Menschenrechtsverstöße ohne Echo: Slowakei entzieht Angehörigem der ungarischen Minderheit die Staatsangehörigkeit

Olivér Boldoghy war Slowake. Und er ist Angehöriger der ungarischen Minderheit in der Slowakei. Das Innenministerium der Slowakei hat vergangene Woche entschieden, dass Boldoghy kein slowakischer Staatsbürger mehr sein darf. Die Behörde schrieb ihn an und verkündete, Boldoghy, der es gewagt hatte, das Angebot Ungarns auf erleichterten Zugang zur ungarischen Staatsbürgerschaft anzunehmen und die Staatsangehörigkeit seiner Vorfahren anzunehmen, werde die slowakische Staatsbürgerschaft entzogen. Er wurde kurzum aus dem Register gestrichen und gilt jetzt als „wohnsitzlose Person“: Er hat nun 90 Tage Zeit, den Aufenthalt (in seinem Geburtsland) zu legalisieren…

Boldoghy, der über keinen Wohnsitz in Ungarn verfügt und auch nie vorhatte, seine Heimat Slowakei zu verlassen, der Steuern in der Slowakei zahlte und als selbständiger Unternehmer seinen Lebensunterhalt verdiente, verfügt über keine Ausweispapiere mehr. Nicht einmal der Führerschein wird dem Kleinunternehmer belassen. Und er bekommt auch keinen ungarischen Personalausweis. Der wird in Ungarn nämlich nur ausgestellt, wenn ein Wohnsitz im Inland besteht. Diesen zu nehmen, hatte Boldoghy aber, wie oben gesagt, nie vor. Er betrachtet die Aufnahme der ungarischen Staatsangehörigkeit als symbolischen Akt, als Zeichen der kulturellen Zugehörigkeit zum Land seiner direkten Vorfahren.

Willkommen im 21. Jahrhundert. Willkommen in einem Land, das selbst Mehrstaatlichkeit verleiht, dieses Recht seiner ungarischen Minderheit aber auf diese Art und Weise abspricht. Ein europäischer Skandal ohne Widerhall.

Hungarian Voice wird unverzüglich über die empörten Reaktionen des Standard, der Grünen-Fraktion im EU-Parlament, der SPÖ und der SPD berichten – sobald sie kommen…

http://index.hu/kulfold/2011/11/19/elveszitette_szlovak_allampolgarsagat_a_magyar_miatt/

Nachtrag vom 22.11.2011:

Der ungarische Außenminister János Martonyi hat den slowakischen Botschafter einbestellt. Martonyi bezeichnet die Vorgehensweise der Slowakei als absurd und in einer Zeit des sich bessernden Verhältnisses als Provokation und als Verletzung grundlegender Rechte. Ungarn werde alle zulässigen Mittel einsetzen, um Olivér Boldoghy zu unterstützen.

http://www.hirado.hu/Hirek/2011/11/22/17/Martonyit_meglepte_a_szlovakok_provokativ_lepese.aspx

http://www.tt.com/csp/cms/sites/tt/Nachrichten/NachrichtenTicker/3850287-53/slowakei-ungarn-streit-um-entzug-der-ungarischen-staatsb%C3%BCrgerschaft.csp

 

64 Kommentare zu “Menschenrechtsverstöße ohne Echo: Slowakei entzieht Angehörigem der ungarischen Minderheit die Staatsangehörigkeit

  1. Entschuldigung, aber Olivér Boldoghy ist NICHT Slowake ! Man sollte wissen, daß Unterschiede zwischen Staatsangehörigkeit und Nationalität gibt. Dieser Unterschied ist besonders in dem ehemaligen Ostblock offiziell!
    Es ist wahr, daß in Deutschland jeder der einen deutschen Pass hat ist automatisch Deutscher, aber in Osteuropa nicht.
    Ich bin mir fast sicher, dass der Herr Boldoghy sich nicht als Slowake bezeichnen würde !

    • Im Sinne der Definition von Staatsvolk ist Boldoghy Slowake. Ihnen scheint nur der ethnische Zugehörigkeitsbegriff geläufig zu sein, das ist aber nun wirklich nicht mein Problem. „Slowake“ kann auch „slowakischer Staatsbürger“ heißen, und genau so war es gemeint.

      Und bitte ersparen Sie mir die ewige Plattitüde von „Unterschieden“ zwischen Deutschland und „Osteuropa“. Die gibt es nämlich, was die Definition von Staatsvolk angeht, nicht.

  2. Man reibt sich in der Tat die Augen, doch auch mehrfaches Blinzeln bringt wohl nichts. Gibt es für den Mann aus Ihrer Sicht irgendeine realistische und vor allem zeitlich Sinn machende Klagemöglichkeit?

    P.S.: In der Tat wird es spannend sein zu sehen, ob ein dt. Pressemedium oder eine politische Partei auf europ. Ebene sich dem Fall annimmt.

  3. Peter K. natürlich gibt es eine Klagemöglichkeit, zunächst bei slowakischen Gerichten, dann wenn dieser Instanzenweg bis zu Ende geführt ist beim
    Europäischen Menschenrechtsgericht in Strasbourg.
    Hoffentlich findet er eine Institution, die ihm dabei hilft.
    HV anstatt hier den Standard ect. vorauseilend zu beschuldigen, könnten Sie sich mit der höflichen Frage an die genannten wenden, ob sie darüber berichten. Und es gibt natürlich noch eine Adresse, die Schwesterparteien der Fidesz CDU/CSU und ÖVP.
    Ich denke, das könnte Herrn B. helfen.

    • Da ist er wieder, der zweifache Standard in Sachen Empörung. Herr Pfeifer, das Argument, dass man nach Rechtsschutz suchen kann, am Ende sogar in Strasbourg, hat bislang – wenn es um Ungarn ging – noch keinen regierungskritischen Journalisten von seiner politischen Empörung abgebracht. Passiert etwas in Ungarn, wird gezetert. Passiert etwas in der Slowakei, wird nüchtern auf die Möglichkeiten des Rechtsschutzes verwiesen; politische Empörung fehlt. Oder bilde ich mir den Unterschied nur ein?

      Ich vermisse Frau Marsovszky, die sich sonst mit so großem Impetus für Minderheiten einsetzt, ebenso wie Gregor Mayer. Der hat es bislang weder in seiner Funktion als Facebook-Kommentator noch als Mitarbeiter der dpa fertig gebracht, über das Geschehene zu informieren. Liegt sicher daran, dass ich mich noch nicht „mit der höflichen Frage“ an die Herrschaften gewendet habe…

      Ich werde Ihnen übrigens berichten, ob und welche Antworten ich aus der Ecke des EU-Parlaments bekomme. Zwischenzeitlich werde ich mal sehen, ob sich Hungarian Spectrum oder die Galamus-Gruppe des Themas annehmen.

    • Herr Pfeifer, ich beziehe mich auf einen Wikipedia-Artikel, der vermeintlicher Weise von Ihnen handelt (http://de.wikipedia.org/wiki/Karl_Pfeifer). Den Wahrheitsgehalt dieses Artikels voraussetzend, besitzen Sie sowohl die österreichische als auch die israelische Staatsbürgerschaft – anders können Sie ja nicht an der Staatsgründung Israels beteiligt gewesen sein und infolgedessen im israelischen Heer gekämpft haben.
      Obwohl ich nicht ganz verstehe, wie Ihre Doppelstaatsbürgerschaft in Österreich überhaupt möglich ist, stellt sich für mich die Frage, wie Sie (und Ihre Journalistenkollegen) reagieren würden, wenn Ihnen das österr Innenministerium eines Tages schreiben würde, dass Sie die Staatsbürgerschaft verloren haben, dass Sie nun ein Visum und eine Arbeitserlaubnis benötigen und dass Sie womöglich Ihre (Badener?) Liegenschaften nicht behalten dürfen, weil Grundverkehrsbeschränkungen herrschen. Sie würden doch jeden des übelsten faschistischen, neonazistischen Antisemitismus zeihen, wenn er Ihnen so eine lapidare Empfehlung abgeben würde („Geh dann halt nach Strassburg, vlt bekommst in 5 Jahren Recht.“). Von einer Vorwurfstirade an den Gesetzgeber, der so etwas zulässt, ganz zu Schweigen…

  4. Ich rief vor ein paar Jahren beim Deutschen Amt an und fragte, ob ich denn meine ungarische Staatsangehörigkeit wieder annehmen könnte. Die Dame am Telefon meinte: „Ja, aber die Deutsche müssten Sie wieder abgeben.“ So wie damals als ich die ungarische abgeben musste und die Deutsche erhielt. Verhält es sich denn nicht gleich in der Slowakei?

    • @ Richter:

      § 25 Abs. 1 Satz 2 des Staatsangehörigkeitsgesetzes dürfte Ihre Frage beantworten:

      (1) Ein Deutscher verliert seine Staatsangehörigkeit mit dem Erwerb einer ausländischen Staatsangehörigkeit, wenn dieser Erwerb auf seinen Antrag oder auf den Antrag des gesetzlichen Vertreters erfolgt, der Vertretene jedoch nur, wenn die Voraussetzungen vorliegen, unter denen nach § 19 die Entlassung beantragt werden könnte. Der Verlust nach Satz 1 tritt nicht ein, wenn ein Deutscher die Staatsangehörigkeit eines anderen Mitgliedstaates der Europäischen Union, der Schweiz oder eines Staates erwirbt, mit dem die Bundesrepublik Deutschland einen völkerrechtlichen Vertrag nach § 12 Abs. 3 abgeschlossen hat.

  5. Was genau ist ihr Einwand hier: Herr Boldoghy hat die Staatsbürgerschaft eines anderen Landes angenommen. Das kann nach geltendem slowkischem Recht eben den Entzug der Staatsbürgerschaft nach sich ziehen. Wenn ich auf eine US Staatsbürgerschaft beantrage, verliere – so mir diese verliehen wird- ich automatisch auch meinen BRD Pass. Das einzige hier ist natürlich, dass nach wohl (?) nach EU Recht (?) mehrstaatlichkeit innerhalb der EU möglich sein sollte. In diesem Sinne ist dann wirklich Strasbourg der Ort an dem Herrn Boldoghy wohl am ehesten geholfen wird..

    • @ Kornél: Ich habe mehrere Einwände.

      1. Die slowakische Verfassung regelt in Art. 5 Absatz 2:
      „Die Staatsbürgerschaft der Slowakischen Republik kann niemandem gegen seinen Willen entzogen werden.“

      2. Die Slowakei setzt sich seit je her für den Erwerb der slowakischen Staatsbürgerschaft durch Personen mit slowakischen Wurzeln ein. Wer als Land so handelt (und ich finde das legitim), der sollte beim umgekehrten Fall nicht die Nerven verlieren. Eine gute Lösung ist – wie ich finde – im deutschen Recht vorgesehen: Wer eine EU-Staatsbürgerschaft hat oder Schweizer ist, braucht seine Staatsangehörigkeit bei der Einbürgerung in Deutschland nicht abgeben (§ 12 Abs. 2 StAG). Ebenso verliert ein Deutscher seine Staatsangehörigkeit nicht, wenn er die Staatsbürgerschaft eines Mitgliedstaats der EU, der Schweiz oder eines Drittstaates erwirbt, mit dem ein entsprechendes Abkommen geschlossen wurde.

      Da es in Ungarn auch (slowakische) Doppelstaatler gibt, weiß ich nicht, wo das Problem der Slowaken liegt.

      • 1.) Ok, „niemandem gegen seinen Willen entzogen werden.“.. Auch das deutsche Grundgesetz hat einen solchen Passus. Aber wie gesagt, wenn ich ohne mir vorher die entsprechende Zustimmung zu holen, jetzt die ungarische Staatsbürgerschaft beantrage, laufe ich Gefahr, meinen BRD Pass verloren zu haben. In diesem Sinne, wäre es durchaus interessant zu wissen, in wie weit sich Herr Boldoghy darum bemüht hat, die Zustimmung zu bekommen bzw. zu erstreiten. Der willentliche Akt, Staatsbürger eines anderen Staates zu werden steht nämlich meiner Auffassung nach ganz und gar nicht im Widerspruch zu dem von Ihnen geposteten Zitat.

        2.) Selbiges gilt auch für die BRD.. Auch hier wurden und werden Staatsbürgerschaften verliehen (z.B. die Spätaussiedler aus Russland). Ich stimme Ihnen zu, dass es prinzipiell eine gute Lösung ist, bei EU-Staatsbürgerschaften zu verfahren, wie in der BRD, jedoch ist dies bei weitem kein Automatismus. Ihr Argument mit der doppelstaatlichkeit der sowaken in der Republik Ungarn kann man doch auch höchstens als Grundlage von Wünschen, die Slowake möge ähnlich verfahren, nutzen.

        3.) Persönlich wünsche ich Herrn Boldoghy natürlich, dass er von einem slowakischen Gericht bestätigt bekommt, dass die Entziehung der Staatsbürgerschaft nichtig ist. Ob das passieren wird und ob es sich auf Grund der slowakischen Gesetzlage und des aktuellen Falls realisieren läßt, kann ich aber nicht einschätzen. Prinzipiell beschleicht mich aber schon auch der Verdacht, dass Herr Boldoghy zumindest vorher darüber im Klaren war, welche Reaktion der Behörden zu erwarten ist.

        Grunsetzlich verstehe ich aber immer noch nicht, wieso sie von „Menschenrechtsverstößen“ sprechen…

      • @ Kornél:

        „Aber wie gesagt, wenn ich ohne mir vorher die entsprechende Zustimmung zu holen, jetzt die ungarische Staatsbürgerschaft beantrage, laufe ich Gefahr, meinen BRD Pass verloren zu haben.“

        Das ist falsch. Das deutsche Staatsangehörigkeitsrecht (§ 12 Abs. 2 StAG) verlangt bei anderen EU-Staaten gerade nicht, dass deren Staatsangehörigkeit abgelegt wird. Bei Drittländern kommt es auf die Gegenseitigkeit und völkerrechtliche Verträge an.

        Eine Möglichkeit der Zustimmung ist in der Slowakei nicht vorgesehen, Boldoghy konnte sie also nicht erhalten. Das teilte man seitens des Innenministeriums Herrn Boldoghy ausdrücklich mit.

        Anders als Sie glaube ich nicht, dass die Aufnahme einer weiteren Staatsangehörigkeit bedeutet, dass die Entziehung der slowakischen „freiwillig“ wäre. Ich halte Art. 5 der Verfassung für recht eindeutig, man darf nichts „wegnehmen“. Die Entlassung auf Antrag ist hingegen zulässig, darum geht es aber nicht.

      • Was den möglichen Verlust der Staatsbürgerschaft in der BRD angeht, haben Sie recht. Das ist in den letzten Jahren wirklich lockerer gworden. Meine viel grunsätzlichere Frage bleibt aber: Was hat das mit „Menschenrechtsverstößen“ zu tun? Soweit ich weiß gibt es zwar Abkommen, die die Staatenlosigkeit verhindern sollen. Aber diese greifen hier ja nicht.. Und ich bin mir nicht sicher, ob es ein Menschen Recht gibt eine doppelte Staatsbürgerschaft zu bekommen?!

      • Jetzt verbeissen Sie sich doch nicht in die „Menschenrechtsverstöße“. Ich bezog mich, wenn auch plakativ, auf Art. 15 Abs. 2 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte. Dieser ächtet den willkürlichen Entzug der Staatsangehörigkeit. In Anbetracht des Umstands, dass die Slowakei zwar die slowakische Staatsbürgerschaft gewährt (und das eigene Staatsvolk vergrößert), das selbe Verhalten Ungarns urplötzlich mit Entzug ahndet, nenne ich die Vorgehensweise willkürlich. Auch über Diskriminierung könnte man nachdenken.

      • Ok, ich muss zugeben, dass es ich wohl doch noch nei wirklich weit in der allgemeinen Erklärung lesen hatte: Dennoch haut mich Ihre Auffassung von Willkür nicht wirklich vom Hocker, aber da sind wir wohl einfach nur anderer Meinung. Leider gab es in jüngster Zeit eben viel eindeutigere Menschenrechtsverstöße in der Slowakei, von daher kann ich an diesem Fall nichts finden.

  6. HV ich verstehe Sie nicht recht. Sie werfen ausgerechnet mir doppelten Standard vor. Doch ich habe als ich von einem rechtsextremen Medium – das jetzt zu den enthusiastischen Unterstützern der Fidesz-KDNP Regierung gehört – beschuldigt wurde, mit einer 1995 geschriebener Rezension einen Mann 2000 in den Selbstmord getrieben zu haben, den Rechtsweg beschreiten müssen. Ich mußte die Sache in allen österreichischen Instanzen durchkämpfen und erst als ich das tat, konnte ich mich an den Europäischen Menschenrechtsgerichtshof wenden.
    Wenn also die Frage gestellt wird, was Herr B. unternehmen kann, um sein Recht zu bekommen und ich auf diese Möglichkeit hinweise, dann machen Sie mir daraus einen Vorwurf. Glauben Sie wirklich, dass die slowakischen Behörden ihre Gesetze verletzt haben?
    In der heutigen FAZ lese ich von einem Skandal in der Slowakei, wo Journalisten abgehört wurden. Es grenzt an Paranoia, wenn Sie ohne jeglichen Beweis, großen Medien Voreingenommenheit gegen Ungarn vorwerfen. Ich lese in der FAZ ganz klare Worte über die katastrophale Wirtschaftspolitik von Orbán & Matolcsy. Und wie immer ihre Kritik an der FAZ, sie kann doch nicht verdächtigt werden, sich von „in unserer Heimat provisorisch aufhaltenden linken Mainstream“ (Zsolt Bayer) beeinflussen zu lassen. Sie werden doch nicht den Herren Hefty, Olt und anderen Mitarbeitern der FAZ den Vorwurf machen, sich von linken Ungarn beeinflussen zu lassen.
    Die beiden von mir erwähnten Herren pflegen meines Wissens sehr gute Kontakte zur Fidesz.
    Doch zurück zu Herrn B. Ich denke ihm ist nur geholfen, wenn ihm Unrecht geschieht, dass dieses Unrecht schnell beseitigt wird.
    Ich kenne mich nicht mit den slowakischen Gesetzen aus. Wenn ein österreichischer Staatsbürger ohne vorheriger Genehmingung der österr. Behörden eine andere Staatsbürgerschaft annimmt, dann verliert er die österreichische Staatsbürgerschaft.

    • Und schon wieder taucht Zsolt Bayer auf. Der hat zwar mit diesem Thema hier gar nichts zu tun, aber ohne ihn sind Ihre Kommentare einfach nicht vollständig. Geradezu belustigend ist Ihre Frage, ob ich glaube, die slowakischen Behörden hätte ihre Gesetze verletzt? Nimmt man Art. 5 der slowakischen Verfassung, so glaube ich „JA“. Die slowakischen Behörden genießen bei mir nämlich keinen höheren Vertrauensvorschuss als andere nationale Behörden in der EU, die ebenfalls hin und wieder verfassungswidrig handeln. Das werden Sie wohl kaum bezweifeln. Zum anderen: Wo bleibt Ihre politische Empörung, die Sie sonst so gerne niederschreiben, und zwar auch dann, wenn (z.B. ungarische oder österreichische) Behörden „gesetzestreu“ im Sinne „ihrer“ Gesetze handeln? Hat Sie das jemals davon abgehalten, Ungarn oder Österreich zu kritisieren?

    • „Es grenzt an Paranoia, wenn Sie ohne jeglichen Beweis, großen Medien Voreingenommenheit gegen Ungarn vorwerfen.“

      Ein echter Pfeifer!
      Dreistigkeit pur.
      Wahnsinn oder nur Demenz?

  7. Mir ist diese nervöse, fast hysterische Reaktion bezüglich doppelter Staatsbürgerschaft nicht ganz verständlich, Europa war doch immer ein „Fleckerlteppich“ und ich dachte den chauvinistischen Nationalismus längst überwunden. Oder ist es doch die Angst, der EU-Bürger könne mehrmals und in versch. Staaten zur Wahlurne?

    Wenn Faz-Journalisten in der Slowakei abgehört werden, so gilt das als Skandal. Wenn einem Staatsbürger seine Rechte (und Pflichten) offiziell abgesprochen werden, dann heißt es zynisch „soll er doch zu Gericht“!
    Als was soll er dort auftreten: als Staatenloser, als displaced person…?

    Wäre es für Herrn Boldoghy eigentlich möglich einen ungarischen Reisepass zu beantragen? So viel ich weiß, ist die Ausstellung eines solchen nicht von einem inländischen Wohnsitz abhängig.

  8. Für Deutschland gilt § 12 Abs. 2 StAG auf dem Stand nach September 2009.
    Beim Erwerb der Staatsbürgerschaft eines Drittstaates muss immer noch eine Beibehaltungsgenehmigung vorliegen, die erteilt wird, wenn enge Beziehungen zu Deutschland vorliegen.
    Verglichen mit diesen deutschen Regelungen, die vielleicht ihre Grundlage im europäischen Recht hat (ich bin gerade ein wenig faul), ist es eigentlich nur problematisch, dass die Slowakei die Staatsbürgerschaft eines Bürgers entzieht, der die Staatsbürgerschaft eines anderen EU-Landes annimmt. Das sollte es eigentlich nicht mehr geben. Es ist fast ein Widerspruch, wenn wir uns die Sache mit der EU-Bürgerschaft vor Augen führen.
    Es ist fast so als würde man das Zürcher Bürgerrecht verlieren, wenn man das Bürgerrecht einer anderen Gemeinde oder eines anderen Kantons annimmt. Dies ist natürlich (zumindest bei Männern und nicht wiederverheirateten Frauen) nicht so.

  9. Endlich ein Thema, wo die Vokabel „völkisch“ am rechten Platz ist. Wer Mehrfachstaatsbürgerschaften zulässt (wie Ungarn oder die USA), kann wohl kaum „völkisch“ orientiert sein. Das Bestehen auf exklusiver Staatsbürgerschaft, dh die Gleichsetzung von mehrschichtiger Identität mit Verdacht auf Illoyalität des Betreffenden, wie jetzt in der Slowakei, ist mit Fug und Recht „völkisch“ zu nennen – das trifft leider auch für Deutschland zu. (Meine Staatsbürgerschaftsanfrage bzw die meiner Eltern für mich wurde in den 60er Jahren ebenfalls aufgrund dieser Blut-und-Boden-Mentalität abgelehnt.)

  10. corvinus83 Wikipedia ist nicht zuverlässig.
    1) die behaupten ich wäre Doppelstaatsbürger. Das ist unzutreffend, ich war und bin nur österreichischer Staatsbürger. Als ich 1938 als Kind nach Ungarn kam, war ich in den Reisepass meiner Mutter eingetragen. Am 5. Januar 1943 verließ ich Ungarn mit einem Pass, der nicht mir gehörte. In diesem Reisepass stand, dass ich nie wieder in das Königreich Ungarn zurückkehren darf.
    Das Königreich Ungarn gibt es nicht mehr.
    2) Ich war nie israelischer Staatsbürger und bin es auch heute nicht. Das israelische Staatsbürgerschaftsgesetz wurde 1952 erlassen und ich habe Israel im Sommer 1950 verlassen
    3) Ihre Hypothesen über mein Verhalten, zeigen, dass sie eine blühende Phantasie haben. Nie und nirgendwo habe ich österreichischen Behörden, der österreichischen Regierung vorgeworfen „antisemitisch“ oder „faschistisch“ zu sein.
    4) Ich gehe mit solchen Wörtern sehr sparsam um, und obwohl ich keine Sympathien für das halbfeudale, chauvinistische, revisionistische Horthyregime empfinde, betone ich oft genug bei Vorträgen, dass Ungarn unter Horthy wenigstens bis zur deutschen Besatzung kein faschistischer Staat war, denn in Ungarn war die Sozialdemokratische Partei – wenn auch mit Beschränkungen – bis zum 19. März 1944 legal.
    5) Mir wurde der gute Rat erteilt die Republik Österreich beim EMGR zu klagen, wegen der Fehlurteile im Fall Pfeifer v. Zur Zeit und Pfeifer v. Mölzer und das EMGR gab mir am 15.11.2007 Recht. Ich denke, dass dies der beste Weg ist, um Recht zu erhalten, wenn die nationale Judikatur einem dieses Recht nicht gewährt.
    HV wo blieb die politische Empörung in Österreich und in Ungarn als ich beschuldigt wurde, ich hätte mit einer Rezension, die ich 1995 publizierte, einen Menschen 2000 in den Selbstmord getrieben? Nirgendwo.
    Nur wenige österr. Medien berichteten über meinen Fall und das auch nur sehr sparsam. Der ORF, dessen Nachrichtenchef damals ein linker Journalist war, mit keinem Wort.
    Eine Reihe von slowakischen und ungarischen Medien hat über den Fall des Herrn O.B., der in Komarno einen Autoleasing und Autohandel betreibt, berichtet. Im Google fand ich 308 Erwähnungen. Und das ist nur der Anfang.
    Und um es ganz klar zu machen, ich habe geklagt, aber mich zu keiner Zeit als Märtyrer empfunden und es so einzustellen, als ob der Fall des Herrn O.B. etwas ausserordentlich in der EU wäre stimmt nicht. Wäre die Rechtssprechung fehlerlos, dann würden wir keine Rechtsanwälte, oder wie manche böse Zungen behaupten, Rechtsverdreher brauchen.

    Eine nüchterne Sicht auch auf den Fall des Herrn O.B. würde allen gut tun.
    Ausser natürlich, wenn man die Aufmerksamkeit von der katastrophalen Wirtschaftspolitik Orbán&Matolcsy ablenken will und wieder einmal die Hysterie entfachen will. Aber das will ich doch nicht annehmen.

    Herr Kálnoky ein wenig erstaunt bin ich schon. Wer behauptet denn pauschal Ungarn wäre völkisch. Und wie kommen Sie zum Urteil Österreich oder Deutschland wären völkisch, weil sie in der Regel keine Doppelstaatsbürgerschaft zulassen?

    • Lieber Herr Pfeifer, ich meinte es schon erklärt zu haben. Die Sichtweise „wer nicht NUR deutsch ist, ist nicht deutsch“ ist eindeutig völkisch. Zugrund liegt die etwas abstraktere Idee der „Schicksalsgemeinschaft“, aber die ist weit entfernt von der fortgeschritteneren Idee (wie in Ungarn oder den USA) einer mehr kulturellen Gemeinschaft.

      • „wer nicht NUR deutsch ist, ist nicht deutsch“ aber das ist doch bei weitem nicht so. Es gibt ja durchaus prominente Beispiel von Doppelstaatsbürgern, die eben nicht nur Deutsch sind. Dies war – im klassischen Fall so ich mich nicht irre- eben nur dann möglich, wenn beide Staatsbürgerschaften gleichberechtig erworben wurden . z.B. durch Abstammung. Also ein Kind aus gemischter Eher hatte immer auch ein Anrecht auf eine doppelte Staatsbürgerschaft.

  11. Zunächst danke für diesen Artikel, ich hatte mir ja eine größere Representanz der Auslandsungarn gewünscht.

    Als Doppelstaatsbürger kann ich aus eigenen Erfahrungen sagen, dass es kein Problem ist, diese in Deutschland zu er- bzw. behalten – in diesem Punkt ist Deutschland durchaus zeitgemäß. Vor der Wende mussten sich meine Eltern entscheiden, welche Staatsbürgerschaft ich bekommen solle und ich bekam die ungarische. Erst mit der Wende wurde ich auch rechtlich Deutscher – allerdings hieß es ich müsse mich mit Erreichen eines bestimmten Alters entscheiden. So viel ich weis wurden 2004 Vereinbarungen getroffen, die Leuten wie mir die Doppelstaatsbürgerschaft erhielten. Als ich mir kürzlich meinen deutschen Personalausweis verlängern bzw. neu ausstellen ließ, wurde ich gebeten Unterlagen vorzulegen die meine ungarische Staatsbürgerschaft belegen. Seitdem bin ich auch als Doppelstaatsbürger registriert – und niemand hat je über den Entzug einer meiner Staatsbürgerschaften nachgedacht.
    Noch ein etwas anders gelagertes Beispiel: mein Vater behielt seine Staatsbürgerschaft und hat sich zusätzlich in Deutschland einbürgern lassen sobald er von der neuen Regelung Kenntnis hatte. Auch er besitzt jetzt beide Staatsbürgerschaften.
    Ob das so aber auch für andere Nationalitäten gilt, kann ich nicht sagen. Ich hatte den Eindruck diese Regelungen beruhen auf bilateralen Verträgen zwischen Deutschland und einem anderen Staat.

    @Agathe Széchényi: mein Bruder – selbe Geschichte wie bei mir – hat den ungarischen Reisepass. Er ist zwar möglicherweise abgelaufen, aber ich denke Herr Boldoghy könnte solche Unterlagen bekommen. Ist aber nicht ganz billig. Außerdem ist dieser Fall auch eine Frage des Prinzips, sogar mit prezedenzcharakter: wenn Herr Boldoghy sich durchsetzen kann, werden andere weniger zögerlich sein die ungarische Staatsbüergerschaft aufzunehmen.

    • Paloc u HV, ich freue mich, dass es offenbar seit einigen Jahren für EU-Bürger möglich ist, die doppelte Staatsbürgerschaft zu erlangen.

      Eine erstaunlich späte Entwicklung freilich, und wenn ich es recht verstehe begrenzt auf EU-Länder. Für Türken – oder Amerikaner – sieht es in Deutschland anders aus. Mir ist eine solche Begrenzung aus ethischen Gründen zuwider.

      Die ursprüngliche deutsche Sehnsucht nach dem nur deutschen Staatsbürger ist begründet im Konzept der Schicksalsgemeinschaft, ein Begriff, der historisch wohl an den der „Volksgemeinschaft“ angelehnt ist, obwohl es faktisch nicht ethnisch begrenzt bleibt. Daher sage ich bewusst „völkisch“.

      Das wurde nun offenbar auf die Idee eines EU „Volkes“ erweitert. Mir ist da das offenere ungarische (oder auch amerikanische) Konzept sympathischer. In solchen Fragen darf die Begrenzung nicht geographisch sein.

      Die einzige Begrenzung sollte ein begründeter Verdacht aus Illoyalität sein, was die USA ganz gut regeln (falls ich da up to date bin): Den zweiten Pass verliert man nur, wenn man der Armee eines anderen Landes beitritt.

  12. Lieber Herr Kálnoky, in Österreich gilt mit wenigen Ausnahmen, die mit der Geschichte der sieben Jahre NS-Herrschaft zu tun haben, nicht das Abstammungsprinzip bei der Erteilung der Staatsbürgerschaft.
    Ein Beispiel, vor der Wende wurde ich einige Mal in der DDR von Menschen angesprochen, die von den von Maria-Theresia verjagten evangelischen Salzburgern abstammten und die Absicht hatten die österr. Staatsbürgerschaft zu erlangen. Dem wurde nicht stattgegeben.
    Und ich würde heute Ungarn nicht mit den USA vergleichen. Es gab eine Zeit, als Massen von Nichtungarn schnell magyarisiert wurden während der Monarchie weil die ethnischen Ungarn in der Minderheit waren. Doch das sollte sich in der Zwischenkriegszeit ändern. Leider ist heute der völkische Gedanke wieder einmal im Mainstream angelangt.

    • Lieber Herr Pfeifer,

      in Ungarn ist der Erwerb der (zweiten) Staatsbürgerschaft nicht an Exklusivität und/der geografische Herkunft gebunden – anders als in Deutschland.

      Wo ich bei 182 rechtsextremen Morden in 20 Jahren auch nicht ganz so weit weg gucken würde wie Sie, um „Völkisches“ im „Mainstream“ zu suchen.

      In Deutschland bemerkt man dieser Tage ja ganz erstaunt, dass man 20 Jahre lang nicht wirklich erkannt hat, wie dort jährlich reihenweise Menschen aus Rassenhass ermordet wurden/werden.

      Ein Grund für die „Blindheit“ sind die deutschen Medien – die zwar gerne hysterisch-schreierisch „Faschismus“ an die Wand malen in anderen Ländern, aber im eigenen Land offenbar etwas verschlafen haben.

      Weil es ja nur Ausländer waren. Die bringen sich doch untereinander selbst um. Muss man sich nicht für interessieren. Und weil im Mainstream der Gesellschaft der Rassenhass längst zu Hause ist.

      Ganz so weit sind wir in Ungarn noch nicht. Dort wäre es nicht möglich, Jahr für Jahr rassistische Morde zu haben, ohne einen Aufschrei der Medien.

      • Ein wirklich guter Kommentar, Herr Kálnoky. In Anbetracht der Tatsache, dass deutsche Sicherheitsbehörden über Jahre hinweg Rechtsradikale finanziert und Bombenbauer ignoriert haben, sollten wir Deutsche wirklich vor der eigenen Haustüre kehren, bevor wir mit unserem verdorrten Finger auf andere zeigen. Wir sind in der glücklichen Situation, dass sich dieser Tage keiner anmaßt, Deutschland als Diktatur oder „Führerstaat“ zu bezeichnen oder auch nur zu behaupten, das Land sei keine Demokratie. Trotz 180 (!) Toten aufgrund rechtsradikaler Gewalt in 20 Jahren, 9 Toten pro Jahr seit der Wende. Nicht ganz so glücklich konnte sich Ungarn wähnen, dort las man las man nach den furchtbaren Morden an mehreren Zigeunern postwendend von der rechtsradikalen Gesellschaft und Politik in Ungarn.

        Dass die sauberen deutschen Sicherheitsbehörden dann auch noch Opfer zu Tätern machen wollten, ist für mich Grund genug, mich für einen Moment zu schämen. Auch das ist ein Zeichen der Identifikation mit meinem Land. Viele, die nur „Stolz“ einfordern, scheinen das zu vergessen.

      • Was soll denn dieser Kommentar jetzt? Die Medien in Deutschland berichten seit Jahren über die Neonazis in Deutschland und mit nachhaltigem Erfolg.
        Im vergangenem Jahr mussten die Neonazis aus einer ihrer letzten ehemaligen Hochburg Köln mit Schiffen über den Rhein aus der Stadt flüchten.
        Das gleiche gilt für Berlin, Düsseldorf, Frankfurt, München und Hamburg u.s.w.
        Das ganze war ein langer Prozess, aber gegen „im eigenen Land offenbar etwas verschlafen haben“ wehre ich mich gewaltig!
        AntiFa NRW

      • Nun ja Babel, ich würde vielleicht auch nicht so weit gehen zu behaupten, dass Deutschland etwas verschlafen hat, insbesondere sieht man zumeist einen gewaltigen Aufmarsch von Nazi-Gegnern, z.B. in Wunsiedel, wo das Grab von Rudolf Hess zur Pilgerstätte verkommen war. Diese Gegenstimmen sind in der Bevölkerung – so mein vorsichtiger erster Eindruck – durchaus ein wenig lauter als in Ungarn. Gilt allerdings eher für Westdeutschland.
        Mit Blick auf Ostdeutschland, wo die rechtsradikale Kultur zu einer Art Mainstream verkommen ist und man in der Fläche sicher nicht eine Dauerpräsenz der Atifa konstatieren kann, sehe ich den „Prozess“ aber noch nicht abgeschlossen. Und über diese (wohl) alltäglichen Umtriebe berichtet die Presse nicht sehr aktiv, soweit hat Kálnoky also Recht, wenn er von mangelder Aufmerksamkeit spricht. Jedenfalls sind wir „Gesamtdeutsche“ noch nicht so weit, um auf andere EU-Mitglieder mit dem Finger zu deuten und (Zitat Andreas Oplatka) „lästige Reminiszenzen nach Ostmitteleuropa zu exportieren“.

  13. Zum Schluss und um zum Thema zurückzukehren – man verzeihe mir, dass ich mich der Versuchung der Boshaftigkeit nur schwach zu erwehren versuche:

    Wird es ein empörtes Echo auf den slowakischen Fall geben, in den deutschen und österreichischen Medien? Nein, wieso auch? Länder mit einer völkisch/geographisch restriktiven Staatsbürgerschaftspolitik werden doch nicht ein Land angreifen, das ebenfalls keinen Ehrgeiz hat, in dieser Frage als liberal zu gelten.

    Lieber greift man Ungarn an, da es zu tolerant ist in dieser Frage (also Mehrfach-Staatsbürgerschaften als überhaupt kein Problem sieht).

    • Das sehe ich ein wenig anders: Es wird zwar tatsächlich kein Echo geben. Ich zweifle aber, dass das mit völkischem Gedankengut zu tun hat. Eher mit einer Sichtweise, die Ungarn seit Jahren zum Störenfried hochstilisiert. Da passt die Opferrolle nicht.

      Sehen Sie sich nur Herrn Pfeifer an, er gibt – anders als sonst – nüchterne Tipps, den Rechtsweg zu beschreiten. Nüchternheit, die sonst fast durchwegs fehlt. Solidarität, Empörung, ggf. sogar Mitleid? Nein. Warum also über so einen Fall berichten? Es ist eben zur Zeit nicht „en vogue“, Ungarn oder ethnische Ungarn als Opfer darzustellen. Die Ungarn sind zur Zeit, da hat sich die deutschsprachige Presse sehr früh festgelegt, Täter: Faschos, Feinde der Pressefreiheit, Trianon-Junkies, Klerikalbolschewiken, Antisemiten und Zigeunerhasser oder, wenn man sehr mild ist, jedenfalls noch demokratische Kleinkinder. So jemanden bemitleidet man nicht, Solidarität wäre „böse“. Wie uns das beredte Schweigen zum zutiefst diskriminierenden slowakischen Staatssprachengesetz zeigte, ist dieses Verhalten, diese Parteinahme, längere Zeit eingeführt. Ich weiß, alles nur Verschwörungstheorie…

  14. Lieber Herr Kálnoky,
    ich denke, dass man sich hüten sollte vor Pauschalurteilen und vor Paranoia.
    Ich gehe nicht ein auf Ihre Meinung über Deutschland und Österreich, denn diese Website beschäftigt sich ja mit Ungarn.
    Tatsache ist, dass Kritik an ungarischen Zuständen mit „Faschismus- Antisemitismuskeule“ immer wieder abgewährt wird, und ausländische Medien, darunter solche wie die FAZ aber auch andere pauschal beschuldigt werden, die Mißstände im eigenen Land nicht zur Kenntnis zu nehmen und in Ungarn sozusagen Läuse zu suchen. Als FAZ Leser sehe ich das nicht so. Man kann den Herren Hefty und Olt nicht vorwerfen, irgendwie den ungarischen, deutschen oder österr. Linken nahezustehen. Ich denke, dass sie eher mit Fidesz Sympathien hatten.
    Ich bin zwar aus familiären Gründen oft in Deutschland, kenne mich aber nicht so aus, wie in Österreich. Hier hatte Ungarn (auch während der konservativen MDF und der ersten Orbán Regierung) durchaus gute Presse. Wenn sich das jetzt ändert, dann hat das nichts mit einer Ablenkung von österreichischen Zuständen oder mit einer plötzlichen Feindschaft gegen den östlichen Nachbarn, sondern mit den Zuständen in Ungarn zu tun.
    Es mag ja tröstlich sein für manche Leser des HV, von Herrn Kálnoky zu erfahren, wie schrecklich Deutschland ist, und es kann auch ablenken von den Zuständen in der eigenen Heimat. Aber Fakt ist, ich wurde in Deutschland und Österreich nie von jungen Menschen mit der Frage angesprochen, ob sie noch bleiben sollten, in Ungarn jedoch des öfteren. Und manche fragten, mich welche Chancen sie hätten in Österreich und Deutschland eine Arbeit zu finden.
    Für ein viel kleineres Land wie Ungarn sollten schon die Serienmorde an Roma (oder cigány), die HV zu Recht erwähnte, zu denken geben. Und wenn dann Abgeordnete im ungarischen Parlament mit einem Uniformstück einer verbotenen paramilitärischen Einheit bekleidet stolzieren und dies geduldet wird, dann sollte man doch nicht mit dem Zeigefinger auf Deutschland (und Österreich) zeigen, denn wenn man das tut, dann zeigt man doch mit drei Fingern in die eigene Richtung.
    Wir sind ausgegangen vom Fall des Herrn O.B. der jetzt vom Aussenminister Ungarns in Schutz genommen wird. Ich kann nur hoffen, dass seinetwegen die ungarischen Panzerwägen und Tanks sich nicht in Richtung Bratislava bewegen werden und sein Problem friedlich mit den Mitteln der Diplomatie und des Rechts gelöst wird.
    Ich war bei wenigstens einer internationale Pressekonferenz in Wien dabei, wo Herr Olt von der FAZ über die Benachteiligung einer ungarischen Minderheit eine Frage gestellt hat und ich las über dieses Thema einige Artikel in der FAZ.
    Es gibt keine Verschwörung gg Ungarn. Und die kritische Berichterstattung über Ungarn sollte doch nicht mit paranoiden Unterstellungen abgewehrt werden.
    Eine Politik der nationalen Aufschaukelung kann nur den Rechtsextremen helfen, und diese in der Mitte Europas zu bestärken ist sicher nicht im Interesse der Einwohner.

    HV Ihre Haltung bezüglich Deutschland verdient Achtung. Man kann nur hoffen, dass daraus die notwendigen Konsequenzen gezogen werden.

    • Lieber Herr Pfeifer,

      Sie verharmlosen den mörderischen Rassismus in Deutschland, was ich von Ihnen eigentlich nicht erwartet hätte.

      Ungarn vergleichsweise als schlimmer darzustellen, ist nämlich genau das: Eine Verharmlosung der tödlichen Qualität des Rechtsextremismus in Deutschland.

      In Ungarn sind sechs Roma ermordet worden. Ein schrilles Alarmsignal. Der Unterschied? Es wurde und wird als ein nationaler Skandal wahrgenommen, und als eine nationale Tragödie. In diesem Sinne reagieren (die meisten) Medien und die Öffentlichkeit.

      Man kommt nicht erst 10 oder 20 Jahre später darauf, dass es eventuell Rassismus gewesen sein könnte. Die ungarische Gesellschaft ist nicht so abgestumpft, dass solche Dinge einfach nicht wahrgenommen werden, wie es bis jetzt in Deutschland lief.

      Die Kombination erheblich größerer und renitenterer rassistischer Gewalt als in Ungarn (gemessen an der Zahl der Todesopfer und dem extrem langen Zeitraum, über den solche Gewalttaten begangen wurden/werden) und dem bis vor kurzem vergleichsweise viel geringeren Interesse im Mainstream der Gesellschaft (Medien und Öffentlichkeit) für solche Verbrechen im eigenen Land ist verstörend und gefährlich. Diese Kombination haben wir in Ungarn, bei allen berechtigten Sorgen, in diesem Ausmass noch nicht.

      Ungarn im Vergleich als schlimmer darzustellen, kommt einer Verhöhnung der vielen Todesopfer rassistischer Gewalt in Deutschland gleich. Das ist würdelos.

      I

  15. Herr Pfeifer schreibt: „Wir sind ausgegangen vom Fall des Herrn O.B. der jetzt vom Aussenminister Ungarns in Schutz genommen wird. Ich kann nur hoffen, dass seinetwegen die ungarischen Panzerwägen und Tanks sich nicht in Richtung Bratislava bewegen werden und sein Problem friedlich mit den Mitteln der Diplomatie und des Rechts gelöst wird.“

    Panzer und Tanks… warum nicht gleich Orbán auf dem Schimmel in Pozsony einreiten lassen?

    Ist der Fall des Herrn Boldoghy ein Einzelfall?

  16. Liebe Frau Széchenyi,
    Da haben Sie mich auf einen schweren Fehler aufmerksam gemacht. Nach den von Ihnen beanstandeten Satz hätte ich in Klammern „Achtung Ironie!“
    setzen sollen.
    Ich entschuldige mich in aller Form für mein Versäumnis.
    Und jetzt im Ernst. Ich unterstelle Viktor Orbán nicht, dass er das Verhältnis zur Slowakei verschlechtern will.

  17. Lieber Herr Pfeifer,
    auch ich muß mich ob der Ironie entschuldigen 🙂

    Nochmals meine Frage: ist die Causa Boldoghy „nur“ ein Einzelfall?

  18. Mal abgesehen davon, dass ich diese Thematik selbst sehr interessant finde, bestärkt mich die Resonanz auf diesen Beitrag in der Ansicht, dass die Situation der Auslandsungarn durchaus ein wichtiges Problem ist. Die Haltung Herrn Pfeifers bestätigt meiner Ansicht nach, dass es im Westen aber unterschätzt wird oder unangenehm ist.

    Aber ich erkenne an, dass Herr Pfeifer Orbán in diesem Fall keine böswilligen Absichten unterstellt – oder bin ich hier bereits der Dritte der Ironie nicht versteht?

    Meine Erfahrungen sagen mir ebenfalls, dass Rassismus in Deutschland ein größeres Problem ist als Herr Pfeifer das meint. Damit meine ich noch nicht einmal die aktuelle Mordserie – hier finde ich vorallem wichtig, dass die ungarische Polizei erfolgreich ermittelt hat, während die deutsche eher über den Fall gestolpert zu sein. Wie auch immer, ich finde besorgniserregender, dass Ausländern gegenüber ablehnende Haltungen weit verbreitet sind. Das trifft besonders auf diehenigen zu, die keine höhere Ausbildung auf sich genommen haben (was durchaus nicht bedeuten soll, dass diese Leute blöd sind), jedoch nicht unbedingt um arme Menschen. Dieses Problem wird in Deutschland gerne totgeschwiegen. Beispiel: in Sachsen versuchte neulich ein türkischer Unternehmer auf diese Problematik aufmerksam zu machen. Was die Presse hier vollbrachte, war nur, Leute zu interviewen die das Gegenteil vertraten. Es ist als würde man sich von dem Problem abwenden, weil man es nicht sehen will.

    Und was die Ungarn angeht, die so gerne ins Ausland wollen, ja die gibt es, aber ich denke sie wissen nicht wovon sie sprechen. Ungarn ist sicherlich nicht der schönste Ort der Welt – naja, in ideeller Weise vielleicht – aber ich denke es gibt durchaus positive Seiten. Beispielsweise finde ich den Sinn für Traditionen inspirierend und ich denke er ist eine gute Grundlage für eine gesunde Gesellschaft die Rücksicht und Zusammenhalt kennt. Gleichzeitig denke ich, dass er in vielen Ländern unbekannt ist. Es gibt durchaus Ungarn die sich für solche Dinge nicht interessieren, sollen sie meinetwegen. Dennoch denke ich, dass es sich um ein in Ungarn verbreitetes Ideal handelt.

    • Ein paar Gedanken zum ausgezeichneten Kommentar von Palóc:

      Das Problem der Auslandsungarn ist dem Westen eher unangenehm, denn es könnte ja zur Erweiterung der Einflusssphäre und der zukünftigen Wählerbasis kommen. Ob auch schlechtes Gewissen (Trianon-Vertrag, die von RFE ausgestrahlten Durchhalteparolen in 56) eine Rolle spielt, sei dahingestellt.

      Rassismus gibt es leider Europaweit, da wird es noch Generationen zur Überwindung bzw Versöhnung brauchen. Aber hie und dort gibt es kleine Oasen und das macht Mut und Hoffnung.

      Das besonders junge Ungarn das Land verlassen wollen ist leider eine Tatsache, jedoch kein Phänomen das erst seit Orbáns Amtsantritt zu beobachten ist.
      Die mit denen ich gesprochen habe, verfügen über eine ausgezeichnete Erziehung und Ausbildung, haben einen „breiten“ Horizont, sehen aber im Ausland bessere Chancen und Möglichkeiten hinsichtlich beruflicher Karriere. Und von denen jene, die bereits im Ausland, leiden sehr an Heimweh.

    • Hallo Palóc, Sie haben recht. Wenn Rassismus und darunter Antisemitismus ein mindestens, wenn nicht weltweites Problem is, wovon sollen die “ Ungarnkritiker „leben ? Allen sind die jüngsten Geschehnisse in Deutschland bekannt, aber die Ereignisse in Norwegen, Holland, Marseille, http://www.zeit.de/gesellschaft/2010-03/rassismus-europa-oesterreich, usw. usw. deuten darauf hin, daß nur Ungarn auf den Pranger ( deresre húzni ) ist eigentlich unethisch. Ich missachte diesen “ Beruf“ genauso wie enes Zuhälters.Ist doch mein gutes Recht 🙂
      Sofort kommt der Hinweiss, dass hier über Ungarn zu diskutieren sei, aber in anderem Kontext werden “ europäische Verhaltensweise“ verlangt. Zum kotzen ist diese Janusköpfigkeit !
      Es hat sich vieles in Europa geändert ! Ich hoffe sehr, dass die Ungarn , die heute ausserhalb Ungarns ihr Glück versuchen, die sehen nicht die Türen hinter ihnen zugeschlagen. Früher nur „einige“ Dissidenten durften wieder ins Land…. Wir wissen und kennen einige ! Mit dem Finger auf Orbán zu zeigen und laut schreien, dass der Orban ist für die Auswanderung schuldig ist auch eine perfide Unterstellung. Ich versuche es zu beweisen, daß über 2 Millionen Rumänen seit der “ Wende“ in Ausland arbeiten. http://www.nepriveste.ro/cati-romani-muncesc-in-strainatate/
      Wer ist “ Schuld“ ? FIDESZ & Orbán !

      • …mindestens ein europäisches, wenn nicht weltweites Problem ist“…

        Es ist besser etwas denken aber nicht schreiben, als schreiben , ohne zu denken 🙂

  19. Liebe Frau Széchenyi,
    ich weiß nicht ob der Fall von O.B. ein Einzelfall ist.
    Aber wir leben in Mitteleuropa auf einem Minenfeld. Und wir sollten das nicht vergessen. Daher sollte alles versucht werden, Spannungen abzubauen und nicht aufschaukeln.
    Ich habe nach einem Besuch in Novisad, Ujvidék,Neusatz während des Bürgerkriegs im ehemaligen Jugoslawien einen Artikel geschrieben. Ich besuchte zuvor sicher wenigstens ein Dutzend Male die Vojwodina und sprach mit Dutzenden von Ungarn. Keiner erzählte mir, was doch viele wußten, dass nach dem Einmarsch der Tito-Partisanen, tausende von ethnischen Ungarn umgebracht wurden. Diejenigen, die was am Kerbholz hatten, sind mit den deutschen Truppen geflüchtet, d.h. die umgebracheten Ungarn mußten für Unrecht büssen, das zuvor Serben angetan wurde.
    Niemand erzählte mir das, aus dem einfachen Grund, weil alle Angst hatten.
    Ich konnte nicht darüber schreiben, denn ich habe es nicht gewußt, aber ich schrieb über den Irrsinn des Nationalismus am Balkan.
    Damals Anfang der 90er Jahre konnte man noch in normaler Lautstärke in Novisad im Bus ungarisch reden, heute – so höre ich – kann es zu unliebsamen Zwischenfällen führen.

    Ich denke, dass es im Interesse der ungarischen Minderheiten und Ungarns ist, nicht wirkliche oder gar virtuelle Konflikte zu verschärfen, sondern diese abzubauen, denn der Friedensvertrag von Trianon, den Graf Karolyi nicht unterschreiben wollte und der schlußendlich von einem Mitglied der von Horthy eingesetzten Regierung unter zeichnet wurde, läßt sich aus verschiedenen Gründen nicht rückgängig machen. Viele Ungarn, die in der Slowakei leben, empfinden, wie ich in Gesprächen erfahren konnte, auch so.

    Palóc, Sie irren sich gewaltig. Kein ernsthafter Politiker oder Journalist im Westen unterschätzt das Minderheiten Problem in Mittel-Osteuropa, das ja wirklich nicht nur Ungarn betrifft. Gerade in der FAZ habe ich eine Menge darüber gelesen.
    Und ich habe in wenigstens einem meiner Artikel die ungarische Aussenpolitik (auch der MDF und der ersten Fidesz-Regierung) gelobt. Erst in der letzten Zeit gewinne ich den Eindruck, dass Politiker von Fidesz beginnen die Realitäten zu verkennen. Wenn also ein MEP Tamás Deutsch einen USA Staatssekretär ordinär – keine Druckerschwärze duldend – beschimpft und dies laut seiner Behauptung von Fidesz-Politikern nur mit Lachen quittiert wird, dann läuft etwas schief. Und das war jetzt nur ein Beispiel.

    Könnte es sein, dass Sie sich Illusionen machen über die ungarische Gesellschaft? Die als Ideal der deutschen Gesellschaft gegenüberzustellen, macht diesen Eindruck. Es ist meiner Meinung nach ein fataler Fehler, wenn man über ein Land mit mehr als 80 Millionen Einwohner (D)oder 10 Millionen Einwohnern (H) Pauschalurteile fällt.
    Viele junge Ungarn verlassen still und leise das Land und das ist – wie immer wir es betrachten – ein Verlust, denn es sind nicht die schlechtest ausgebildeten und die faulsten, die weggehen.

    • Lieber Herr Pfeifer,
      vielen Dank für Ihre interessanten Ausführungen.
      Ich möchte nicht auf wichtig tun, aber ich muss trotzdem betonen, dass der Vertrag von Trianon nicht korrekt war. Man darf Ethnien nicht einfach zerreissen und Völker über Generationen hindurch bestrafen und knechten!

    • Ich denke nicht, dass die ungarische Gesellschaft perfekt ist oder ein Ideal. Es ist Tatsache, dass die Bevölkerung sehr stark polarisiert ist, was einem wir-Gefühl wie ich es befürworte (meine Vorstellung ist im Übrigen weit entfernt von jedem Faschismus) natürlich entgegensteht. Ich sage nur, dass die Voraussetzungen für eine gut funktionierende Gesellschaft da sind, ein Beispiel ist dafür, dass viele Menschen Wert auf Traditionen legen. Dies könnte gesellschaftliche Gräben überwinden helfen denn dies sind „wir“ und nicht „ich und du“.
      Auf der anderen Seite erkenne ich in Deutschland kein solches Potenzial, auch wenn mir das selbst Leid tut. Dieser Begriff ist zwar negativ besetzt, aber ich gebrauche ihn dennoch: Dekandenz. Ich mag nicht den Teufel an die Wand malen, aber die deutsche Gesellschaft nimmt eine äußert dekadente Entwicklung. Alles wird in Geld aufegrechnet („Was kostet mich das?“), Rücksichtslosigkeit ist weit verbreitet, Religion wird als mittelalterlich angesehen… Ein kleines Allerweltsbeispiel: Deutschland sucht den Superstar. Dort wird die deutsche Jugend schlicht verheizt. Niedergemacht von jemanden, der eigentlich nichts geleistet hat und dennoch ein Ekel ist. Juckt bloß keinen. Zu tausenden rennen sie dahin und schauen sich die Sendung an. Und lästern. Und niemand nimmt das als Problem war! Es gibt noch zig andere Sendungen auf selben Niveau und die Tatsache, dass sie insgesamt offenbar gute Einschaltquoten haben, wirft kein gutes Licht auf Deutschland. Verstehen Sie mich nicht falsch: ich will Deutschland nicht niedermachen. Es ist mir eher daran gelegen, einen Spiegel vorzuhalten um die Dinge zu verbessern. Nur habe ich wenig Hoffnung, weil ich eben keine Grundlage für eine Verbesserung der Dinge sehe.

      Noch ein kleines Beispiel aus meiner Erfahrung, dass ich bezeichnend fand. Aufgrund eines Hobbys bin ich (unter anderem Nutzernamen) auf verschiedenen Foren unterwegs. Dieses Hobby beschäftigt sich ebenfalls zum großen Teil mit Ungarn – zumindest meine Aktivitäten in diesem Zusammenhang. Jedoch geht es dabei nicht um Politik, sondern um Kultur und Geschichte. Mehr möchte ich zu diesem Hintergrund nicht sagen, da ich meine (andere) Identität schützen möchte. In Rahmen dieser Tätigkeiten habe ich jedenfalls Kontakte zu anderen Leuten mit gleichen Hobby geknüpft. Darunter Deutsche und Ungarn. Meine Beobachtung war die, dass sich die Ungarn schnell zusammenfanden und sich häufiger gegenseitig aushalfen. Sie nahmen auch mich ohne weiteres auf, obwohl ich nicht perfekt ungarisch spreche. Insgesamt waren wir, denlene ich, sehr erfolgreich. Währenddessen pflegten die Deutschen Forenmitglieder in erster Linie lockere Bekanntschaften, man kannte sich zwar, kooperierte aber nicht öfter mit einander als mit anderen. Auch zu den Deutschen hatte ich Kontakt. Darunter waren durchaus anständige Leute, allerdings hatte ich auch durchaus schlechte Erfahrungen und das schon nach sehr kurzer Zeit, sodass ich die meisten Kontakte einschlafen ließ. Ein deutsches Forum mit selben Thema hatte ich mir angesehen, ich habe mich dort jedoch erst gar nicht registriert, weil es dort in erster Linie um ‚Penislängenvergleiche‘ (man verzeihe mir diese Begriffswahl) ging – auch so eine deutsche Attitüde. Ich betone nocheinmal: diese Tätigkeit war unpolitisch.

      Insgesamt sage ich, dass es durchaus Ausnahmen auch in Deutschland gibt und die ich auch nicht vorverurteilen will, die jedoch kein Elan zeigen an den Missständen etwas zu ändern. Ungarn ist sicher ebenfalls kein Paradies, aber es macht den Eindruck mehr Potenzial zu haben.

      Und ehe Sie sagen, dies habe mit Ungarn wenig zu tun, möchte ich Sie an das folgende Spricht erinnern: „Wer im Glashaus sitzt, sollte nicht mit Steinen werfen“. Wenn Sie Ungarn also kritisieren, vergessen Sie nicht die Relationen.

      Als Schlusswort möchte ich Sie noch auf etwas Aufmerksam machen, lieber Herr Pfeifer. Sie sagten, die Ungarn in der Vojvodina hätten Ihnen nicht alles erzählt, die Gründe dafür haben Sie sicherlich richtig erkannt. Insgesamt erzählen Sie häufiger Sie wären irgendwo hin gegangen und hätten sich mit den Leuten unterhalten. Ist es Ihnen je in den Sinn gekommen, besonders nach Ihren Erfahrungen in der Vojvodina, dass das was die Leute sagen und was sie denken, zwei paar Schuhe sind? Fragen Sie die Deutschen, keiner wird zufrieden sein.

  20. Liebe Frau Széchenyi,
    In Ungarn hat Fidesz einen Jobbik Vorschlag, einen Trianon-Gedenktag im Parlament einzuführen, übernommen. Das halte ich für einen gravierenden Fehler, denn Fidesz wird Jobbik nie beim pathetischen Pseudonationalismus überholen können. Auch damit hat Fidesz Jobbik bestärkt.
    Unrecht ist den Ungarn geschehen, aber die deutschsprachigen Westungarn (jetzt 90 Jahre als Burgenland bei Österreich), die Slowaken, Ruthenen, Rumänen, Serben, Kroaten und Slowenen haben es nicht als Unrecht empfunden, im Gegenteil. Mihály Károlyi wollte diesen Vertrag nicht unter zeichnen, die Armee der kurzlebigen Räterepublik hat gegen die tschechoslowakischen und rumänischen Invasoren gekämpft, Horthy aber hat sich mit den Alliierten arrangiert und konnte nach der rumänischen Besatzung von Budapest auf einen weißen Schimmel in der „sündigen Stadt“ hineinreiten.
    Das ist Teil der ungarischen Geschichte und kann nicht wegretuschiert werden.
    Ich habe darüber viel vom allzufrüh verstorbenen Historiker Miklós Szabó gehört.
    So gesehen war auch der Vertrag von St.Germain nicht gerecht, denn die deutschsprachigen Südtiroler, damals die absolute Mehrheit wollte nicht zu Italien gehören.
    Dieser Vertrag ist ein Thema im Fach Geschichte der Schulen. Aber wenn ein österreichischer Politiker den Vorschlag machen würde, im Parlament einen St.Germain-Gedenktag abzuhalten, dann würde man Zweifel an seinem Geisteszustand äußern. Hingegen könnte gerade die Autonomie Südtirols als Beispiel für eine konstruktive Lösung von Minderheitsprobleme dienen.
    Tatsache ist, dass die meisten Ungarn in den Nachfolgestaaten wissen, dass eine Aufschaukelung des Nationalismus in Ungarn automatisch zur Aufschaukelung des Nationalismus der Anderen in Ost-Mitteleuropa führt. Ihr Interesse ist aber mit den Mehrheitsvölkern in Frieden zu leben.
    In der Slowakei drückte sich das ganz klar bei den letzten Wahlen aus, als die binationale Partei Most-Hid einen großen Erfolg erzielte.

    • Wären Sie ehrlich gewesen, hätten Sie die ganze Geschichte über Südtirol erzählt…

      Aus Wikipedia:
      „Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde in Paris ein Autonomiestatus für Südtirol und die deutschsprachigen Gemeinden des angrenzenden Trentino ausgehandelt (Gruber-De-Gasperi-Abkommen). Die italienische Regierung fasste die beiden Provinzen jedoch zu einer Region zusammen, wodurch die Entscheidungen in der Hand der italienischen Mehrheit des Trentino lagen und die deutschsprachigen Südtiroler weiterhin in einer Minderheitenposition standen. Auch andere Bestimmungen des Vertrages blieben zum Großteil unerfüllt. Die italienische Einwanderungspolitik führte zu einer starken Zuwanderung aus den ärmeren Regionen Ober- und Süditaliens, wogegen sich Widerstände in der einheimischen Bevölkerung aufbauten. Diese mündeten schließlich (ab 1957) in einen bewaffneten Widerstandskampf (Befreiungsausschuss Südtirol BAS), der von Italien als terroristische Bedrohung bekämpft wurde.

      Mit der Bekanntgabe des Streitfalls durch den damaligen österreichischen Außenminister Bruno Kreisky vor der UNO-Generalversammlung wurde die Südtirol-Frage 1960 „internationalisiert“, d. h. zum Gegenstand der Aufmerksamkeit über Österreich und Italien hinaus gemacht. Die italienische Regierung wurde dadurch zu einer Lösung der Probleme motiviert. Sie schlug Österreich 1969 den so genannten „Operationskalender“ vor, der 1972 zum „Südtirol-Paket“ mit einem neuen Autonomiestatut für die Provinz Bozen führte. 1992 gab die italienische Regierung der österreichischen bekannt, das Paket sei nun komplett realisiert. Österreich richtete daraufhin nach Zustimmung der Südtiroler und Tiroler Politiker eine „Streitbeilegungserklärung“ an Italien und an die Vereinten Nationen.

      Seitdem besitzt das Land eine weitgehende Autonomie (auch in Budgetangelegenheiten) und konnte sich zu einer wohlhabenden Region in Europa und einer der wohlhabendsten Italiens entwickeln. Der europäische Integrationsprozess mit dem Schengener Abkommen, der Einführung der Gemeinschaftswährung Euro und der Bildung der Europaregion Tirol-Südtirol-Trentino ermöglicht es seit den neunziger Jahren, verstärkt an die lange historische Zusammengehörigkeit von (Nord-)Tirol, Südtirol und Trentino anzuknüpfen.“

      Wird der Westen endlich hören, oder muss man ihn – wie im Falle Südtirols damals – dazu zwingen? Ich – wie die meisten Ungarn – wären mit Autonomie durchaus zufrieden, jedoch halte ich nichts von einer Autonomie, die bei der ersten Gelegenheit wieder aufgelöst wird oder nur auf dem Papier besteht. Im Moment ist der Westen noch nichtmal bereit sich für irgendeine Autonomie der Ungarn einzusetzen, geschweige denn sich gegen das slowakische Staatsbürgerschaftsgesetz auszusprechen.

    • Lieber Herr Pfeifer,
      das Karpatenbecken war schon vor den Ungarn ein buntes Völkergemisch. Auch die Ungarn waren gemischte Einwanderer. Es gab die Hunnen, die Awaren, die Jasygen (Jászok), die Kumanen (Kúnok), die Petscheneggen, die Sekler(Székelyek), die Csángó, später dann die Siebenbürger Sachsen, die Schwaben nach der Türkenzeit. Slaven waren schon vor den Ungarn da, ebenso Kelten. Sogar eine wallonische Insel gab es in Nordungarn. Andererseits ist das Karpatenbecken die perfekteste geographische Einheit in Europa.

      Trianon war ein Racheakt und die größte politische DUMMHEIT nach dem I. Weltkrieg!
      Graf Károlyi wollte den Vertrag nicht unterzeichen – aber die „Geschichte“ geht weiter: Graf Apponyi forderte erfolglos eine Volksabstimmung über die abzutretenden Gebiete, zwei Drittel des ungarischen Staatsgebiets. Und das der Vertrag dann doch unterzeichnet wurde, besser gesagt mußte, sollte nicht Reichsverweser Horthy in die Schuhe geschoben werden.
      Bei Horthy sind wir verschiedener Meinung, Sie haben viel von Miklós Szabó gehört, ich von meinem Vater, Onkel (Offizier) und Niki Horthy (Miklós jun der von den Nazis entführt und ins KZ gesteckt wurde).

      Österreich (wo noch die Habsburgergesetze in Kraft und von EU anerkannt !)und St.Germain-Gedenktag: bringen Sie mich bitte nicht in Verlegenheit, jetzt etwas Unbedachtes zu schreiben 🙂

      „Hingegen könnte gerade die Autonomie Südtirols als Beispiel für eine konstruktive Lösung von Minderheitsprobleme dienen.“ – darin stimme ich Ihnen voll zu!

  21. Palóc, ich versuche hier mit Menschen repektvoll zu diskutieren, die nicht meine Meinung 100% teilen. Mir Unehrlichkeit vorzuwerfen, weil ich nicht Wiki zitiere und nicht über Südtirol mehr schreibe ist überzogen.
    Hier haben wir ein Diskussionsforum über Ungarn. Wir können natürlich Vergleiche ziehen, Beispiele geben von anderen Ländern. Das habe ich auch getan.
    Aber ich bezweifle, ob HV als Besitzer dieses Blogs gerne sehen würde, wenn ich hier eine Abhandlung über Südtirol oder einen meiner Artikel über Südtirol gepostet hätte.

    HV Slota möchte wie die Rechtsextremisten in Ungarn eine Politik der Spannung sehen. Daher halte ich es für wichtig, dass die ungarisch-slowakische Partei Hid-Most sich in dieser Sache engagiert. Sich mit Rechtsextremisten einzulassen diskreditiert jede Partei, die Anspruch erhebt demokratisch zu sein. Das gilt für alle die sich mit MIÉP,. Jobbik und natürlich mit der Partei von Slota auf eine Platform begeben..

    • Ah, verstehe: der bewaffnete Widerstand gegen Italien war wieder nur so ein kleines Detail, ein Haar in der Suppe das kein Sätzchen Wert ist. Der Punkt ist doch: der Westen hat damals versagt, weil er es nicht rechtzeitig hinbekommen hat das Problem zu lösen ehe es zum bewaffneten Widerstand kam. Und er ist gerade wieder dabei zu versagen. Ihrem Beispiel von der Autonomie folgend, müsste man einen bewaffneten Widerstand beginnen…

  22. Palóc, wenn Ungarn in den Nachfolgeländern zu den Waffen greifen würden, könnte das unabsehbare Folgen haben. Ich lehne Terror, denn um diesen handelt es sich – egal ob von links oder rechts kommend – grundsätzlich ab.
    Da Sie mir Unehrlichkeit unterstellen, ist für mich jetzt diese Diskussion mit Ihnen beendet.

  23. Resolution 217 A (III) der Generalversammlung vom 10. Dezember 1948
    Allgemeine Erklärung der Menschenrechte

    2. Niemandem darf seine Staatsangehörigkeit willkürlich entzogen noch das Recht versagt werden, seine Staatsangehörigkeit zu wechseln.

    Slowakei hat keine Rech auf Ungarisches Territorium, in Trianon wurde für Tschechoslowakei verschenkt, nach der Auflösung weiss noch bis heute keiner warum wird es von Slowakei immer noch besetzt. Aber wenn es momentan so ist müssen die auch von Tschechoslowakei unterschriebenen Verträge einhalten.

  24. Pingback: Die Presse sieht Angst im ungarischen Medienmarkt « Hungarian Voice – Ungarn News Blog

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