Die WELT: Boris Kálnoky interviewt György Dalos

Boris Kálnoky hat den ungarischen Schriftsteller György Dalos für die Tageszeitung WELT zur innenpolitischen Zerrissenheit des Landes und zu möglichen Lösungen aus dieser gesellschaftlichen Krise interviewt.

http://www.welt.de/print/die_welt/kultur/article13610054/Der-Hass-ist-unertraeglich.html

Das Interview ist höchst lesenswert, werden doch seit langem wieder Lösungen angesprochen, die jenseits des „wählt Orbán ab!“-Rufes aus den Redaktionen der überwiegenden Zahl deutschsprachiger Publikationen liegen müssen: Ein demokratischer Minimalkonsens muss her, der auf beiden Seiten darauf verzichtet, dem Gegner reflexartig die demokratische Legitimität abzusprechen und wieder darauf gerichtet ist, miteinander zu reden. Ein Ansatz, der in gewisser Weise an den „Nationalen runden Tisch“ der Wendezeit erinnert und den die beiden Interviewpartner auch in der Diskussion auf diesem Blog als wünschenswert betrachteten.

Es bleibt spannend. Hoffen wir, dass sich auch aktive politische Akteure zu einem solchen Dialog überreden lassen. Die steigende Zahl der Nichtwähler sollte beiden großen Lagern Warnung genug sein.

17 Kommentare zu “Die WELT: Boris Kálnoky interviewt György Dalos

  1. Der von mir vorgeschlagene und mit Herrn Dalos geklärte Titelvorschlag lautete „Nur zusammen sind Links und Rechts ein Ganzes.“

    Vielleicht reicht dieses Detail, um anzudeuten, dass das Gespräch um Einiges interessanter und unorthodoxer war, als aus dem gedruckten IV deutlich wird.

    Als Ansatzpunkt für einen ehrlicheren politischen Dialog in Ungarn ist es insgesamt wohl etwas zu behutsam geraten.

    Ein Pluspunkt ist für mich der Nebeneffekt, dass nun deutlich sein dürfte: Dieser Blog, Hungarianvoice, kann zu einem Katalysator für diesen ehrlicheren und offeneren Umgang miteinander werden.

  2. Herr Kalnoky, sehen Sie oder Herr Dalos denn Menschen, die zu einem solchen Dialog bereit wären? Es wäre ja sicher kaum die erste Reihe von Fidesz oder MSzP, die geeignet wäre, einen ehrlichen Dialog auf Basis gegenseitigen Respekts zu führen. (Die Frage ist auch ganz ehrlich gemeint.)

    • Ich kann nicht für Herrn Dalos sprechen.

      Meine eigenen Eindrücke dazu in den letzten Tagen (derzeit in Budapest) waren derart, dass ich fast Lust bekam es in Form einer satirischen Kurzgeschichte aufzuschreiben. Es gibt zwei Dimensionen, deren Tragweite ich unterschätzt hatte.

      1) Es ist nicht nur der Krieg zwischen den Lagern, es ist die gnadenlose Orthodoxie innerhalb der jeweiligen Lager selbst, die einen offeneren Umgang mit einander erschwert. Wer aus der Herde ausschert, den zerreisst der Wolf, ungefähr so sieht es aus. Dialog wird man derzeit auf beiden Seiten mit dem Gegner nur dann führen, wenn man es dazu benutzen kann, dem Gegner zu schaden oder einen Vorteil zu gewinnen.

      2) Unter allen Argumenten liegt ein viel persönlicheres Minenfeld. In der politischen/intellektuellen Klasse Ungarns kennt jeder jeden, schon seit langem, und alle haben irgendwann versucht, einander zu schaden, und der Angegriffene wird es nie verzeihen. Ich gewinne den Eindruck, dass es interessant wäre, genauer zu verstehen, wer wem ca 1994 das Messer in den Rücken zu stecken versuchte bzw steckte – das mag vieles bis heute erklären.

      Insgesamt ist man auf der bürgerlichen Seite sehr zufrieden mit sich selbst, teilweise sicher zu recht. Es ist die Linke, die in einer tiefen Krise sitzt, daher ihre schrillen Töne. Weder die Selbstsicherheit rechts, noch die ohnmächtige Wut links sind gute Voraussetzungen, auf die andere Seite zuzugehen.
      Ich sehe aber dennoch Ansätze, über den Augenblick hinauszusehen, und den Blick auf eine Zukunft zu richten, in der Fidesz vielleicht nicht mehr die Zweidrittel-Merheit haben wird, und die Linken auch mal Inhalt anbieten müssen statt Faschismus-Alarm.

      • Danke sehr für Ihre Einschätzung. Ich fände eine Art Runden Tisch auch sinnvoll, aber dazu sollten sich ein paar neue Akteure bereitfinden. Ich weiss, dass Sie bei Fidesz nicht so kritisch sind, aber für meinen Geschmack wäre es am besten, wenn man die „alte Garde“ nahezu komplett ablöst. (Sicherlich ebenso wahrscheinlich, wie der Dialog zwischen den aktuell dominierenden Lagern.)

  3. MTI:

    „A Németországban élő magyar íróval, Dalos Györggyel közölt a magyar belpolitikai helyzettel foglalkozó interjút szombati számában a Die Welt. A német konzervatív napilap „A gyűlölet elviselhetetlen“ című interjúból azt emelte ki, hogy Dalos szerint a magyar társadalom mélyen megosztott. Az író a legfontosabbnak a kölcsönös szidalmazások beszüntetését és – mint a lap fogalmazott – az ország megmentését nevezte. Dalos György a gazdasági helyzetről úgy vélekedett a Die Weltnek, hogy az nem olyan „reménytelen“, mint amilyennek tűnik, a kultúrpolitikával kapcsolatban pedig úgy vélte, hogy „túl sok a beavatkozás és túl kevés a támogatás“. A Die Welt kérdésre válaszolva az író cáfolta, hogy a Fidesz „rasszista“ vagy „antiszemita“ lenne. Ugyanakkor Dalos azt hangoztatta, hogy meghatározó időpontokban nem határolódott el kellően a rasszista erőktől és nyilatkozatoktól. http://www.welt.de/print/die_welt/kultur/article13610054/Der-Hass-ist-unertraeglich.html .“

    http://www.google.com/hostednews/epa/article/ALeqM5jpop4gAAqMD__0wtJXolhevfQ4Pw?docId=20110917%3AMTI%3AK0011

  4. Danke Richter János für diesen Beitrag. In keinem anderen EU-Parlament können solche Sprüche geklopft werden. Es soll doch nicht vergessen werden, welche Gesetze in diesem Budapester Parlament beschlossen wurden.

    Nachdem das ungarische Parlament im Mai 1938 – sechs Jahre vor der deutschen Besatzung – das erste Juden diskriminierende Gesetz beschlossen hatte, schrieb der todkranke katholische Dichter Mihály Babits sein „Das Buch Jonas“ und prägte den
    Ausdruck „mert vétkesek közt cinkos aki néma“ („Wer schweigt, wird zum Mittäter“).
    Dieses Gedicht wurde im September 1938 von der Zeitschrift „nyugat“ (Der Westen) publiziert.

    Leider pflegen ungarische Konservative, wenn man sie auf die antisemitische Schreibweise einiger Schreiber des Magyar Hirlap anspricht, mit folgender Ausrede zu antworten: „wir werden von beiden Seiten angegriffen, Jobbik wirft uns vor „zionistisch“ zu sein und die Linken, dass wir uns nicht von den Antisemitien distanzieren.“

    Es würde den Wahlkabinenrevolutionären, die über eine solide 2/3 Mehrheit im Parlament verfügen nicht schaden, wenn sie sich distanzierten. Denn wer glaubt mit solch einer Haltung Jobbik den Wind aus den Segeln zu nehmen, der irrt gewaltig. Damit bestärken sie nur die Rechtsextremisten.

  5. OT
    zu Herrn Kalnoky`s Beitrag
    * Ich gewinne den Eindruck, dass es interessant wäre, genauer zu verstehen, wer wem ca 1994 das Messer in den Rücken zu stecken versuchte bzw steckte – das mag vieles bis heute erklären.*

    Habe mir folgendes gerade durchgelesen und finde es ziemlich Interessant.

    Klicke, um auf BER96_10.pdf zuzugreifen

    Wenn es nicht passt, dann bitte ich Sie es zu löschen.
    Danke

    • OT nenne ich das nicht. Es passt, liest man nur den folgenden Satz zum Thema „Minimalkonsens“ (Seite 13, oben):

      Dazu wären ein minimaler Konsens zwischen Parteien und Intellektuellen sowie die Bereitschaft zur sachlichen Diskussion erforderlich gewesen. Der minimale Konsens bestand aber nur in der Ablehnung des Realsozialismus. Ab dem Moment, als es um die Modalitäten, Tempi und Techniken der Konkursverwaltung, um die Bewertung und Verarbeitung der Vergangenheit ging, hörte der minimale Konsens auf, der Dialog wurde überpolitisiert, überideologisiert und unversöhnlich, häufig sogar hysterisch. Nicht nur die Bevölkerung, auch die Intelligenz erwies sich als vom Realsozialismus tiefer geprägt, als es ihr selbst bewußt war, und war auf den Systemwechsel nicht vorbereitet.“

      Dass die Fidesz-Regierung (1998-2002) mit der Spaltung begann – so die These Dalos´ am Ende des Interviews, lese ich hier nicht heraus. Vielmehr handelt es sich um einen langen Prozess, der schon in der Zeit von Antall & Boross begann.

      Ein hervorragender Link. Vielen Dank, kullancs.

  6. Danke kullancs. Ein Interview ist natürlich keine wissenschaftliche Analyse. Aber da György Dalos eine wichtige Rolle in der demokratischen Opposition spielte, wusste er, wie tief gespalten die Intelligenz bereits im Kádárregime war in urbánus und népi (urbane und narodniks), so dass man nichts herein lesen soll. Man hat ab 1987 zum Glück diese Spaltung überwunden und konnte einen Kompromiss schließen.
    Die Ostdeutschen hatten einen zweifachen Vorteil, in der westlichen größeren Hälfte ihres Landes war eine funktionierende Demokratie, die gleichzeitig auch Motor der europäischen Wirtschaft war.
    Ungarn verfügte nicht über diese Vorteile und die Bilanz des „realen Sozialismus“ war per saldo negativ. Trotzdem meinten viele Beobachter, kein anderes ehemaliges Ostblockland hätte solche Chancen wie Ungarn.
    Es kam leider anders.
    Die Initiative Kálnoky-Dalos halte ich für positiv. Denn wenn aus der 2/3 Mehrheit eine permanente Wahlkabinenrevolution wird, in dem der Sieger den schon am Boden liegenden Gegner als Feind behandelt und ständig Kampagnen führt und kämpft anstatt verantwortungsbewusst zu regieren, dann könnte die nationalsozialistische Jobbik noch
    mehr erstarken, mit allen negativen Konsequenzen im In- und Ausland.

  7. Liebe Kollegen,
    ich bin auch nicht glücklich über die von der „Welt“ gekürzte Version unseres Gesprächs, das Herr Kálnoky korrekt und professionell führte. Es wurden wichtige Passagen der Schere zum Opfer gefallen. Dennoch glaube ich, dass ein Gespräch über den demokratischen Minimalkonsens, ungefähr so, wie wir das hier tun, möglich und notwendig ist. Lasst mich ein bisschen nachdenken (bin zur Zeit auf Reisen) und ich melde mich bald auf diesen Seiten.
    Euer
    György Dalos

  8. Ist es möglich, die ungekürzte Version hier zu veröffentlichen? Die WELT dürfte doch nichts dagegen haben. Würde mich freuen.

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