Zehntausende protestieren gegen die Regierung: „Das System gefällt mir nicht“

Am heutigen 23. Oktober 2011, dem 55. Jahrestag des Beginns des Ungarischen Volksaustands von 1956, nahmen laut Presseberichten mehrere zehntausend Menschen auf einer von Zivilorganisationen veranstalteten Großdemonstration in Budapest teil. Unter dem Motto „Das System gefällt mir nicht“ protestierten sie gegen die Regierung Orbán.

Die Angaben über die Teilnehmerzahl differieren deutlich. Während tagesschau.de von „mindestens 10.000 Teilnehmern“ sprach, schätzte der oppositionsnahe Fernsehsender ATV die Zahl der Personen auf „50-60.000“.

Die Abendnachrichten im Staatsrundfunk (MTV 1, Duna TV) erwähnten die Demonstration nicht, lediglich das Online-Angebot von mtv.hu enthält einen Beitrag zum Thema.

http://videotar.mtv.hu/Videok/2011/10/23/19/Civil_tuntetes_Budapesten_a_kormany_politikaja_ellen.aspx

Bemerkenswerter Weise fielen am heutigen Tage erneut die Liveübertragungskameras des Verkehrsüberwachungsproviders utv.hu in der Szabad Sajtó út (Straße der freien Presse) aus und übertrugen keine Bilder von der versammelten Menschenmenge. Index.hu berichtete. Ein solcher Ausfall hatte sich bereits am 15. März 2011 ereignet und damit ebefalls zu einem Zeitpunkt, zu dem eine Demo gegen die Regierung stattfand. Damals hatte utv.hu auf zahlreiche Reklamationen hin in einer Pressemitteilung ausgeführt, es habe sich um einen technischen Defekt gehandelt.

Eine von der Regierung angekündigte Gedenkveranstaltung in der Nähe des Astoria war im Vorfeld abgesagt worden. Regierungschef Viktor Orbán befindet sich in Brüssel.

Neben der o.g. Zivilorganisation veranstalte auch die rechtsradikale Oppositionspartei Jobbik eine Veranstaltung.

http://index.hu/belfold/2011/10/23/az_utca_az_ellenzeke_volt_oktober_23-an/

Fünf Jahre danach: Index-Beitrag über einige Opfer der Polizeibrutalität in 2006

Der Auszug eines Index.hu-Beitrages zu den Vorkommnissen im Jahre 2006.

Die Spuren des Gummigeschosses bleiben

(…)

László Nagy: Mein Leben können sie mir nicht zurückgeben

László Nagy nahm auf der Gedenkveranstaltung des Fidesz am 23. Oktober 2006 teil, und versuchte die Örtlichkeit – statt über den Kálvin Platz – über den Deák Platz zu verlassen. Das war sein Unglück. Als er die Polizeiblockade sah, wich er zurück und floh mit der Menge vor den Polizisten und den Tränengasgranatenn in die Dob Straße. „Jede kleine Straße war gesperrt, von überall her griffen Polizisten an“ – sagt er. Er erinnert sich nur noch daran, dass er im Krankenhaus zu sich kam und schrie, er könne nichts mehr sehen. Er wurde sofort operiert, das eineinhalb Zentimeter große Gummigeschoss wurde über den Gaumen aus der Nasennebenhöhle entfernt, es hatte seinen Gesichtsknochen zerschmettert. Augenzeugen und Videoaufnahmen belegen, dass er in der Dob Straße aus einer Entfernung von 15-20 Metern einen gezielten Schuss auf den Kopf durch einen Einsatzpolizisten erhalten hatte, unverzüglich das Bewusstsein verlor und von Sanitätern ins Krankenhaus transportiert wurde – zu lesen in der Index-Serie von den polizeilichen Übergriffen.

Nagys linkes Auge erblindete endgültig, sein räumlicher Wahrnehmungssinn ging verloren, er konnte seinen bisherigen Beruf im Baugewerbe nicht weiter ausüben. Auch seine Beziehung fiel dem zum Opfer. Seine Lebensgefährtin warf ihn wegen seiner dauerhaften Behinderung aus der ihr gehörenden Wohnung. László Nagy berichtet darüber, dass ihm seine Freunde damals am meisten geholfen haben, mehrere nahmen ihn in der schweren Situation auf. Einen festen Arbeitsplatz hat er seitdem nicht, er schlägt sich als Gelegenheitsarbeiter durch. Er sagt, er habe die Geschehnisse bis heute nicht verarbeitet, das sei wohl auch nicht möglich, schließlich habe sich sein ganzes Leben verändert. Trotz der Tatsache, dass sich um ihn herum alles verändert habe, sei seine Einstellung jedoch die selbe geblieben.

Zum Beispiel habe er auch heute keine größere Angst vor Großveranstaltungen als früher, und vor Polizisten habe er ebenfalls keine Angst. Er habe weiterhin an mehreren Gedenkveranstaltungen am 23. Oktober teilgenommen. Jahrelang sei er zu Gerichtsverhandlungen gegangen, der für den Verlust seines Augenlichts verantwortliche Polizist sei jedoch nicht gefunden worden. Die Budapester Ermittlungsstaatsanwaltschaft stellte im Jahre 2007 das wegen Körperverletzung im Amt und anderen Vergehen eingeleitete Verfahren ein, weil die Identität des Täters im Rahmen der Ermittlungen nicht festgestellt werden konnte.

Während der Ermittlungen stellte sich heraus, dass zu dem Zeitpunkt, als László Nagy von einem Gummigeschoss getroffen wurde, die REBISZ-Einsatzpolizisten und andere Einheiten vor Ort und mindestens fünf Beamte im Besitz von Gummigeschoss-Flinten waren. Allerdings konnte nicht festgestellt werden, wer von ihnen den Schuss auf Nagy abgegeben hatte, weil Gummigeschosse nicht geeignet sind, die Waffe, aus denen sie abgefeuert wurden, zu identifizieren (anders als bei scharfer Munition). Nagy erhielt im Jahr 2009 außerhalb eines Gerichtsverfahrens eine Entschädigung in Höhe von 4,5 Millionen Forint vom Rechtsnachfolger der REBISZ. Weder zu dieser Zeit, noch als der erste Polizist im Zusammenhang mit 2006 zu einer Haftstrafe verurteilt wurde, spürte er Genugtuung. Sein Leben könne man ihm nicht zurückgeben, und es sei letztlich auch bedeutungslos, ob der wahre Täter irgendwann einmal zur Verantwortung gezogen würde. Der Fall Nagy wurde im Anschluss daran Teil der politischen Debatte, sein ausgeschossenes Auge wurde zum Symbol der Polizeibrutalität des Jahres 2006. Man ihn bis heute nicht um Entschuldigung gebeten.

Gabriella Apáthy: Alles verschwamm, ich bekam einen Schock

Gabriella Apáthy befand sich am 23. Oktober 2006, gemeinsam mit ihrem Ehemann, auf dem Heimweg von der Fidesz-Veranstaltung am Astoria in die Rákóczi-Straße 10. Sie konnten das Haus nicht betreten, kehrten daher um und gingen in die Síp Gasse, um den rückwärtigen EIngang zu benutzen. Sie waren auf halbem Weg, als die an der Kreuzung Síp Gasse / Dohány Gasse stehenden Polizisten ohne jede Vorwarnung bagannen, mit Gummigeschossen auf sie zu feuern. “Ein Geschoss traf mich an der rechten Seite des Halses. Es tat fürchterlich weh, aus der Wunde floß das Blut in Strömen, ich bekam einen Schock.” In der Síp Gasse wurde nur wenige Minuten später der Parlamentsabgeordnete Máriusz Rávész (Fidesz) von Polizisten zusammengeschlagen.

Apáthy traute sich nicht, einen Sanitäter oder Arzt zu rufen, aus Angst davor, dass man sie wegen ihrer Verletzungen der Polizei melden würde. Später suchte sie einen Arzt auf, von dem sie sich sicher war, dass er sie nicht an die Behörden melden würde. Die Wunde ist bis heute an ihrem Hals zu sehen. Apáthy bekam einen Monat später einen Herzinfarkt, ihre Erwerbsfähigkeit ist seitdem gemindert. Sie erhält eine Behindertenrente. Am Ende erhielt sie eine außergerichtliche Entschädigung von 3 Millionen Forint.

Im Jahr 2007 gründete sie mit Tibor Barna und György Göbl die Vereinigung der durch die Ordnungskräfte in ihren Rechten Verletzten. Die Organisation fasst die Verletzten des 2006-er Polizeieinsatzes zusammen und hilft ihnen, auch in politischen Fragen kam sie zu Wort. Im Jahre 2009 trat sie entschlossen nicht gegen Homosexuelle, sondern gegen die Schwulen- und Lesbendemonstration  auf und forderte von der Polizei, diese zu untersagen. Apáthy Gabriella sagt, ihre politische EInstellung habe sich nicht geändert. Sie sei damals wie heute Fidesz-Mitglied.

Gábor Fábián: Man kann nicht vergessen

“Gábor Fábián war am 23. Oktober 2006 Teilnehmer der Fidesz-Veranstaltung beim Astoria, gegen 18 Uhr machte er sich über den Károly-Ring auf den Weg zur Metro-Haltestelle Déak Platz. Er schaffte es bis zur Dob Gasse, dort wollte er abwarten, bis sich die auf ihn zubewegende Polizeiblockade in Richtung Astoria weiterzog. Die eintreffenden Polizisten warfen ihn jedoch zu Boden und stürzten sich zu fünft oder zu sechst auf ihn: Sie schlugen auf seinen Rücken, seine Nieren und auf seinen Kopf ein, stiegen auf sein Gesicht, seine Schulter, sein Kreuz und seine Beine, knüppelten ihn mit dem Schlagstock, traten ihn mit Stiefeln.

Nachdem sie ihn gefesselten hatten, brach einer der beteiligten Polizisten den in Handschellen liegenden Mann den Mittelfinger der linken Hand.  Danach setzten sie ihn hin, drückten seinen Kopf nach unten, spreizten seine Beine. Einer der Polizisten bezeichnete ihn als „verfluchten Fidesz-Söldner“ und spuckte ihm ins Gesicht, ein anderer sagte ihm, im alten System hätte man ihn an Ort und Stelle erschossen, das werden man jetzt in der Gyorskocsi-Gasse erledigen (Anm.: die Gewahrsamsstelle der Budapester Polizei). Siehe hierzu den früheren Artikel von Index.

Wegen der Schläge und Tritte brach auch das Wadenbein des Mannes. Gehen konnte er nicht mehr, sie zogen ihn zum Polizeifahrzeug, das am Madách Platz wartete, und verfrachteten in in die Gyorskocsi-Gasse. Dort wies ihn der diensthabende Arzt ins St. János Krankenhaus ein, drei Zivilpolizisten überstellten ihn dorthin. Das Telefonieren wurde ihm zunächst untersagt, nach Erstellung des Befundes gab man ihm seine Papiere zurück und ließ ihn dort zurück.

“Ich erinnere mich an alles, so etwas vergisst man nicht” – sagt Fábián heute. Er habe nicht glauben können, das so etwas mit ihm passiert, noch dazu in ener Demokratie. “Wenn ich randaliert oder irgendetwas falsches getan hätte, wäre es anders, dann muss man mit Konsequenzen rechnen. Auch einen Unfall könne man leichter verarbeiten als das hier. Er lag wochenlang im Gips, seine Frau musste ihn pflegen, „ich war wieder so hilflos, wie ein kleines Kind“ . Sein Finger ist bis heute nicht kuriert, und nachdem er ihn nicht bewegen kann, wird er früher oder später absterben.

László Vágó, der Polizist, der ihm den Finger brach, war in diesem Jahr der Erste, den man zu einer Haftstrafe verurteilt hat – von ihm später mehr. Fábián selbst hatte nicht gesehen, wer ihm den Finger brach, da lag er schon auf dem Boden, und man kniete af ihm. Als er Vágó im Gerichtssaal sah, habe er nicht verstanden, warum man so etwas tut.

(…)

“Ich habe seitdem kein Vertrauen mehr in die Politik. Im Parlament sah ich, dass diejenigen, die im Plenum mit lauter Stimme herumstritten, auf dem Flur über gemeinsame Geschäfte sprachen. Wovon reden wir dann?” Obwohl er von der Politik als Ganzem enttäuscht sei, gab es welche, die ihm geholfen hätten. Nach dem Vorfall bot Fidesz ihm juristische Hilfe an, bis heute halte er Kontakt zu László Gonda und anderen, nach dem Urteil gegen Vágó rief ihn Krisztina Morvai an und gratulierte ihm zu seiner Beharrlichkeit. “Aber warum nur diese Leute? Ich war nie befangen, aber warum handelten nicht auch andere so? Auch die damalige Regierung hätte sich melden können, aber bis heute sagten die kein Wort“ – so Fábián.

Anders als László Nagy glaubt Fábián daran, dass wichtige Dinge ans Tageslicht kommen. Sein Weltsicht habe sich aber nicht geändert. Auch heute gehe er aus Interesse zu Demonstrationen und habe keine Angst vor der Polizei. (…)

László Vágó: Der erste, der ins Gefängnis geht

Die Geschichte von László Vágó ist eng mit der von Fábián verknüpft – er brach dem wehrlosen Mann den Finger, und er war im September 2011 der erste, der zu einer Haftstrafe von einem Jahr und acht Monaten (ohne Bewährung) verurteilt wurde. In der Sache wurde zunächst Csaba G. zu einer Haftstrafe von einem Jahr und acht Monaten verurteilt, die auf drei Jahre zur Bewährung ausgesetzt worden war. Zudem wurde er im Dienstrang herabgestuft. G. belastete in der zweiten Instanz jedoch seinen Vorgesetzten, László Vágó.

„Jetzt muss ich es sagen, weil mir eine schwere Strafe droht: Nachdem ich mit meinen Kollegen den Verletzten gefesselt hatte, sah ich, dass mein Vorgesetzter sich, von hinten kommend, bückte und dem Mann absichtlich den Finger brach“ – sagte er dann, und begründete dies damit, dass er nicht geglaubt habe, dass er so ein strenges Urteil erhalte. Das Gericht stellte beide Polizisten gegenüber, G. sagte daraufhin: „Du warst es, der ankam und den Finger brach, Du weißt es, ich weiß es”. Vágó antwortete, das sei nicht wahr. Im September 2011 verurteilte man dennoch ihn in zweiter Instanz zu einer Haftstrafe von einem Jahr und acht Monaten.

(…)“

Der vollständige Artikel, einschließlich Fotos der Verletzten, kann hier abgerufen werden:

http://index.hu/belfold/2011/10/23/a_gumilovedek_helye/1/#szoveg

Ergänzend der Link zum Film „Megsebzett Ünnep“ von László Pesty mit englischen Untertiteln) – auch László Nagy ist dort zu sehen:

http://pestylaszlo.com/megsebzett_eng.php

Sondersteuer auf Zusatzrenten kommunistischer Funktionäre?

Die Fidesz-Parlamentsabgeordnete Mária Wittner, wegen ihrer Teilnahme am Volksaufstand von 1956 zum Tode Verurteilte, hat einen Gesetzesvorschlag unterbreitet, dem zufolge die bis heute existierenden Zusatzrenten für ehemalige Funktionäre des Parteistaates mit einer Sondersteuer belegt werden sollen. Die Steuereinnahmen dieser „Wiedergutmachungsabgabe“ sollen Opferverbänden der Revolutionäre von 1956 und Überlebenden des Volksaufstandes zu Gute kommen.

Es gilt in Ungarn als offenes Geheimnis, dass ehemalige führende Funktionäre der Sozialistischen Arbeiterpartei und des Unterdrückungsapparates nebst Angehörigen bis heute von Zusatzrenten profitieren, die weniger mit ihrer Arbeitsleistung als deren Parteizugehörigkeit im Zusammenhang stehen. Welche Kreise von der Sondersteuer betroffen sein sollen, ist noch offen.

Die Kürzung der Funktionärsrenten auf das durchschnittliche Rentenniveau ist EU-weit kein Einzelfall. Sowohl Polen, als auch die Tschechische Republik haben die Besserstellung der alten Nomenklatur beseitigt. Und auch das deutsche Bundesverfassungsgericht hat im Jahr 2004 beschlossen, dass es grundsätzlich zulässig sei, die Zusatzrenten für Stasi-Angeörige auf das durchschnitliche Niveau der DDR-Rentern zu reduzieren.

Die Regierung wurde vom Parlament ersucht, nach konkreten Umsetzungsmöglichkeiten zu suchen.

Sukoró: Grundstücksbewertung mit merkwürdigen Details

Die regierungsnahe Tageszeitung Magyar Nemzet berichtet, dass die im Rahmen des umstrittenen Grundstückstauschgeschäftes von Sukoró erstellten Wertgutachten „frisiert“ wurden.

Zum Hintergrund: https://hungarianvoice.wordpress.com/2011/09/09/staatsanwaltschaft-kompetenzuberschreitungen-gyurcsanys-bei-umstrittenem-grundstucksgeschaft/

Im Rahmen des Sukoró-Deals sollte ein in Staatsbesitz befindliches Grundstück im Ort Sukoró am Velencer See mit einem Mega-Casinoprojekt bebaut werden. Die Investorengruppe hatte die Absicht, das hierfür benötigte Seegrundstück im Tausch gegen zwei Liegenschaften des israelischen Investors Joav Blum zu erwerben. Magyar Nemzet berichtet nun, dass – Vermutungen derart kursieren schon lange – der Wert des Seegrundstücks künstlich niedrig geschätzt wurde.

Zunächst soll die Liegenschaft in Sukoró auf einen Wert von 2,14 Milliarden, später dann auf 1,08 Milliarden Forint geschätzt worden sein. Die höhere Schätzung wurde durch die Gutachter am 13.06.2008 abgegeben (Entwurf des Gutachtens). Nur drei Wochen später, nachdem der für Bewertungsfragen zuständige Direktor der Nationalen Vermögensholding das Schriftstück bereits erhalten hatte, wurde aus (Zitat) „irgendeinem merkwürdigen Grund“ das Grundstück nur noch mit einem Wert von etwas über einer Milliard Forint taxiert. Auffällig sei auch, dass der erste Entwurf, obgleich dieser drei Grundstücke weniger in die Bewertung einbezog, einen deutlich geringeren Gesamtwert ausweist als die Endfassung.

Die jetzt ans Tageslicht gelangte offenbare Fehlbewertung reiht sich nahtlos in die Vorgänge um das Sukoró-Projekt ein. Eine öffentliche und damit transparente Ausschreibung wurde durch die Wahl des „Tauschgeschäfts“ verhindert, es wurde von Seiten des Investors getrickst (ein Wohnsitz in Ungarn wäre Voraussetzung für den Grundstückserwerb gewesen; dieser Wohnsitz stellte sich als fiktiv heraus), zudem sollen höchste politische Kreise auf die Entscheidngsfindung der Vermögensholding Einfluss ausgeübt haben.

Der Gutachter verweigerte Angaben zur Sache unter Berufung darauf, dass er nicht verpflichtet sei, sich selbst zu belasten. In der vergangenen Woche wurden Durchsuchungen bei einigen beteiligten Firmen durchgeführt.

http://www.mno.hu/portal/817665

 

MSZP bricht auseinander – Ferenc Gyurcsány gründet mit Aussteigern neue Partei

Aktuellen Presseberichten zufolge tritt der ehemalige Ministerpräsident Ferenc Gyurcsány gemeinsam mit weiteren Mitgliedern aus der MSZP aus. Die insgesamt ca. 10 Personen, die zugleich Mitglieder der MSZP-Fraktion im ungarischen Parlament sind, beschließen am kommenden Montag über das neue Auftreten als Fraktion. Der Name der neuen Partei wird „Demokratikus Koalició“ sein.

Die Sozialistische Partei steht bereits seit einigen Monaten unter heftigem Druck. Gyurcsány hat mit ehemaligen engen Vertrauten (Csaba Molnár  u.a.) zunächst die MSZP-interne Plattform „Demokratische Koalition“ gegründet und versucht, aus dieser heraus eine „Reform“ der Partei, die freilich eher einer Einstimmung auf seine politischen Ansichten entsprach, anzuschieben. Als Gyurcsány kürzlich öffentlich die Parteiführung und die Arbeit der Parlamentsfraktion kritisierte und öffentlich verlangte, Teile der Fraktion sollten ihr Mandat zurückgeben, trat die Parteiführung dem öffentlich entgegen und ging auf Konfrontationskurs. Gyurcsány und den Mitgliedern der Fraktion stehe es frei, die Partei zu verlassen.

Den Presseberichten zufolge wird sich Gyurcsány zum Parteivorsitzenen wählen lassen.

Auch der Zeitpunkt der Neugründung dürfte nicht zufällig auf dieses Wochenende fallen: Am morgigen 23. Oktober begeht Ungarn den 55. Jahrestag des Beginns des Ungarischen Volksaufstandes. Gyurcsány dürfte versuchen, seine Anhänger durch Parallelen zu den damaligen Aufständischen – er stellt Ungarn im In- und Ausland seit Monaten als halbdiktatorisches System dar – auf eine neue „linke Revolution“ einzuschwören.

http://www.nepszava.hu/articles/article.php?id=483962

Verfassungsrichter István Stumpf kritisiert die Beschränkung der Kompetenzen des Gerichts

István Stumpf, Mitglied des ungarischen Verfassungsgerichts, kritisierte auf einer Konferenz die gesetzliche Beschränkung der Kompetenzen des Verfassungsgerichts im Budgetbereich und trat für die Erhaltung des Auslegungsmonopols des Gerichts ein.

http://www.origo.hu/itthon/20111013-stumpf-istvan-szerint-senki-sem-veheti-el-az-alkotmanybirosagtol-az.html

Nach der Ansicht Stumpfs habe niemand das Recht, das Monopol des Verfassungsgerichts bei der Auslegung des Grundgesetzes zu beschränken. Zu dem Eingriff in die Prüfungskompetenzen im Budgetbereich sagte er, sie habe eine „offene Wunde am Körper des demokratischen Rechtsstaates“ hinterlassen.

Stumpf wurde mit den Stimmen der Regierungsmehrheit (gemeinsam mit Mihály Bihari) im vergangenen Jahr zum Verfassungsrichter gewählt. Er war zuvor bei der als regierungsnah geltenden Századvég-Stiftung tätig und hatte während der ersten Orbán-Regierung den Posten des  Kanzleramtsminister.

Die Ernennung von Stumpf hatte im Jahr 2010 einen Empörungssturm in der oppositionellen Presse ausgelöst. Stumpf sei nicht unabhängig, zudem verfüge er nicht einmal über eine juristische Ausbildung. Seine Unabhängigkeit hat Stumpf freilich bereits mehrfach unter Beweis gestellt. Die Behauptung, er sei kein Jurist, war zudem eine freie Erfindung oppositioneller Kreise, besonders laut taten sich hier der dem früheren Ministerpräsidenten Ferenc Gyurcsány (derzeit noch MSZP) nahestehende Publizist József Debreczeni und die deutsche Journalistin und Publizistin Krisztina Koenen hervor.

Stumpf gilt als Favorit für den Posten des Gerichtspräsidenten für die Zeit nach dem amtierenden Vorsitzenden Péter Paczolay.

István Forgács: „Wenn Ihr die Zigeuner seid, dann gehöre ich nicht zu Euch“

István Forgács, unabhängiger Experte für Romaangelegenheiten, macht in einem Beitrag auf die drängenden Probleme seiner Volksgruppe aufmerksam.

Wenn Ihr die Zigeuner seid, dann gehöre ich nicht zu Euch

Wir sind nicht eins, und wir waren es auch nie.

Wir waren keine Brüder, auch keine „lieben Brüderchen“, und wir waren auch zu keinem Zeitpunkt gemeinsame Teile einer Sache, von der Ihr selbst nicht wisst, was sie eigentlich sein soll. Und trotzdem phantasiert Ihr andauernd darüber, weil Ihr glaubt, dass wir eins sein könnten, wenn man diese Sache ins Leben ruft.

Ihr wollt nur nicht begreifen, dass es gar keine einheitliche Zigeunerschaft in Ungarn gibt. Es gibt kein Volk der Zigeuner, keine Zigeunernation, kein gesundes und über Jahrhunderte gewachsenes Selbstbild und Selbstbewusstsein der Zigeuner. Es gibt keine Zigeunerdichter. Es gibt keinen Zigeuner-Messias. Die Zigeunerschaft existiert nicht. Stattdessen gibt es eine traurige und kalte Realität: Im heutigen Ungarn wird es nicht möglich sein, eine Zigeunerschaft aufzubauen, es sei denn, dies geschieht durch gemeinsame echte Werte. Es gibt bislang keine einheitliche, von allen verstandene und akzeptierte Kultur, kein Selbstbewusstsein, kein gemeinsames „Minimum“ oder „Maximum“, es gibt keine dauerhaft erscheinenden Werte, zu denen sich alle bekennen würden, es gibt noch nicht einmal gemeinsame Ziele. Wir haben keine gemeinsame Sprache, kein gemeinsames Musikverständnis, und wir haben keine gemeinsame Ethik oder Werteordnung.

Merkwürdig, dass es bislang niemand ausgesprochen hat: Wir Zigeuner leben zu Hunderttausenden nebeneinander, aber der Alltag führt nicht dazu, dass wir einander ähnlicher werden wollen. Aber gerade das wäre so wichtig, damit wir echte Werte finden können, auf Grundlage derer wir einander zum Vorbild nähmen, weil wir dann etwas hätten, was uns stolz machen und zusammenführen könnte. Aber das ist heute nicht so. Die Mehrheit der Zigeuner sieht keine Werte in dem anderen. So lange das dauert, verdienen wir es nicht, ein Volk, eine Nation oder etwas Ähnliches zu werden.

Es spielt übrigens nicht die geringste Rolle, dass die Mehrheitsgesellschaft uns in einen Topf wirft, weil es genau das ist, was ich nicht will – und mit mir noch hunderttausende von Zigeunern. Und nicht nur deswegen, weil die Mehrheit unsere Ähnlichkeiten in erster Linie in den Negativa sieht.

*

Wir sind nicht eins, und wir waren es auch nie.

Viele wollen freilich, dass wir eins werden, die Frage ist jedoch, wie man das erreichen könnte.

Ich bestreite gar nicht, sondern gebe es vielmehr mit traurigem Gemüt zu, dass bei vielen von Euch echte und vermutete Nachteile existieren, die dazu führen, dass man Euch in einen Topf wirft, und jeden anderen auch, der sich nicht in bestimmter Weise assimilieren will. Man macht Euch zu verletzten, angegriffenen, mit der Gesellschaft in Konflikt stehenden Zigeunern. Viele möchten die maximale Zahl von Zigeunern dergestalt assimilieren, dass in ihnen genau der Geist entsteht, der für einen dauernden Konflikt erforderlich ist. Für einen andauernden Freiheitskampf. Für das andauernde Beschuldigen der Nichtzigeuner. Und in dieser zweiten Dimension und Realität ist der krampfhafte Wunsch nach Schmerz die Grundlage für all jene Gedanken, auf deren Basis man vielen einreden kann, dass die Zigeuner eines Tages die Entwürdigung, die Ausgrenzung und die Nichtteilnahme an der Gesellschaft nicht mehr zulassen werden. Und zusammenstehen. Und es allen zeigen werden.

Das Traurige ist, dass wir zuvor glauben müssen – bzw. man es uns einreden muss -, dass für alles die Mehrheit verantwortlich ist. Die „Gázsók“ (Nichtzigeuner). Die „Bauern“. Und nicht nur X oder Y, sondern alle. Denn so wie die Mehrheitsgesellschaft die Zigeuner ausgrenzt und verallgemeinert, genau so denkt die Zigeunerschaft in ihrer überragenden Mehrheit, dass die Nichtzigeuner Rassisten sind. Alle. Dass es sich um böse Menschen handelt. Jedenfalls mehrheitlich. Und dass der Gázsó, die Mehrheitsgesellschaft uns für alles verantwortlich macht, obwohl wir das doch überhaupt nicht verdient haben.

Ich gehöre nicht zu Euch. Ihr sprecht sehr viel über Eure eigene Nation – ich habe keine solche. Ich habe eine eigene Familie, Bekanntschaften, aber ich würde mir niemals zutrauen zu behaupten, dass ich für Euch alle einen Kampf führen würde. Niemand hat mich darum gebeten, und ich würde diese Verantwortung auch nicht übernehmen. Ich kann die Bedürfnisse von „allen“ nicht sehen oder kennen, kann sie also auch nicht für Euch zum Ausdruck bringen.

Und auch wenn es komisch klingt, ich werde auf die Mehrheitsgesellschaft nicht wütend sein, nur weil viele unter Euch das von mir erwarten. Und wer das erwartet, tut es deshalb, weil ich selbst dann auch in die „Bruderschaft“ der Zigeuner hineinverschmelzen könnte, die von nichts anderem zusammengehalten wird als der Praxis, für alles die Mehrheit verantwortlich zu machen, und davon, zur Seite zu schauen, wenn wir uns mit unseren eigenen Fehlern befassen müssten.

Ich gehöre nicht zu Euch, wenn Ihr glaubt, dass es ein kulturelles Recht und einen Wert darstellt, früh Kinder zu kriegen und diese in einer Welt von Elend groß zu ziehen. Ich gehöre nicht zu Euch, wenn es darum geht, die Gewalt in der Familie im Zigeunerghetto zu ignorieren, oder nichts davon wissen zu wollen, wie viele Findelkinder oder vorbestrafte männliche Zigeuner es in Baracska gibt. Ich gehöre nicht zu Euch, wenn bei einer Zusammenkunft davon gesprochen wird, dass die Mehrheitsgesellschaft nur aus verfluchten Rassisten besteht, und ich gehöre auch dann nicht zu Euch, wenn Ihr meint, wir müssten eine Schicksalsgemeinschaft mit anderen Minderheiten eingehen. Seien es Minderheiten im Bezug auf ihre Religion, ihre Ethnie oder ihrer sexuellen Orientierung. Ich gehöre auch nicht zu Euch, wenn Ihr mit Unverständnis darauf reagiert und fragt, warum ich nicht im Ghetto aufgewachsen bin, oder weshalb ich in der Schule auch nie schlechtere Zensuren bekommen habe, nur weil ich zufällig als Zigeuner geboren wurde. Ich bin keiner von Euch, weil in mir keine echte Wut gegenüber den Nichtzigeunern herrscht; auch keine solche, in die mich selbst hineinsteigere.

*

Ich gehöre zu Euch, sobald Ihr versteht, dass die Nichtzigeuner die einzig mögliche Lösung für die gesamte ungarische Gesellschaft, vor allem aber für die Zigeuner sind. Ich sage das deshalb, weil die Nichtzigeuner über all die Ressourcen verfügen, auf die wir selbst auch angewiesen sind, oder auf die wir angewiesen wären. Aber wir kommen nicht dran, weil unser Vater oft genug die Sozialhilfe versäuft. Oder der Zinswucherer unsere Mutter verprügelt. Oder unsere große Schwester wegen der Schulden nach Holland verschleppt wird. Oder die für uns so nette Lehrerin von der Mutter des Banknachbarn jede Woche vor der Schule verprügelt wird. So viele von Euch verleugnen das, aber das ist der Grund, warum wir nicht zu den Ressourcen gelangen. Heute sind wir es, die sich davon ausschließen. Obwohl wir dringend auf sie angewiesen wäre, anders gelangen wir nirgendwo hin. Das ist es, was viele Gemeinschaften der Zigeuner verstehen müssten. Wir sprechen von solchen Resourcen, die wir – egal wie viele sie einfordern und wie laut sie es tun – niemals in die Hände bekommen. Weil die Nichtzigeuner sie haben. Und wir können herumschreien oder Drohungen ausstoßen – wir kommen nicht vorwärts.

Die Nichtzigeuner leiten die Städte, sie leiten die Schulen. Sie schaffen Arbeitsplätze, können Arbeitnehmer einstellen, Kredite gewähren. Sie können Häuser verkaufen oder vermieten – an denjenigen, an den sie wollen – als Nachbar verleihen sie ihren Rasenmäher, wenn wir ihn brauchen. Sagt der gesunde Menschenverstand nicht, dass wir versuchen sollten, bestmöglich mit ihnen auszukommen? Wir könnten ein Teil ihres Lebensumfeldes werden, selbst dann, wenn wir uns in bestimmten Dingen uterscheiden, aber auch in einigen Dingen genau so würden wie sie. Die Unterschiede sind angeboren (wir sind eine eigene Ethnie), die Bezugnahme auf die Ähnlichkeiten bedeutet nicht, dass wir unsere eigene Herkunft, unsere ethnische Eigenheit aufgeben, wir können also auch bei der Volkszählung angeben, für was wir uns selbst halten und was wir fühlen. Uns selbst, das Individuum, oder unsere Familie oder Umfeld.

Hierfür muss natürlich jeder wissen, wo er seine eigene ethnische Identität findet. Vor allem im näheren Umfeld. Ich glaube aber, dass sie nicht darin liegen kann, dass wir alle gemeinsam auf die Nichtzigeuner wütend sind – auch wenn es tatsächliche oder vermutete Nachteile gibt.

Bauen wir selbst etwas auf. Etwas, das der andere Zigeuner auch erreichen möchte, und das ihn dazu bringen könnte, so sein zu wollen, wie wir.  So kann man ein Volk, eine Nation schaffen.

Quelle: http://hirszerzo.hu/velemeny/2011/10/10/20111010_forgacs_istvan_ciganysag

Forgács im Fernsehen bei ATV:

http://atv.hu/belfold/20111021_forgacs_istvan

„Die Presse“: Auch Staatspräsident Pál Schmitt kommt zu Wort

Die Tageszeitung „Presse“ hat auch den ungarischen Staatspräsidenten Pál Schmitt interviewt.

http://diepresse.com/home/politik/aussenpolitik/702415/Pl-Schmitt_Ungarn-ist-eine-100prozentige-Demokratie?_vl_backlink=/home/politik/aussenpolitik/index.do

Das Interview ist wohl auch als Antwort auf das Gati-Interview vom heutigen Tage gedacht.