Magdalena Marsovszky: „Arier-Denken“ ist in Ungarn Mainstream

Bereits am 14.12.2011 gab die Kulturwissenschaftlerin Magdalena Marsovszky ein Interview für das SWR 2 Journal:

http://www.swr.de/swr2/programm/sendungen/journal/interviews/-/id=659252/did=9019366/pv=mplayer/vv=popup/nid=659252/2n73m6/index.html

Thema des Interviews war der Einführung zufolge die Frage, wie das Vordringen der „braunen Gefahr“ vom Rand in die Mitte der Gesellschaft aufgehalten werden kann. Der Blick sollte auf Ungarn gerichtet werden.

Marsovszky zufolge sei das „extreme Denken“ im Sinne des „Völkischen“ in Ungarn „Mainstream“ . Auf die Anmerkung des Moderators, dies  erinnere an das „Ariertum aus der Zeit des Nationalsozialismus“ , antwortete die Interviewpartnerin:

Hundertprozentig so ist es.“

So denke der Mainstream in Ungarn.

Auf die Frage, welche Partei in Ungarn derartiges Gedankengut transportiere, identifizierte Marsovszky die Regierungsparteien Fidesz und KDNP. Der Vize-Regierungschef Zsolt Semjén (KDNP) bezeichne die Auslandsungarn als „Blutsbrüder“ , das völkische Denken lasse sich zudem dadurch stabilisieren, dass man andere ausgrenze und (zum Beispiel) „als verjudet“ darstelle, oder aber Menschen ausschließe, die „keine weiße Hautfarbe“ hätten. Die „Volksgemeinschaft“ werde als „weiß“ und „vom Holocaust unbefleckt“ dargestellt.

Es sei betont: Marsovszky spricht nicht von der extremen Rechten (Jobbik), sondern dem Bündnis aus Fidesz und KDNP, das über 2/3 der Parlamentsmandate verfügt.

Marsovszky weiter:

Und eigentlich ist auch eine Rhetorik zu beobachten wie in Deutschland vor dem 2. Weltkrieg, eine biologistische, eine hygienistische Rhetorik, in der alles, was so als schmutzig empfunden wird, auch biologisiert wird in der Art, ich sage Ihnen ein Beispiel, das ist auch ein Zitat vom Europaabgeordneten Tamás Deutsch, Mitglied der Fidesz-Partei. Er sagte zum Beispiel: „Es gibt eklige Spermien“. Also diese biologistische, hygienistische Ausdrucksweise, die man in Deutschland vor dem 2. Weltkrieg kannte, die ist in Ungarn absolut gängig (…)“ .

Wieder einmal erweist sich die ungarische Sprache, wie es der ungarische Pianist András Schiff im Frühjahr sagte, als eine Art Geheimsprache. Da die Hörer in diesem Fall die Aussagen Marsovszkys in den meisten Fällen wohl nicht überprüfen können, werden sich ihnen die Phantasmen   leider nicht erschließen. Sie nennt den EU-Abgeordneten Tamás Deutsch, der des Öfteren durch unflätige Begriffe aufgefallen ist. Dieser beschimpfte den ehemalien Ministerpräsidenten Ferenc Gyurcsány via Twitter mit folgenden Worten:

Vannak szemét alakok. Vannak aljas emberek. Vannak rosszindulatú örültek. Vannak irtózatos gecik. Vannak gusztustalan rohadékok. És van Gyurcsány.“

(„Es gibt miese Gestalten. Es gibt niederträchtige Menschen. Es gibt bösartige Verrückte. Es gibt fürchterliche Sperma. Es gibt geschmacklosen Abschaum. Und es gibt Gyurcsány.“)

Dieser – um die Worte Deutschs aufzugreifen – im Tonfall miese, niederträchtige, bösartige, fürchterliche und geschmacklose Ausbruch gegen den ehemaligen Ministerpräsidenten, der den unerträglichen Zustand des politischen Diskurses in Ungarn an einem einzigen Twitter-Beitrag unwiderlegbar dokumentiert, war Thema in der ungarischen Presse, selbst der österreichische Journalist Karl Pfeifer, der aktiv an den Diskussionen auf Hungarian Voice mitwirkt, schrieb über die Unflätigkeiten des „nützlichen Hofjuden“ (so Pfeifer früher) Deutsch auf dem Portal „The Propagandist“ .

Die Wortwahl des EU-Parlamentariers Deutsch muss nicht weiter kommentiert werden. Ungarisch Sprechende werden jedoch bestätigen, dass das Schimpfwort „geci“ fester Bestandteil der ungarischen Fäkalsprache ist, und keinerlei „biologistischen, hygienistischen“ Unterton hat. Es handelt sich letztlich um das – die Leser mögen es mir nachsehen – Pendant beziehungsweise den Superlativ zum deutschen „dreckigen Wi..ser“ .

Und hier kommen wir zurück zum SWR-Beitrag. Wie Frau Marsovszky, die ungarische Muttersprachlerin ist, auf die Idee kommt, ihren deutschen Zuhörern die ungarische Fäkalsprache sozusagen als letzten amtlichen Beleg für das völkische Denken zu präsentieren, ist sprachwissenschaftlich nicht nachzuvollziehen. Es drängt sich der Verdacht auf, dass Frau Marsovszky krampfhaft nach Belegen für ihre Auffassung sucht und zugleich hofft, die Zuhörer seien aufgrund der Sprachbarriere nicht in der Lage, die Tragfähigkeit ihrer Aussage zu überprüfen. Dass „irtózatos“ auch nicht „eklig“ bedeutet, zeigt das Ausmaß der Wortverbiegungen, die Magdalena Marsovszky hier vornimmt.

Zugleich wehrt sich die Wissenschaftlerin – wie ihre Reaktion auf einen Artikel des rechtskonservativen Publizisten István Lovas zeigt – heftig gegen den Vorwurf, sie stelle die ungarische Regierung mit der Hitler´schen, d.h. nationalsozialistischen völkischen Ideologie auf eine Stufe (Lovas hatte das in einem von der regierungsnahen Tageszeitung Magyar Nemzet publizierten Artikel behauptet):

Ich habe nie, an keiner Stelle, in keinem einzigen meiner Aufsätze geschrieben, dass Viktor Orbán der Ideologie Hitlers nacheifere.“

Richtig ist: Die Wissenschaftlerin hat tatsächlich bis dato nie geschrieben, „Orbán eifere der Ideologie Hitlers nach“ . Sie spricht jedoch von völkischem Denken und einer „Kultur des Faschismus“ . Und wie das obige Interview verdeutlicht, behauptet sie, der ungarische Mainstream, verkörpert durch Fidesz/KDNP, erinnere an die völkische Ideologie und das Arierdenken aus dem Nationalsozialismus (Das ist hundertprozentig so). Spitzfindigkeiten in der Wortwahl, die sich hoffentlich den kulturwissenschaftlich vorgebildeten Zuhörern von SWR 2 erschließen. Mir bleiben sie leider verborgen. Und ich befürchte, auch die meisten Zuhörer des Beitrages mussten den Eindruck gewinnen, in Ungarn sei  rechtsextremes Gedankengut, Arierdenken, bei der Mehrheit der Ungarn verbreitet.

Ich meine jedoch, Frau Marsovszky irrt sich. Und diese Bewertung ist – glaube ich – ausgesprochen höflich.

Nachtrag vom 07.01.2012:

In einem weiteren Radio-Interview (Deutschlandradio Kultur, 06.01.2012) berichtet die Kulturwissenschaftlerin abermals über heftige und in der Wortwahl inakzeptable Beschimpfung unflätigster Art, diesmal solche gegen ihre Person. Diese wurden z.B. in der Tageszeitung Magyar Hírlap durch den rechtsaußen stehenden Publizisten Zsolt Bayer ausgestoßen.

Im Interview äußert sich Magdalena Marsovszky aufFrage der Moderatorin Susanne Burg dann wie folgt:

Burg: Das klingt extrem. Welche Leute sind das denn, was für Kräfte, die Sie da angreifen?

Marsovszky: Das sind führende Regierungsmitglieder…

Hungarian Voice ist kein einziger Fall bekannt, in dem ein Regierungsmitglied sich in der im Interview angesprochenen Art über Frau Marsovszky geäußert und sie persönlich angegriffen hätte. Möglicher Weise können die Leser hier zur Klärung beitragen. Als Beispiel für unflätige Ausdrucksweise bringt Marsovszky im Anschluss an ihre o.g. Aussage dann erneut den EU-Abgeordneten Tamás Deutsch. Dieser hat jedoch nicht sie, sondern den ehemaligen Ministerpräsident Ferenc Gyurcsány angegriffen (s.o.).

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Tagesschau: Berichte zur neuen Verfassung

Die Tagesschau berichtet über die neue ungarische Verfassung:

http://www.tagesschau.de/ausland/ungarnverfassung100.html

Erwähnenswert ist auch die zum Jahreswechsel in Kraft getretene Erhöhung der Mehrwertsteuer um 2 Prozentpunkte auf nunmehr 27% (Regelsatz). Ungarn verfügt damit über den höchsten Regelsatz in der gesamten EU. Die letzte Erhöhung der Umsatzsteuer (von 20 auf 25%) war im Jahr 2009 erfolgt; seit dieser Zeit bildete Ungarn, gemeinsam mit Schweden und Dänemark, die europäische Spitzengruppe.