Polemische Gedanken zum Gati-Interview in der „Presse“: Wann ist man „antiwestlich“?

Das morgen erscheinende Interview mit dem renommierten Politologen Charles Gati in der „Presse“ enthält eine interessante Aussage, die Ausgangspunkt einer kleinen Nachtpolemik sein soll:

„(…) in Ungarn scheint derzeit eine prägnant antiwestliche Stimmung zu herrschen. Orbán weiß, dass er damit in weiten Teilen der Bevölkerung gut ankommt.“

Dass Amerikaner im Allgemeinen nicht gerade Meister der Reflexion und Selbstkritik sind, ist dem Europäer bekannt. Dass in Ungarn Teile der Gesellschaft eine vermeintlich „antiwestliche“ Haltung haben, kann meines Erachtens nur einen völlig Uninformierten überraschen. Oder aber es handelt sich um eine Definitionsfrage: Was ist „antiwestlich“? Und vor allem: Was ist „westlich“?

Man muss hier die Frage stellen dürfen, welche „westlichen Werte“ bei den Durchschnittsungarn im Alltag angekommen sind. Demokratie und Freiheit? Durchaus. Aber eben auch ein „man darf alles, als Zeichen der Freiheit des Stärkeren“. Vielleicht ein Ansatz, der in Ungarn, das zur Mitte Europas gehört, ein wenig zu amerikanisch war…

Man kann nicht umher, als auf die in großen Teilen missglückte Privatisierung, die Arbeitslosigkeit, das Verschachern von Staatsvermögen an ausländische Konzerne im Sinne des von den Wendesozialisten geprägten Spruchs „der Staat ist ein schlechter Eigentümer“ (az állam rossz tulajdonos) hinzuweisen. Und auf den Erwerb von Märkten, die systematische Zerstörung von Wirtschaftssektoren durch die westliche Konkurrenz (z.B. der Zementindustrie, um nur ein Beispiel zu nennen; Protagonist war z.B. die schweizerische Holcim-Gruppe, seinerzeit noch „Holderbank“), die Gewährung von Steuervorteilen auf Kosten des eigenen Mittelstands und den Korruptionssumpf rund um die alte Nomenklatur. Und auf neureiche Emporkömmlinge, die einen frech von den Hügeln Budas herab angrinsen und sagen, sie hätten „selbstverständlich“ alles durch Fleiß und harte Arbeit erworben.

Auch das oben Gesagte ist es, was bei vielen Menschen „den Westen“ ausmacht: Geld, das – entgegen der Romantik „blühender Landschaften“ – nicht nur Positives bewirkt, sondern auch zerstört, sich mit der alten Garde verbündet und Parvenus in finanzielle Sphären gehievt hat, von denen auch Topverdiener im Westen nur träumen können. Warum? Weil die zur rechten Zeit an den Schalthebeln der Macht saßen. Und nach kapitalistischen Erwägungen wird eben ein Auto, das fahrbereit ist und einem den Weg komfortabler gestalten kann, auch betankt … der größte Kapitalismus war eben doch der sein Leben aushauchende  Realsozialismus:  Der Staat ist ein schlechter Eigentümer – also her mit den Produktionsfaktoren!

Die EU hat Ungarn zwar Transferleistungen aus Kohäsions- und Strukturfonds von beträchtlichem Ausmaß gebracht: Das Geld floss aber auch hier nicht selten in sinnlose Projekte oder versickerte zum Teil in dunklen Kanälen – warum muss z.B. die Lichtanlage einer Diskothek mit EU-Mitteln gefördert werden, anstatt Straßen in Roma-Siedlungen zu bauen oder Schulen auf dem Land zu modernisieren? Statt den öffentlichen Verkehr, schon aus Umweltgründen heraus, zu stärken, wurden die Nebenstrecken der Bahn, für viele das einzige erreichbare Verkehrsmittel, systematisch kaputtgemacht. Dafür gab es dank Investitionshilfen und Immobilienspekulation Einkaufszentren „satt“, in denen die Verkäufer(innen) sich mangels Kundschaft fast zu Tode langweilen. Jedem Leser sei ein Besuch im „Mammut“ oder im „Westend City Center“ in der Hauptstadt empfohlen.

Und selbstredend wurden (und werden bis heute!) immer die einem selbst nahstehenden Kreise mit Zuckerln bedacht, so gut es geht. Stets auf Kosten der Bevölkerung. Ein ewiges, das Bild der Demokratie untergrabendes, dem realsozialistischen Klüngeldenken entsprechendes, unsägliches Hin und Her, das so durchschaubar wie phantasielos ist. Und dafür gesorgt hat, dass die Trennungslinie seit je her zwischen den Parteilinien verläuft. Anstatt dort, wo sie hingehört: Zwischen Anständigen und Korrupten, zwischen Demokraten und denen, die sich auf Kosten der Gesellschaft bereichern wollen.

Thema Landwirtschaft: Der ungarische Bauer, der die Vorteile der EU – d.h. den freien Export in andere Mitgliedstaaten – nicht am eigenen Leib erfährt, wird ebenfalls durch große Worte allein nicht davon abgelenkt werden können, dass der freie Warenverkehr die ungarische Landwirtschaft (z.B. den Obstanbau) durch Dumpingpreise hart mitnimmt. Gleichgültige Sprüche wie „das ist eben die EU, Ihr wolltet doch rein“ können nur von denen kommen, die aus der besseren Position, von oben herab, sprechen. Marktwirtschaftlich ist dieses Geschwätz vielleicht noch (!) verständlich, aber eine unerträgliche Ignoranz gegenüber der in den ärmeren Mitgliedstaaten herrschenden Situation und zugleich die völlige Ausblendung des Zwecks der EU. Die will nämlich nämlich nicht die schwächeren Mitgliedstaaten zerstören, sondern Unterschiede abbauen. Denn die EU ist, auch wenn das die heute vorherrschenden Roland Bergers und sonstigen BWL-Nerds dieser Welt vergessen haben, ein Friedensprojekt.

Ich selbst bin zwar ein Verfechter der Grundfreiheiten und habe die ungarischen Eingriffe in bestimmte Sachbereiche in zahlreichen Fachpublikationen kritisiert: Dennoch muss man sich in der Strukturpolitik effektiv und zügig um Nivellierung der Unterschiede bemühen. Dies setzt die Einsicht voraus, dass Profiteure der Grundfreiheiten in erster Linie diejenigen sind, die bereits heute effizient wirtschaften, weil sie über große Flächen und modernstes Gerät verfügen – und eben nicht der ungarische Bauer des beginnenden 21. Jahrhunderts. Obwohl jener vielleicht sogar näher am Ideal der naturnahen und ressourcenschonenden Landwirtschaft dran ist als die spanischen Mega-Farmen, die die Flüsse austrocknen, um uns in den Weihnachtstagen günstige Tomaten aus Almeria zu bescheren…

Und natürlich hat auch die Unberechenbarkeit der ungarischen Agrarpolitik ihren Beitrag geleistet: In den Jahren 1998-2002 wurden zahlreiche Kleinbetriebe finanziell gefördert, um einen „bäuerlichen Mittelstand“ ins Leben zu rufen, der eine Chance hat, auch in offenen Märkten zu bestehen. Beispielsweise gab es Förderungen für den Anbau von Beerenfrüchten. Nach 2002 wurden diese Förderungen postwendend gestrichen, weil die Experten von MSZP und SZDSZ die Empfänger für „nicht konkurrenzfähig“ hielten. Dass Bauern, die im Glauben an eine Förderung Invesitionen vorgenommen hatten, aus Verzweiflung Suizid begangen, sei hier nur beiläufig erwähnt, um das Ausmaß der menschlichen Tragödie zu verdeutlichen. Von der liest man nämlich nichts in den EU-Regio-Berichten.

Und wie macht man jemandem, der selbst keine wirtschaftlichen Vorteile aus der Demokratisierung und der Globalisierung ziehen konnte und sich als Spielball der Großen und Mächtigen in Budapest und Brüssel sieht, denn klar, dass gerade die zu Oligarchen und „Sozialdemokraten“ mutierten Jungkommunisten heute großspurig Vorträge über freie Marktwirtschaft (und Demokratie) halten, als seien sie höchstselbst für diese Erfindungen verantwortlich? Und ihre Sichtweise dank ideologisch ähnlich gepolter Redaktionsbüttel ungestört in die Welt hinaustragen können, um im Inland Wahlkampf zu machen? Wieder grinsen sie, diesmal nicht vom Rosenhügel, sondern von der Titelseite der westlichen Zeitungen. Der Spruch „Land of opportunities“ gilt zweifellos für diese Leute und ihren Dunstkreis, dürfte aber wohl etwas zu abgedroschen sein gegenüber „Normalbürgern“ mit einem Durchschnittseinkommen von 450 EUR bei den durch und durch westlichen Lebenshaltungskosten in Budapest, denn die Kinder werden von Motivationssprüchen nämlich nicht satt. Tatsächlich ist Ungarn – das haben alle meine Erfahrungen und Gespräche mit Unternehmen und Unternehmern bestätigt – das Land, in dem der Stärkere, der Finanzkräftige, in den letzten 20 Jahren fast unbeschränkt agieren und sich auf Kosten des Volkes bereichern konnte. Und wer die besten Ausgangspositionen hatte, nach 1989 durchzustarten, das weiß jeder, der sich mit Ungarn vertieft befasst hat.

Hinzu kommt als weitere Folge der realsozialistischen Überlebensmentalität die desolate Steuermoral: Wer keine Steuern zahlt – das gilt für Reiche und Arme gleichermaßen – darf sich zwar nicht wundern, wenn Straßen immer mehr Schlaglöcher bekommen. Hier sehe ich die Verantwortung zum einen bei einer auf sich selbst bezogenen Elite, immer von dem Willen beseelt, das Beste für sich selbst herauszuholen (Vorreiter: SZDSZ!), als auch in dem Versagen der gesamten (diesmal ungarischen) Politik, die bis heute keine effiziente Steuerkontrolle eingeführt hat. Wer ungestört Steuern hinterziehen kann, der tut es eben. Gerade wenn er gelernt hat, dass man tricksen muss, um weiter zu kommen.

Der „Westen“, der von seinen Kontakten zu den mächtigen Wendehälsen profitierte (fragen wir doch Holcim, wer dem Unternehmen die Möglichkeit gab, Zementwerke günstig zu kaufen, um sie dann postwendend schließen zu können), sollte sich Gedanken darüber machen, inwieweit er selbst zu dieser negativen Stimmung beigetragen hat, die Teile der Bevölkerung erfasst. Natürlich ist der Westen nicht an allem schuld, wie immer steht hinter den Problemen Ungarns ein Ursachenbündel. Wir alle sollten aber begreifen, dass insbesondere westeuropäische Unternehmen sich in der Wendezeit nicht selten wie Kolonialherren verhalten haben. Die Stimmung, die wir jetzt sehen, ist somit auch das Ergebnis jahrelanger Klientelpolitik auf (mit unterschiedlichen Schattierungen) allen Seiten des politischen Spektrums. Und damit eine zeitweilige Überkompensation der Enttäuschungen der jüngeren Vergangenheit. Und die „Westpresse“ hat nichts besseres zu tun als die Mitverantwortung des Westens fast durchgehend zu ignorieren und mit erhobenem Zeigefinger ein oberflächliches, mitunter grotesk falsches Bild Ungarns zu zeichnen.

Um nicht in den Verdacht zu kommen, hier wie Jobbik zu sprechen: Den trefflichen Vergleich von den Kolonialherren hat Péter Nádas in der ZEIT gebracht.

https://hungarianvoice.wordpress.com/2010/04/15/zeit-interview-mit-dem-schriftsteller-peter-nadas-westeuropa-sollte-seine-mitverantwortung-erkennen/

Die Wertschätzung der freien oder sozialen Marktwirtschaft setzt voraus, dass die Politik die Rahmenbedingungen für eine faire Teilhabe eines Großteils der Bevölkerung am gesellschaftlichen Aufstieg schafft. Keine Gleichmacherei, aber möglichst die gleichen Startbedingungen. Das war in Ungarn in den vergangenen 20 Jahren nie der Fall. Falls es der jetzigen Regierung (trotz 2/3-Mehrheit) nicht gelingen sollte, hieran endlich etwas zu ändern, wird auch sie letztlich grandios scheitern. Zu Recht, sage ich schon jetzt: It´s the economy, stupid!

Wer die „antiwestliche“ Haltung der Ungarn kritisiert, mag in Teilen Recht haben. Der Westen selbst ist aber gefragt, sich an der einen oder anderen Stelle selbst ein menschlicheres Antlitz zu geben. Und von seinem hohen Ross herabzusteigen. Denn wer herumschubst, kann eben nicht nur mit  Gegenliebe rechnen.

13 Kommentare zu “Polemische Gedanken zum Gati-Interview in der „Presse“: Wann ist man „antiwestlich“?

  1. Vielem, mehr oder minder allem, HV, kann man, muss man zustimmen. Kurz ein paar ergänzende Anmerkungen. Vielfach erscheinen sie gewiss trivial, insbesondere jenen, die hier in Ungarn leben.

    EU-Fördergelder
    Aus „meinem“ Umfeld, Stichwort Weinbau. Das System fördert jene, die es am wenigsten benötigen: die Großen. Es gibt zig kleine, erfolgreiche Jungwinzer, die eigene wege gehen und bemerkenswerte Weine erzeugen und ganz wesentlich zur Renaissance des ungarischen Weines beitragen. Sie verkaufen ihre Bestände ohne größere Probleme, können aber nur schwerlich wachsen. Es fehlt am nötigen Eigenkapital für die Investitionen. Und so kämpfen sie bisweilen um ihre Existenz und leben äußerst bescheiden am Limit. Das Eigenkapital haben die Großen, einige neue mit Investoren-Hintergund und viele Alteingesessene, die gleich nach der Wende sehr geschickt viel an sich gezogen haben. Wie und woher sie kamen… Und viele dieser Großen expandieren sukzessive seit 1990, stets fürstlich unterstützt von EU-Gelder.

    Andererseits vergisst und übersieht jeder gerne, wo man ohne EU-Gelder stünde. Stichwort Infrastruktur. Straßen (inzwischen teils bis in kleinste Diorfnebenstraßen), Kanalisation, öffentliche Bauten, Spielplätze… Hier geht es auch vielfach um sinnvolle Projekte.

    Und man muss sich fragen, inwiefern die populistische EU-Schelte und die (rhetorische) Abwendung vom „Westen“, welche die gegenwärtige Regierung mit viel nationalistischer Hingabe betreibt, der Sache gut tut?

    Stichwort Werte, Wertschätzung. Man scheilt nach Westen, möchte die Lücke lieber gestern als heut und gar nicht erst bis morgen wartend morgen schließen. Das bedeutet in erster Linie, den Lebenstandard auf den „westlicher“ Länder anzuheben. Das manifestiert sich vor allem in Konsumgütern, das Materielle wird zu Statussymbolen überhöht. Dass die Gehälter sich nicht so schnell angepasst haben, wie man dachte oder hoffe und es auch in absehbarer Zukunft nicht tun werden, sollte langsam jedem klar sein. Das gilt für die Mehrheit der Bevölkerung.

    Bedauerlich: Qualität zahlt sich häufig nicht aus. Wie schwierig ist es, einen guten Handwerker zu finden. Unverständlich, dass hier keine Anreize geschaffen werden, die den Familienbetrieben eine echte Perspektive bieten. Eine Art von Gütesiegel wäre denkbar. Andererseits: kaum einer ist bereit, auch nur 5-10% mehr zu zahlen. Lieber ärgert man sich später über die grottenschlechte Ausführung und dass alles noch einmal gemacht werden muss.

    All das verstärkt die Spannungen in der Gesellschaft, die schon in kleinen Alltagsszenen virulent werden. Das demokratische, soziale Miteinander in der „normalen“ Bevölkerung scheint durch den Kommunismus nachhaltiger zerstört und die Politik fühlt sich bis heute nicht dazu berufen, dagegen anzugehen oder wenn ja, allenfalls mit äußerst fragwürdigen Mitteln, die im besten Falle am Otto-Normabbürger ungestreift vorbeigehen.

  2. HV und Peter K., Ich stimme eigentlich in allen Punkten zu, habe zwei oder drei Zusätze:

    – Antiwestlich ist man bei manchen im Westen ja schon wenn man das eigene Land und dessen Wohl über das Bekenntnis zur EU und zu liberalen Ideologien stellt. Das heißt nicht, dass man tatsächlich antiwestlich ist.

    – Peter K. trifft einen wunden Punkt – Ungarn leiden viel stärker an verzerrten Erwartungshaltungen als Menschen etwa in Rumänien oder anderen Nachbarländern. Nach der Wende orientierten sich alle Ungarn am Lebensstandard Deutschlands und Österreichs, um dann zu klagen, dass es ihnen im Vergleich schlechter geht. (Dabei gibt es in Ungarn anteilsmässig zB sehr viel mehr Immobilienbesitzer als in besagten Ländern.) Niemand verglich den eigenen Standard mit, sagen wir, Rumänien oder der Slowakei – Länder, deren Ausgangslage zum „Startpunkt“ der Wende viel näher an jener Ungarns lag. Mehr Realismus täte Ungarn gut.

    – Das Land erlebt eine tiefe Sinnkrise, was vielleicht sogar ein indirekter Nutzen der wirtschaftlichen Probleme sein kann. Das ist ein Grund für die Rückbesinnung auf „alte“, „ungarische“ Werte, und das wird von aussen als „antiwestlich“ verstanden. Diese Werte sind aber durchaus europäisch. Es gibt zwar eine reaktionäre, nationalistische Komponente, aber auch Elemente einer gesünderen Justierung in Richtung eines für die Zukunft brauchbareren Wertesystems – eines, das sich auf Kernwerte des Westens konzentriert, die Europa selbst mit seiner radikalen Abwendung von den eigenen christlichen Wurzeln allmählich zu vergessen droht. Zu solchen Werten zählen der Gedanke der individuellen Verantwortung, der Familie und des Gemeinwohls.

    • @Boris Kálnoky:

      – Guter, treffender Hinweis auf den falschen Bezugspunkt, der von vielen genommen wird. Interessant wäre auch ein Vergleich der Selbstwahrnehmung und jener des „Westens“, der EU in Polen, Tschechien, der Slowakei zu machen, was ich mir allenfalls fragmentarisch zutrauen würde und doch lieber lasse.

      – Die „Rückbesinnung auf „alte“, „ungarische“ Werte“ erscheint mit künstlich und doch sehr aufoktryiert. Zumindest ist das entweder gar kein Thema oder geht den Leuten angesichts der realen Alltagsprobleme gelinde gesagt wo vorbei. Grundsätzlich stelle ich mir seit längerem angesichts des dort sich zeitigenden Aktionismus der gegenwärtigen Regierung (von Umbenennung (Moszkva tér zu Széll Kálmán tér, aus Hungary wird Magyarország bei Olympia 2012), Streichungen (offiziell keine Republik im Landesnamen), Umfärbungen(stadtfarben Budapests)) die Frage, inwierfern das vergfängt bzw. verfangen soll – und tatsächlich wird. Zumindest dem jungen, gebildeten Ungarn, das erlaube ich mir aus dem Freundes- und Bekanntenkreis umzulegen auf eine Generation, kommt das ganze eher lächerlich und unnütz vor und könnte allenfalls sehr langsam, sehr subtil und langfrsitig zu einer nachhaltigen veränderung führen. Ob die dann auch noch positiv zu bewerten ist, steht auf einem ganz anderen Blatt.

      • Was die Leute denken, das kommt drauf an, mit welchen Leuten man verkehrt. In meiner Altergruppe (40-60) und unserer gesellschaftlichen Schicht (eher konservativ-christlich gesinnt) hatte ich in den letzten Monaten in Ungarn große Schwierigkeiten, überhaupt die Idee zu vermitteln, dass irgendetwas schief liegen könnte auf Regierungsseite. Die internationale Kritik stößt da auf verständnisloses Kopfschütteln, und Änderungsbedarf sieht niemand.

        Was den Kritikern als problematisch erscheint, dazu sagen diese Ungarn „Wir haben eine Regierung, die entschieden auftritt – endlich einmal.“

        Es gibt natürlich auch viele junge Menschen, die sich einfach nur perspektivlos fühlen, auch keine Wohnung geerbt oder zu 10 Prozent des Marktwertes gekauft haben wie die Wende-Generation. Sie wollen eine Zukunft sehen, nicht nur die Nationalfahne oder das Stefanskreuz.

        Viel schlimmer ist, dass man besagte junge Menschen ja langsam im Museum ausstellen müsste als die letzten ihrer Art, wenn es so weiter geht. Um eine Jugend zu haben, braucht man Famiilien, und Familienwerte. Da wäre die Rekonstruktion einer konservativ-christliche Weltsicht bei jüngeren Leuten vermutlich doch hilfreich.

  3. Zu der fabelhaften Analyse bzw, Kommentaren von HV, Peter K und B- Kálnoky:
    Besteht ein Zusammenhang zum Besuch Viktor Orbáns am Europäischen Ratstreffen in Brüssel am 23. Oktober???
    Meiner Ansicht nach sollte er speziell an dem Tag in Budapest sein…

  4. @Boris Kálnoky.

    Interessant. Da treffen dann doch Parallelwelten aufeinander, was die Wahrnehmung anbelangt.

    Im meinem Freundes- und Bekanntenkreis (28-40) regen sich in der Tat Fluchtreflexe. Und zwar deshalb, weil man von vielem, was die derzeitig Regierung macht, wenig bis nichts hält. weil bisweilen die letzte Hoffnung gestorben ist und man allenfalls kopfschüttelnd, süffisant grinsend den populistisch-nationalen Popanz und das (neue, aber eben anders gelagerte) Machtgebahren betrachtet und eine klare Linie und echte Veränderungen an anderen Stellen (Wirtschaft-, Finanzpolitik), genau das, was man erwartet hatte, vermisst.

    Aber auch im engsten Familienkreis, mit einer standfesten Fidesz-Hochburg, ist für den nächsten Wahlgang jetzt schon klar, dass man bestenfalls aus Ermangelung an Alternativen wieder OV und seine Mannen wählen wird. Wenn überhaupt. Politikverdrossenheit. Demokratiefrust.

    Eine große Mehrheit, mit der ich hobbybedingt (Weinblog) in längere Gespräch verwickelt bin, ist größtenteils so apoliitisch wie jeder Normalbürger in Deutschland auch. Erfrischend normal also, und da fragt man sich bisweilen, wo diese gesellschafliche Kluft eigentlich ist, ob sie überhaupt existiert oder vielmehr unnötig künstlich am Leben gehalten wird? Und diese Leute konstantieren ernüchtert, dass sich letztlich doch nichts ändert und man sich eben weiter irgendwie durchwurschteln muss. Darin wiederum ist man ja wirklich gut und manch ein Ansatz und der sich dahinter verbergende Mut und oft auch Kreativität kann man nur bewundern.

    Und in eigener Sache: ich habe Familie und möchte unter dieser merkwürdig verbrämten pseudo-katholisch patriotistisch-folkoristischen Vorgaben von dem, was man gefälligst zu denken hat, meine Kinder jedenfalls nicht aufwachsen lassen. Weil ich ihnen in einer offeneren, liberaleren Gesellschaft mehr Entwicklungschancen hin zu weltoffenen, mehrsprachigen Europäern einräume, als in dem hier in Ansätzen sich abzeichnenden Konstrukt einiger wie auch immer gearteter Köpfe. Auch wenn wie gesagt meiner Meinung nach offen ist, inwiefern das alles verfängt, hängen bleibt, nachhaltig Wirkung zeigt.

  5. Lieber Peter K.,

    Ich verstehe Ihre Sicht, erlaube mir nur die Anmerkung, dass es im konservativen Lager seit eh und je eine sogenannte christlich-liberale Linie gibt (dafür stand damals Ministerpräsident Antall). Ich bin mir bewusst, dass das für deutsche Ohren seltsam klingt, es ist aber jedenfalls ein Geist, der weltoffen, europäisch und liberal ist. Und zugleich solide in konservativen und christlichen Werten verankert.

    Es ist diese Strömung, die wir stärken müssen, um die Polarisierung der ungarischen Gesellschaft und auch die tatsächlich antiwestlichen Strömungen zu überwinden. Die Linken sollten ihren Teil dazu beitragen und selbstkritisch ihre reflexartige Intoleranz prüfen, sobald das Wort „christlich“ oder „konservativ“ erklingt.

    • Lieber Herr Kálnoky,

      man steht sich ganz offensichtlich gedanklich doch recht nah. Und das ist gut so.

      Bleibt die generelle Frage, die ich einfach so in den Raum stellen möchte, ob die jetzige Regierung mit ihren Mitteln und dem eingeschlagenen Weg das wirklich angemessen und mit der richtigen Umsicht fördert. Ich sage klar nein und bedauere sehr, dass man mit genau diesen Eigenschaften, der nötigen Umsicht, dem richtgen Fingerspitzengefühl und wahrer, aus einer in Maßen angewandten Macht gewonnenen Größe einmal mehr viel, nein eine Große Chance verpasst hat. Dasselbe gilt für das überfällige Überkommen derartiger Reflexe, die nur verstärkt werden, was jedoch nichts entschuldigt.

      Auch wäre es wünschenswert, wenn es ein Neuanfang hinsichtlich einer Definition dessen, was „liberal“ bedeutet, gemacht würde. Einfach um eine Grundlage für eine Diskussion, ein Gespräch miteinander mit Respekt auf gleicher Augenhöhe zu ermöglichen.

      Wer das dann führen sollte und könnte, ist für mich angesichts der bestehenden Konstellation und der Beteiligten auf beiden (ausdrücklich beiden!) Seiten (die Regierungsmannschaft an sich einerseits, kaum (LMP) bzw. keine relevanten und in Frage kommenden Vertreter andererseits) nicht wirklich greifbar, nicht denkbar und muss daher leider Gottes bis auf weiteres vertagt werden.

      • Nein muss es nicht. Es ist aber tatsächlich schwer, und wer die Seiten zusammenbringen will, muss Frust in Kauf nehmen. Ich stelle aber gerade dieser Tage fest, dass es noch andere Menschen ausser mir gibt, die von so etwas träumen und die eigene Hoffnung bereits für eine Chance halten. Wahrscheinlich müssen wir Auslandsungarn versuchen, den Stein ins Rollen zu bringen, die daheim stecken zu tief in den Schützengräben.

    • Haben Sie den Beitrag, den ich gestern verfasst habe, überhaupt gelesen? Was sagen Sie zu dem Thema des threads? Was ist „antiamerikanisch“?

      Was die „Charter“ angeht. Ich werde sie mir gerne durchlesen, die Teilnahme von Éva S. Balogh – einer Dame, die die Vorkommnisse von 2006 zu einem Fidesz-Putsch umschreiben wollte – ist aber eher ein Merkmal, das mich an der Redlichkeit zweifeln lässt.

  6. HV ich leide unter einer Erkältung, d.h. ich setze mich nur kurz zum PC, hauptsächlich, um mail anzuschauen.
    Diese Anklageschrift erhielt ich per e-mail und dachte, das könnte Ihre Leser interessieren, gerade weil Prof. Éva S. Balogh Mitverfasserin ist. Ich habe nur hereingeschaut, war jedoch nicht in der Lage sie zu drucken und zu lesen. Das werde ich erst nächste Woche tun können. Vielleicht werden Sie bis dahin diesen Text gelesen und analysiert haben.
    Prof. Balogh hat lange an der Yale Uni osteuropäische Geschichte gelehrt.
    Und im Gegensatz zu Ihnen schätze ich sie hoch.
    Wahrscheinlich ist das ein Geschenk der ehemaligen Teilnehmerin der Revolution 1956 Balogh an ihre Landsleute anläßlich des nahenden Festtages.
    Das was ich auf Hungarian Spectrum von ihr lese überzeugt mich. Noch habe ich ihre letzten Artikel nicht gelesen, heute hat sie einen über den Zustand der Wirtschaft publiziert.
    http://esbalogh.typepad.com/hungarianspectrum/2011/10/if-there-is-no-bread-circus-will-do.html

  7. Liebe Mitleser und -schreiber,
    dieser Beitrag und die Kommentare kommen dem Kern der Sache schon sehr nahe.
    Ich möchte gleich und ähnlich Gesinnte einfach ermutigen, ohne viel Csinadratta gemeinsame Sache zu machen. Carpe diem, nutzen wir einfach die mehr oder weniger begrenzten Chancen, die sich einem derzeit bieten. Auch wenn es danach ausschaut, dass wieder einmal Chancen vertan werden – das ist doch keine Gesetzmäßigkeit und wenn wir uns auf verschiedenen Gebieten vernetzen und den Tag nicht verdrießen lassen, wird der Schaden weniger groß ausfallen.
    Danke auch den Auslandsungarn für ihr Engagement. Bin selber einer, in dem Sinn, dass mir nach der Wendezeit Auslandsungarn die ungarische Sprache und Kultur vermittelt haben und ich seither als integrierter Ausländer in Ungarn lebe.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s