Das merkwürdige Geschichtsverständnis des slowakischen Staatspräsidenten Gašparovič

Diese Woche erschienen mehrere Meldungen in ungarischen Zeitungen und auf Internetportalen, denen zufolge sich der slowakische Staatspräsident Ivan Gašparovič gegen die Errichtung einer Büste für Graf János Esterházy in Kosice (Kaschau) ausgesprochen hatte.

Der im Jahre 1901 geborene und 1957 verstorbene Christdemokrat Esterházy – Mitglied der berühmten Dynastie – war in den 30er und 40er Jahren einer der Politiker, die sich in herausragender Weise für die Belange der in der damaligen Slowakei lebenden Ungarn einsetzten. Staatspräsident Gašparovič lehnte die Errichtung des Denkmals für Esterházy mit folgenden Argumenten ab:

In Kaschau eine Statue für Esterházy zu errichten, der ein Anhänger Hitlers und des Faschismus war, ist falsch.“

Die Aussage erschien in dem slowakischen antifaschistischen Blatt „Bojovník“ .

Der slowakische Staatspräsident bedarf offenkundig einiger Nachhilfe in historischen Fragen. Es dürfte wohl kaum für die „faschistische“ Ideologie Esterházys sprechen, dass dieser als einziger (!) Abgeordneter des damaligen Abgeordnetenhauses der Slowakei gegen ein Gesetz stimmte, das die Ausweisung der Juden festlegte. Esterházy im Jahr 1942 (englischer Text via Wikipedia) zu dem Gesetz:

The Slovakian government has strayed onto a dangerous path when it submitted the bill about expelling the Jewish, because by that it acknowledged that simply ousting a minority by the majority is lawful… As a representative of the Hungarians here, I state it, and please acknowledge this, that I don’t vote in favour of the proposal because as a Hungarian, a Christian and a Catholic I believe that this is against God and humanity.“

Der Graf war daraufhin heftigen Angriffen der slowakischen Presse ausgesetzt.

Als die damalige, mit Hitlerdeutschland verbündete (!) slowakische Regierung Tiso – ebenfalls 1942 – beschloss, die slowakischen Juden nach Deutschland zu deportieren und der Vernichtung preiszugeben, lehnte sich der vermeintliche „Faschist“ und „Hitler-Anhänger“ Esterházy erneut auf:

Es ist eine Schande, dass eine Regierung, deren Präsident und Premierminister behaupten, gute Katholiken zu sein, seine jüdischen Mitbürger in Hitlers Konzentrationslager deportieren lässt“ .

Esterházy wurde nach dem Krieg unter fadenscheinigen Beschuldigungen zum Nazikollaborateur gestempelt, in Abwesenheit (er war in Russland inhaftiert) zum Tode verurteilt und verstarb – nach der Auslieferung an die Tschechoslowakei und die Umwandlung der Strafe in eine Haftstrafe – 1957 im Gefängnis. Russland hat ihn bereits 1993 rehabilitiert. Im selben Jahr hat sich Simon Wiesenthal für Esterházy eingesetzt – leider ohne Erfolg.

All das scheint dem slowakischen Staatspräsidenten entgangen zu sein. Seine Aussage ist das Musterbeispiel von Geschichtsfälschung. Zu einem Zeitpunkt, in dem die Slowakei Verbündeter Nazideutschlands war (Schutzvertrag von 1939), hat sich ein prominenter Politiker der ungarischen Minderheit nicht nur für die in der Slowakei lebenden Juden eingesetzt, sondern auch Kritik an der Kollaboration des Landes mit Nazideutschland geübt. All das spielt freilich keine Rolle, wenn der Gedanke, dass ein Denkmal für einen ungarischen Adligen errichtet wird, so verhasst ist, dass der so oft herbeigesehnte Bezug – „Ungar = Faschist“ – einfach hervorsprudeln muss. Bei dem zum europäischen Mainstream verkommenden undifferenzierten Faschismus-Gerede über Ungarn fällt es auch nicht schwer, diesen Bezug zu suggerieren. Der Politologe László Öllös sagte im Interview mit dem Fernsehsender ATV, es handele sich bei den Aussagen Gašparovič´ um bewusste anti-ungarische Kommunikation; diese sei ständiges Element der slowakischen Politik. Gašparovič sei zudem ein Mann von Robert Ficos und Ján Slotas Gnaden, diese politische Zusammengehörigkeit zeige sich auch jetzt.

Sowohl die gemäßigte Partei Híd-Most, die sich für den Ausgleich zwischen Ungarn und Slowaken einsetzt, as auch die Orbán-nahe MKP hat die Aussagen Gašparovič´ kritisiert. Auch ungarische Politiker reagierten mit Unverständnis und Bestürzung.

Nach dem Wortlaut der englischen Wikipedia-Seite wird Esterházy in der Slowakei noch immer als „Kriegsverbrecher“ angesehen, die slowakischen Gerichte lehnten eine Rehabilitation bis heute ab.

http://en.wikipedia.org/wiki/J%C3%A1nos_Esterh%C3%A1zy#Efforts_for_his_rehabilitation

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FAZ berichtet über Roma, die den Aufstieg in die Mitte der Gesellschaft geschafft haben

Ein hervorragender Beitrag mit dem Titel „Erfolgreiche Roma: Ohne Soros wäre ich nicht hier“ über die in Ungarn lebende Minderheit ist seit heute auf FAZ Online abrufbar:

http://www.faz.net/artikel/C30770/erfolgreiche-roma-ohne-soros-waere-ich-nicht-hier-30491349.html

Der Beitrag verzichtet auf das übliche, oberflächliche Bild einer Minderheit, die, den alltäglichen Diskriminierungen der Mehrheitsgesellschaft ausgesetzt, keine andere Möglichkeit hat, als in ihrer ausweglosen und zum Teil schlicht menschenunwürdigen Situation zu verharren.

Die Autorin Michaela Seiser versucht vielmehr, an einigen – gewiss nicht alltäglichen – Musterbeispielen aufzuzeigen, dass der Aufstieg in die Mitte der Gesellschaft durch Bildung, gezielte Förderung und ein hohes Maß an Eigeninitiative und Integrationswillen möglich ist. Seit längerer Zeit ist dieser Beitrag der erste, der die Tatsache offen ausspricht, dass die Verbesserung der Lebensbedingungen der Roma in Ungarn (und in Europa) nicht nur eine Aufgabe der Mehrheitsgesellschaft ist, sondern langfristige Anstrengungen aller Beteiligten erfordert.

Flankierend zum FAZ-Artikel empfehle ich hier verlinkten, aus meiner Sicht hervorragenden Hörbeitrag auf Deutschlandradio:

https://hungarianvoice.wordpress.com/2011/01/19/roma-radiointerview-mit-autor-und-fotograf-rolf-bauerdick/

Rumänische Politikerin rastet wegen (angeblich) geplanter Lokalwährung aus

Zetermordio!! Wieder ein Angriff auf die rumänische Nation. Wieder diese Székler! Ein Fall für Brüssel, ruft das EU-Parlament ein. Spitzt den  UN-Sicherheitsrat an!

Spaß beiseite. Punkto.ro berichtet unter der Überschrift

„Heimische ungarische Ultranationalisten wollen angeblich eigene Lokalwährung einführen“

über die Empörung einer liksradikalen (so punkto.ro) rumänischen Senatorin namens Lia Olguta Vasilescu. Die Dame ist Mitglied der Sozialdemokraten, früher war Sie bei der PRM – Großrumänien-Partei (huch!) – beheimatet. Vasilescu beschuldigt die „ungarischen Ultranationalisten“

in Rumänien „die Einführung einer eigenen, SIC genannten, Lokalwährung vorzubereiten, die im sogenannten Szeklerland bzw. in den siebenbürgischen Landeskreisen Harghita, Covasna und Mures in Umlauf gebracht werden soll“. Als Beweis für ihre Behauptungen führte die Senatorin in den rumänischen Nachrichtensendern und auch auf ihrem Blog ein Muster des angeblichen 1-SIC-Geldscheins vor. Das Vorhaben stelle „einen direkten Angriff auf die Souveränität des rumänischen Staates“ dar, sagte Vasilescu am Freitag in der südrumänischen Stadt Craiova“ .

Um Himmels Willen, eine Lokalwährung! Noch dazu in Siebenbürgen, also selbstredend von „Ultranationalisten geplant“. Wollen die (ca. 700.000) Székler, die manch einen Rumänen schon mehrmals hintereinander durch das Abräumen der nationalen Eishockeymeisterschaft gedemütigt zu haben scheinen, jetzt auch noch den Leu (eine Währung für ca. 21 Mio. Rumänen) zugrunde richten? Bei realistischer Betrachtung wohl kaum.

Vielmehr kann offenbar der eine oder andere Politiker keine regional begrenzte – und volkswirtschaftlich eher bedeutungslose – Maßnahme der ungarischen Minderheit mit Gelassenheit und einem Lächeln, gegebenfalls sogar mit einem Augenzwinkern quittieren. Lieber krakelt eine ehemalige Politikerin der Großrumänien-Partei  (PRM) über „Ultranationalisten“ .

Wer ist die PRM, die ehemalige politische Heimat von Frau Vasilescu? Eine Partei, die noch heute so sympathische Persönlichkeiten wie Nicolae Ceausescu und Ion Antonescu zu ihren Vorbildern zählt, die gegen Roma, Ungarn, Homosexuelle hetzt und lange antisemitisch und den Holocaust leugnend auftrat. Und natürlich strebt die Partei – der Name ist schließlich Programm – Gebietvergrößerungen Rumäniens an. Fällt etwas auf? Man könnte vom rumänischen Pendant der  ungarischen rechtsradikalen „Jobbik“ sprechen. Der in Mittelosteuropafragen nicht übermäßig informierte Leser mag überrascht sein über die Existenz einer solchen Partei (EU-Parlamenstwahl 2009: 8,7%), was wohl daran liegt, dass man über diese Strömung, anders als über das ungarische Pendant, in der deutschsprachigen Mainstream-Presse so wenig hört und liest. Trotz des recht beachtlichen Wahlergebnisses 2009. Ein kleiner Google-Test bestätigt die Vermutung: „PRM Rumänien“ brachte 18.500 Treffer, „Jobbik Ungarn“ 133.000. Über die Gründe kann sich jeder sein eigenes Bild machen.

Aber zurück zum SIC, dem „Angriff auf die rumänische Souveränität“. Vielleicht sollte sich Frau Vasilescu zwei Beispiele ansehen, beide in einem geeinten Europa. Beides Exempel dafür, dass Lokalwährungen kaum geeignet sind, die „Souveränitet eines Staates“ zu untergraben.

Beispiel 1: Der „Chiemgauer“ in Südbayern. Eine Lokalwährung, die weder zur Abspaltung Bayerns von der Bundesrepublik geführt hat (die Bayernpartei fordert das übrigens bis heute), noch zu einer Gefährung des Euro. Letzteres haben andere besorgt. WELT Online berichtete vor einigen Jahren über das Projekt:

http://www.welt.de/finanzen/article3342691/Der-Siegeszug-alternativer-Waehrungen.html

Beispiel 2: Der „Blaufranken“ aus Sopron (dt. Ödenburg). Ein währungsähnliches regionales Gutscheinsystem, welches der Belebung der lokalen Wirtschaft dienen soll.

http://hu.wikipedia.org/wiki/Soproni_k%C3%A9kfrank

Weitere Beispiele findet man in Österreich und in der Schweiz – letztere verfügt über zwei Alternativwährungen, eine davon (der „WIR“) ist laut Wikipedia die größte weltweit.