György Konrád: Interview in der NZZ

Die Online-Ausgabe der Neuen Züricher Zeitung veröffentlicht heute ein Interview mit György Konrád über „Ungarn und Mittelosteuropa, Dissidenz und Judentum“ .

http://www.nzz.ch/nachrichten/kultur/literatur_und_kunst/die_einsamkeit_der_nationen_1.12752334.html

 

16 Kommentare zu “György Konrád: Interview in der NZZ

  1. Ich schätze György Konrád, aber hier mache ich mir unwillkürlich Gedanken über sein Demokratieverständnis. Es ist sicher nur unglücklich formuliert, aber so wie es da steht muss man verstehen:

    Der Staat gehört in die Hände der kosmopolitischen Intelligenz (wie Konrád); leider haben ihn sich nun Großmäuler unter den Nagel gerissen.

    Der Staat gehört in die Hände des Volkes, und dort ist er auch. Das Volk äußert seinen Willen in Wahlen, weshalb nun Fidesz an der Macht ist (nicht weil sich Fidesz den Staat „unter den Nagel gerissen“ hat).

    Ein Ergebnis der praktischen Demokratie ist es nun, dass die kosmopolitische Intelligenz (SZDSZ) als politischer Faktor nicht mehr existiert. Ich habe nicht gesehen, dass dort deswegen irgendwelche Selbstzweifel aufkommen, ob man vielleicht inhaltlich hier und da einfach falsch liegt.

    Insgesamt beschleicht mich der Gedanke, dass hier ein sehr elitärer Geist spricht.

    • Das Interview ist in vielerlei Hinsicht ein Beleg für die elitäre Sichtweise der „Intelligenzija“, wie sie Gyula Józsa schon 1996 beschrieben hat. Man hielt sich für das wahre Zentrum des Universums (damit will ich die Verdienste der Dissidenz nicht mal im Ansatz in Abrede stellen, sondern ich spreche von der Nachwendezeit). Seitdem Józsas Beitrag sind 15 Jahre vergangen, und wenig scheint sich verändert zu haben. Mir ist die kritische Haltung Dalos´, wie sie aus dem Originalinterview mit Ihnen zum Vorschein kommt, deutlich sympathischer. Denn Dalos ist deutlich konstruktiver.

      Über die im Ansatz doch positive Bewertung der Habsburgermonarchie („liberaler und föderativer Staat“) durch Konrád bin ich übrigens durchaus überrascht. Zumeist hört man aus dieser Ecke nämlich nur, dass es ein Reich war, das die Minderheiten unterdrückte und dass Trianon die gerechte Strafe für jahrzehntelange Repression war, mit der man endlich abschließen soll. Die Sichtweise Konráds dürfte also die Leser der SZ und des Pester Lloyd durchaus überraschen… 🙂

    • „Insgesamt beschleicht mich der Gedanke, dass hier ein sehr elitärer Geist spricht.“

      Ja und? Ist das ein Problem?
      Ich denke, wir brauchen mehr Eliten.
      Es sei denn man ist für Nivellierung….

      • @ galut: Wir brauchen Eliten. Aber „elitären Geist“ im Sinne einer vom warmen Sofa geäußerten herablassenden Haltung gegenüber anderen brauchen wir, glaube ich, weniger. Ich denke, das ist es, was Kálnoky mit „elitärem Geist“ meinte.

    • Herr Kalnoky, in meiner Wahrnehmung ist der Staat nicht „in den Händen des Volkes“. Oder jedenfalls ist das eine missverständliche Formulierung. Das Volk wählt in regelmäßigen Abständen Abgeordnete (nach Möglichkeit mit einem fairen Wahlrecht, welches einem Austausch der Parlamentarier keine besonders hohen Hürden setzt). Damit endet erst einmal die Rolle des „Volkes“, dann übernehmen die Parlamentarier die Aufgaben (sie sind allerdings nicht „das Volk“, sondern deren legitimierte Vertreter, was ein Unterschied ist). Das Wahlvolk muss zwischen den Wahlen überhaupt nicht mit jeder Entscheidung der Abgeordneten konform gehen, auch wenn es die Parlamentarier legitimiert hat, bestimmte Entscheidungen zu treffen. Der Wähler kann sich zwischen den Wahlen sowohl über Parteien etc. als auch die Presse äussern und verschiedene Kontrollmechanismen, wie Gerichte, nutzen. Letztere insbesondere sollten, selbst wenn auch staatlich, dennoch imstande sein, unparteiisch zu arbeiten und sollten keineswegs den parteipolitischen Zielen derjenigen Personen dienen, die vom Volk mit einer parlamentarischen Mehrheit ausgestattet worden sind. Das wird auch als „in den Händen des Volkes“ verstanden, auch wenn dann damit gemeint ist, dass es Kontrollmöglichkeiten hat über die überparteiliche Bürokratie (was ein ganz anderer Blickwinkel ist als die Legitimiertheit der Abgeordneten). Und diese verschiedenen Aspekte des Staates (gewählte Abgeordnete, hingegen eine staatliche Bürokratie, die mehr oder weniger partei-unabhängig arbeiten sollte) müssen auseinandergehalten werden, ebenso wie die Tatsache dass Abgeordnete zwar legitimiert sind und dennoch Entscheidungen treffen können, die keine breite Unterstützung haben. Das geht meiner Ansicht nach in der ungarischen Diskussion ein bisschen durcheinander, was wirklich die Aufgabe des „Volkes“ ist, und was der „Staat“ für Funktionen hat. Er ist nur dann „in den Händen des Volkes“, wenn er es auch schafft, unparteiische Kontrollmechanismen bereitzustellen, und nicht nur wenn er macht, was die legitimierten Parlamentarier vorschreiben (die dann zu Halbgöttern mutieren würden). Die zweifache Rolle des demokratischen Staates als Hüterin überparteilicher Regeln und als ausführendes Organ der jeweilig gewählten Regierung sollte klar auseinandergehalten werden. So betrachtet, wird dann vielleicht auch klar, warum nicht jeder Verständnis dafür zeigt, wenn Fidesz die Aufgaben des Verfassungsgerichtes einschränkt, die staatlichen Medien (ob nun durch Sparzwang oder willentlich) von kritischen Stimmen befreit etc., denn damit scheint es unwahrscheinlich, dass die erste Funktion (Hüterin überparteiischer Spielregeln) auch irgendwann einmal umgesetzt werden kann.

      • Dann sollten wir es vielleicht wie Sir Karl Popper halten: er forderte, die Frage, wer die Macht im Staat hat, geringer einzuschätzen als die andere Frage „wieviel Macht darf ausgeübt werden?“ 🙂

      • Susanne,

        Konrád spricht davon, dass Großmäuler sich den Staat unter den Nagel gerissen haben.

        Den Staat lenkt derzeit eine Partei, die bei freien, fairen Wahlen überzeugend gewonnen hat. Das kann man eigentlich nicht „unter den Nagel gerissen“ nennen, es sein denn, man hat denkbar wenig Respekt für die kollektive Weisheit des Volkssouveräns und betrachtet dessen derzeit gültige Entscheidung als Ergebnis irgendwelcher Machenschaften einiger Großmäuler.

        Mehr meinte ich eigentlich nicht mit meiner Formulierung „in den Händen des Volkes“, es war als Kontrast gemeint zu Konráds Darstellung. Wie wenig oder wie viel Partizipation und Kontrollinstanzen über Wahlen hinaus wünschenswert sind, das ist eine lange Diskussion.

        Ich nehme an, Konrád meint etwas anderes, formuliert es nur nicht aus – etwa, dass Mechanismen geschaffen werden, die Fidesz bei späteren Wahlen begünstigen könnten. Auch das würde ich nicht ohne weiteres als „unter den Nagel reissen“ beschreiben wollen, aber da er es sowieso nicht genauer erklärt, klingt es einfach nur befremdlich.

  2. Otto Habsburg fragte meinen Großvater einmal „Und wie sind die Juden in der Siebenbürgenfrage eingestellt?“ Die Habsburger stützten sich historisch auf jüdische Unterstützung gegen nationale Bewegungen (was sie nicht davon abhielt, erst sehr spät, Ende des 19. Jahrhunderts, einem Rothschild als erstem Juden überhaupt die „Hoffähigkeit“ zuzusprechen.)

    Inwieweit diese etwas doppelbödige „Judenfreundlichkeit“ ein Ausdruck kosmopolitischer Weitsicht war, oder aus Habsburger Sicht ein „nötiges Übel“ darstellte, um den Thron zu sichern, darüber kann man debattieren.

    Genau wegen dieser Habsburger „Judenfreundlichkeit“ entwickelte sich ein virulenter Antisemitismus – (auch) als Ausfluss der nationalen Strömungen gegen Habsburg.

    Und tatsächlich war das Habsburgerreich ein multikulturelles Projekt, ein Gegenentwurf zum modernen Nationalismus. Insofern kann ich verstehen, wenn „multikulturell“ eingestellte Liberale diesen Aspekt des k.u.k Erbes zu schätzen wissen. Es waren ja auch die Habsburger, die das allgemeine Wahlrecht in Ungarn durchsetzten, wenn ich mich recht entsinne.

  3. „Die Juden können sich kein göttliches Wesen zwischen Menschen und Gott vorstellen. Sie denken sich Gott nicht anthropomorph.“

    Wie bitte?

  4. „In Ungarn ist der Antisemitismus wieder virulent geworden. Oft hört man das Argument, dass es Juden waren, die den Kommunismus angeführt haben.

    Soziologisch gesehen waren es die kleineren Angestellten, bei denen sich der revolutionäre Elan mit der Hoffnung eines gesellschaftlichen Aufstiegs verband. Ob sie nun national oder sozial daherkam, die Revolution war für die Kleinbürger ein Weg nach oben, ein Mobilitätslift. Es mit vielen Worten und grossen Reden so weit bringen konnte man nur in Zeiten der Revolution.“

    Schön, wie er nicht auf die Frage antwortet. Wie langweilend offensichtlich.

  5. „Heisst das, dass die Ungarn heute innerlich zwischen dem Modell Horthy und Kádár wählen?
    Die Wahl ist nicht besonders reizend. Horthy hat einer Million Ungarn den Zutritt zu einer anderen Welt verschafft. 500 000 Christen, die im Krieg gegen Osten geschickt wurden, um gegen die UdSSR zu kämpfen. Und dann wurden eine halbe Million Juden deportiert, noch unter Horthys Herrschaft. Er hat die Verantwortung dafür zwar auf die Regierung geschoben und distanzierte sich von der Judenvernichtung, doch dagegen unternommen hat er nichts. Erst als sich die deutsche Niederlage abzeichnete und er begriff, dass er persönlich zur Verantwortung gezogen werden würde, liess er die Transporte nach Auschwitz stoppen.“

    Admiral von Horthy wird von den Nazis als Kommunist, von den Kommunisten als Nazi und Judenmörder beschimpft…
    Bis März 1944, d.h. bis zum deutschen Einmarsch, war Ungarn das einzige europäische Land östlich der Pyrenäen, wo die Juden noch in Sicherheit waren.
    1945 bedankte sich Dr. Ruben Hecht, später Berater der Premierminister Menachem Begin und Yitzhak Shamir, persönlich beim Admiral für alle Aktionen hinsichtlich der Rettung von Juden.
    1993, anlässlich der nachträglichen Beerdigung von Reichsverweser Horthy in Ungarn, las man unter den vielen Blumen zwei Aufschriften: „ Im Namen der geretteten Juden, János Blumgrund“ und „Die dankbaren Juden“…

  6. „Wo sind die Römer und die Barbaren geblieben ?“

    Wo lebt der Geist der Römer denn weiter? (Ok, im Recht).
    Wo lebt aber der Geist der Barbaren denn weiter?

    Auf die griechische Kultur baut aber die europäische auf. Die jüdische hat die christliche hervorgebracht. Wo ist also das Problem?

  7. Was Sie nicht sehen können/wollen , kann durchaus existieren ?
    Wieso werden auf einmal , auch von Gy. K. Völker, Kulturen mit Religionen vermischt ?

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