Fremdwährungskredite: Österreichische Banken erbost über Umschuldungsoption

Der aktuelle Vorschlag der ungarischen Regierung, Schuldnern von Fremdwährungskrediten (insbesondere in Schweizer Franken) die Option zu gewähren, das Darlehen zu einem festen (und nicht dem Marktpreis entsprechenden) Wechselkurs vorzeitig zu tilgen, hat bei den in Ungarn tätigen ausländischen Banken – insbesondere Tochtergesellschaften österreichischer Institute – für helle Aufregung und zu einem Heißlaufen diplomatischer Drähte gesorgt.

http://diepresse.com/home/wirtschaft/economist/692695/Ungarn-plant-Bankueberfall?_vl_backlink=/home/index.do

Was ist geschehen? Die Regierung Orbán arbeitet seit einiger Zeit mit Hochdruck an einer Möglichkeit, die auf den privaten Verbrauchern drückende Last von Fremdwährungskrediten zu verringern. Insbesondere in den Jahren ab 2004 hatten sich Privathaushalte in Ungarn – aufgrund des deutlich niedrigeren Zinsniveaus – massiv in ausländischer Währung (v.a. Schweizer Franken und Euro) verschuldet. Die in Ungarn tätigen Banken haben derartige Konstruktionen – die nichts anderes sind als hochspekulative Transaktionen mit unüberschaubaren Risiken – ohne Rücksicht auf die Kapitalmarkterfahrungen der Betroffenen aktiv angepriesen und dabei über Jahre hinweg gut verdient. Die Verbraucher wurden in Anbetracht des günstigeren Zinsniveaus sogar aufgefordert, Forint-Darlehen in Devisenkredite umzuschulden. Ein Werbespot der Raiffeisenbank zeigt, wie die Bank auf Kundenfang ging:

(Familie erscheint in der RaiBa und möchte einen Kredit aufnehmen. Der Vater möchte sein Einkommen nennen. Die Bankberaterin will hiervon nichts hören. Am Ende ertönt der Slogan: „Uns interessiert Ihr Einkommen nicht, sondern nur der Wert der Immobilie.“)

Kredite dieser Art wurden nicht nur zur Finanzierung inländischer Immobilien, sondern auch im Konsumbereich (Fernseher, Kfz, Möbel) aufgenommen. Die ungarische Nationalbank sah dem Treiben ohne gesteigertes Interesse zu.

Der Journalist Adam LeBor schrieb im Juli 2010:

„Ein unglaublicher Anteil von 70% der privaten und Unternehmensverschuldung lautet auf Fremdwährung, viel davon in Schweizer Franken. Während der Jahre des Booms reichten die Bankiers billige Kredite in exotischen Währungen aus, und zwar an jeden, der danach fragte; es war ganz egal, dass die Kreditnehmer in Forint bezahlt wurden. Konsumenten wurden in Kreditpakete gelockt, deren Risiken sie kaum verstanden, aber die den Banken – unabhängig von der Marktentwicklung – riesige Profite versprachen. Hypothekenkredite über 100.000 € wurden zu Schulden in Höhe von 140.000 €, die Chance, sie zurück zu zahlen, ist gering.“

Durch den seit mehreren Jahren bestehenden heftigen Druck auf der Landeswährung Forint und die Aufwertung des Schweizer Franken, die zwischenzeitlich sogar Gegenmaßnahmen der Schweizer Nationalbank provozierte, verteuerten sich die Kreditraten über die Jahre hinweg exorbitant, mitunter um bis zu 40%. Um weitere Engagements dieser Art weitgehend zu verhindern, wurde im Juli 2011 die Möglichkeit, Fremdwährungskredite zur Immobilienfinanzierung aufzunehmen, per Verordnung beschränkt.

Der Umfang laufender Kredite ist jedoch nach wie vor gewaltig, was nicht nur die Kreditnehmer belastet, sondern Ungarn auch dabei behindert, die Landeswährung abzuwerten und damit den Export zu unterstützen. Nun greift die Regierung Orbán zu einem drastischen Mittel:

Die Kreditnehmer  erhalten die Chance, ihre Fremdwährungskredite vorzeitig und zu einem gesetzlich festgelegten Wechselkurs (1 Schweizer Franken = 180 HUF; 1 EUR = 250 HUF) zu tilgen. Da der Kurs nicht dem Marktpreis entspricht (1 CHF = ca. 230 HUF, 1 EUR = ca. 280 HUF), würden die Banken auf einem Teil der seit dem Abschluss des Kreditgeschäfts aufgelaufenen Verluste sitzen bleiben. Ferner sollen sie alle Kosten der vorzeitigen Tilgung übernehmen. Die wirtschaftlichen Folgen entsprechen einer teilweisen Rückabwicklung im Sinne einer Bankenhaftung, allerdings ohne dass Beratungsverschulden im konkreten Fall nachgewiesen werden muss.

Trotz des hellen Aufruhrs in der Bankenlobby und den postwendend aufgeführten Zahlenspielen muss bezweifelt werden, dass ein Großteil der Kredite auf diese Weise zurückgeführt wird. Die wirtschaftliche Situation der Betroffenen ist oft so desolat, dass Reserven zur Tilgung des Kredites nicht zur Verfügung stehen. Somit bliebe nur die Möglichkeit, eine Umschuldung über einen neuen (Bank-)Kredit vorzunehmen: Ob die Kreditinstitute hier aktiv mitwirken und so ihre eigenen Verluste realisieren helfen, scheint fraglich. Ihnen läge eher an der Fortführung des bisherigen Engagements.

Gerade österreichische Banken, die hohe Fremdwährungs-Kreditportfolios halten, haben unverzüglich alle Hebel in Bewegung gesetzt, um Druck auf die Regierung Orbán auszuüben. Da wird mit Abwanderung gedroht, die Österreichische Nationalbank und der Vizekanzler melden sich zu Wort, ferner wird die EU-Kommission um Hilfe gebeten: Die Maßnahme in Ungarn sei „mit dem Binnenmarkt unvereinbar“ .

Die Tageszeitung Kurier schrieb, dass „Ungarn die Banken schocke“ – der größte Eigentümer der Zeitung ist laut Wikipedia die österreichische Raiffeisen-Zentralbank (RZB). Die selbe Bankengruppe ist auch an der Zeitschrift News beteiligt, die ebenfalls kritisch berichtete. Der Standard, die Presse und die Salzburger Nachrichten stimmten ebenfalls ein und sprachen pro domo.

Die Maßnahme der Regierung Orbán ist freilich nicht ohne Risiken und durchaus zweischneidig: Einerseits entspricht es dem Gerechtigkeitsepfinden vieler Menschen, die Banken bei den Aufräumarbeiten der von ihnen jedenfalls mitverursachten Situation zu beteiligen – nichts anderes geschieht nun. EU-rechtlich gibt es insoweit keine grundsätzlichen Bedenken. Bei der Festlegung der jetzt ins Auge gefassten Wechselkurse (180 bzw. 250, s.o.) kann zudem nicht davon gesprochen werden, dass die Banken allein für die Gesamtverluste aufkommen: Die Kurse zum Zeitpunkt der Kreditaufnahme durch die Schuldner lagen zumeist noch niedriger, d.h. es kommt also tatsächlich zu einer Verteilung des Risikos.

Gleichwohl handelt es sich um eine in Marktwirtschaften nicht gern gesehene und sehr ungewöhnliche staatliche Einflussnahme. Die Auswirkungen, insbesondere auf das Investorvertrauen, könnten und werden wohl langfristig negativ sein. Darüber hinaus ist absehbar, dass die Banken die Verluste auf die Kunden abwälzen werden und insoweit wohl die Gesamtheit der Kreditnehmer für die „Rettung der Kreditspekulanten“ gerade zu stehen wird. Dass die Regierung Orbán versucht, in der Bevölkerung – wie schon bei der „Robin-Hood“-Steuer – zu punkten, ist in Anbetracht sinkender Umfragewerte und zunehmender Politikverdrossenheit aber nicht überraschend; die Erfolgsaussichten dieser Strategie sind aber ungewiss und damit in gewisser Weise ebenfalls „hochspekulativ“ .

Verstöße gegen EU-Recht sind nicht ohne weiteres festzustellen. Das EU-Recht lässt die „Eigentumsordnung“ in den Mitgliedstaaten ausdrücklich unberührt und erlaubt damit sogar Totalenteignungen. Einen Grundsatz, dass Privatverträge einzuhalten und staatliche Einflussnahmen unzulässig sind, kennt das EU-Recht nicht. Lediglich Vertrauensschutzgesichtspunkte und das Rechtsstaatsprinzip könnten hier anwendbar sein, die Rechtsfolgen sind jedoch unklar.

Um eine Totalenteignung handelt es sich gewiss nicht. Auch die Annahme, die jetzige Maßnahme könnte Auslandsinvestitionen und damit den Kapitalverkehr in Zukunft negativ beeinflussen, dürfte kaum ausreichen, um einen Verstoß gegen die Kapitalverkehrsfreiheit zu konstatieren. Zudem handelt es sich zumeist um inländische Kreditgeber (ungarische Tochtergesellschaften ausländischer Banken) – dies lässt es bereits fraglich erscheinen, ob überhaupt ein „grenzüberschreitender Sachverhalt vorliegt: Nur dann wären die Binnenmarktregeln anwendbar.

Auch die Anwendbarkeit der EU-Beihilferegelungen ist keineswegs offenkundig. Zwar unterwirft Art. 107 AEUV staatliche Förderungen ab einer bestimmten Höhe einer Zustimmungspflicht, erforderlich ist aber eine Besserstellung von Unternehmen oder Produktionszweigen, die hier gerade nicht vorliegen dürfte – die Tilgungsoption soll Verbrauchern offen stehen. Und selbst die in Art. 107 vorgesehene Auswirkung auf den Handel ist fraglich.

Somit dürfte am ehesten das ungarische Verfassungsgericht Einwände nach nationalem Recht geltend machen können. Die Regelung, wonach Budgetregelungen nur noch eingeschränkt prüfbar sind, würde in diesem Fall nicht greifen. Eine vollständige Prüfung steht mithin offen.

Ob das Vorgehen der Regierung geeignet ist, die Berechenbarkeit der ungarischen Wirtschaftspolitik unter Beweis zu stellen und die Eigenverantwortung der Marktteilnehmer zu stärken, kann man indes getrost anzweifeln. Ungewöhnliche Situaionen verlangen mitunter jedoch ebensolche Lösungsansätze: Und es besteht gewiss kein Grund, die Banken in Anbetracht des durch ihre Kreditvergabepraxis verursachten Trümmerfeldes gänzlich schadlos zu stellen; da mag die Lobby mit Hilfe „ihrer“ Presseorgane noch so laut aufheulen. Am Ende wird deutlich werden, dass es eine perfekte Lösung, die alle Beteiligten glücklich macht, wohl nicht geben kann.

http://www.nzz.ch/finanzen/nachrichten/ungarn_schreckt_auslaendische_banken_mit_schulden-vorschlag_1.12461732.html

http://derstandard.at/1315006127441/Fremdwaehrungskredite-Ungarische-Kredite-lasten-schwer-auf-Austro-Banken

http://www.ft.com/cms/s/0/9cbcdbac-dd5e-11e0-9dac-00144feabdc0.html#axzz1XlwA52Vc

http://www.bloomberg.com/news/2011-09-12/orban-says-feasible-to-fix-franc-rate-on-hungary-loans.html

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27 Kommentare zu “Fremdwährungskredite: Österreichische Banken erbost über Umschuldungsoption

  1. Mir fällt erneut auf, auch nach der Lektüre des HV-Beitrags zur Sukoró-Affaire, wie gut, klar und doch differenziert hier äußerst komplexe Zusammenhänge widergegeben werden, an denen die meisten Zeitungen scheitern – auch und eigentlich vor allem in Ungarn, wo Journalismus offenbar per Definition unverdaubar sein muss.

    Ich fand übrigens, jenseits von allem Pro und Kontra in der Sache, die Regierungs-PR hier sehr geschickt – erst ein Riesenschreck: Werden die Banken für alle Verluste der Kreditnehmer zur Kasse gebeten? Zetermordio in den Medien. Dann der viel schwächere tatsächliche Sachverhalt, dass es um Sofort-Rückzahlungen geht, die sich kaum jemand leisten kann.

    Es sei denn, wir sehen eine Fortsetzung, und eine bestimmte Bank verdient (oder verliert) viel Geld daran, dass sie demnächst Kredite in Forint gewährt um die Franken-Kredite vorzeitig zu tilgen.

    • @ Kálnoky: Die österreichischen Banken sprechen von Verlusten von 2,5 Mrd. EUR, die wohl entstehen könnten. Geht man – wie etwa Analysten der holländischen ING – hingegen davon aus, dass etwa 10-15 % max. in der Lage sein werden, das Angebot in Anspruch zu nehmen, so liegen wir bei unter 400 Mio. EUR. Churchill lässt grüßen 🙂

  2. „Somit bliebe nur die Möglichkeit, eine Umschuldung über einen neuen (Bank-)Kredit vorzunehmen: Ob die Kreditinstitute hier aktiv mitwirken und so ihre eigenen Verluste realisieren helfen, scheint fraglich. Ihnen liegt eher an der Fortführung des bisherigen Engagements.“

    Wenn die eigene Bank, bei der man ein Fremdwährungskredit laufen hat, nicht zur Refinanzierung dieses Fremdwährungskredites mit einem Forintkredit bereit ist, stellt sich die Frage, ob eine Konkurrenzbank bzw. eine Bank, die relativ wenig Fremdwährungskreditnehmer hat, vielleicht hiezu bereit ist. Diese andere Bank würde nämlich bloß die Verluste der Konkurrenz finanzieren.

    Da die Banken diese Möglichkeit wohl auch in Betracht ziehen, werden vielleicht doch viele zur Refinanzierung der eigenen Fremdwährungskredite bereit sein, da sie dann immer noch die Forintkredite haben, womit sie ihre Verluste zum Teil verringern können und das Geschäft mit den Forintkrediten nicht der Konkurrenz überlassen müssen.

    • Ich bin gespannt, was in dieser Richtung passieren wird – auch das Verfassungsgericht wird wohl wieder mit dem Fall befasst, so viel dürfte feststehen; Banken sind ja nicht dafür bekannt, sich so einfach geschlagen zu geben. Wenn es eine Bank gibt, die an der Umschuldung mitwirken könnte, dann sehe ich hier am ehesten die OTP. Wäre zugleich eine Möglichkeit, die Konkurrenz zu schwächen – Marktanteile sichern, ist manchmal Trumpf. Und als Sicherheit gibt es ja oft genug Immobilien…

  3. Im Endeffekt richtet sich das Gesetz gegen all jene Ungarn, die vernuenftig genug waren, keine hochspekulativen Fremdwaehrungskredite aufzunehmen und statt dessen Schulden in Forint gemacht haben: die schauen jetzt doppelt durch die Finger, da sie nicht nur hoehere Zinsen zu bezahlen haben, sondern weil ausgerechnet ihnen jetzt nicht geholfen wird. Gerechter waere es, einfach die Bankensteuer pauschal anzuheben. Mit dem geplanten Gesetz wird verantwortungsbewusstes Handeln bestraft. Wer spekuliert, kann sich in Sicherheit wiegen, dass im Krisenfall schon wer anderer das Risiko tragen wird. Wer ordentlich wirtschaftet, ist der Bloede.

    Die Schuld an den durch den Forintverfall entstehenden Problemen im Zusammenhang mit Fremdwaehrungskrediten den Banken anzulasten, ist meines Erachtens nicht ganz serioes: die Banken haben ihre Kunden, wie es gesetzlich vorgeschrieben ist, ueber alle Risiken informiert. Der Kunde, der das Risiko eingeht, hat folgerichtig die Verantwortung zu tragen, wenn dieses schlagend wird. Sollte die Informationspflicht in Ungarn im internationalen Vergleich nachbesserungswuerdig sein, so liegt hier ein Versaeumnis der Regierung vor, taetig zu werden und die Gesetze im Interesse des Konsumentenschutzes nachzuschaerfen. Die Mehrheit der Ungarn scheint uebrigens trotz der groeszeren Zinsunterschiede zum Franken keineswegs risikofreudiger gehandelt zu haben als beispielsweise die Oesterreicher im Euroraum: laut Statistik ist die Anzahl an Haushalten mit Fremdwaehrungskrediten in Ungarn und Oesterreich etwa gleich grosz (~250.000 laut Standard).

    • @ Herrn Klachl: Über die Verantwortung kann man sicher trefflich streiten. Alleinverantwortung sehe ich hier bei niemandem. Insbesondere bezweifle ich, dass die Banken „ihre Kunden, wie es gesetzlich vorgeschrieben ist, ueber alle Risiken informiert“ haben. In einem Punkt gebe ich Ihnen uneingeschränkt Recht: Die „Vorsichtigen“ unter den Kreditnehmern zahlen leider die Zeche mit.

      • @ Herrn Kachl und @ hungarianvoice:

        Ich glaube, dass es Orbán mittlerweile überhaupt nicht darum geht, eine „gerechte“ Lösung zu finden, sondern darum, Ungarn irgendwie von den Fremdwährungskrediten zu befreien. Dann könnte nämlich die Geldpolitik durch die Nationalbank viel besser genützt werden: die Leitzinsen könnten gesenkt werden, Inlandskredite würden für die Unternehmer billiger werden, die Währung würde abgewertet werden, wodurch der Export steigen und die Nachfrage nach Inlandsprodukten steigen würde. Das ist zumindest die Theorie.

        „Die Schuld an den durch den Forintverfall entstehenden Problemen im Zusammenhang mit Fremdwaehrungskrediten den Banken anzulasten, ist meines Erachtens nicht ganz serioes: die Banken haben ihre Kunden, wie es gesetzlich vorgeschrieben ist, ueber alle Risiken informiert. Der Kunde, der das Risiko eingeht, hat folgerichtig die Verantwortung zu tragen, wenn dieses schlagend wird.“

        Im Prinzip ist das dasselbe, wie in der Finanzkrise: die Banken, die das Risiko in Bezug auf hypothekenbesicherte Derivate (die unterbewertet waren) eingegangen sind, hätten folgerichtig die Verantwortung zu tragen gehabt, als dieses schlagend geworden ist. Stattdessen hat der Staat einspringen müssen.

  4. Die katastrophale ungarische Wirtschaftspolitik schickt den Forint in den Keller und dann sollen die Banken fur die Wahrungsverluste aufkommen und Kredite subventionieren. Orbanien ist noch lange nicht in der demokratischen sozialen Marktwirtschaft angekommen.

    • Sie haben Recht Herr Kovac, die katastrophale ungarische Wirtschaftspolitik hat dazu geführ, dass der HUF gegenüber den Euro um 5-10% an Wert verloren hat. Aber darum geht es hier nicht. Es geht hier um die katastrophale Weltwirtschaft, die dazu geführt hat, dass der CHF gemessen an Euro, 50-70% aufgewertet wurde. Darüber hinaus geht um die katastrophale Geschäfstführung der Banken in Ungarn, die deswegen heute wesentlich teuerer Kredite bekommen, als früher. Diese Kosten geben sie dann schamlos ihren Kunden weiter, so haben die Zinsen auf CHF Credite um 50% zugenommen (rückwirkend, versteht sich). Ob die ungarische Regierung die richtige Antwort auf diese Herausforderung gefunden hat, kann man sicherlich diskutieren. Dagegen ihre Bemerkung ist zweifellos vereinfachend und etwas übermütig.

    • Eine Klage, auf die man gespannt sein darf. Wenn es dazu kommt. Aber einer der Kommentatoren sagte ja schon: „Wenn Nowotny redet, passiert zu 100% das Gegenteil.“ Und überhaupt scheinen die Kommentare nicht ganz die Auffassung der Bankenlobby wieder zu geben. Sind wahrscheinlich alles Ahnungslose … 🙂

      • Wie schon GH gestern in der FAZ schrieb, ist es fraglich, „ob im EU-Ausland der Glaube an die Unabhängigkeit der ungarischen Justiz größer ist als die Überzeugung von der Machtgier Orbáns“.
        Es ist ganz lustig zu lesen, wie Ultralinke und Rechtsextreme Orbán zustimmen und von seiner antikapitalistischen Rhetorik beeindruckt sind. Mag schon sein, dass Novotny einmal zweckoptimistisch sich irrte, aber es wäre ein fataler Fehler, ihn als Trottel hinzustellen.

      • Herr Pfeifer, besteht der Hefty-Artikel nur aus diesem einen Satz? Was schreibt er denn noch so?
        Eine Frage zur Kritik an den Banken: Halten Sie die Kreditvergabepraxis der ungarischen Banken (dazu zähle ich auch die ungarischen Töchter ausländischer Banken) für verantwortungsvoll (siehe Werbespot) oder sind Sie der Meinung, dass die Banken an den Aufräumarbeiten (irgendwie) beteiligt werden müssten. Zugleich wäre ich erfreut, einige Vorschläge zu hören. Ich kenne nämlich, wie ich schrieb, keine perfekte Lösung. Meine Gefühle sind da sehr ambivalent.

  5. HV HGs Kommentar besteht freilich nicht nur aus seinem letzten Satz.
    Natürlich ist es nicht nur in Ungarn üblich, die Schuld für alle Probleme der Regierung in die Schuhe zu schieben, die vorher regiert hat.
    HG hat Paul Lendvai zitiert, der feststellte: „das sozialistisch-liberale Lager bot (in seiner Regierungszeit) ein jämmerliches, ja zuweilen ekelerregendes Bild von Filz, Vetternwirtschaft und politischer Verkommenheit“. So sehe ich das auch. Nur gibt es Ungarn, die meinen, dass die Regierung Orbán disbezüglich nicht hinter der Regierung Gyurcsány steht.
    Ein namhafter ungarischer Wirtschaftsfachmann wie Tamás Mellár schreibt vom Scheitern der Orbánschen Wirtschaftspolitik. Fidesz hatte alle Vorschläge der vorherigen Regierung, im Interesse des Landes gewisse Reformen durchzuführen, abgelehnt und jetzt sind sie gezwungen diese Reformen selbst durchzuführen, so dass es offensichtlich wird, dass alle Fidesz Wahlversprechen gebrochen werden.
    Nun gibt es trotz aller Kampagnen und Kampfparolen von Fidesz keine nennenswerte linke oder liberale Opposition.
    Hier in Österreich gehen die konservativen Medien in ihrer Kritik der ungarischen Wirtschaftspolitik weit über diejenige der links-liberalen hinaus.

    Wenn ich mit einer Bank ein Geschäft abschliesse HV, da lasse ich das von meiner Frau überprüfen und ich schaue mir auch gründlich den Vertrag an, bevor ich meine Unterschrift darunter setze. Wenn also die Banken – egal welche – nicht auf die Risken aufmerksam gemacht haben, dann ist die Frage, ob sie damit ein Gesetz verletzt haben oder nicht.
    Wenn ja, müssen sie beitragen zur Schadensgutmachung. Wenn also den Banken eine Schuld nachgewiesen wird, dann kann der Staat darauf bestehen, dass sie zur Entschädigung beitragen.
    In Österreich wird jede Bank, bei der ein Kunde Geld anlegt, ein Kundenprofil machen, um die Prioritäten des Kunden festzustellen.
    Es ist natürlich einfach, für alle Fehler gewisser Kunden den Banken die Schuld zu geben, und der Spruch, die Banken sollen zahlen, mag von gewissen Leuten gerne gehört werden, doch zweifle ich daran, dass damit dem Land geholfen wird.. Auch in Österreich haben viele Leute schwer draufgezahlt weil sie in Fremdwährung Kredit genommen haben. Andere wieder haben Geld in isländischen Banken angelegt und verloren.
    Wenn aber in Österreich der gängige Zins den man erhält – sagen wir – vier Prozent beträgt und mir jemand acht oder zehn Prozent zusagt, da schaue ich mir das gut an und entscheide nicht drauf einzugehen.
    Und wenn ich so handle, dann denke ich, dass auch die meisten Ungarn in der Lage sind ihre Vernunft walten zu lassen. Wer das nicht tut, der soll die Schuld nicht bei anderen suchen.

    • @ Pfeifer:

      Auch in Deutschland darf man als Bank bestimmte Geschäfte mit Kunden nur dann machen, wenn man zuvor ein Risikoprofil erstellt hat. Devisenspekulationen – noch dazu mit Darlehen! – gehören naturgemäß in die gleiche Kategorie wie Termingeschäfte. Hinzu kommt, dass der Sinn und Zweck einer Finanzierung (z.B. ein langfristiges Immodarlehen für die eigene Familienwohnung) nicht im Widerspruch zu der Art der Finanzierung stehen darf – dann liegt ein Beratungsfehler nahe. Das Prinzip, sich Zinsvorteile in anderen Währungen zunutze zu machen (neudeutsch: carry trade), funktioniert langfristig nach allen Markterfahrungen nur dann, wenn man die Möglichkeit hat, auf Wechselkursänderungen zu reagieren. Sprich: Zehrt der Wechselkursverlust die Zinsvorteile auf, steigt man aus. Dies geht bei kurzfristigen Anlagen ohne Weiteres, nicht aber Krediten, bei denen man die Kreditsumme a) langfristig finanziert und/oder b) keine liquiden Mittel zur Tilgung hat.

      Und hier liegt das systematische Problem des devisen-basierten Kredits (Devisenkredit ist eigentlich ungenau, weil der Kredit in HUF ausgezahlt wird, aber sich die Kosten nach der Zins- und Wechselkursentwicklung der Fremdwährung richten):

      Die Darlehensnehmer hängen – offenkundig a) falsch informiert oder b) von Spekulationswut getrieben – in längerfristigen Krediten fest und können nicht auf die Marktveränderungen reagieren; die können also keine Verluste begrenzen, wie es beim carry trade aber dringend notwendig wäre.
      Ich bin ein überzeugter Anhänger von Eigenverantwortung und Marktwirtschaft, allerdings berufsbedingt auch ein Anhänger der These, dass derjenige, der bei Bankgeschäften über sog. „überlegenes Wissen“ verfügt – das ist die Bank -, die Pflicht hat, seinen Vertragspartner ordnungsgemäß über die Risiken aufzuklären. Und dazu gehört eben nicht nur ein Satz im Kleingedruckten zum Thema „Wechselkursrisiken“, sondern eine umfassende Aufklärung, dass die Familie notfalls Haus und Hof verlieren kann. Wenn man das in Deutschland und Österreich bei jedem winzigen Optionsgeschäft machen muss, dann wohl auch bei dem Häuschen für die Familie. Ich musste neulich bei der Erneuerung meiner „Termingeschäftsfähigkeit“ sogar ausdrücklich versichern, dass ich das „spekulativ“ angelegte Geld nicht für meinen Lebensunterhalt benötige – glauben Sie, diese Frage hätten die meisten „devizahitelesek“ mit „JA“ beantworten können? Ich glaube es nicht.

      Die Art und Weise, wie sich Banken EU-weit gegen größere Verantwortung und Aufklärungspflichten wehren, lässt in mir nicht gerade den Eindruck entstehen, dass man aufklären WILL. Man rechnet lieber schön. Denn mit geplatzten Geschäften verdient kein Banker Geld.

      Ich selbst hatte vor einigen Jahren einmal das Vergnügen, einem Bekannten, der fast in Trance war von dem niedrigen Yen-Zins, zu erläutern, dass er einen Blick auf die historischen Wechselkurse werfen sollte, um sich die Risiken zu verdeutlichen. Wenn aus 400.000 EUR Restschuld über Nacht wegen einer 20%-Aufwertung des Yen 480.000 EUR Restschuld werden, dann ist man meistens erledigt. Es war trotz allem nicht leicht, ihm das auszureden („Aber mein Berater sagt mir ja, wenn ich aussteigen muss…“). Wir reden hier übrigens nicht von einem Idioten, sondern einem mittelständischen Unternehmer mit mehr als 20 Angestellten. Seien wir also realistisch und sehen, dass die Menschen mit den Fragen des Finanzmarktes oftmals überfordert sind. Und beschimpfen sie nicht als Deppen oder abgebrühte Abzocker, wie dies in den Kommentaren österreichischer Zeitungen heute allzu oft der Fall ist.

      Letztlich hilft nur Ihre Strategie, Herr Pfeifer (die übrigens auch meine ist!): Was ich nicht verstehe, das mache ich nicht oder nur mit größter Vorsicht. Oder eben die Frau drüberschauen lassen :-). Sie sehen, wir haben doch Gemeinsamkeiten. Um diese Einstellung zum Normalfall werden zu lassen, braucht es gewiss Zeit: Wenn man den Menschen nämlich über Jahrzehnte beibringt (und heute zum Teil daran festhält), dass der Staat sich um alles kümmert, dann kommt eben eine Art Vollkasko-Mentalität dabei raus. Und Eigenverantwortung setzt die Einsicht voraus, dass einem niemand etwas schenkt (vgl. Ihr Beispiel mit den Super-Zinsen). Diejenigen, die dachten, schlauer zu sein als der Markt, haben letztlich immer verloren.

      Viele Leute denken nun aber mal, sie verstehen es…von dieser fixen Idee kann man sie nur abbringen, wenn man sie bittet, einem das Ganze mal zu erklären. Was dann dabei herauskommt, ist meist nur „Brause“, wie man in meinem Alter sagen würde.

      Aber zurück zum CHF-Kredit: Die Banken verdienen am Wechselkurs wenig bis gar nichts, sie machen ihr Geschäft mit dem Zinsaufschlag zwischen CHF-Refinanzierungszins und dem Darlehenszins. Dieser Zinsaufschlag war „satt“. Das Wechselkursrisiko haben die Banken meines Erachtens unmittelbar bei Aufnahme der CHF-Refinanzierung und dem Umtausch in HUF durch entsprechende Gegengeschäfte (einem sog. „forward“) glattgestellt. Denn derartige Devisenrisiken behält kein Kreditinstitut, das weiter Kredite ausreichen will, in seinen Büchern. Der jetzige Wechselkurs interessiert die Banken also nicht im geringsten, vorausgesetzt, der Schuldner kann zahlen oder die Immobilie kann verwertet werden. Hingegen bringt die vorzeitige Tilgung zum fixierten Kurs einen Verlust für die Bank. So viel Zinsmarge über die Laufzeit gibt es nämlich im Leben nicht…

      Ich stimme Ihnen natürlich voll und ganz zu, dass hier das Prinzip „Eigenverantwortung“ leidet, in Anbetracht des Flächenbrandes gilt es aber im Moment, diesen vorrangig zu löschen. Ich betone nochmal den Grund, der m.E. dahinter steht: Schadensbegrenzung und die Vorarbeit für eine HUF-Abwertung, die dringend erforderlich wäre.

      Und was die Zukunft solcher Geschäfte angeht: Ungarn benötigt offenbar ein Verbraucherschutzrecht, das seinen Namen verdient. MSZP/SZDSZ hatten hieran als Turbokapitalisten gewiss kein Interesse…der Markt regelt ja alles (wenn man Pulver hat!).

      Und was die Kommunen angeht: Der Kämmerer (ein Fachmann!), der solche Devisenspekulationen betreibt und den Haushalt gefährdet, ist ein Hasardeur und gehört seines Amtes enthoben. Die Partei, der er angehört, interessiert mich dabei nicht im geringsten.

  6. Pingback: Fremdwährungskredite: Ritterband erläutert, Kahlweit kreischt « Hungarian Voice – Ungarn News Blog

  7. ABC der ungarischen Wirtschaft
    Dieses Werbevideo ist recht bezeichnend für die Praxis der Kreditvergabe bei Banken in Ungarn. Es wurden Kreditlinien bis zur Höhe des bescheinigten Einkommens vergeben!?! Ich denke ein Berater in Österreich oder Deutschland kann solche Kreditlinien nicht vergeben ohne dafür zur Verantwortung gezogen zu werden.
    In Ungarn war jedoch absolut jedem klar, dass das bescheinigte Einkommen höchstens die Hälfte des tatsächlichen Einkommens darstellt; oftmals ist es nur die Spitze des Eisberges zur Sicherung der Krankenversicherung. Selbst grosse Unternehmen haben 40-60% der Gehälter schwarz ausbezahlt. Man nannte das „stille Reserve”, und die Risikobereitschaft hierbei war/ist verblüffend, das Motto: „lieber mit einem Bein im Gefängnis als mit beiden Beinen in der Sch….”.
    Nun, nach den Zeiten des Booms haben sich zwei Gruppen gebildet. Eine kleinere Gruppe A verfügt weiterhin über „stille Reserven”, der grösseren Gruppe C fehlen aufgrund von Arbeitslosigkeit, fehlenden Nebenjobs, Überstundenabbau die „stillen Reserven”.
    Insofern ist der Umschuldungsplan nahezu perfekt; A kann sich eine Umschuldung leisten, die dadurch freiwerdenden „stillen Reserven” werden frei für Konsum und Investitionen, von denen zwar nur 50% versteuert werden, aber immerhin. C verliert zwar Haus und Hof, aber das muss ja auch wieder (mit Grunderwerbsteuer) an den mAn gebracht werden. Ach ja, dann ist da noch Gruppe B wie Banken. Die können doch die, sagen wir mal, 20% Kursverlust aus der Umschuldung der Gruppe A leicht aus den Gewinnrücklagen finanzieren, denn gleichzeitig verringeren sich ja die Rückstellungen für A um 100%.
    Wenn man es nur genau genug betrachtet ist es das fast perfekte Plan!

  8. http://derstandard.at/1319181974614/Zwischenbilanz-Ungarn-fluechten-aus-den-Fremdwaehrern

    „Inzwischen hat die Finanzaufsicht PSZAF erste Zahlen zur vorzeitigen Tilgung von Fremdwährungskrediten bekanntgegeben. Demnach zahlten in den vergangenen drei Wochen 43.062 Ungarn ihre Fremdwährungskredite zu den gesetzlich festgelegten Wechselkursen zurück. Der Gesamtumfang der Rückzahlungen betrug 295,7 Mrd. Forint (976 Mio. Euro), was den Banken geschätzte Belastungen von 71 Mrd. Forint verursacht haben dürfte. Darüber hinaus zahlten weitere 23.046 Kreditnehmer ihre Fremdwährungskredite zu aktuellen Devisenkursen zurück, was die Banken weitere 33,4 Mrd. Forint kosten sollte.“

    Macht also, je nach Wechselkurs, Belastungen für die Banken in Höhe von 300-400 Mio. EUR. Die ins Gespräch gebrachten Verluste in Höhe von 2 Mrd. EUR scheinen sich also, wie hier schon vermutet wurde. als Panikmache heraus zu stellen.

  9. „Ein alter Werbesport der RBI kursiert im Netz“ und die Damen/Herren fragen sich, ob es eine „Kampagne“ ist? Ich fall gleich vom Stuhl. Ja, meine österreichischen Freunde, seht Euch nur an, was Ihr damals verbrochen habt. Das Gerede von der Kampagne ist doch – wenn man den Standard bezüglich Ungarn sonst befragt – nur Verschwörungstheorie 🙂

    http://derstandard.at/1319183860502/Kredit-ohne-Fragen-Ein-alter-Werbespot-der-Raiffeisen-kursiert-im-Net

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