Analysehilfe für Demonstrationen in Ungarn

Mandiner gibt eine Hilfestellung für künftige Analysen politischer Demonstrationen in Ungarn:

http://mandiner.blog.hu/2012/01/25/tunteteselemzesi_segedlet

Leider nur auf ungarisch verfügbar, beschreibt Mandiner die politische Lage in Ungarn in selten trefflicher Art und Weise. Die Bewertung von Demonstrationen hängt eben – wie so vieles – vom eigenen Standpunkt ab.

1. Parteikongress der „Demokratischen Koalitionspartei“

Die „Demokratische Koalitionspartei“ (DK) des ehemaligen MSZP-Ministerpräsidenten Ferenc Gyurcsány hat am 28.01.2012 ihren ersten Parteikongress abgehalten. Es nahmen ca. 1.500 Personen teil.

Gyurcsány und die Führungsriege der Partei, unter anderem der ehemalige SZDSZ-Abgeordnete und heutige Professor an der Uni Frankfurt, Tamás Bauer, der Publizist József Debreczeni und Csaba Molnár, ehemaloger Minister im Kabinett Gyurcsány, griffen die Orbánregierung für ihre Politik heftig an. Orbán müsse verschwinden und die Opposition einen „Runden Tisch“ abhalten.

Der Privatsender ATV berichtete:

http://atv.hu/cikk/video-20120128_debreczeni_orbant_nem_elbara_hanem_szent_ilonara_kene_szamuzni

WELT: Julia Váradi über Klubrádió

Julia Váradi, Mitarbeiterin des oppositionellen Radiosenders Klubrádió in Budapest, wurde von Paul Jandl für die Tageszeitung WELT interviewt:

http://www.welt.de/print/die_welt/kultur/article13836427/Orban-kann-nicht-verlieren.html

Váradi berichtet den Lesern der WELT über die „Angst“ vor Viktor Orbán, den als „Entscheider über Leben und Tod“ fungierenden Medienrat und behauptet, die Entziehung der Sendelizenz ihres Senders sei der Tatsache geschuldet, dass Ministerpräsident Viktor Orbán „nicht verlieren könne“ und keine Kritik ertrage. Leider fehlen – wie schon fast üblich – wichtige Informationen: So etwa die Erwähnung der Tatsache, warum Klubrádió gegenüber dem bislang unbekannten und nach neuesten Berichten undurchsichtigen Sender „Autórádió“ unterlegen ist: Klubrádió hatte das geringste Gebot für die Sendefrequenz aller noch im Ausschreibungsverfahren verbliebener Bewerber geboten.

Júlia Váradi, geboren 1948, studierte Anglistik und Germanistik und trat nach Abschluss ihres Studiums in den Dienst des ungarischen Radios. Auch nach der Wende war sie als Journalistin tätig, zunächst beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk, zuletzt beim oppositionsnahen und von der MSZP-nahen Táncsics Stiftung finanziell unterstützten Privatsender Klubrádió. Váradi ist bekennende Unterstützerin von Ex-Ministerpräsident Ferenc Gyurcsány und der von ihm mitgegründeten „Demokratischen Charta“.

Weiterführend:

https://hungarianvoice.wordpress.com/2011/07/24/die-presse-julia-varadi-uber-fehlende-pressefreiheit-in-ungarn/

https://hungarianvoice.wordpress.com/2011/10/01/klubradio-die-mar-vom-anschlag-auf-einen-unabhangigen-sender/

Komment.hu: Bence Inkei über die „Nazigefahr reloaded“ – Parallelen zu 1992

Inkei Bence kommentierte bereits am 18. Januar 2012 auf dem ungarischen Nachrichtenportal Origo.hu die ausländische Berichterstattung über Ungarn. Ein lesenswerter Beitrag, der aufzeigt, wie sehr die Ungarn-Berichterstattung seit 20 Jahren von Persönlichkeiten bestimmt wird, die politisch einem bestimmten – heute oppositionellen – Lager zuzuordnen sind.

http://www.komment.hu/tartalom/20120118-velemeny-a-nemzetkozi-sajto-konrad-es-schiff-szovegeire-alapozza-kritikait.html?SYSref=NONE&legordform=1&q=konr%25E1d+gy%25F6rgy&hol=3&mode=1&W=&cat=ORI5OREDQ5&L=HUN%253AENG%253AEngHunDict&cmnt_page=1

Die Budapester Zeitung hat den Beitrag auf deutsch abgedruckt:

http://www.budapester.hu/index.php?option=com_content&task=view&id=12936&Itemid=27

Inkei kritisiert die heutige hysterische Berichterstattung über Ungarn und zieht Parallelen zu den schon 1992 aufkeimenden Warnungen vor einer Diktatur und der Nazigefahr in Ungarn – eine Bezugnahme auf den „Medienkrieg“, über die auch Gyula Józsa in einem längeren Beitrag berichtet hatte:

http://www.ssoar.info/ssoar/files/swp/berichte/BER96_10.pdf

 

Budapester Zeitung: Jan Mainka kommentiert die Berichterstattung über den „Pro-Regierungs-Friedensmarsch“

Der Herausgeber der Budapester Zeitung, Jan Mainka, kommentiert in seinem Blatt die Berichterstattung der ausländischen Medien über den „Friedensmarsch“ vom 21. Januar 2012, der – so Mainka – größten Demonstration seit der Wende.

http://www.budapester.hu/index.php?option=com_content&task=view&id=12937&Itemid=27

Mainka konstatiert ein Ungleichgewicht zwischen der Darstellung der Demo von Regierungskritikern Anfang Januar 2012 und den jetzt erschienenen Berichten:

Während westliche Politiker im Schulterschluss mit ihren Journalisten nicht müde werden, die ungarische Regierung zu at­tackie­ren, weil es hier angeblich keine Pressefreiheit und keine ausgewogene Berichterstattung mehr gäbe, lieferten sie jetzt selbst ein Para­de­beispiel, wie man es in Sachen Be­richt­­erstattung besser nicht machen sollte. Während sie auf der einen Seite vor knapp drei Wochen eine Kundgebung der Opposition vor der Budapester Oper derart hymnisch feierten und hochjubelten, dass man als unbedarfter Rezipient solcher Meldungen schon quasi die Totenglöckchen der Orbán-Regie­rung hatte läuten hören, hatte die aktuelle Demonstration das Nach­se­hen. Für diese hatten die wackeren Vertreter der von ihnen selbst so gepriesenen westlichen Meinungs­frei­heit nur Ignoranz und höchstens ein paar übelwollende, diffamierende Bemerkungen übrig – was man dieser Tage in Sachen Orbán-Un­garn in deutschsprachigen Medien eben so bekommt.“

Was den Versuch, die Zahl der Teilnehmer auf „einige Zehntausend“ zu schätzen, angeht, empfehle ich den Lesern die Zeitraffer-Aufnahme von Youtube:

IWF-Berichte zu Ungarn

Der Internationale Währungsfonds brachte heute mehrere Mitteilung zu Ungarn heraus, die nachfolgend abgerufen werden können:

http://www.imf.org/external/pubs/ft/survey/so/2012/new012512a.htm

http://www.imf.org/external/pubs/ft/scr/2012/cr1213.pdf (Monitoring Bericht)

http://www.imf.org/external/np/sec/pn/2012/pn1204.htm (Kurzfassung)

 

Multimillionär Ferenc Gyurcsány zieht in den Plattenbau…

Diese Meldung ist kein Scherz.

Ferenc Gyurcsány, laut Jubilanten aus Übersee der „Tony Blair Ungarns“, seines Zeichens Ex-Ministerpräsident und auf Platz 50 der reichsten Ungarn, Miteigentümer einer während der stalinistischen Rákosi-Ära enteigneten und dem hochrangigen Parteifunktionär Antall Apró (dem Großvater von Gyurcsánys Ehefrau Klára Dobrev) zugewiesenen Villa in den schönen Hügeln von Buda, Eigentümer eines Landhauses nahe des Plattensees…zieht für ein paar Tage in einen Miskolcer Plattenbau.

Presseberichten zufolge haben Gyurcsány und die Führungselite seiner neuen Partei „Demokratische Koalition“ (DK) die Koffer gepackt und sind zu Gastfamilien in die Plattenbausiedlung Avas in Misklolc (Avasi Lakótelep) gezogen. Gyurcsány und seine Mannen (eine Frau ist auch mit von der Partie) wollen, jedenfalls nach ihrer Darstellung, die Realität, die Luft des ungarischen Alltags, spüren. Der sieht für viele Menschen so aus:

Die Avas-Plattenbausiedlung in Miskolc

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Der als Ministerpräsident „glücklose“ (Zitat Gregor Mayer) Gyurcsány versucht im Rahmen einer Charmeoffensive der anderen Art den Beweis zu erbringen, dass er „nah am Menschen“ ist und – ganz nebenbei – im Sportleibchen (neudeutsch: „Peitsche“) gut aussieht, wenn es die Kamera von ihm verlangt. De jó fej, ez a Feri! (Fotogalerie).

Gyurcsány im Plattenbau: Volksnähe eines Multimillionärs (Quelle: HVG.hu)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Es ist bestimmt reiner Zufall, dass in der Umgebung des Avas spätestens im Frühjahr „Zwischenwahlen“ stattfinden. Denn eine solche, auf Show angelegte, dümmlich-oberflächliche Art des Wahlkampfes wäre ja schließlich Populismus, und Populisten gibt es, wie wir von den willigen Presseattachés der ungarischen Opposition wissen, nur bei Fidesz.

Immer wieder schön zu sehen, wer als potenzieller Heilsbringer in den Startlöchern steht. Man stelle sich vor, der SPD-Aspirant für die Kanzlerkandidatur, Peer Steinbrück würde nach Marzahn ziehen. Man würde ihm den Vogel zeigen.

ATV: Pressegespräch zwischen András Stumpf und András Kósa

Allen Lesern, die die ungarische Sprache verstehen, sei dieses interessante Gespräch zwischen András Kósa (HVG) und András Stumpf (Heti Válasz) empfohlen. Das Thema: „Haben wir der EU nachgegeben?“ .

http://atv.hu/videotar/20120124_engedtunk_az_unionak

Neben den Gesprächen der ungarischen Regierung mit der EU wird auch die Pro-Regierungs-Demo vom vergangenen Wochenende angesprochen.

Heti Válasz: Interview mit Nick Thorpe von der BBC

Die ungarische Wochenzeitung Heti Válasz hat Nick Thorpe, der seit langer Zeit für die BBC aus Budapest berichtet, zur Lage in Ungarn interviewt. Das Gespräch erscheint am kommenden Donnerstag in der Print-Ausgabe der Zeitung. Die Online-Ausgabe bringt einen Teaser:

Nick Thorpe: Das hier ist noch lange keine Autokratie

Nick Thorpe berichtet seit 25 Jahren für die BBC aus Ungarn; er spricht unsere Sprache, er lebt mit seiner ungarischen Frau und seinen fünf Kindern in Budapest. Mit seinen ausgewogenen Berichten belehrt er seit Jahren viele ausländische Kollegen. Inmitten des auf die ungarische Regierung gerichteten Dauerfeuers fragten wir ihn, inwieweit er die Bewertungen für gerechtfertigt erachtet, und was er als Hysterie bezeichnen würde.

„Die Karikatur in der Le Monde war schrecklich, sie hat Ungarn viel Schaden zugefügt“ – sagt Nick Thorpe der Heti Válasz über jene Zeichnung, die Viktor Orbán in der französischen Tageszeitung als Reinkarnation Hitlers darstellte. Der Budapester Berichterstatter der BBC zitiert lieber den ehemaligen SZDSZ-Politiker Péter Hack, der sich wie folgt ausdrückte: Obwohl sich die Regierung regelmäßig verschätzt hat, und ihr auch die Sensibilität für europäische Werte zu fehlen scheint, so ist sie doch zur Zeit das wirkungsvollste Mittel, um einen weiteren Aufstieg der rechtsextremistischen Jobbik zu verhindern.

Der Journalist, der über unser Land bekannter Maßen ausgewogen berichtet, bezeichnet Viktor Orbán – anders als viele seiner Kollegen – nicht als Diktator, er selbst nennt einige Punkte der Politik des Regierungschefs „autoritär“. Seiner Auffassung nach gibt es in den Bewertungen des Kabinetts „viele Übertreibungen, insbesondere wenn das Wort Diktatur erwähnt wird. Wir haben schon Diktaturen in Europa gesehen, und Ungarn befindet sich nicht einmal in der Nähe einer solchen“ .

Nick Thorpe meint: Die Regierung hat Recht, wenn sie versucht, Arbeitsplätze zu schaffen – seiner Auffassung nach sollte man jedoch hierbei keine Menschenrechte beschränken. „Das war nicht nötig, denn mit ihrem 2/3-Sieg bekam Fidesz die Möglichkeit, großzügig zu sein“ . Man solle – und könne – Arbeitsplätze auf eine Art und Weise schaffen, mit der sich ein Großteil der Gesellschaft  identifizieren kann. Ein weiterer Fall: Wäre die Verfassung weniger auf Grundlage der christdemokratischen Sichtweise, sondern integrativer formuliert worden, könnten sich mehr Menschen mit ihr identifizieren. Die Macht zieht Verantwortung nach sich – formuliert zwar auch das Grundgesetz, aber es scheint, als hätte Fidesz die eigene Botschaft nicht vernommen.

http://hetivalasz.hu/itthon/ez-korantsem-onkenyuralom-45027