien, die es noch gibt, werden regelrecht stranguliert: Die letzten linksliberalen Zeitungen können teilweise ihre Leute nicht mehr bezahlen, weil wie von Geisterhand die Anzeigen ausbleiben. Dazu kommt eine gefährlich schwammige Vorgabe, die Ungarns Presse zu einer „ausgewogenen Berichterstattung“ verpflichtet.“

      Auf dieser Ebene wird diskutiert. Die „armen“ unabhängigen Medien, die stranguliert werden…und auch noch ausgewogen berichten sollen! Wie furchtbar, insbesondere dann, wenn dieses Postulat – neben drohenden Gegendarstellungen – gar keine Konsequenzen haben kann und letztlich nur sicherstellen soll, dass unterschiedliche Ansichten zu Wort kommen können.

      Aber kommen wir zum Strangulieren der „wenigen unabhängigen“ (lies: regierungskritischen) Medien: Die größte Tageszeitung des Landes, Népszabadság, ist und bleibt linksliberal. Daneben haben wir Népszava, die Wochenzeitung HVG und 168 óra. Ferner den Fernsehsender ATV, in dem wirklich jeder Anti-Regierungs-Slogan gesendet werden kann und auch wird. Der Aufruhr geht um einen einzigen Sender, Klubrádió, der aufgrund notorischer Geldknappheit schon im Jahr 2009/2010 Radiospots schaltete, um die Hörer zum Sponsoring von Sendeminuten aufzurufen. Dieser Sender steht nun, offenbar (das vermute ich nur) nach dem Wegfall der Subvention durch politisch wohlgesonnene Kreise, plötzlich im eisigen Wind des Marktes und muss aufgeben. Von „Geisterhand“ passierte hier nichts, vielmehr sehen wir das Ergebnis schlechten Wirtschaftens. Leider, sage ich. Der drohende Wegfall von Klubrádió wäre schlecht für die Meinungsvielfalt – ich selbst tue mir György Bolgár hin und wieder an -, aber ist letztlich harte Realität in einer Marktwirtschaft.
      Dass Fidesz einen Sender, der bereits vor 2010 Wahlkampf gegen die Partei gemacht hat (man durfte dort so geistreiche Aussagen hören wie die, dass die Opfer des Kommunismus letztlich selbst schuld seien, denn sie hätten ja Kommunisten werden können…), nicht gesondert unterstützt, überrascht mich nicht. Aber immerhin geht Orbán nicht so weit wie Ferenc Gyurcsány, der als Regierungschef staatliche Institutionen und Leser dazu aufgefordert hat, eine bestimmte Zeitung wegen der dort erscheinenden (mitunter geschmacklosen) Berichterstattung nicht zu kaufen. Als dieser Aufruf erschien, gingen zahlreiche Menschen auf die Straße, auch solche, die mit dem Inhalt dieser Zeitung nicht übereinstimmten. Berichte darüber hat Alex Rühle, so weit ich weiß, nicht verfasst.

      Ich hoffe, Sie sehen mir nach, dass ich jemanden wie Rühle, der uns in den vergangenen Monaten mit nachweisbaren Unwahrheiten wie dem Märchen von „Verfassungsrichtern, die keine Juristen sind“ beglückt hat und den unsäglichen Auftritt von Ágnes Heller in Brüssel falsch darstellt, nicht für eine zuverlässige Quelle halte. Man kann Einzelfakten und Kritikpunkte richtig darstellen, ohne in seinen Gesamt-Schlussfolgerungen zwingend richtig liegen zu müssen.
      https://hungarianvoice.wordpress.com/2011/05/13/sz-alex-ruhle-uber-muskelspiele-an-der-donau/

      • Ich meine mich zu erinnern an eine Zeit, da es mehr oder minder ein einziges konservatives Medium gab in Ungarn, nämlich Magyar Nemzet – die unter einem unausgesprochenen Werbeboykott der Staatsunternehmen und solcher Unternehmen litt, die Geschäfte mit dem Staat machten, oder dessen Wohlwollen aus anderen Gründen nicht verlieren wollten.

        Also genau das, was der Autor jetzt der Regierung vorwirft, missliebige Medien durch Werbeentzug zu strangulieren.

        Woran ich mich nicht erinnern kann, ist ein Sturm der Empörung in Europa über die politisch einseitige Presselandschaft Ungarns in jener Zeit und die damalige Strangulierung des einzigen verbliebenen Oppositionsmediums.

        Als ich jetzt in Ungarn war schrien aus allen möglichen Medien die schrillsten Formulierungen gegen Orbán und Co heraus – HV hat einige aufgelistet, besonders hemmungslos fand ich dieser Tage aber auch Élet és Irodalom. Ich schätze, derzeit herrscht ungefähr ein mediales Gleichgewicht zwischen links und rechts.

      • @ Kálnoky: Woran ich mich in diesem Zusammenhang erinnern kann, sind Beiträge von Christian Schmidt-Häuer in der ZEIT, in der der Name der Magyar Nemzet dem deutschen Leser als „Ungarische Nation“ mit deutlich rechtsradikalem Kontext präsentiert wurde. An dem Titel der „Népszabadság“, zu deutsch „Volksfreiheit“, fand Schmidt-Häuer nichts kritikwürdiges 🙂

        Die Situation bei den ungarischen Medien sehe ich zur Zeit doch eher in Richtung Regierung. Und zwar nur deshalb, weil der öffentlich-rechtliche Bereich gedreht hat. Er war und ist immer regierungsfreundlich, bislang hat das die Kritiker aber nur unter Orbán und – noch früher – Antall gestört. Auch damals wurde vom Kulturkampf krakelt. Ich nenne das Doppelmoral. So wie das Schweigen der deutschsprachigen Presse zu den von den MSZP/SZDSZ-Regierungen vorgenommenen Eingriffen im Medienbereich unangemessen war, ist das überlaute Geschreih vom kommenden Faschismus und Totalitarismus heute unangemessen. Orbán hat es im EU-Parlament sinngemäß so auf den Punkt gebracht: Das Problem der europäischen Linken (Cohn-Bendit war angesprochen) ist, dass sie meint, eine Art Alleinvertretungsanspruch für Demokratie zu haben. Wo wir nicht sind, kann es keine Demokratie geben. Unter diesem Aspekt ist der Artikel Rühles wirklich ein hervorragendes Dokument.

        Im Radiobereich dürften die Fidesz-freundlichen Medien deutlich mehr Gewicht haben, im Prinbereicht liegt m.E. die Opposition deutlich vorne.

  6. @Kálnoky und HV:

    Schön zu sehen, wie Sie beiden konservativen Recken Doppelpass spielen… Es muss doch in beiden von Ihnen mehr Deutsches Blut pulsieren. Anders lässt sich das virtuose Spiel nicht wirklich erläutern. Vom Kreisklasseniveau der ungarischen Kickerei sind Sie damit jedenfalls meilenweit entfernt. Chapeau!

    Aber auch das wird sich unter Herrn Orbán bekanntlich zügig ändern. Man sollte Löw und Co. sicherheitshalber schon jetzt informieren, denn wenn die Revolution im ungarischen Fußball ähnlich schnell von statten geht wie in der Politik, dann heißt bald schon warm einpacken für Spanien, die Niederlande und Deutschland.

    Doch zum eigentlichen Thema:
    1.
    Print schrumpft sich in diesen Jahren gesund. Und das ist gut so. Das regelt der Markt von alleine. Das hat hier in Ungarn übrigens schon einige Jahre früher eingesetzt als in Deutschland. Wenn Népszava irgendwann zu machen muss, dann hat das wohl eher der Markt zu verantworten. Inwieweit das Anzeigengeschäft durch die politische Gesamtstimmung in eine Richtung kippt, wird man kaum nachweisen können. Wenn dies jedoch wirklich von Bedeutung wäre, und ganz undenkbar ist es doch nicht in diesem Land, oder?, dann wäre das schon bedenklich.

    2.
    Man kann sich darüber streiten, ob Magyar Hírlap zu den „seriösen“ Zeitungen gezählt werden soll. Meiner Meinung nach nicht. Denn wer Bayer Zsolts Kommentare eine Oberfläche bietet, hat sich von einem demokratischen Wertekonsens bewusst verabschiedet. Wenn so ein Schmierblatt dann aus den öffentlichen Institutionen verschwindet, halte ich das für gut. Der Streuung von übelstem Antisemitismus und Rassismus muss nicht noch staatlich unterstützt, subventioniert werden, oder? HV ist, das weiß ich, da anderer Meinung. Hier ist man dann plötzlich erstaunlich liberal, in westlichem Sinn.

    3.
    Wenn Klubrádió durch Vergabe einer anderen Lizenz jedoch keine Möglichkeit mehr gegeben wird, dann ist das de facto ein bewusster Eingriff der Politik. Jetzt müssen sie beide, BK und HV, mit dem Einwurf kommen, dass dies gängige Praxis ist, so oder ähnlich auch von anderen, namentlich MSZP-Regierungen praktiziert wurde. Da sage ich, was ich an anderer Stelle schon früher einwarf: Ungarn kann sich nur dann weiter entwickeln, wenn diese Spirale des Hin- und Her einmal ein Ende findet. Und wer, wenn nicht der Fidesz unter den gegebenen Rahmenbedingungen hätte dazu die nötigen Mittel gehabt. Eigene Größe im Maßhalten mit der Macht. Gehabt, und die Chance vertan. Oder, HV und BK?

    4.
    „„öffentlich-rechtliche Bereich“ […] Er war und ist immer regierungsfreundlich,…“ (HV)
    Beide vergessen Sie geflissentlich die bewusst und mehrfach nachgewiesene Manipulation von Berichten (die Schönste beim Cohn-Bendit-Besuch, Sie erinnern sich bestimmt…). Ganz unbedarfte, ernst gemeinte Frage eines Unwissenden: gab es das in dieser Qualität auch unter MSZP? Die nachweisbare Manipulation von Medien und die Vorgabe, aus einem Quellentopf, der eben für diese Manipulationen sorgt, zu berichten?

    5.
    Noch ein paar aktuelle Zahlen, habe das Spiel unlängst schon mal hier getrieben. Verkaufte Auflage der Printmedien, die sich auditieren lassen:
    Quelle, die offizielle Auditbehörde: http://matesz.hu/
    HVG 65.297
    Heti válaz: 16.669
    Magyar Demokrata 13.277
    Magyar Hírlap 11.488
    Magyar Nemzet 45.632
    Népszabadság 65.316
    Népszava 19.063

    Erläuterung, weil einfaches Aufaddieren zu nichts führt, das sage ich gleich:
    Das ist die verkaufte Auflage in Stück, der Durchschnittswert des ersten Quartals 2011. Für Anzeigenkunden mindestens so interessant ist die Anzahl von Lesern, die davon nach oben in unterschiedlichem Maße abweicht (verkürzt: das eine Medium wird durchschnittlich von 3,1 Leuten gelesen, das andere von 4,4 etc.). Gut und wichtig zu wissen. Die Zahlen bilden eine Wahrheit ab, aber nicht die faktisch verkauften. Denn der Pressemarkt in den Ländern Ostmitteuropas hat seine eigenen Gesetze und es überleben seit Jahren auf wundersame Weise auch Printmedien, die in unter normalen Gesetzmäßigkeiten längst insolvent wären (quasi kein nennenswertes Anzeigenaufkommen, nicht auditierter Verkauf bei hoch geschätzten 2-3.000, hochwertiger Druck etc.,).

    • „Konservative Recken“ mit deutschem Blut…ist ja allerliebst.

      Wer 5. liest und die Grundrechenarten beherrscht, kann mit Ihren Erläuterungen, die eigentlich keine sind, nur wenig anfangen. Ihre Erläuterung dient nämlich nur dazu, die doch recht eindeutigen Zahlen ad absurdum zu führen. Ein Ergebnis, wie die Zahlen richtig zu deuten sind, präsentieren Sie uns nämlich nicht. Wenn wir uns ansehen, woher der ungarische Medienmarkt kommt – 80% links und 20% rechts – so ist gewiss einiges geschenen.

      Magyar Hírlap gehört zu den Tageszeitungen mit sehr geringer Auflage. Was übrigens auch dafür spricht, dass Leute wie Bayer – die vom konservativen Hír TV geflogen sind – eben nicht so hoch gehängt werden sollten.

      Kennen Sie das Ergebnis des Lizensierungsverfahren bzgl. Klubrádió? Ich kenne es nicht.

      Bei den öffentlich-rechtlichen Medien vergesse ich nichts „geflissentlich“. Meine Aussage war, dass sie immer regierungsnah waren. Manipulierte Berichte wie bei Cohn-Bendit fallen mir spontan keine ein, ich werde aber mal sehen, wie M1 und M2 über den UD-Zrt. Skandal berichtet haben bzw. über den Fall Károly Szász. Ich komme dann auf Ihre Frage zurück.

      • @HV, „ist ja allerliebst.“. Nichts für ungut. Mir gefiel das spontan entstandene Bild auch gut.

        Ja, immer regierungsnah. Das habe ich auch so zitiert. Aber eben mit neuer Qualität, oder? Das muss doch ggf. auch hervorgehoben werden. Auslassen oder verschwiegen ist eben auch immer eine Aussage.

        Letztlich sollten Sie nicht recherchieren müssen, sondern aus dem Stand einen Skandal der MSZP wissen, wo Meldungen nach gutdünken zurechtgebogen wurden, es zu bewussten Verkürzungen und falschen Übersetzungen von Auslandsartikeln am etc.

        zu 5. und Ihrem Einwand:
        Warum sind meine Erläuterungen keine? Kennen Sie sich in der Logik der Presselandschaft im allgemeinen und in der ungarischen im Besonderen aus? Können Sie die Bedeutung von auditierten Zahlen von nicht auditierten unterscheiden? Welcher verlag mit welchen Mitteln arbeitet und arbeiten kann? Wissen Sie, was Sonderverkäufe sind? Wie groß die Remission je nach Medium idealerweise sein sollte? Welches Medium eher über die Verkaufserlöse und welches über Anzeigenerlöse sich ernährt? Und eben: dass es für Anzeigenkunden je nach Medium noch wichtiger ist, zu wissen, wie viele Personen eine Ausgabe in den Händen hielten und vermeintlich lasen, als wie viele verkauft wurden (Monatszeitschriften etwa, die in Arztpraxen ausliegen und von zig Leten durchgeblttert werden im gegensatz zu Yellowpress-Tagesblättern).

        Woher Sie die 80/20 nehmen?? Schauen Sie mal, ob sie dafür vailde Ergebnisse zumindest in alten Matesz-Archiven finden.
        Wegen Leserzahlen bitte an Média Szonda Ipsos wenden, gibt es aber in der Regel nicht unentgeltlich.

        Lieber HV, nichts für ungut. Aber wer nicht mal in der Branche tätig war, kann manches nicht verstehen, nicht nachvollziehen. Das müssen Sie mir nicht glauben, sollten es aber. Jedenfalls war es etwas leichtfertig und letztlich falsch, meinen inhaltlich Ernst gemeinten Kommentar mit Merhwert kurzerhand abzutun.

      • Ihre Erläuterungen wären solche, wenn Sie auf Grundlage der von Ihnen vorgelegten Zahlen diejenigen präsentieren würden, die sich nach Anwendung aller möglicher, mir und anderen nicht bekannten Parametern ergeben sollen. Sie präsentieren die Zahlen, sagen aber, man könne mit ihnen nichts anfangen. Damit ist wohl keinem geholfen. Was nach Peter K. „hinten rauskommt“, erfahre ich aber nicht.

        Und ich muss zugeben, dass ich die Logik der Presselandschaft in der Tat nicht verstehe. Ich war dort weder tätig noch ist eine solche Tätigkeit geplant. Mir reichen die Journalisten, die mich an meinem Arbeitsplatz belästigen und Fragen stellen, die sie allein beantworten könnten, wenn sie ihren Job machen würden. Nachplappern ohne eigene Recherche ist wohl das Zeichen der Zeit. Insbesondere fehlt aber das Verständnis dafür, wie man über Ungarn inhaltlich berichtet. Aber das ist ein anderes Thema.

  7. Pingback: Deutschlandradio „Wissen“: SZ, Standard, Zeit und linke Blogs als Maßstab der Webschau über Ungarn « Hungarian Voice – Ungarn News Blog

  8. @HV: Die Verkaufszalen sind insofern gut und nützlich, als dass sie eine grobe Richtung vorgeben. Man müsste im besten Fall noch einen Blick in die Vergangenheit werfen und die Leserzahlen jeweils daneben stellen (finden sich im Normalfall im Médiaajánlat auf den Seiten der Verlage oder einzelnen Medien im Netz), um ein kompletteres Bild zu bekommen.

    All meine anderen Einwürfe sollten einem allgemeineren Verständnis dienen in dem Sinne, als dass man diese Zahlen, so schwarz auf weiß sie da stehen, nicht als in Stein gemeiselte Wahrheiten verstehen darf und soll. Weil man sich dann unbewusst ein verfälschtes Bild aufdrängen lässt.

    80/20-Werte lassen sich schnell mal hinschreiben. Wenn das ein Kommentator hier macht, würden Sie, HV, um Nachweise verlangen (jüngstes Bsp. oben Ihr Einwurf zu Punkt 4 von marwinx).

    Der Job von Journalisten ist in der Tat prinzipiell erst einmal gänzlich losgelöst zu sehen von dem des Verlagsmanagements, zumindest wenn wir mit der oben begonnenen Perspektive an das Thema herangehen. Ich kann aber ihren Einwurf gut nachvollziehen, kenne dies auch aus eigener Erfahrung. Das macht es zwar nicht besser und realtiviert es nicht: aber man wird wohl kaum ein Land finden, über das ausgewogen, korrekt, mit dem nötigen Hintergund etc, berichtet wird. Kleinere Länder sind da wohl tendenziell eher betroffen, da sich verständlicherweise weniger gekümmert wird etc.

    Ganz unabhängig davon wäre eine sachliche Diskussion darüber, inwiefern die gegenwärtige Regierung ihren Teil zu einer schlechten Presse beiträgt, auch interessant. Das müsste theoretisch verlaufen, das sich die Dinge ja gewiss auch ein Stück weit wechselseitig hochgeschaukelt haben.

    • Ich gebe zu, dass ich die 80:20 in den Raum geworfen hatte auf Grundlage der Situation bis 2002, wie sie im Printmarkt vorherrschte:

      Damals gab es folgende „linke/liberale“ Zeitungen:
      – Népszabadság (größte Tageszeitung des Landes)
      – Népszava
      – Magyar Hírlap
      – HVG
      – 168 óra

      Konservative Zeitungen:
      – Magyar Nemzet
      – Heti Válasz (erst 2001 gegründet)
      – Demokrata

      Kein privater Fernsehsender war „regierungsnah“, Hír Tv wurde 2003 gegründet. Der sehr weit rechte liegende Echo TV kam noch später.

      Anhand der Auflagen des Printbereichs (Die Wochenzeitung 168 óra und Heti Válasz dürften ungefähr gleich groß sein, HVG ist deutlich größer), insbesondere auch im BEreich Tageszeitungen, würde ich meine 80:20 Schätzung aufrecht erhalten. Ich lasse mich aber gerne berichtigen.

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