Retuschen-Skandal: Dániel Papp und Gábor Élö gefeuert

Der Retuschen-Skandal beim ungarischen Fernsehen hat Dániel Papp, den Chefredakteur der Nachrichtenredaktion der Mediendienstleistungs-Gesellschaft MTVA, und Gábor Élö, den Direktor der Nachrichtenredaktion von MTI, den Job gekostet. Die Leitungen teilten mit, beide Personen hätten sich schwerer fachlicher Fehler schuldig gemacht. Élö wurde fristlos entlassen, Papp zunächst vom Dienst suspendiert.

Zum Hintergrund: Der EU-Parlamentarier und frühere evangelische Bischof László Tökés (Fidesz) war vom Staatsfernsehen für die Abendnachrichten auf einer Veranstaltung interviewt worden, die sich mit dem Fall „Olivér Boldoghy“ befasste. Anwesend war auch der ehemalige Präsident des Obersten Gerichtshofes, Zoltán Lomnici, der sich bei einer überparteilichen Menschenrechtsorganisation (Emberi Méltoság Tanácsa) engagiert. Der im Hintergrund stehende und mit Tökés befreundete Lomnici  wurde aus objektiv nicht nachvollziehbaren Gründen von den Sendungsmachern herausretuschiert. Nach der Sendung wurde dann wieder die Version ohne Retusche in die Online-Mediatheken eingestellt.

https://hungarianvoice.wordpress.com/2011/12/11/die-presse-sieht-angst-im-ungarischen-medienmarkt/

Die drei unmittelbar mit dem Beitrag befassten Personen wurden bereits abgemahnt, es blieb jedoch bei Spekulationen, dass es eine „Anweisung von oben“ gegeben habe. Lomnici selbst hatte betont, er sei seit über einem Jahr „persona non grata“ im staatlichen Rundfunk.

Insbesondere Dániel Papp, der aus dem Umfeld der rechtsradikalen Partei Jobbik stammt, ist kein unbeschriebenes Blatt: Er war zu zweifelhafter Berühmtheit gelangt, nachdem er einen Fernsehbericht über eine Veranstaltung der ungarischen „Grünen“ (LMP), auf der auch der EU-Abgeordnete Daniel Cohn-Bendit anwesend war, verfälscht wiedergegeben hatte. Er war kurz darauf in einen Führungsposten bei der MTVA befördert worden.

http://www.europeonline-magazine.eu/ungarische-nachrichtenchefs-wegen-retuschierens-gefeuert_175578.html

http://index.hu/kultur/media/2011/12/15/azonnali_hatallyal_kirugtak_elo_gabort_es_papp_danielt/

7 Kommentare zu “Retuschen-Skandal: Dániel Papp und Gábor Élö gefeuert

  1. Hmm, sehr gut.

    Herr Pfeifer hat in dieser Sache auch den Beweis erbracht, dass Ungarn eine tadellose Demokratie ist. 🙂 Um ihn zu zitieren:

    „Agathe Széchenyi: Es gibt auch – wie Sie richtig hinweisen – auch in Demokratien Manipulationen. Aber, diejenigen, die das machen, fliegen in der Regel hinaus. So z.B. ein Journalist der New Yorki Times, der manipulierte und entlassen wurde.“

    Danke hiefür. 😉

  2. Herr Rudolf,
    das allein ist noch kein Beweis dafür eine tadellose Demokratie zu sein.
    Zumal es auch Zweifel daran gibt, dass der gefeuerte Journalist wirklich derjenige ist, der diese Manipulation zu verantworten hat.
    Erinnern wir uns doch, zunächst einmal wurden nur drei Mitarbeiter gerügt.

    Die wirklich gute Nachricht ist, dass Dániel Papp zurückgestuft wurde. Er hat nachweislich manipuliert und die Tatsache, dass er danach Karriere gemacht hat, machte weder im In- noch im Ausland einen guten Eindruck.

    • Hmm, ungefähr diese Antwort habe ich erwartet.

      „das allein ist noch kein Beweis dafür eine tadellose Demokratie zu sein.“
      Tatsächlich… 😉

      Schönes WE.

  3. Die WELT berichtet unter Bezugnahme auf die Agentur AFP ebenfalls über die Absetzung und bezeugt abermals die Oberflächlichkeit ihrer Berichterstattung.

    „Papp werde für eine Anfang Dezember ausgestrahlte Fernsehreportage zur Verantwortung gezogen, die das Persönlichkeitsrecht des früheren Präsidenten von Ungarns Oberstem Gericht, Zoltan Lomnici, verletzt habe, hieß es. In der Sendung wurde Lomnici, ein Kritiker von Orbans Regierung, als zweifelhafte Persönlichkeit dargestellt.“

    Als zweifelhafte Person dargestellt? Ob der Verfasser der Agenturmeldung überhaupt weiß, um was es in dieser Sache ging?

    Lomnici, ein Kritiker der Regierung Orbáns? Wohl kaum. Weshalb auch der Standard schrieb: „Dabei gilt Lomnici nicht als Kritiker der rechts-populistischen Regierung unter Ministerpräsident Viktor Orban. Seine Verbannung aus der TV-Berichterstattung wurde vielmehr auf persönliche Konflikte zurückgeführt. Nicht zuletzt deshalb hatte der Skandal auch unter Regierungsanhängern Empörung ausgelöst.“

    http://derstandard.at/1323916571540/Nachrichtenchefs-wegen-Retuschen-in-einem-TV-Beitrag-gefeuert

    Ich staune über die fehlende Recherche und die Ahnungslosigkeit der AFP und der WELT. Und über die dortige Phantasie. Obwohl ich das Staunen langsam lassen sollte 🙂

  4. Gregor Mayer, die dpa-Speerspitze zur Bekämpfung der „Orbánisten“ (Mayers liebevolle Umschreibung der Regierungspartei und ihrer Anhänger), umschreibt Lomnici auf der öffentlichen Facebook-Seite zu „Aufmarsch – die rechte Gefahr aus Osteuropa“, als

    „opportunistischen Justizbeamten, der der Regierung kein Haar gekrümmt hat und nichts zur Verteidigung der Demokratie getan hat“.

    Lustig, was sich ein von einer überragenden parlamentarischen Mehrheit (nur drei Gegenstimmen) im Jahre 2002 gewählter ehemaliger Oberster Richter, von einem Journalisten alles anhören muss. Ich tendiere freilich dazu, dem Leiter des Obersten Gerichtshofes eines demokratischen Mitgliedstaates der EU mehr praktische Verdienste um die Demokratie zuzuschreiben als Herrn Mayer. Das ist aber natürlich sehr subjektiv und nur meine Meinung.

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