Klubrádió: Die Mär vom Anschlag auf einen „unabhängigen Sender“

Der private Radiosender Klubrádió hat um seine politische Präferenz nie einen Hehl gemacht. Moderatoren wie György Bolgár, János Dési und József Orosz garantierten zu jeder Zeit eine ja offen ablehnende Haltung gegenüber Viktor Orbán, Fidesz und den Christdemokraten. Egal ob sich diese in der Opposition oder in der Regierung befinden. Wer sich von deren Objektivität überzeugen möchte und der ungarischen Sprache mächtig ist, dem sei die wöchentliche Sendung „Újságíró Klub“ auf ATV empfohlen.

Auch der Eigentümer des Senders, András Arató, gilt als Unterstützer der Sozialisten. Er betonte zwar, jederzeit eine oppositionelle Rolle einzunehmen, egal wer regiere. Zugleich gab er jedoch an, nach dem Fidesz-Wahlsieg 2010 hätten alle öffentlichen Werbekunden ihre Aufträge storniert. Offenbar war es mit der Unabhängigkeit vor 2010 doch nicht so weit her…

Im Moment werden diverse Radiofrequenzen, unter anderem die 95,3 MHz des Senders, neu ausgeschrieben. Obwohl das Vergabeverfahren läuft und Klubrádió durchaus Chancen hat, wieder zum Zuge zu kommen (sich dabei aber dem Wettbewerb stellen muss), berichtete die ausländische Presse – unter willfähriger Übernahme der Meinung von Klubrádió – postwendend über eine Hexenjagd auf das „letzte unabhängige Radio“ des Landes. Der von Fidesz bestimmte Medienrat versuche, den ohnehin finanziell klammen Sender durch eine Anhebung der Frequenzgebühren „hinzurichten“. Dass der Sender mit dem klar MSZP- und SZDSZ-freundlichen Profil schon 2009 – also vor der „Machtübernahme“ Orbáns – mit sinkenden Werbeeinahmen kämpfte und seine Hörer aufforderte, das Radio durch Sponsoring von Sendeminuten finanziell zu unterstützen, wird so gut wie nie erwähnt. Ebenso verschwiegen wird, dass der finanzielle Kampf ums Überleben trotz der Tatsache begann, dass Klubrádió bislang die Frequenzen offenbar zu einem Bruchteil der üblichen Entgelte erhielt (laut Karola Kiricsi vom Medienrat zu 1/8 der üblichen Gebühren) und damit gegenüber der Konkurrenz deutlich bevorzugt wurde. Hinzu kamen – in der Zeit von 2002-2010 – Werbeeinnahmen aus Aufträgen öffentlicher Institutionen und (MSZP-/SZDSZ) Ministerien, die naturgemäß seit 2010 rückläufig sind. Und zuletzt kamen Verschwörungstheorien wie diejenige von privaten Werbekunden auf, die aus Angst vor der Steuerfahndung die Werbung bei Klubrádió lieber einstellen…

Darüber hinaus wäre es für die fernab des Geschehens stehenden, sich um Pressefreiheit sorgenden Leser deutscher Blätter interessant zu erfahren, wer hinter dem Sender steht. Großzügige Förderungen aus Fonds, die der jetzigen linken Opposition nahestehen und bislang maßgeblich dazu beitrugen, den Sender zu erhalten, sprechen hier ein deutliches Bild, waren aber bis heute keinen einzigen Bericht wert (freilich ganz anders als Präferenzen der heutigen Regierung im Kulturbereich). Ob eine solche finanzielle Anbhängigkeit ein Garant für politische Unabhängigkeit sein kann?

Man schreibt es offenbar nur ungern, wie es ist: Die Opposition sorgt sich um „ihr“ Sprachrohr, keinesfalls um einen „unabhängigen“ Sender. Was letzteres angeht, fällt mir nolens volens der (unabhängige…) Richter-Protagonist Sonnenschein aus dem großen ungarischen Film „A napfény íze“ ein. Dieser wurde von einem k.u.k.-Funktionär abfällig gefragt, von was er denn unabhängig sein wolle: „Von der Welt?“

Wie „unabhängig von eben dieser politischen Welt“ der Sender ist, zeigt sich daran, dass die  MSZP-nahe „Táncsics Stiftung“ unter der Führung von Ex-Ministerpräsident Ferenc Gyurcsány den Sender mit einer Spende von 10 Mio. Forint bedachte. Die Werbeeinnahmen des Senders lagen laut Wochenzeitung HVG im vergangenen Jahr bei 448 Mio. Forint, hinzu kamen 179 Mio. Forint an Förderungen, allein 40 Mio. Forint stammten von der „Stiftung für freie Frequenzen“, einem Fonds, der den Sender Klubrádió unterstützt.

Der Verfasser dieses Artikels hört Sendungen von Klubrádió und würde es aufgrund des Wertes von Meinungsvielfalt bedauern, wenn der Sender seinen Platz verlieren und einem seichten Unterhaltungsprogramm weichen müsste. Allein die Sendung „Megbeszéljük“ (Wir sprechen darüber) von György Bolgár ist ein hervorragender Gradmesser für die Stimmung unter vielen Oppositionsanhängern. Wenn sie auch nicht gerade für die Dialogbereitschaft des linken Lagers über Parteigrenzen hinweg spricht.

Es sollte bei aller Sympathie für Klubrádió aber zu jeder Zeit Wert auf die Feststellung gelegt werden, dass die Streichung von Privilegien (vergünstigte Frequenzentgelte) noch kein Grund ist, einen Kampf gegen die unabhängige Presse zu konstatieren. Abermals scheinen die jetzt wegfallenden Vorteile eines linksliberalen Sprachrohrs die Presse im Ausland viel mehr in Unruhe zu versetzen als der linksliberale Filz, der bislang herrschte. Und natürlich ist es reiner Zufall, dass diejenigen Quellen, die in regierungskritischen Berichten zitiert werden und Beiträge über den Zusammenbruch der Pressefreiheit verfassen, nicht selten Mitarbeiter von Klubrádió sind (Tibor Bakacs, György Bolgár, Júlia Váradi).

Weiterführend:

https://hungarianvoice.wordpress.com/2011/07/24/die-presse-julia-varadi-uber-fehlende-pressefreiheit-in-ungarn/

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3 Kommentare zu “Klubrádió: Die Mär vom Anschlag auf einen „unabhängigen Sender“

  1. Pingback: Die Presse sieht Angst im ungarischen Medienmarkt « Hungarian Voice – Ungarn News Blog

  2. Die TAZ am 21.12.2011:

    http://www.taz.de/Oppositionssender-in-Ungarn-abgeschaltet/!84189/

    „Das vor zehn Jahren gegründete Klubrádió steht der sozialdemokratischen Partei MSZP nahe. Sein Eigentümer András Arató gilt als Unterstützer des glücklosen Expremiers Ferenc Gyurcsány. Im Internet zirkuliert ein Foto, auf dem er Gyurcsány nach dem Wahlsieg der MSZP im Jahr 2006 die Hand küsst.

    Die von Gyurcsány geleitete MSZP-nahe Táncsics-Stiftung bedankte sich bei dem Sender für die Loyalität mit einer Spende von 10 Millionen Forint (rund 33.000 Euro), wie das Magazin HVG im vergangenen September berichtete.“

  3. Pingback: NDR Weltbilder zu Ungarn: Oppositionsdichte 100% | Hungarian Voice - Ungarn News Blog

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