3Sat und die immer gleichen Zutaten…

Martin Rosefeldt von 3Sat berichtet über Ungarn:

http://www.3sat.de/mediathek/mediathek.php?obj=27742&mode=play

Die Zutaten der Ungarn-Berichterstattung sind immer die selben. Gerade so, als würde man als Kind täglich dazu genötigt, Rosenkohl zu essen.  Selbst wenn man sie anfangs duldet, wird man der Beilage nach kurzer Zeit überdrüssig. Vor allem, wenn man weiß, dass es auch anderes gibt. Und trotzdem kommt es immer wieder, das grüne Zeug mit dem bitteren Geschmack…

Der „Rosenkohl“ von 3Sat ist verkörpert in folgenden drei Behauptungen, die offenbar in jedem einzelnen Beitrag enthalten sein müssen.

1. Orbán bekämpft die Kulturschaffenden
Der Bericht beginnt mit der Präsentation einer Theatergruppe namens „krétakör“ (Kreidekreis) und dessen dreiteilige Schöpfung „Krízis“ (Krise). Es geht u.a. um häusliche Gewalt. Schnell kommt die – leider nicht näher begründete – These, mit der Inszenierung werde „unterschwellig Kritik an der Regierung geübt“ . Und schon ist man dort angekommen, wo man hin will. Im weiteren Verlauf erfährt der Zuseher, dass die „legendäre Bühne von Krétakör“ vor drei Jahren geschlossen wurde. Aha, denkt sich der Uninformierte, das Theater übt (s.o.) „unterschwellig“ Kritik an der Regierung, und wurde „geschlossen“ . Ein Beleg dafür, was Orbán für einer ist…zwar ist der erst im vergangenen Jahr an die Macht gekommen, sodass das Theater noch unter der Ägide der so  „kulturfreundlichen“ Linken und Liberalen (in Budapest regierte ebenfalls die heutige Opposition) geschlossen wurde (damals habe ich allerdings noch keine aufgeregten Berichte darüber gehört). Aber der Sprecher bringt es nicht übers Herz, die Situation auch für weniger Informierte klarzustellen. Bestimmt reiner Zufall.

2. Radikaler Umbau der Verfassung „auf Kosten von Pluralismus und bürgerlichen Grundrechten“
Das zweite Kügelchen Rosenkohl. Volle Ladung. Eine Frau kommt zu Wort und behauptet, die Regierung würde „sie überhaupt nicht unterstützen“. Obdachlose würden „dafür bestraft, dass sie kein Zuhause haben“. In dieser Pauschalität zwar eine glatte Lüge (*) zwar und eigentlich eine Steilvorlage für einen Kommentar des Journalisten bzw. Gelegenheit, die andere Seite zu Wort kommen zu lassen. Leider sucht man Stimmen des rechten Lagers aber vergeblich – waren wahrscheinlich nicht verfügbar. Denn es ist ja bekanntlich reine Verschwörungstheorie, wenn man darauf hinweist, dass sich die deutschsprachige Presse immer nur auf einen Teil der öffentlichen Meinung in Ungarn stützt bzw. stürzt. Aber das Gerede der Passantin hört sich in westlich-aufgeklärten Kreisen offenbar sehr gut an, man weiß gleich, gegen was man kämpft – oder kämpfen sollte. Ein Weckruf für alle, die den Kommentar des ZDF-Chefredakteurs im Januar 2011 verpasst hätten. Toll auch die ins Blaue hinein aufgestellte Behauptung, hilflose Menschen würden „immer öfter geschlagen“. Meint die Dame vielleicht die Polizeiübergriffe des Jahres 2006? Kaum.

3. Orbán = polpulistisch-nationalistisch-feudal
Furchterregend, nicht wahr? Alles, wogegen Linke, also diejenigen, die das Monopol auf Freiheit, Aufklärung, Bürgerlichkeit und Menschenrechte halten, seit Anbeginn zu kämpfen vorgeben, verkörpert in nur einer Person. Da fällt es leicht, den Hass zu kanalisieren. Und „umerzogen“ werden soll die ungarische Bevölkerung auch…die Anlehnung an den Nationalsozialismus ist bestimmt rein zufällig. Und während sich der Zuseher den vorletzten  Bissen Rosenkohl einverleibt, hört er die Worte von Ágnes Heller (angeblich „Staatsfeind Nr. 1), der Philosophin, die (Zitat Gáspár Miklós Tamás) „in politischen nur selten Recht hat“: Ungarn baue Kontrollinstanzen ab, die Presse werde beschränkt. Erstere Aussage ist nicht von der Hand zu weisen, die zweite ist falsch: Seit Inkrafttreten des Mediengesetzes wird weiter freimütig die Regierung kritisiert. So, wie es in einer Demokratie möglich sein sollte. Wer die Népszava liest, merkt jedenfalls von Zensur nichts. Und eine Geldstrafe traf just einen Sender, dessen Moderator sich antisemitisch geäußert hatte.

4. Antisemitismus
Natürlich darf auch der Vorwurf des Antisemitismus bzw. der Sympathie mit diesem nicht fehlen: Der Zuseher erfährt, dass „Viktor Orbán“ den Budapester Moskauer Platz kürzlich umbenannt habe, „nach einem antisemitischen Wirtschaftsreformer der Jahrhundertwende“ . Man glaubt, sich verhört zu haben. Der Platz heißt seit 2011 tatsächlich wieder „Kálmán Széll Platz“, erhielt also seinen früheren Namen zurück. Für 3Sat ein unwichtiges Detail, es wird verschwiegen. Ebenso wie der Umstand, dass der Platz in der tiefsten stalinistischen Ära in „Moszkva tér“ umbenannt worden war. Ob die Umbenennung im Jahr 2011 nötig, opportun oder was immer ist, darüber lässt sich streiten. Nicht aber über die Behauptung, „Viktor Orbán“ habe den Platz umbenannt: Die Entscheidung wurde vom Budapester Stadtrat getroffen. Es gibt also tatsächlich noch Institutionen, die nicht den Namen „Orbán“ tragen, auch wenn es die Redakteure von 3Sat verwundern sollte. Schlimmer noch die Behauptung, der in den Jahre 1899-1903 amtierende Ministerpräsident Kálmán Széll (1843-1915) sei ein „antisemitischer Wirtschaftsreformer“. Wer die Intention dieser Aussage nicht erkennt, dem ist nicht zu helfen. Ich werde sie daher nicht niederschreiben. Nur so viel: Der Versuch, das Attribut des Antisemitismus unterzubringen, ist mitunter ebenso zwanghaft wie entlarvend. Széll war Mitglied der Liberalen Partei, daneben übrigens auch Schwiegersohn von Ferenc Deák, der den Ausgleich zwischen Österreich und Ungarn im Jahre 1867 maßgeblich mitgestaltet hatte.

Széll, der „Antisemit“. Behauptungen, die durch öffentliche Rundfunkabgaben der deutschen Zuseher mitfinanziert werden. Der letzte Bissen Rosenkohl ist der bitterste. Das Fazit folgt auf dem Fuße: Ohne den aufgeklärten Westen wird es schwer sein, dem „feudalen Übervater Orbán und seinen rechtsextremen Helfern die Stirn zu bieten“. Völker, hört die Signale, auf zum letzten Gefecht…

Der Informiertere unter den Zusehern (der zum Beipiel weiß, dass die Rechtsextreme in der Opposition ist) schüttelt den Kopf. Inhaltlich kann er  solchen Berichten nur wenig Belastbares abgewinnen. Aber immerhin weiß er nun, dass derart tendenziöse Berichterstattung, teilweise sogar mit falschen Übersetzungen hinterlegte Beiträge, zum Standard-Repertoire des öffentlichen Rundfunks zu gehören scheinen.

Und gut zu wissen, für welche Art von Medien- und Pressefreiheit manch einer eintritt.

(*) Nach einer neuen gesetzlichen Regelung sollen Obdachlose, die trotz Vorhandensein einer ausreichenden Zahl von Notunterkünften im Freien nächtigen – und sich so z.B. dem Kältetod aussetzen – mit Geldbuße oder Haft belegt werden können. Die Regelung tritt im Dezember in Kraft.