Magdalena Marsovszky: „Arier-Denken“ ist in Ungarn Mainstream

Bereits am 14.12.2011 gab die Kulturwissenschaftlerin Magdalena Marsovszky ein Interview für das SWR 2 Journal:

http://www.swr.de/swr2/programm/sendungen/journal/interviews/-/id=659252/did=9019366/pv=mplayer/vv=popup/nid=659252/2n73m6/index.html

Thema des Interviews war der Einführung zufolge die Frage, wie das Vordringen der „braunen Gefahr“ vom Rand in die Mitte der Gesellschaft aufgehalten werden kann. Der Blick sollte auf Ungarn gerichtet werden.

Marsovszky zufolge sei das „extreme Denken“ im Sinne des „Völkischen“ in Ungarn „Mainstream“ . Auf die Anmerkung des Moderators, dies  erinnere an das „Ariertum aus der Zeit des Nationalsozialismus“ , antwortete die Interviewpartnerin:

Hundertprozentig so ist es.“

So denke der Mainstream in Ungarn.

Auf die Frage, welche Partei in Ungarn derartiges Gedankengut transportiere, identifizierte Marsovszky die Regierungsparteien Fidesz und KDNP. Der Vize-Regierungschef Zsolt Semjén (KDNP) bezeichne die Auslandsungarn als „Blutsbrüder“ , das völkische Denken lasse sich zudem dadurch stabilisieren, dass man andere ausgrenze und (zum Beispiel) „als verjudet“ darstelle, oder aber Menschen ausschließe, die „keine weiße Hautfarbe“ hätten. Die „Volksgemeinschaft“ werde als „weiß“ und „vom Holocaust unbefleckt“ dargestellt.

Es sei betont: Marsovszky spricht nicht von der extremen Rechten (Jobbik), sondern dem Bündnis aus Fidesz und KDNP, das über 2/3 der Parlamentsmandate verfügt.

Marsovszky weiter:

Und eigentlich ist auch eine Rhetorik zu beobachten wie in Deutschland vor dem 2. Weltkrieg, eine biologistische, eine hygienistische Rhetorik, in der alles, was so als schmutzig empfunden wird, auch biologisiert wird in der Art, ich sage Ihnen ein Beispiel, das ist auch ein Zitat vom Europaabgeordneten Tamás Deutsch, Mitglied der Fidesz-Partei. Er sagte zum Beispiel: „Es gibt eklige Spermien“. Also diese biologistische, hygienistische Ausdrucksweise, die man in Deutschland vor dem 2. Weltkrieg kannte, die ist in Ungarn absolut gängig (…)“ .

Wieder einmal erweist sich die ungarische Sprache, wie es der ungarische Pianist András Schiff im Frühjahr sagte, als eine Art Geheimsprache. Da die Hörer in diesem Fall die Aussagen Marsovszkys in den meisten Fällen wohl nicht überprüfen können, werden sich ihnen die Phantasmen   leider nicht erschließen. Sie nennt den EU-Abgeordneten Tamás Deutsch, der des Öfteren durch unflätige Begriffe aufgefallen ist. Dieser beschimpfte den ehemalien Ministerpräsidenten Ferenc Gyurcsány via Twitter mit folgenden Worten:

Vannak szemét alakok. Vannak aljas emberek. Vannak rosszindulatú örültek. Vannak irtózatos gecik. Vannak gusztustalan rohadékok. És van Gyurcsány.“

(„Es gibt miese Gestalten. Es gibt niederträchtige Menschen. Es gibt bösartige Verrückte. Es gibt fürchterliche Sperma. Es gibt geschmacklosen Abschaum. Und es gibt Gyurcsány.“)

Dieser – um die Worte Deutschs aufzugreifen – im Tonfall miese, niederträchtige, bösartige, fürchterliche und geschmacklose Ausbruch gegen den ehemaligen Ministerpräsidenten, der den unerträglichen Zustand des politischen Diskurses in Ungarn an einem einzigen Twitter-Beitrag unwiderlegbar dokumentiert, war Thema in der ungarischen Presse, selbst der österreichische Journalist Karl Pfeifer, der aktiv an den Diskussionen auf Hungarian Voice mitwirkt, schrieb über die Unflätigkeiten des „nützlichen Hofjuden“ (so Pfeifer früher) Deutsch auf dem Portal „The Propagandist“ .

Die Wortwahl des EU-Parlamentariers Deutsch muss nicht weiter kommentiert werden. Ungarisch Sprechende werden jedoch bestätigen, dass das Schimpfwort „geci“ fester Bestandteil der ungarischen Fäkalsprache ist, und keinerlei „biologistischen, hygienistischen“ Unterton hat. Es handelt sich letztlich um das – die Leser mögen es mir nachsehen – Pendant beziehungsweise den Superlativ zum deutschen „dreckigen Wi..ser“ .

Und hier kommen wir zurück zum SWR-Beitrag. Wie Frau Marsovszky, die ungarische Muttersprachlerin ist, auf die Idee kommt, ihren deutschen Zuhörern die ungarische Fäkalsprache sozusagen als letzten amtlichen Beleg für das völkische Denken zu präsentieren, ist sprachwissenschaftlich nicht nachzuvollziehen. Es drängt sich der Verdacht auf, dass Frau Marsovszky krampfhaft nach Belegen für ihre Auffassung sucht und zugleich hofft, die Zuhörer seien aufgrund der Sprachbarriere nicht in der Lage, die Tragfähigkeit ihrer Aussage zu überprüfen. Dass „irtózatos“ auch nicht „eklig“ bedeutet, zeigt das Ausmaß der Wortverbiegungen, die Magdalena Marsovszky hier vornimmt.

Zugleich wehrt sich die Wissenschaftlerin – wie ihre Reaktion auf einen Artikel des rechtskonservativen Publizisten István Lovas zeigt – heftig gegen den Vorwurf, sie stelle die ungarische Regierung mit der Hitler´schen, d.h. nationalsozialistischen völkischen Ideologie auf eine Stufe (Lovas hatte das in einem von der regierungsnahen Tageszeitung Magyar Nemzet publizierten Artikel behauptet):

Ich habe nie, an keiner Stelle, in keinem einzigen meiner Aufsätze geschrieben, dass Viktor Orbán der Ideologie Hitlers nacheifere.“

Richtig ist: Die Wissenschaftlerin hat tatsächlich bis dato nie geschrieben, „Orbán eifere der Ideologie Hitlers nach“ . Sie spricht jedoch von völkischem Denken und einer „Kultur des Faschismus“ . Und wie das obige Interview verdeutlicht, behauptet sie, der ungarische Mainstream, verkörpert durch Fidesz/KDNP, erinnere an die völkische Ideologie und das Arierdenken aus dem Nationalsozialismus (Das ist hundertprozentig so). Spitzfindigkeiten in der Wortwahl, die sich hoffentlich den kulturwissenschaftlich vorgebildeten Zuhörern von SWR 2 erschließen. Mir bleiben sie leider verborgen. Und ich befürchte, auch die meisten Zuhörer des Beitrages mussten den Eindruck gewinnen, in Ungarn sei  rechtsextremes Gedankengut, Arierdenken, bei der Mehrheit der Ungarn verbreitet.

Ich meine jedoch, Frau Marsovszky irrt sich. Und diese Bewertung ist – glaube ich – ausgesprochen höflich.

Nachtrag vom 07.01.2012:

In einem weiteren Radio-Interview (Deutschlandradio Kultur, 06.01.2012) berichtet die Kulturwissenschaftlerin abermals über heftige und in der Wortwahl inakzeptable Beschimpfung unflätigster Art, diesmal solche gegen ihre Person. Diese wurden z.B. in der Tageszeitung Magyar Hírlap durch den rechtsaußen stehenden Publizisten Zsolt Bayer ausgestoßen.

Im Interview äußert sich Magdalena Marsovszky aufFrage der Moderatorin Susanne Burg dann wie folgt:

Burg: Das klingt extrem. Welche Leute sind das denn, was für Kräfte, die Sie da angreifen?

Marsovszky: Das sind führende Regierungsmitglieder…

Hungarian Voice ist kein einziger Fall bekannt, in dem ein Regierungsmitglied sich in der im Interview angesprochenen Art über Frau Marsovszky geäußert und sie persönlich angegriffen hätte. Möglicher Weise können die Leser hier zur Klärung beitragen. Als Beispiel für unflätige Ausdrucksweise bringt Marsovszky im Anschluss an ihre o.g. Aussage dann erneut den EU-Abgeordneten Tamás Deutsch. Dieser hat jedoch nicht sie, sondern den ehemaligen Ministerpräsident Ferenc Gyurcsány angegriffen (s.o.).

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81 Kommentare zu “Magdalena Marsovszky: „Arier-Denken“ ist in Ungarn Mainstream

  1. P.S.: Sollte Frau Marsovszky eine weitere Ausage von „dajtstomi“ vorlegen können, die sich in einen „biologistischen, hygienistischen“ und damit rechtsradikal-völkischen Kontext bringen lässt, so werde ich mich unverzüglich korrigieren und mich entschuldigen. Bis dahin bleibe ich aber erstaunt über so viel Phantasie…

  2. Das mit den Spermien mag überinterpretiert worden sein – ich weiß es nicht. Ist aber deswegen der Rest des Beitrages dadurch automatisch und gänzlich diskreditiert? Steckt da kein Fünkchen Wahrheit drin? Stimmt es etwa tatsächlich nicht, dass liberale, offene und kosmopolitische Denkweisen in Ungarn schnell als „jüdisch“, als von einem „internationalen Geist“ angesteckt etc. angesehen wird? Denken wir doch an die Anfeindungen, die etwa der liberale, europäisch denkende Schriftsteller Esterházy durchgemacht hat…

    Die Sache mit dem Mainstream. Gut, das kann man nicht messen. Aber wir wissen doch alle, welche Nostalgie nach der Zwischenkriegszeit, nach den Grenzen von vor 1918 es in Ungarn in vielen Kreisen gibt. Wir wissen doch alle, in welchen Kreisen man nur von den „oláh“-s, den „büdös cigányok“ etc. spricht.

    Also, ich denke nicht, dass man alle Aussagen von Frau Marsovszky so eindeutig und in Gänze zurückweisen sollte.

  3. Der Vize-Regierungschef Zsolt Semjén (KDNP) bezeichne die Auslandsungarn als „Blutsbrüder“
    Als was soll er sie sonst bezeichnen? Landsleute, Genossen?

  4. Lieber Galut, wenn in einem Beitrag Spermien als Metapher für Menschen erwähnt werden, dann suche ich nicht mehr nach dem Fünkchen von Wahrheit in ihnen. Ein „Fünkchen von Wahrheit“ können selbst Massenmörder aufzeigen. Tamás Deutsch, ob er nun jüdischer Abtammung ist oder nicht, ist einer der primitivsten und aggressivster Brunnenvergifter in der ungarischen Öffentlichkeit mit dem Parteibüchlein des Fidesz in der Tasche, dessen Gründungsmitglied er war. Das ist die „politische Ästhethik“ eiens Zsolt Bayer, der auch gerne zur Diskreditierung seiner Gegener sexistische Metapher benützt. Und es geht nicht um den political corectness, sondern um ihre manifeste Menschenverachtung. Ich spreche ganz bewusst nicht vom Nazismus, sondern von einer Ideologie der verkommenen Lumpenintelligenz. Magdaléna Marsovszky dagegen, ob sie im Einzelnen recht hat oder nicht, spricht eine zivilisisierte Sprache, ist also diskussionswürdig. Ich bin auch nicht der Meinung, dass sie, wie es Herr Kálnoky sieht, eine andere Sprache für die Medien als für die Wissenschaft hätte. Nein, sie vertritt ihre Meinung, während Tamás Deutsch seine kranke Seele vertritt. Und wenn lieber Hungarian Voice noch ein Zitat von diesem Null braucht, bitte: „Was für ein Schwanz („ki a fasz“) ist dieser Thomas Melia?“ (amerikanischer Staatssekretär, der an Ungarn etwas kritisieren wagte). Aber ich könnte noch weitere Zitate finden. Das ist das Niveau, das Ungarn kaputtmacht. Nicht die andere Meinung, sondern dieses Niveau müssten wir loswerden. (Ja, Herr Kálnoky, richtig, fallweise auch auf der linken Seite.)

    • Wir sind ja in der Sache einverstanden, Herr Dalos, aber hier muss ich widersprechen.

      Frau M. hat nicht nur aus dem primitiven Spruch (W—ser) etwas ganz anderes, nämlich biologistisches gemacht (Spermien), sondern auch noch so getan, als sei der Spruch, der nur auf Gyurcsany, also einzig gegen die Person des allgemein verhassten Ministerpräsidenten gemünzt war, gegen Juden gerichtet gewesen. Denn es wird von ihr als Beleg für Rassismus herangeführt.

      Das ist schon eine doppelte Verzerrung. Wo Verzerrung ist, ist Wissenschaft weit entfernt, und wo Verzerrung ist, würde ich als Politikwissenschaftler erstmal nach dem Motiv fragen.

      Sie, Herr Dalos, müssten zu den Ersten gehören, die gegen solche Rhethorik auf die Barrikaden steigen, wenn Sie Ihren hier geäusserten Satz ernst meinen, die Kritik gegen Ungarn sei in der Sache zwar berechtigt, ihre Heftigkeit schade aber dem Land, und man müsse eine Lösung für dieses Problem suchen. Die Lösung kann nicht in solchen Gift-Attacken liegen.

    • @ Dalos:
      Lieber Herr Dalos, was die Person Deutsch und seine Ausdrucksweise angeht, besteht zwischen uns nicht der geringste Dissenz. Gleichwohl sind seine Schimpftiraden weder biologistisch, noch „hygienistisch“. Sie sind einfach primitiv. Herrn Kálnokys Meinung schließe ich mich im übrigen voll und ganz an. Und bin jederzeit zu einer Diskussion darüber bereit, ob der ungarische Mainstream eine rechtsextreme Denke vertritt, eine, die an das Arierdenken während des Nationalsozialismus erinnert. Und ob Deutschs „irtózatos gecik“ dafür als Beleg dient.

      Die im Interview erhobene Behauptung geht weiter als die Aussage, Fidesz sei rechtskonservativ oder rechtspopulistisch. Wir scheinen uns nun in der Tat der Naziideologie vom völkischen Lebensraum anzunähern (bitte korrigieren Sie und andere Leser mich, wenn ich den Kontext falsch verstehe). Wie lange dauert es noch, bis Orbán vom Puszta-Putin zum Puszta-Hitler mutiert? (als stalinistischer Diktator Rákosi war er ja zwischenzeitlich schon zu sehen).

      Wer solche Anschuldigungen erhebt, sollte Beweis führen. Es ist nicht Aufgabe des Angegriffenen, seine Unschuld zu beweisen. Und das „Beweismittel“ Deutsch halte ich für – vorsichtig gesprochen – ausgesprochen schwach.

  5. Es gibt keine Fakten (an sich), nur in Kontexte eingebettete Interpretationen (von Fakten). Da jeder von uns sich in anderen Kreisen (=Kontexten) bewegt, spricht jeder jedem Fakt eine eigene und andere Bedeutung zu. Deshalb sind ja diese ganzen Berichte und Aussagen über Ungarn und „die“ Ungarn so unsäglich. Frau Marsovszky bewegt sich wohl, wenn sie in Ungarn ist, nur in ManCs oder ES-Kreisen, weil diese ihrer Denkweise entsprechen und diese bestätigen. Dementsprechend fallen dann ihre Kommentare zu Ungarn aus. Dafür wurde hier gestern in einem Kommentar ein dezidiert katholischer Beitrag, der natürlich alles, was in Ungarn gerade passiert, toll fand. Doch gehe ich davon ist, dass der Autor jenes Beitrages sich noch nie in der Redaktion von ManCs oder Múlt és Jövö hat blicken lassen, um die Denkweise der Leute dort zu verstehen.
    Und hier liegt der Hund begraben… Ich, persönlich, würde Frau Marsovszky ein vierwöchiges Stipendium geben, mit der Auflage, sie soll eine Woche lang jeden Abend in einer ferencvárosi (oder dem 8./). Bezirk) Kneipe, eine Woche lang jeden Abend/Tag der Redaktion von Magyar Demokrata, eine Woche irgendwo in Debrecen in einer Kneipe (Jobbik-Hochburg) und die letzte Woche auch sonstwo verbringen. Auf der anderen Seite müsste ein Vertreter der „Gegenseite“ eben eine Woche in dem jüdischen Zentrum (Nähe der Oper, Name entfallen), eine Woche in der Redaktion von ES usw. verbringen. Dann erst würden vielleicht solche Beiträge und Kommentare nicht gemacht werden. Weil man die Ängste, Sorgen, Denkweisen, Vorurteile der Anderen kennenlernt und damit hoffentlicht die eigene Denkweise relativiert.
    Denke ich. Bin ich naiv?

  6. Lieber Herr Dalos,

    ich glaube, Sie haben mich missverstanden. Ich wollte gestern Abend nicht T. Deutsch verteidigen und nach einem Fünkchen Wahrheit in seiner Aussage suchen. Sondern ich wollte nur sagen, dass man unterschiedlicher Meinung sein kann, ob Deutschs Aussage Teil eines biologistischen/rassehygienischen Diskurses ist (wie Frau M. es meinte) oder nicht (wie HV es meint). Außerdem habe ich geschrieben, dass man unabhängig von einer Zustimmung zu Frau Marsovszkys Interpretation, d.h. selbst wenn man sie ablehnt, den Rest ihres Beitrages diskutieren sollte, weil Frau Marsovszky in vielem Recht hat (Beispiele dafür siehe oben).

  7. Im Übrigen, Frau Széchenyi, ich glaube, die wenigsten meiner siebenbürgisch-ungarischen Verwandten würden Semlyén als Blutsbruder ansehen und anreden und ansehen und anreden w o l l e n. Diskurse, in welchen Konationale aufgrund ihres „Blutes“ zu Konationalen gemacht werden (und nicht aufgrund des Bekenntnisses zu gleichen politischen Werten) sind in der Tat v ö l k i s c h e Diskurse.

  8. HV sehen Sie mich als Kronzeuge gegen Frau Marsovszky?

    Galut Sie irren sich gewaltig. Gerade weil Frau Marsovszky die ungarische Gesellschaft kennt, in Deutschland studierte und nicht aus einer „linken“ oder „jüdischen“ Blase kommt, kann sie diese unvoreingenommen analysieren bzw beschreiben.

    Die völkischen Theoretiker in Deutschland und in Ungarn waren der Ansicht, die Natur der Seele eines Volkes sei von der Natur des Mutterlandes bestimmt. Demzufolge wurden die Juden – für die völkischen Denker ein Wüstenvolk – als ein oberflächliches, nüchternes Volk angesehen, dem es an Tiefe mangele und das ohne jegliche Kreativität sei. Als solches sei das jüdische Volk der Grund für alle Krisen der modernen Gesellschaft. Oder wie das im Vorwort des Buches „A zsidótörvény“ (Királyi Egyetemi Nyomda Budapest 1939) steht: „A zsidóság mindenütt a diaszporában, mint erjesztö népelem jelenik meg, müködésével azonban a gazdasági és szociális válságok sorozatát zúditja a többségi fajra és népre, meglazitja a politikai élet eresztékeit, forradalmi mozgalmakat hoz magával s a többségi fajból mindenütt és minden idöben kitermeli az antiszemitizmust, ami aztán a konzekvenciák levonására vezet.“
    Um dann auch festzustellen: „Ahhoz, hogy a magyar politika a zsidókérdésben a cselekvés útjára lépjen s ezt a problémát törvényesen megoldja, illetve a megoldás folyamatos stádiumába átvezesse – nekünk n e m v o l t
    s z ü k s é g ü n k i d e g e n b ö l i m p o r t á l t e s z m é k r e*, se idegen hatalmak általa magyar politikára gyakorolt nyomásra,…“
    Und die Autoren schreiben auch: „A zsidókérdés mindaddig nem fog megszünni, amig a zsidóság es a magyarság együtt fog élni s amig Középeuropa népeit a faji gondolat fogja igézetében tartani.“

    Wie kommt es, dass noch heute in Ungarn von „zsidókérdés“ (Judenproblem) gefaselt wird? Frau M. Marsovszky wird nicht deswegen bekämpft weil ihre wesentliche Aussagen stimmen, sondern weil sie den Mut und die intellektuelle Courage aufbringt dies auch auszudrücken.

    Die Bemerkungen von György Dalos über T.Deutsch treffen voll zu.

    Wer immer über Antisemitismus spricht oder schreibt, der aus dem Dunstkreis von Fidesz kommt (z.B. der von Zsolt Bayer betriebene, aber ich könnte noch andere nennen) dem wird entgegengehalten, dass doch dajtschtomi Jude sei und dass es viele jüdische Fideszmitglieder gibt (zuletzt argumentierte Dr. Anat Kalman so). Daher ist es notwendig zu sagen, dass die Juden ähnlich aber nicht gleich wie die Kommunisten beurteilt werden. Macht ein ehemaliges MSZMP-Mitglied oder gar Funktionär bei Fidesz mit, dann ist er ein guter Ungar. Macht ein Jude mit bei Fidesz, dann ist er ein guter patriotischer Jude.

    Danke HV, dass Sie M.Marsovszky propagieren.

    * im Original kursiv gedruckt.

  9. Sehr geehrter Herr Dalos,

    zur Klärung der strittigen Frage, ob die Verwendung der Vokabel „geci“ schon als Beweis dafür gelten kann, dass Ungarn dem völkischen Wahn verfallen ist, ließe sich ja die Meinung eines Sachverständigen einholen. Mir fällt da prompt der Name meines einstigen Lehrers, László Szörényi ein. Aus seiner Feder stammen nicht nur Werke, wie „Múltaddal valamit kezdeni“, sondern auch eine Abhandlung über ungarische Rhetorik (Kis magyar retorika).

    Für Genießer habe ich hier nur einige Kostproben (szemelvények) zusammengestellt. Ungarnspezialisten, die auf Google-Übersetzer angewiesen sind, finden bei Charlotte Roche Trost. Ihr Roman ‚Schoßgebete‘ schafft es bei Amazon immer noch auf Rang 30 der Bestseller.

    In Anlehnung an die Kriterien der Frau Marsovszky hier eine kleine Auswahl aus Werken völkischer Schriftsteller:

    „Az ügynök szóra reflexszerűen felháborodom (terminus technicus: elönti a szar az agyam; itt: szó szerint), mit ügynöközi az apámat, a tiedét, azt ügynöközd, geci komcsi!”

    (Esterházy Péter: Javított kiadás)

    „A jó kurva anyátok kibaszott valagát,
    hörögtem, vagy „Dömi…!”,
    a Medveszekreter felé így, nyögve, át-
    s-átkiabáltam,
    nem tudtam elröhögni magam, hogy – fasz! – felálltam,
    gyöngyfüggönyként lebezték a nyálam szálai
    a falat, telefonka
    asztalunkat, és Musiltól a Tonka
    című beszélyt,
    melyet leránték,
    s égi ajándék
    lett volna, ha az ördög
    torkomig le-s-le tömköd
    valami massza mocskot,
    úgy önti gecijét, hogy belefulladok, seggemen lelket ontok.“

    (Tandori Dezső: Hashártyaszakadási elégia)

    Ma is lukon durrantottam azt a kis kurvát, az anyja snapszeros mindenit. […] Úgy ugráltak a szemei mint két szájbabszott pingponglabda!

    Csókoljátok meg a pipacsvörös valagamat!

    […] baltával vágom ki a szemölcsét annak a gecihuszárnak, ha egyszer hazatolja a pinanyaló pofáját.

    (Fehér Béla: Filkó)

    „/…/ üvölt, te bebaszott picsa, mostmár az orrom is vérzik, még mindig térdelek, a kurva isten basszon meg téged, térdével mellberúg, de nem bőgöm el magam, ez még jobban felidegesíti, állva próbálja a hányást letakarítani magáról a gatyájával, hozzámvágja, majd hátbarúg, ettől pár pillanatra a lélegzetem is eláll, amire a második hányásroham is elkap, magam alá hányok, rá a bűzlő tamponra és a közben lassan növekvő vérfoltra, szeretem ezt a parkettát, a jó büdös kurva anyádat, te szemét ribanc, kiabál, de nem bánt, felveszi a nadrágját, még látom lassan alvadó véremet a seggén, azt a tetovált kis foltot a lapockáján, te hülye picsa, mondom magam elé, mi van, te szar, kérdezi még mindig üvöltve, te ostoba zsidó kurva, mondom magam elé, és végre elbőgöm magam, ez tetszik neki, szerintem mihelyst kimegy, kiveri még egyszer azt a nagyszerű faszt, le van szarva, hogy az a bebaszott zsidó tyúk lehányta, hatalmasat fog élvezni a lift melletti beugróban, még holnapután is érezni fogom a gecije illatát, a jó kurva anyádat, ugrok fel erre, te szemét geci, pofon vágom egyszer, kétszer, meglepődik, látom, erre nem számított /…/“

    Spiegelmann Laura: Édeskevés – Belépő

    „Szóval neked szent, mint a tehén Indiában?! Még azon se lepődnék meg, amilyen perverz állat vagy, ha Gangesz parti szent teheneket kefélnél. Persze az aberrált szexuális szokásaid cseppet sem izgatnak, de ilyesmire csak egy magadfajta, a pofátlanság minden határát túllépő 70-30-as fosgeci képes, hogy azzal a nővel hemperegsz, akit te magad tettél ünnepélyesen a nyúlfarknyi tabulistádra és megígérted, hogy bátyádként fogod védelmezni. Mondjuk, így, hogy lehullott a szememről a hályog, nincs is min csodálkoznom, hisz teljes mértékben tartottad magad a „reggel hugom, este dugom” módszerhez…

    Hetven százalék fos-, harminc százalék geci koktél az ilyen ember jelleme, mint a tiéd. Rázva, nem keverve. Nincs ezen mit visszaszívni. Legfeljebb a keverési arányon lehetne módosítani, esetleg beszámítani azt a tömérdek tömény alkoholt, amiben formalinként lubickolnak maradék agysejtjeid…..“

    „– Lőjél baszki, de jól célozzál, mert ha nem találsz el rendesen, addig fogom a fejedet a fagyott földbe verni, amíg a füleiden nem folyik ki a maradék agyvelőd! Te hülye állat büdös geci disznó! Te bambapofájú baromarcú szarfasz, ó, hogy verném anyád sírjára!“

    Mindkét idézet Nolik Antal: A lefagyasztott hadsereg c. regényből származik (Cenzúra Könyvek, 2009, A/5 248 old)

  10. @ Hercher: ich denke nicht, dass man die Verwendung eines Wortes in einem literarischen Zusammenhang, in dem es von einem Schriftsteller als sprachlich-literarisches Mittel eingesetzt wird, mit seiner Verwendung durch einen Politiker in einem völlig anderen Zusammenhang vergleich kann. (Genauer gesagt: vergleichen kann man es schon, nur ist das adäquat, intellektuell redlich und ein sinnvolller Vergleich?)

  11. Herr Pfeifer,

    niemand kann irgendetwas unvoreingenommen analysieren und beschreiben, auch Frau M. nicht. Auch sie ist -wie wir alle- in ihren Vor-Urteilen gefangen. Um diese aufzubrechen und gerade, damit sie NICHT „unvoreingenommen“, sondern die Nöte, Sorgen und Problemen eines letzten Pester Proleten kennend, ihre Analysen abgibt, habe ich meinen „Vorschlag“ gemacht. Wie will sie nämlich, die tatsächlich sehr häufig sehr extremen ideologischen Positionen verändern, wenn sie sie nicht aus eigenem Erleben und Empathie kennt? „Unvoreingenommen“? Lächerlich! Gibt es nicht. Man muss die Gedankenkonstruktionen dieser Leute kennen, sie selbst „nach-gedacht“ haben, diese Denkwege gegangen sein, um zu wissen, wo diese Leute falsch abgebogen sind. (Ich sehe hier schon die Kritik: „Was ist falsch und wer bestimmt, was falsch ist?“ Falsch ist hier jede hasserfüllte, destruktive, verunglimpfende, intolerante Denkweise).
    P.s. Die Analyse von Herrn Dalos auf mdr-info (ca. 12:20) war gut.

  12. „bin jederzeit zu einer Diskussion darüber bereit, ob der ungarische Mainstream eine rechtsextreme Denke vertritt“

    Was ist der Mainstream? Wie definiert man ihn? Ist er jeweils 20% links und recht der Mitte? Wo ist dann aber die Mitte? Sind die Fidesz-wähler der Mainstream? Dann wären sie alle rechtsextrem…!?! Kann man aber alle Fideszwähler so simplistisch über einen Kamm scheren? Ist jene Wählerschaft nicht viel komplexer zusammengesetzt (bürgerlich, arbeiterschaft, links von der Mitte und rechts und viel weiter rechts etc.)?

  13. Hmm, also falls Frau Marsovszky tatsächlich den Vulgärausdruck „geci“ hergenommen hat, wortwörtlich aufgefasst und als Beleg für biologisches Arierdenken (um-)interpretiert hat, kann man mit ruhigem Gewissen auch die (wissenschaftliche?) Behauptung aufstellen, dass sehr viele Mütter auf dieser Welt vom schlimmsten, biologischen Arierdenken geprägt sind: Wie oft kommt es wohl vor, dass eine Mutter ein wenig zornig und auch scherzhaft zu ihrem Kind, das sich zum Beispiel weigert, die Hausübungen zu machen, sagt: „Du faule Sau, mach jetzt gefälligst deine Aufgaben!“…
    (Und den Ausdruck „faule Sau“ gibt es in seeehr vielen Sprachen!)

    Also: der Beweis ist erbracht! Viele Mütter betrachten ihre Kinder nicht einmal als Menschen, sondern als Tiere! Noch dazu als Schweine/Säue. Das ist biologisches Arierdenken, das man vor dem II. Weltkrieg in Deutschland kannte.

  14. Ich denke nicht, dass Frau Marsovszky alle Fideszwähler simplizistisch in eine rechtsextreme Ecke geschoben hat. Galut Man kann natürlich darüber diskutieren, ob sie unvoreingenommen ist, doch ihre Zitate stimmen. Und Fakten sind auch für sie heilig.

    Das Interview dauerte weniger als acht Minuten. Frau Marsovszky gab zwei Beispiele. In ihren in Büchern, Zeitschriften und im Internet pulblizierten Arbeiten gibt sie viel mehr Beispiele.
    Die Frage ist nicht wie eine Mutter mit ihrem Kind umgeht oder was ein Schriftsteller schreibt oder wie ein Arbeiter aus Budapest oder aus einem der Komitate denkt, sondern wie sich Fideszpolitiker bzw. Journalisten die aus diesem Kreis kommen sich ausdrücken. Und das hat Frau Marsovszky in ihren Arbeiten belegt. Die Tatsache, dass eine Mehrheit der Bürger (fast 53% der Wähler) ihre Stimme der Fidesz-KDNP gaben, zeigt, dass völkisches Denken in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist.

    Ich habe geschrieben Fakten sind heilig und damit den legendären Herausgeber von Manchester Guardian zitiert.
    http://www.guardian.co.uk/commentisfree/2002/nov/29/1
    Und ich halte das für wichtig. Diese Frage, ob ein Journalist eine Wertung von sich gibt oder einen Fakt, wird auch in Gerichten erörtert.
    Aber auch eine Wertung muss aber auf Fakten gründen.

    • „Die Tatsache, dass eine Mehrheit der Bürger (fast 53% der Wähler) ihre Stimme der Fidesz-KDNP gaben, zeigt, dass völkisches Denken in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist.“

      Ich verstehe zwar, dass die Warnung vor rechten Umtrieben Ihr Hauptthema ist, Herr Pfeifer. Sie scheinen mir mit Ihrem Urteil jedoch abermals etwas vorschnell.

      Unterstellen wir einen Moment, Fidesz/KDNP sei völkisch. Kennen Sie Untersuchungen, die belegen, dass die Mehrheit der Wähler deshalb für Fidesz/KDNP gestimmt hat, weil diese ein (unterstellt) völkisches Programm vertreten? „In der Mitte der Gesellschaft angekommen“ wäre dieses Denken nämlich nur, wenn die Wähler so denken und die Partei deshalb unterstützen würden, diese Denke also (mit)entscheidend für die Wahlentscheidung war. Hier wird den Wählern ein bestimmtes Wahlmotiv unterstellt, befürchte ich.

      Der ungarische Durchschnittswähler dürfte jedoch weniger von rassisch-völkischen Motiven, sondern vielmehr durch seinen Geldbeutel dazu bewegt worden sein, in 2010 für Fidesz/KDNP abzustimmen. Nach meiner Theorie konnten Fidesz/KDNP deshalb eine bisher nie dagewesene Zustimmung erlangen, weil die Vorgängerregierungen abgewirtschaftet haben und Fidesz/KDNP die Mehrheit der Unzufriedenen hinter sich scharen konnte. Eine Erklärung, die zwar einfacher und viel weniger furchterregend klingt, deshalb aber nicht weniger plausibel scheint als das Gerede vom Ariervölkchen. Gerede, dass man noch mit völlig unpassenden Beispielen zu untermauern versucht. Nochmals: Ich bezweifle nicht, dass es diese Denkweisen in Ungarn gibt, ich bezweifle nur, dass die Mitte der Gesellschaft so denkt.

      Nehmen wir einmal die Worte derer, die die wahre Unterstützung von Fidesz/KDNP in der Bevölkerung relativieren. Da hieß es nicht selten, 53% der Wählerstimmen bei der gegebenen Wahlbeteiligung sei keine Rechtfertigung, die Verfassung zu ändern, sei ferner kein Beleg für eine „nationale Einheit“. Warum soll dann diese vermeintlich oder tatsächlich niedrige Unterstützung von Fidesz/KDNP nicht auch die These, „völkisches Denken sei in der Mitte der Gesellschaft angekommen“, relativieren? Vor dem Hintergrund, dass die Unterstützung der Regierung sinkt und immer mehr Menschen in das Lager der Nichtwähler abdriften, halte ich es für unair, diese Menschen in einen großen Topf einer „Volksgemeinschaft“ zu werfen und ihnen zu unterstellen, sie würden mit der Denke der Nazizeit sympathisieren.

      Wie Sie (hoffentlich) sehen, geht es mir hier nicht in erster Linie darum, den Advokaten für Fidesz zu spielen. Mir geht es darum, dass man nicht derart über eine ganze Gesellschaft sprechen kann. Wie ich galut verstanden habe, hält auch er die ungarische Gesellschaft für sehr viel differenzierter. Ich teile seine Ansicht.

  15. @galut
    Ihre Redlichkeit ehrt Sie. Mit zweierlei Maß messen, ist aber nicht mein Ding. Wenn nämlich jemand sein Herz auf den Lippen trägt, macht es keinen Unterschied, ob er solche obszönen Worte (trágár beszed) als Politker oder als Schriftsteller gebraucht. Er hat eben Gefühle gezeigt und Affekte ausgelöst.
    Ich zum Beispiel hätte das Wort ‚geci‘ mit ‚kalter Bauer‘ übersetzt. Aber mich fragt ja keiner.
    Was ich als ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Pécs im Hinblick auf Frau Marsovszky „völkische Verdrehungen“ bedauere.

    P.s.:
    Die Fuldaer Lehrbeauftragte (óraadó), Frau Marsovszky würde ich hinsichtlich ihrer wissenschaftlichen Forschung gern fragen, ob es sich bei der von ihr angenommenen ungarntypischen DNS-Verwerfung um eine Gen-Umwelt Interaktion bzw. Gen-Umwelt-Korrelationen bei psychiatrischen Erkrankungen handelt und wenn ja, wie hoch die Prävalenzrate bei der demokratischen Opposition angesetzt werden muss.
    Oder kann mir hierzu nur Herr Dr. László Grespik Auskunft erteilen?

  16. *…bzw. Journalisten die aus diesem Kreis kommen sich ausdrücken.
    Und das hat Frau Marsovszky in ihren Arbeiten belegt*

    Nun was will man denn auch von Journalisten (und Politikern?) erwarten, die aus einem Land kommen, wo sich das Volk zufrieden in der Pfütze der Diktatur suhlt, grunzt und Abfall frisst, und nicht weiß , dass man es eines Tages absticht…..
    Aber:
    hab ich doch glattweg vergessen, welcher Jounalist denn folgendes von sich gab.
    …..that Hungary is a decent democracy and not discuss the ugly little state that is growing within Europe’s borders,….. but just note that an old, foul stench wafts from the „new society“ Orbán’s patriots are building on the Danube

    *dieses Niveau müssten wir loswerden*
    wie wahr.

  17. „Nochmals: Ich bezweifle nicht, dass es diese Denkweisen in Ungarn gibt, ich bezweifle nur, dass die Mitte der Gesellschaft so denkt.“

    Richtig! Darauf wollte ich irgendwie den ganzen Tag hinaus, fand aber nicht die richtigen Begriffe! Sicherlich gibt es die völkischen Kreise und sicherlich haben manche (wohl: gemäßigte) völkische Kreise sogar Fidesz gewählt (wenngleich die meisten Völkischen wohl eher Jobbik bevorzugt haben dürften). Jedoch kann man doch nicht davon ausgehen, dass die Mehrheit der Fideszwähler völkisch denkt, solange völkisches Denken nicht Hauptprogrammteil von Fidesz ist (und selbst dann könnte es Leute geben, die Fidesz wählen, o b w o h l Fidesz völkisch ist!).

    D.h. Frau Marsovszky bläht hier eine gesellschaftliche Gruppierung so auf, dass sie nur noch diese wahrnimmt und diese deshalb als repräsentativ (mainstream) für die ungarische Gesellschaft ausgibt. Und das ist eben das Problematische an ihren Aussagen. Und hinzu kommt, dass sie nach meinem Empfinden deshalb sich so äußert, weil sie keine Empathie für die Problemlagen der Menschen hat. Deshalb meine Idee von heute früh… denn erst wenn man sich intensiv mit den Menschen (ja, auch in den Komitaten) auseinandersetzt, sich um sie und ihre Nöte bemüht, versteht man sie und merkt, dass es oftmals die Ohnmacht bzw. Machtlosigkeit, die Unwissenheit über Hintergründe etc. ist, die die Leute leichtfertig völkische Losungen von sich geben lässt. Und nicht irgendwelche Überzeugungen und ernsthaften Denkgebäude. Aber dazu reicht es nicht, zehn, zwanzig, fünfzig Politikeraussagen zu bringen, im Netz kuruc.info zu lesen, im Geschäft Fehérlófia in Pest 3 Bücher zu kaufen etc. Sondern man muss sich auf die Leute einlassen, ihre Fehlvorstellungen kennenlernen, um sie dekonstruieren, entlarven zu können. Stößt man nämlich durch die „völkische“ Blase der Menschen hindurch, merkt man schnell deren Substanzlosigkeit, die echten finanziellen, sozialen etc. Probleme und stempelt dann nicht die Mehrheit einer Gesellschaft zu Postpfeilkreuzlern ab.

    • @ Galut: Dass Frau Marsovszky keine Empathie für die Probleme der Menschen hat, unterstelle ich ihr nicht. Ich kenne sie nicht persönlich.

      Es ist aber richtig, dass diese Empathie in keinem ihrer Beiträge, die ich gelesen habe, und in keinem ihrer Interviews, je zum Ausdruck kam. Die Opfer sind dort immer nur die Minderheiten, dass Arbeitslosigkeit, Armut und andere Probleme auch Mitglieder der Mehrheitsgesellschaft betreffen und dann zu Wahlentscheidungen führen, wird von ihr nicht behandelt. Insofern könnte der Blick für die wahren Ursachen der politischen Situation ein wenig verstellt sein. Wer die desolate Lage der Menschen in Ostungarn (nur als Beispiel) nicht als desolat wahrnimmt, der versteht auch nicht, warum Jobbik so stark werden könnte.

      Ihre Idee, die letztlich besagt, die beiden „Lager“ müssten miteinander sprechen, teile ich uneingeschränkt. Aus diesem Grund hoffe ich, dass Sie weiterhin aktiv an der Diskussion hier mitwirken. 🙂

  18. HV wenn fast 53% der Ungarn für Fidesz-KDNP gestimmt hat, dann zeigt das natürlich nicht, dass a l l e oder die meisten, die das getan haben einer völkischen Ideologie anhängen. Aber es zeigt, dass sie die völkischen Erklärungen von verschiedenen Fidesz-KDNP Politiker nicht gestört haben. Und da kann man mit Recht sagen, die völkischen Ideen sind in der Mitte der Gesellschaft angekommen.
    Um es noch klarer zu machen. Wenn gewisse Behauptungen von Jobbik Medien aufgestellt werden, dann kann man argumentieren, das ist der rechte Rand, wenn diese aber von Magyar Hirlap, Magyar Demokrata, Heti Válasz, Magyar Nemzet und den königl. Medien kommen, dann kann man das nicht mehr dem rechten Rand zuschieben.
    Natürlich haben Sie recht HV wenn Sie schreiben, dass die Tatsache, dass sich jetzt so viele von Fidesz abwenden bedeutet, dass es keine „Volksgemeinschaft“ gibt, die habe ich ja auch nicht behauptet. Aber wie gesagt, da geht es um Wertungen was in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist. Ich werte es so, akzeptiere aber, wenn Sie HV sagen, nein, die Mehrheit der Ungarn, die für Fidesz gestimmt hat, hat nichts mit völkischen Ideen am Hut. Ich kann nur hoffen, dass Ungarn wieder Republik Ungarn wird, mit allen Merkmalen einer liberalen Demokratie. Wir sind da – so glaube ich – nicht so weit auseinander. Denn niemand kann wünschen, dass Ungarn in einen Chaos versinkt. Und noch eine Bemerkung. Ich glaube, dass die Gefahren auch von vielen Fideszanhängern bzw Fideszwählern gesehen werden.

    Im übrigen, da Sie mich darauf ansprechen, ich wende in Österreich die gleiche Logik an.
    In Österreich haben bei den letzten NR-Wahlen 29% der Wähler rechtsextreme Parteien gewählt. Das heißt natürlich nicht, dass diese Wähler hartgesottene Rechtsextremisten wären, aber es bedeutet, dass es sie nicht gestört hat, dass in der Führung dieser Parteien Rechtsextremisten aktiv sind.

    • Ihre Hoffnung, dass Ungarn wieder Republik Ungarn wird, ist staatsrechtlich bereits in Erfüllung gegangen. Das neue Grundgesetz regelt in Artikel B):

      B) cikk
      (1) Magyarország független, demokratikus jogállam.
      (2) Magyarország államformája köztársaság.
      (3) A közhatalom forrása a nép.
      (4) A nép a hatalmát választott képviselõi útján, kivételesen közvetlenül gyakorolja.

      Absatz (2): „Ungarn ist eine Republik“. Ging bemerkenswerter Weise auch unter…

  19. @ HV – Aufrichtigen Dank für Ihre klaren, auf Textbelegen beruhenden Argumentationen, mit denen Sie zu einem möglichst rationalen Diskurs über die Vorgänge – ich möchte nicht sagen: Zustände – in Ungarn sorgen. Das Internet-Boulevard-Magazin Web.de verbreitet seit gestern früh ein Video über die Demonstrationen vom Vortag, in dessen Kommentar es am Ende fälschlich heißt: „Mit der neuen Verfassung ist Ungarn keine Republik mehr. Diese Bezeichnung war aus dem Staatsnamen gestrichen worden.“
    (© Reuters) http://web.de/magazine/nachrichten/ausland/14445870.html

    Nur handwerkliche Fehler – aus der Sprachbarriere herrührend? Nein, leider voll im Mainstream in der deutschen Berichterstattung über Ungarn – muss man annehmen, wenn man Anat Kalmans Erfahrungen mit deutschen Redaktionen bedenkt. Die Kritik am ungarischen Mediengesetz und mehr noch an der Praxis der Berichterstattung und Kommentierung gegenüber ungarischen Freunden verliert damit nicht die Grundlage, aber ein Stück Glaubwürdigkeit.

  20. Sehr geehrte Damen und Herren,
    wenn mich jemand direkt fragen möchte, bin ich gerne bereit zu antworten. Meine ständig aktualisierte Publikationsliste ist zu finden unter meinem Namen auf der Homepage http://www.forschungsforum.net. Dort können Sie sich über meine wissenschaftliche Tätigkeit informieren. Zudem sind Interessierte herzlich zu meinen Vorträgen eingeladen, sie können sich aber auch gerne an der Hochschule Fulda immatrikulieren.

    Meine persönliche Identität, ob ich z.B. eine Jüdin bin oder nicht, ist eine absolut private Angelegenheit und geht niemanden an.

    Die hier aufgeführten vermeintlichen Argumente sind leider so weit von der Wissenschaft entfernt, dass ich auf sie nicht eingehen mag.

    Ich empfehle jedoch herzlich den letztes Jahr erschienenen Sammelband, herausgegeben von Claudia Globisch, Agnieszka Pufelska und Volker Weiß über Die Dynamik der europäischen Rechten. Dort findet man auch Definitionen über Begriffe, die Sie hier zu kennen meinen.

    Eines ist jedoch äußerst wichtig, und das wissen Sie, mein lieber HV als (ich gehe mal davon aus:) juristisch gebildeter und in der BRD sozialisierter Mensch: und das ist das geistige Eigentum. Darauf zu achten ist Ehrensache. Ich war diejenige, die Sie vor einiger Zeit darauf aufmerksam gemacht hat, dass bei denen, die sich in Ungarn als „links“ bezeichnen, ebenfalls völkisches Denken zu entdecken ist. Insofern stimmt Ihre neuerliche Feststellung über „bis jetzt unbekannte völkische Töne“ bei den Sozialisten nicht. Sie waren auch bis jetzt bekannt, in meinen Publikationen mache ich darauf auch aufmerksam. Sie könnten mich gerne zitieren, ich würde mich dafür bedanken :).

    Es wird Ihnen nicht gelingen, mich in eine politische Ecke zu schieben, z.B. in die der „ungarischen Linken“, denn ich befinde mich dort nicht. Ich wehre mich sogar entschieden dagegen, wenn mich jemand so bezeichnet.

    Deswegen bin ich aber noch lange nicht unpolitisch. Ich bin sogar ein sehr politischer Mensch und stehe auf der Grundlage der liberalen Demokratie. Und das Wort „liberal“ verstehe ich ebenfalls nicht parteipolitisch.

    Sehen Sie mir bitte nach, wenn ich nicht weiter auf die Diskussion hier eingehe.

    Schöne Grüße und ein gutes neues Jahr!
    M.M.

    • Mit Verlaub, Frau Marsovszky:

      Die Diskussion hier ist kein Jota weiter von der Wissenschaft entfernt, als Ihre Behauptung, die Worte Deutschs hätten einen „biologistischen, hygienistischen“ und damit völkischen Hintergrund. Diese Ihre Worte haben nämlich weder mit der Wissenschaft, noch mit dem redlichen Umgang mit Fakten etwas zu tun.

    • Liebe Frau Marsovszky,

      Sie verweisen hier nun zum wiederholten Male außerordentlich langatmig auf Ihre Wissenschaftlichkeit, statt auf den konkreten Vorwurf einzugehen.

      Erkären Sie lieber, was an Ihren Exegesen zum Deutsch Tamás Tweet der Wahrheit entspricht. Mein Eindruck ist: Nichts.

  21. HV ich dachte nicht an den Buchstaben des Gesetzes – den ich und die Organisatoren der Budapester Demo kannten – sondern an den Geist und die Wirkung. Ich frage auch wozu hat dann Orbán den Namen ändern lassen, was wieder mit Kosten einhergeht?

    Sonst aber haben Sie keinen Widerspruch angemeldet, was mich freut.
    Wie G.H. heute in der FAZ kommentiert: „Die parlamentarische Zweidrittelmehrheit ermächtigt – das Wort ist bewusst gewählt – aber zur Gestaltung von Verfassung und Gesetzen. Der Rest ist eine Frage der Selbstbeschränkung der Ermächtigten, also nicht der Legalität, sondern der Legitimität.“
    G.Hefty hat auf des Pudels Kern hingewiesen. Von Selbstbeschränkung kann leider keine Rede sein.
    Da mögen „revolutionäre Marxisten“ wie TGM an der Orbánschen Revolution Gefallen finden, insbesondere an der Tatsache, dass er das Eigentum angegriffen hat. Bislang hat diese „Wahlkabinenrevolution“ aber außer pseudopatriotischer Erklärungen den Ungarn nichts gebracht.
    Schon der Titel des Hauptkommentars in der heutigen FAZ Wirtschaft: „Ungarns unberechenbare Wirtschaftspolitik“ sollte zu denken geben.
    Und trotz den bitteren Erfahrungen von Kollegin Kalman, gibt es keine Verschwörung der deutschen Medien gegen Ungarn. Auch wenn sie hie und da irgendetwas publiziert hat, eine bekannte Journalistin ist sie nicht und vielleicht war ihr Text auch nicht das gelbe vom Ei. Als jemand, der 13 Jahre eine Zeitschrift redigiert hat, glaube ich kompetent zu sein, das zu beurteilen.
    Man kann natürlich die Fehler der Kritiker beanstanden. Heute zum Beispiel beanstandet Népszabadság die gestern in Le Mond erschienene Karikatur von Plantu, man kann Fidesz nicht mit der Le Pen Partei zusammen erwähnen.
    http://nol.hu/kulfold/a_francia__aki__hettorpet__rajzolt_az_orban-rezsimbol
    Unlängst sah ich auf ATV ein Interview mit dem ehemaligen ung. Botschafter in den USA, der erklärte, warum die Leserbriefe der ung. Botschafter so oft kontraproduktiv sind. Die beckmesserische Haltung ist zwar psychologisch erklärbar, aber man macht sich dadurch nicht sympathisch.

    • Herr Pfeifer, was halten Sie von Wissenschaftlern, die sich unwissenschaftlich bzw. sogar falsch äußern, und dann Kritik an ihren Äußerungen wegen ihrer vermeintlichen „Unwissenschaftlichkeit“ vom Tisch wischen?

  22. HV ich habe mir das Interview noch einnmal angehört. Man kann über die Bemerkung des MEP Tamás Deutsch verschiedener Meinung sein. Und offensichtlich schätzen Sie und Koll. Kálnoky diese anders als Frau Marsovszky.

    Was ich aber nicht verstehen kann, ist, wenn man da zu solch absoluter Ablehnung gelangt, wie Sie. Ich weiß nicht von wo sie die Sicherheit nehmen, zu behaupten, sie hätte sich falsch geäußert.
    Frau Marsovszky sprach gut und allgemeinverständlich. Was nicht bei allen der Fall ist, deren Muttersprache Ungarisch ist.
    Ich höre im österreichischen Radio oft genug Interviews mit Wissenschaftlern und würde mir die gleiche Klarheit der Gedanken wünschen, die Frau Marsovszky auszeichnet.

    • Was ich kritisiere, habe ich konkret beschrieben. So böse, wie Sie glauben, bin ich nicht. Wer ein Beispiel „absoluter Ablehnung“ sehen möchte, der lese Ihre Reaktionen auf den Beitrag von Frau Dr. Anat Kálmán.

  23. HV ich habe Ihnen nicht Bosheit unterstellt. Ich denke, dass es sich eher um Voreingenommenheit gegenüber Frau Marsovszky handelt.
    Sie und Kollege Kálnoky haben vielleicht die Texte von Frau Dr. Kálmán überschätzt. Vielleicht hätte ich meine Kritik nicht so formuliert, wenn sie sich nicht als „Ungarnkennerin“ gegeben hätte. Von einer solchen erwartet man nämlich nicht, falsche Behauptungen über die ungarische Zeitgeschichte zu machen. Wenn Frau Dr. Kálmán in Orbán einen Freiheitskämpfer gegen das westliche Kapital sieht, so ist das ihr gutes Recht. Das ist ihre Wertung die ich zwar nicht teile, die mich aber nicht zum Schreiben bewegt hätte. Wenn es aber um Geschichte geht, denke ich sollte man präzise sein.
    Wie Sie sehen konnten, ist sie mir nichts schuldig geblieben, sie hat mich zuerst für „verrückt“, dann für „psychotisch“ erklärt und sie hat mich zensuriert. Auch dafür habe ich Verständnis geäußert, denn was ich schrieb hat sie vielleicht schockiert. Widerspruch dürfte sie nicht gewohnt sein.
    Diese Tage dürften die Orbán-Verteidiger es auch in Frankreich schwer haben. Auch dafür habe ich Verständnis.

  24. Eines vorweg, Herr Pfeifer: In der von mir bevorzugten Diskussionskultur gibt es keine heiligen Kühe. Nur das Gebot der Höflichkeit.

    Ich versichere Ihnen: Auch wenn Frau Marsovszky Herr Schulze hieße, würde ich Aussagen wie die obigen kritisieren. Woher ich weiß, dass Sie sich geirrt hat (jedenfalls was dajtstomi´s Aussage angeht), ahnen Sie selbst: Auch ich spreche ungarisch. Wir wissen also beide, dass Frau Marsovszky in Sachen dajtstomi Unsinn erzählt, schließlich haben Sie selbst die Aussagen Deutsch´s ebenfalls übersetzt. Ich nenne den Unsinn beim Namen, Sie eben nicht.

    Und wenn es ein Zeichen von Voreingenommenheit wäre, dass man pseudo-wissenschaftliche Thesen zu biologistisch-hygienistischen Schimpfwörtern mit völkischem Hintergrund als Unsinn bezeichnet, bin ich schuldig im Sinne des Tatvorwurfes. Frau Marsovszky teilt Ihre Ansicht, sie hat die Leser dieses Blogs ja bereits eindringlich vor mir gewarnt. Nicht etwa, weil ich unwahre Tatsachenbehauptungen aufstelle, sondern weil ihr meine Wertungen nicht gefallen. Zu sehen bei „Kontrovers“.

    Geradezu peinlich wird es meines Erachtens, wenn man Interviews wie das obige gibt und dann eine höflich geführte Diskussion über dessen Inhalt mit dem Hinweis abblockt, die Argumente der Diskutanten seien „zu wenig wissenschaftlich“. Wer solch elitäres Gehabe an den Tag legt, könnte seine Aussagen besser abwägen, seine Wissenschaftlichkeit auch bei Interviews unter Beweis stellen. Bekanntlich ist der beste Wissenschaftler derjenige, der seine Thesen im Hörsaal und in der Alltagswelt gleichermaßen verständlich machen kann. Sonst verkommt „Wissenschaft“ zu einer Disziplin für den Elfenbeinturm. Zu brotloser Kunst.

    Dieselbe Diskussion wurde mit Frau Marsovszky aus Anlass des Lovas-Beitrages in der Budapester Zeitung übrigens schon einmal geführt – damals ging es um die Spitzfindigkeiten des Begriffes „Kultur des Faschismus“.

    Wie ich schon sagte: Ich bin kein böser Mensch, und auch nicht – wie ein wahrer Dorftrottel einmal im Netz behauptete – Fidesz höchstselbst. Ich bin nur einer, der es wagt, seine Meinung zu vertreten. „Kontrovers“ bietet einen kleinen Ausschnitt, dass dies nicht allen gefällt. Herr Pfeifer, in diesem Punkt sind wir beide uns, trotz der stilistischen Unterschiede (Ironie!), vielleicht sogar ähnlicher als wir es beide wahrhaben wollen … 🙂

  25. HV was man nicht vergessen darf ist die Interviewsituation. In der Regel, sagt ja der Journalist nicht vorab, was er fragen wird. Man kann sich also nicht vorbereiten.
    Ich habe sicher viele Interviews geführt, in der Regel (Ausnahme waren ein paar österreichische Politiker, wo ich dazu gezwungen war) habe ich meinen Partnern nicht die Fragen vorab gestellt. Allerdings beim schriftlichen Interview kann man, wenn man nicht unter Zeitdruck steht, so großzügig sein und den redigierten Text dem Interviewpartner zur Bestätigung vorlegen. Wo immer das möglich ist, tue ich das bis heute. Diese Möglichkeit besteht nicht beim Radio- oder Fernsehinterview. Hier hat man nur Sekunden Zeit, um die Antwort zu überlegen.
    Wichtig ist zu sehen, dass völkische Ideen in Ungarn weit verbreitet sind.
    Und dafür gibt es sehr sehr viele Beispiele. Auch wenn das Beispiel von dajtschtomi vielleicht nicht das beste dafür ist.
    Mit rückwärts gewandter Rhetorik kann man nicht die Probleme eínes Landes lösen. Die wesentlichen Aussagen von Magdalene Marsovszky, die ja diese Rhetorik genau belegen und ihre Analyse halte ich für richtig..

  26. Das Problem hier ist das Grundproblem des politischen Diskurses in Ungarn. Sowohl Herr Pfeifer als auch vor allem Herr Dalos wissen genau, dass Fr M. hier aus offenbar ideologischen Gründen etwas behauptet, was nicht stimmt. Man kann das als Linker nicht zugeben, sonst zerreissen einen die eigenen Freunde in der Luft. Nicht die Wahrheit zählt, sondern Linientreue, man darf den gemeinsamen Tenor nicht verlassen.

  27. Lieber Kollege Kálnoky, ich glaube nicht, dass da ideologische Gründe dahinter stecken. Ich verstehe nicht, warum Sie und HV sich auf ein Beispiel stürzen und nicht sehen wollen, dass wenn auch dieses Beispiel nicht stimmen würde, der Fakt bestehen bleibt, dass der völkische Gedanke in Ungarn weit verbreitet ist.
    Ich pflege nicht Linke mit meiner Kritik zu schonen. Ich habe vor einigen Jahren ein sehr kritisches Essay über die österreichische Linken in London publiziert.
    Und ich wurde deswegen noch nie von meinen linken Freunden zerrissen.
    Ich weiß dass es hier in Mitteleuropa sehr schwierig ist Menschen nicht ideologisch-politisch zu schubladisieren. Aber Fakt ist, ich schreibe in linken und auch in katholischen Medien, die nicht gerade links sind.

    • Mich würde interessieren, wie Sie ‚völkisch‘ definieren. Wenn Sie meinen, dass Leute sich mit ihrem Land identifizieren, nicht nur auf den eigenen Vorteil bedacht sind und sich auch für ihre Landsleute außerhalb des heutigen Ungarns einsetzen, dann finde ich das nicht schlimm. Diese Leute sind auch am Wohl ihres Volkes interressiert, insofern denken sie völkisch und ich denke es wäre eine eigene Diskussion wert, ob dieses Denken nicht auch Voraussetzung für einen Staatsmann sind. Solches Denken ist in Ungarn verbreitet, aber wie gesagt, das ist nichts Schlimmes.

      Wenn Sie das Denken an Lebensraum etc. meinen, dann ist das eine sehr schlimme Denke, aber eine die in Ungarn nicht weit verbreitet ist, nicht weiter als beispielsweise in Deutschland.

  28. herr kalnoky, naiv gefragt: könnte es nicht sein, dass das letztgeschriebene für beide seiten gilt?

    so wird das nix mit dem gemeinsamen, öffentlichen diskurs zur aufarbeitung vermeintlicher, vergangener kränkungen, in absicht einer neuen sinnstiftung für ungarn, denke ich.

    hier ist in der tat viel gefordert – die kunst könnte vllt darin bestehen, als reifer mensch, mal probeweise die perspektive der zur kontrastierung der eigenen gedankenwelt (und im ungarischen kontext, der wohl noch viel gewichtigeren gefühlswelt) offenbar leidlich-notwendigen gegenseite zu übernehmen.

    auch wenn es nicht zu handlungsänderungen führt, so hätten wir doch wenigstens unseren horizont erweitert…

    • Natürlich gilt das für beide Seiten. Es enttäuscht mich nur besonders, wenn ich es bei Leuten feststelle, die dies eigentlich oder überwinden wollen.

  29. Lieber Herr Kálnoky, es ist nicht die „Linientreue“, die einen wie mich daran hindert, gegen Frau Marsovszky „auf die Barrikade zu gehen“, sondern die Tatsache. dass ich ihren Standpunkt als solchen, für diskutabel halte, ganz anders als zum Beispiel Ákos Kertész´s Tirade, oder Péter Dániels Angriff auf die Fidesz-Abgeordnete Márta Wittner. Ob das obszön Worte „geci“ von ihr richtig, oder -überinterprätiert wurde, möchte jetzt dahinstellen, übrigens, lieber galut, wollte ich Sie nicht als Verteidiger von Tamás Deutsch verdächtigen. Und was die Zitatensammlung von Peter Hercher betrifft, muss ich sagen, dass mir Obszönität auch in literarischen Werken nur dann plausibel erscheint, wenn sie eindeutig als literarisches Mittel dient (so bei Petöfi: „foglalod a kurvanyádat“). Das ist aber eine Geschmacksache. In der Politik hingegen ist die Sprache Qualitätsache. Und die ungarische politische Sprache ist ohnehin im Vergleich zu den Jahren 1988 und1989 zu einem schrecklichen Jargon verkommen. Aber zurück zu der Anmerkung des Herrn Kálnoky und HV. Selbstverständlich bin ich solidarisch mit der eigenen Seite und kritisiere die Regierung, ohne sie für eine Diktatur zu halten. Ich glaube aber, dass ein Gespräch mit Menschen auf der anderen Seite möglich und notwendig ist, um aus den Feinden Gegner machen zu können. sonst geht Ungarn drauf. Wir als Zeitungsleser wissen, in welcher Krise sich unser Land befindet. Diese Situation entstand zumindest teilweise durch die verfehlte Politik einer demokratisch legitimierten Regierung. Ich kann nicht einmal als Oppositioneller wünschen, dass sich diese Regierung zum Teufel schert. denn ich sehe zunächst keine regierungsfähige Kraft auf der anderen Seite. Aber ich bin der Meinung, dass sie (die Regierung) schon jetzt die Pflicht hätte eine nationale Konsultation mit allen demokratischen Kräften zu beginnen. Ob dies geschehen wird, wissen wir nicht. Was unseren Kreis anbelangt, wir befinden uns schon im Dialog, selbst wenn es noch nicht viel mehr ist als die Gegenüberstellung und Kennenlernen der Meinungen. Bereits damit sind wir weiter als die Politiker in Ungarn.

    • Nach anderthalb Jahren Medienhetze gegen Ungarn und vor dem Hintergrund drohender Zahlungsunfähigkeit des Landes wirkt das Credo des Herrn Dalos, nämlich „dass ein Gespräch mit Menschen auf der anderen Seite möglich und notwendig ist, um aus den Feinden Gegner machen zu können“ einfach zynisch.

      György Dalos trägt als ehemaliger Kulturbotschafter des ungarischen Postkommunismus, aber auch als Mitherausgeber des in Deutschland erscheinenden „Freitag“ Verantwortung für das Zerrbild, das Ungarn in deutschen Medien über ihr Land vermittelt haben.

      Wenn Dalos seine Autorität in die Waagschale wirft und pauschal erklärt, er halte M. Marsovszkys „Standpunkt als solchen, für diskutabel“, wertet er sie zwar auf, sagt aber sonst gar nichts.

      Sein Satz: „Ob das obszön Worte „geci“ von ihr richtig, oder -überinterprätiert wurde, möchte jetzt dahinstellen. …“ [sicc!] ist lediglich der Versuch, sie von dem Vorwurf zu entlasten, unseriöses Zeug zum Schaden Ungarns in die (deutsche) Öffentlichkeit gebracht zu haben, .

      Wer seiner Hetze gegen Ungarn den Anschein der Wissenschaftlichkeit verleiht, um im öffentlich-rechtlichen Rundfunk Ängste vor und Abneigung gegen Ungarn zu wecken, wer allen Ernstes behauptet, dass in Ungarn das „extreme Denken“ im Sinne des „Völkischen“ „Mainstream“ geworden sei, wer das in der deutschen Sprache historisch-negativ konnotierten Adjektiv ‚völkisch‘ willkürlich als Keule einsetzt und in seinem Eifer sogar soweit geht, das ungarische Substantiv ‚geci‘ mit der in der Biologie gebräuchlichen Vokabel ‚Sperma‘ zu übersetzen, der ist ein Scharlatan.

      Darüber müssen wir diskutieren, Herr Dalos!

      ‚GECZI‘, Herr DALOS ist – oder besser war – erstens wie ‚Gecző‘ und ‚Gerő‘ ein Kosename für ‚Gergely‘, die ungarische Form des christlichen männlichen Vornamens ‚Gregor‘ bzw. ‚Gregorius‘. Und ‚geczi‘ hatte zweitens wie ‚ritttyó‘ schon im 18. Jahrhundert die Bedeutung von ‚férfi nemző magva‘ im Sinne von ‚Samen des männlichen Geschlechts‘, d.h. Nachfahr. Das Wort hat heute eindeutig eine abwertende Begleitvorstellung (Konnotation).

      Wir sollten uns deshalb aber nicht gleich an Wörtern vergehen und sie im politischen Kampf ausschlachten.

      Wir sollten uns nämlich nicht auf das Niveau der ‚Deutschen Christen‘ begeben, die sich in ihrem Eifer an ‚Abrahams Samen‘ vergingen und ihn, wie z.B. in dieser Zeile: „Lobe den Herren, was in mir ist, lobe den Namen. Alles, was Odem hat, lobe mit Abrahams Samen.“ selbst aus dem ‚Gotteslob‘ ausrotteten.

      Wir sollten in Sachen ungarische Sprache redlicher werden. Denn es ist z.B. oberflächlich, das Wort ‚Sperma‘ (ung. ondó) mit ‚Spermium‘ (ung. mag). gleichzusetzen.

      Es geht mir um die ung. Sprache: M. Marsovszky instrumentalisiert die ung. Sprache in politischer Absicht. Darüber muss gesprochen werden.

      Dass der einst oberste Dienstherr des ung. Kulturbotschafters Dalos, einst in aller Öffentlichkeit den damals amtierenden ungarischen Präsidenten, László Solyom aufforderte, „er solle seine süße Tante (…)“ (ung. „A jo edes nenikedet!“, wurde auch nicht in die deutsche Öffentlichkeit getragen, obwohl Horn diese höflich formulierte Anzüglichkeit in Anwesenheit von Alt-Außenminister Genscher und Gorbatschow aussprach.

      Mich stört die Doppelbödigkeit des postkommunistischen ‚Samens‘, der in Sachen Ungarn ‚hitelrontás‘ betreibt.

  30. Ich denke, dass ein Teil des Erfolgs von H.V. darin liegt, dass er einen Dialog ermöglicht. Wichtig ist, dass hier auch Nichtungarn Stellung nehmen können, denn manchmal sind diejenigen, die sich drin befinden und glauben „allein zu sein“ (egyedül vagyunk) „betriebsblind“. Ein besserer Umgang miteinander den György Dalos reklamiert wäre schon die „halbe Miete“. Auch die Nichtungarn, die hier diskutieren wünschen nicht, dass Ungarn in Chaos untergeht.
    Und vielleicht noch ein Wort zu den Medien, wenn im Standard, der Presse oder dem Kurier kritische Artikel über Ungarn stehen, dann sicher nicht, um von österreichischen Mißständen abzulenken, denn diese Medien kritisieren ja tagtäglich das eigene Land. Aber diese Regierung hat etwas vollgebracht, was keine zuvor, ein großes Interesse für unser Nachbarland und das wird hoffentlich bleiben, auch dann wenn es hauptsächlich gute Nachrichten gibt.

  31. Ich finde Herr Kálnokys Aufsatz in der Welt, samt der Kritik auf meine Adresse, sehr gut. Vor allem macht ihn die persönliche Betroffenheit überzeugend.

    • Haben Sie es sich angehört? Was sagen zu dieser Behauptung m DRadio-Interview?

      „Burg: Das klingt extrem. Welche Leute sind das denn, was für Kräfte, die Sie da angreifen?

      Marsovszky: Das sind führende Regierungsmitglieder…“

      Wurde Frau Marsovszky jemals von führenden Regierungsmitgliedern angegrffen? Zuvor berichtet sie von Aussagen, die völlig inakzeptabel und ohne wenn und aber zu verurteilen sind. Aber welche Regierungsmitglieder waren es denn?

  32. Lieber Herr Herche, es ist doch nett, Meinung zu bilden,und dabei so bescheidene Kenntnise zu haben. „Kulturbotschafter“ war ich zwischen 1995 und 1999 mit Dienstherren wie Herr Horn und Herr Orbán. Ich mischte mich nicht in deren Äusserungen ein,sondern arbeitete an dem positiven Ungarnbild (Ungarnschwerpunkt, Frankfufter Buchmesse, wahrer Durchbruch unserer Kultur). Wieso sollte ich Sólyom verteidigen, Sie müssen ihn auch nicht schüzten vor Viktor Orbán, der ihn einfach auf Pál Schmitt ausgewechselt hat, was um nichts geschmackvoller aussah, als Horns Schimpfworte? Was soll diese scheinheilige Gerede über „Verantwortung“? Vor wem, lieber Herr Herche? (Ausser, natürlich gegenüber dem lieben Gott, zu dem ich aber nicht Ihre Vermittlung brauche.) Aber wenn schon Sie mit dem Freitag schwenken, dessen Mitherausgeber ich bis zu diesem Januar war, dann bitte, lesen Sie meine Aufsätze dort (so „In den Fluten des Sambesi“, Januar 2009), oder in der NZZ, Frankfurter Rundschau, u.a. zwischen 2006 und heute. Sie werden Ihnen bei Ihrer festgefügten Meinung sicher nicht gefallen, aber sie sind kein Teil irgendeiner Kampagne, sondern ausschliesslich meine öffentlichen Stelungnahmen. „Darüber müssen wir diskutiern“, schreiben Sie im Zusammenhang mit den Argumenten für und gegen Frau Marsovszky. Ich glaube, wir sollen darüber diskutieren, worüber die Diskutierend diskutieren wollen.

  33. P.S. Herr Herche, was heisst übrigens der „postkommunistische Samen“ (oder „Samen“) wen sehen Sie in dieser Kategorie?

  34. Herr Herche,

    Ihr Diskurs ist eskalierend, nicht deeskalierend. In diesem Blog bemühen wir uns alle um Dialog. Insbesondere auch mit Herrn Dalos.

    Ich habe wiederholt feststellen müssen dass es gegen Herrn Dalos auch bei vernünftigen Konservativen und sogar bei manchen nicht-ungarischen, unparteiischen Beobachtern erhebliche Vorbehalte gibt.

    Ich kann hier nur meinen persönlichen Eindruck wiedergeben – auch aus privaten Gesprächen – dass er grundsätzlich diskussionsbereit und kein Zyniker ist. Dass er hier im Blog mitwirkt, sollte die Frage sowieso überflüssig machen.

    Ich verweise auch auf seine obige Äußerung, er akzeptiere die Kritik daran, dass er mit seiner Unterschrift Aussagen Autorität verleiht, wonach Ungarn sich in Richtung Diktatur bewege.

    Dass Fr M. meines Erachtens wissend, in Bezug auf Deutsch Tamás tweet, dessen Inhalt bewusst verzerrt, um damit auf die deutsche Öffentlichkeit einzuwirken, das ist wohl so, und Herr Dalos hat das nicht anerkannt. Ich will mich daran aber nicht aufhalten und schlage vor, darüber keine weitere Eskalation anzustreben. Es gibt wichtigere Dinge und wir werden alle, Linke wie Rechte wie Liberale, gelegentlich hier und da duldsam ein Auge zudrücken müssen, um am Ende besser zu sehen.

    Das soll uns nicht davon abhalten, wie im Falle der tweet-Debatte, die Wahrheit herauszuarbeiten und beim Namen zu nennen. Die muss dann auf Dauer für sich selbst sprechen.

  35. Ich halte den Vorschlag von Koll. Kálnoky für konstruktiv. Es macht keinen Sinn mehr darüber zu diskutieren, wie wir diesen Ausspruch von T. Deutsch zu werten haben. Was nicht bezweifelt werden kann, ist das weit verbreitete völkische Denken in Ungarn.
    Die „Deutsche Revolution, die ihrer Selbstdarstellung nach nicht nur gegen ökonomische und sozialen Kräfte, sondern im gleichen Zug gegen die „jüdische Rasse“ als dem Symbol der korrupten Welt gerichtet war, brüstete sich, die Erfüllung des völkischen Gedankens zu verkörpern.
    Dass es überzeugte Nationalsozialisten gab, die „ihre Revolution“ nicht von einem derart beschränkten Standpunkt aus sahen, ändert nichts an der Wirklichkeit. Nicht alle Nationalsozialisten waren dem Rassenwahn erlegen, aber alle mussten wohl oder übel dem rassistischen Weltbild zustimmen. Völkisch gesonnene Deutsche stellten vielleicht gar nicht einmal die Mehrheit der Nation; dennoch kollaborierten sie mit dem Regime, das sich damit brüstete, die Erfüllung des völkischen Gedankens zu verkörpern.
    Der Nationalsozialismus hätte nicht zünden können, wenn er sich nicht vertraute völkische Mythen und Symbole dienstbar gemacht hätte. Daher war es wichtig den Vorstoß einer Randerscheinung in das Zentrum nachzuvollziehen und die Frage zu stellen, warum folgten Millionen dem völkischen Ruf. Diese Fragen wurden und werden ausgiebig in Deutschland diskutiert.

    Die Frage, die ich stelle ist, gibt es denn eine scharfe ideologische Trennung zwischen Fidesz und Jobbik? Und da kann man, soll man über die Thesen von Frau Marsovszky diskutieren.

    HV ich habe mir das Interview ausgedruckt und gelesen. Falls Sie dazu Fragen haben, sollten Sie doch Frau Marsovszky fragen.

    • Gerne können wir es lassen. Zur Falschübersetzung ist alles gesagt. Und dass Magdalena Marsovszky jemals von Regierungsmitgliedern auf die im Interview vom 6.1.2012

      http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/thema/1645867/

      genannte Weise beschimpft worden wäre, halte ich für ein Produkt der Phantasie der Kulturwissenschaftlerin. Oder anders gesagt: Die glatte Unwahrheit. Und diese ist bekanntlich weder Basis für eine wissenschaftliche Bewertung, noch für eine sachliche Diskussion.

      Sonst ist auch meines Erachtens alles gesagt.

  36. Ich halte die Anwendung der spezifisch deutschen Vokabel „völkisch“ auf ein Land, in dem man das ohne weiteres gar nicht vom Wortschatz her sagen kann (lasse mich gerne berichtigen) für grundsätzlich problematisch. Es ist eine Variante von „am deutschen Wesen soll die Welt genesen“.

    Ich habe auch Probleme mit der Ansicht, die Wertschätzung des Begriffs der Nation sei „völkisch“ – das scheint hier die Zielrichtung von Herrn Pfeiffer und Fr M. zu sein.

    Für mich ist übrigens nur die Tweet-Debatte erledigt — wenn Fr M auch Falschaussagen machen sollte zu angeblichen Attacken gegen Sie durch führende Regierungsmitglieder, ist das ein neues Thema.

    Vielleicht kann sie uns ja die Namen nennen, es wäre nämlich eine Riesenstory und ich kann mir vorstellen, dass wir es in der Zeitung mit Handkuss ganz deutlich thematisieren würden.

  37. Lieber Herr Kalnoky,

    der Begriff „völkisch“ ist ein allgemeiner wissenschaftlicher Begriff und bezieht sich natürlich nicht nur auf Deutschland. Ich übersetze die ungarischen Begriffe „népi“ und „népnemzeti“ in „völkisch“, aber alleine die Übersetzung wäre nicht maßgeblich. Wichtig ist, dass man die Struktur des völkischen Denkens, bzw. der völkischen Ideologie nachweist, bzw. nachweist, wieso der Begriff „népi“, bzw. „népnemzeti“ mit „völkisch“ übersetzt werden kann. Genau das tue ich in meinen Aufsätzen.

    Ich habe natürlich Ihren Artikel in Die Welt gelesen, in dem Sie schreiben, Sie seien ein christlich-konservativer Mensch.

    Diese Aussage von Ihnen aufgreifend, möchte ich kurz erwähnen, dass z.B. der wichtigste Unterschied zwischen der christlichen und der völkischen Ideologie ist, dass die christliche universalistisch ist, während die völkische den Universalismus ablehnt. In der christlichen Ideologie glaubt man an eine himmlische Erlösung, in der völkischen glaubt man an eine „irdische Erlösung“. Das ist ein großer Unterschied, weil die „irdische Erlösung“, man könnte auch sagen“ irdische Metaphysik“, im Grunde die Erlösung von den (vermeintlichen) „Feinden“ bedeutet. Somit führt der christliche Glaube zum ewigen Leben, während der völkische Glaube zum ewigen (und immer wiederkehrenden) Tod.

    Das ist hier natürlich sehr verkürzt dargestellt. Ich wollte nur auf den Punkt kommen, dass Sie nicht ohne Grund den Judenstern auf dem Briefkasten gesehen haben. Der Antisemitismus ist antiuniversalistisch. Deshalb werden von den Antisemiten nicht nur Menschen mit einer jüdischen Identität, sondern auch solche Christen, die universalistisch Denken, als „verjudet“ abgestempelt.

    Es gibt noch sehr viele Charakteristika, die typisch für das völkische Denken sind. Wichtig wäre, dass Menschen, die christlich-konservativ denken, sich von der völkischen Ideologie distanzieren. Das tun sie leider nicht, weil sie den Unterschied nicht merken. Vielleicht ist der Unterschied auch Ihnen nicht richtig bewusst.

    Man kann noch so oft das völkische Denken mit christlichen Symbolen zu legitimieren versuchen, es wird dennoch nicht christlich.

    Da es ein großes Forschungsfeld ist, kann ich es hier nicht näher ausführen. Aber wenn Sie sich dafür interessieren, kann ich gerne mehr darüber erzählen.

    Herzlich, M.M.

    • Liebe Frau Marsovszky,

      Vielen Dank für Ihre Wortmeldung, ich empfinde es als Ihren ersten Beitrag in Richtung Dialog hier (bisher wirkten Sie sehr defensiv und irritierend-irritiert).

      Ihre Klarstellung, dass Christentum nicht völkisch ist, begrüsse ich, es ist aber zentraler Teil des Selbstverständnisses bei Fidesz-KDNP, die Sie als völkisch bezeichnen. Wie lösen Sie diesen Widerspruch auf?

      Aber bevor wir weiterreden: Bitte nehmen Sie Stellung zur Stichhaltigkeit Ihres Vorwurfs, das „geci“-tweet des von manchen als „Hofjuden“ beschriebenen Deutsch Tamás an die Adresse des „Magyaren“ Gyurcsány sei biologistisch-rassistisch. Es scheint unlogisch, da das Wort in dem fäkalsprachlichen Zusammenhang weder biologistisch „Spermien“ bedeutet, noch auf eine ethnische oder sonst eine Gruppe gemünzt war, sondern auf Gyurcsány.

      Des Weiteren: Welche ranghohe Regierungsmitglieder haben Sie auf rassistische Weise oder sonstwie beleidigend angegrifffen? Wie gesagt, ich wäre bereit das zu publizieren, wenn es stimmt.

      Oder sind Sie mit dieser Behauptung falsch zitiert worden oder hatten vielleicht zu hastig gesprochen (immerhin Radio).

      Die Entmischung von „Christ“ und „Faschist / Völkisch“ in der politischen Rhethorik in Ungarn ist für mich ein zentrales Anliegen. Wenn wir uns darauf zubewegen können, ist ein wichtiger Schritt getan.

      Ihr Boris Kálnoky

  38. „Da es ein großes Forschungsfeld ist, kann ich es hier nicht näher ausführen. Aber wenn Sie sich dafür interessieren, kann ich gerne mehr darüber erzählen.“

    meinerseits würde das auf grosse zustimmung stossen.

    p.s.: zum paternalismus gibt es leider keinen wikipedia-eintrag auf ungarisch – zumindest habe ich noch keinen gefunden. angesichts der neuauflage dieses begriffs wäre dies sicher wünschenswert.

  39. Diskussionen über die Wissenschaftlichkeit von Aussagen Anderer gehe ich in der Regel aus dem Weg. Das liegt an einer Erfahrung, die ich als Student der „Philosophie“ (magyar-német szakos bölcsészhallgatóként) einst in einem wissenschaftlichen Seminar an der Universität Szeged machen musste. Ausgangspunkt und Ziel aller marxistisch-leninistischen leere war ihre Wissenschaftlichkeit an sich, insbesondere aber ging es um die Überlegenheit der aus ihr abgeleiteten Politökonomie. Streng in der Tradition chiliastischer Heilslehren, stellte eines Tages ein Lehrbeauftragter ohne nennenswerten akademischen Grad, Herr Meier die Behauptung auf, dass in der letzten Phase des Übergangs von der sozialistischen Produktionsweise in den Kommunismus, die Produktion von Schuhen uneingeschränkt (korlátlanul) möglich würde. Auf meinen Einwand, dass es doch zu wenig Rindviehcher dafür gäbe (marhábul nem lesz elég), bekam ich eine Vorladung vom Dekan der philosophischen Fakultät. Seine Spektabilität, Professor Mikola eröffnete mir, dass ich ein Oppositioneller (ellenzéki) sei und er dafür sorgen werde, dass ich niemals eine Anstellung als Lehrer in Ungarn bekommen werde. Ansonsten würde ich weiter beobachtet werden. Sollte ich mir aber noch einmal so eine Bemerkung erlauben, würde er mich von der Uni schmeißen (kirúgom magát). Als Wissenschaftler hatte sich Professor Mikola bereits einen Namen mit Publikationen im NSA (nichtsozialistischen Ausland) gemacht. Er hatte sich Verdienste um die Erforschung der alten Postpositionen des Nenzischen (Juraksamojedischen) erworben. Seine Inauguraldissertation erschien 1975 in Übersetzung aus dem Ungarischen von Tilda und Paul Alpari in deutscher Sprache. Prof. Mikola stützte sich in seinem Werk weitgehend auf sowjetische Quellen, denn er selbst sprach nicht Nenzisch. Des Weiteren stützte er sich in seiner wissenschaftlichen Arbeit noch auf eine Grammatik, bzw. Fibel stützen, die 1895 von russisch-orthodoxen Missionaren verfasst worden war und die chinesische Kulturrevolutionen überdauert hatte.

    Was ich damals für mein ganzes Leben gelernt habe, ist, dass es gefährlich wird, wenn ich allgemeinverständliche Aussagen treffe, die unter dem Niveau eines enthusiastischen Wissenschaftlers angesiedelt sind.

    Weil ich in Sachen „Nie wieder Faschismus, es lebe die Diktatur des Kulturproletariats“ eins mit Herrn Pfeifer, Frau Marsovszky und Herrn Dalos bin, verspreche ich, mich von der ungarischen Sprache ab- und anderen Sprachen, z.B. ausgestorbenen Phänotypen der samojedischen Sprache zuzuwenden. Bitte verstehen Sie diesen meinen Beitrag einfach als Verzicht auf das subjektive Recht der freien Rede sowie freien Äußerung und öffentliche Verbreitung meiner Meinung in Wort, Schrift auf Hungarian Voice im internationalen Kampf gegen völkische Überhöhung und das Regime Orbán.

    P.s.:
    Frau M. fehlt es an Schärfe, zumindest im Hinblick auf die in ihrer Wissenschaft verwendeten Begriffe, so bei der Vokabel universalistisch. Ob sie Universalismus philosophisch, religiös, religionswissenschaftlich oder anstelle des Begriffs Apokatastasis verwendet, bleibt offen. In der Soziologie sind Aussagen, bzw. Schlussfolgerungen der Vernunft nur dann überall gültig, wenn sie auch vernünftig sind. In der Wissenschaft aber, so kann man bei Wikipedia nachlesen, gilt, dass der Universalismus als Grundvoraussetzung zum Erhalt des Ethos der Wissenschaft zu betrachten sei. „Jede wissenschaftliche Erkenntnis muss unpersönlichen, vorab aufgestellten Kriterien unterworfen sein. Wissenschaft darf nicht nach charakteristischen Merkmalen beurteilt werden (also Religion, Nationalität, Geschlecht etc.).“

  40. Peter Herche,
    ich fand Ihre Erfahrung mit Prof. Mikola sehr lustig. Die Bemerkung, dass es nicht genug Rindviecher in Ungarn gibt, war doch wirklich konstruktiv, aber die ungarischen Behörden hatten wirklich wenig Humor. Mir haben sie sogar „ideologische-politische Diversion“ vorgeworfen.
    Wenn ich hier schreiben kann und nicht zensuriert werde, dann können Sie hier weitermachen. Bleiben Sie bitte hier und posten Sie ruhig weiter.

    • PiD, Herr Pfeifer, es hieß PiD und es gab PUT, wozu die vom KGB geführten politischen Geheimpolizisten in den Bruderländern jegliche negative Einflussnahme auf die Meinungsbildung der Bevölkerung rechneten. So Schlimmes, Herr Pfeifer, wurde mir z.B. zum ersten Mal in meinem Leben am 7. Januar 2012 um 11:55 von Herrn György Dalos vorgeworfen.

      Ich bleibe am Ball. Lese gerade „Neunzehnhundertfünfundachtzig“ Deutsche Bearbeitung von Reinhard. Weißhuhn. Mit einem Vorwort von György Dalos. Hrsg. von Hans-Henning Paetzke. Den Tipp verdanke ich übrigens Ihrer Frau M: Muss mich wohl mehr um die Strukturen und weniger um Details kümmern, ehe Sie mir vor Ermüdung entschlafen.

  41. Herr Herche, Sippenhaftung gibt es nur in Diktaturen. Ich weiß nicht ob dieser Herr Marsovszky mit M. Marsovszky überhaupt verwandt ist, und es hat uns auch nicht zu interessieren. Ich verstehe nicht, weshalb Sie darauf hinweisen. Das ist kein fairer Umgang.

    Mit Hans-Henning Paetzke, den Sie erwähnten und Béla Rasky habe ich vor vielen Jahren in Wien eine Pressekonferenz abgehalten, wo wir gegen unsere Ausweisung aus der VR Ungarn protestierten.
    Ich schätze György Dalos – den ich noch aus der Zeit des Realsozialismus kenne – sehr und glaube, dass er Ihnen sehr zivilisiert und sehr höflich geantwortet hat.
    Sie haben sich auf ihn in einer unfairen Weise eingeschossen. Verantwortlich können Sie ihn nur für seine eigenen Taten machen. Vielleicht hat niemand anderer soviel für die ungarische Kultur in Deutschland und auch in Österreich gemacht wie György Dalos. Es ist ja kein Zufall, dass die ungarische Literatur außerhalb Ungarns am meisten in den deutschsprachigen Ländern gelesen wird, dazu hat auch György Dalos einen wichtigen Beitrag geleistet. Wenn die Bücher von Imre Kertész nicht zuvor in deutscher Sprache erschienen wären, so hätte er kaum den Nobelpreis erhalten.
    Sie machen oft den Eindruck von oben herab mit denen umzugehen, die eine andere Meinung haben als Sie. Schade, denn Sie haben ja auch eine Portion Humor und können, wenn Sie wollen zum Dialog, der hier geführt wird, beitragen. Wünsche eine gute Nacht.

  42. Nach meinem Empfinden werden die Wörter völkisch, faschistisch und anti-semit-isch einfach ein wenig zu oft benutzt, zumal es ganz besonders jemanden – ob Forscher, Publizist usw.- der sich ständig damit beschäftigt 100 % klar ist, welche Assoziation gerade im Hinblick auf die Vergangenheit diese Begriffe hervorrufen. Ist es nicht ein sich aus–der–Affäre–ziehen
    wenn man sagt, wer unter völkisch, faschistisch… nicht das versteht, was der Wissenschaftler meint ist selbst dran schuld??
    Ich bin der Auffassung, dass ein „Forscher“ auch eine berufsehtische Verantwortung hat??

    Ich habe so meine Befürchtungen, dass sich die „népi írók“ im Grabe umdrehen würden, würde man sie als völkisch bezeichnet.
    Evtl. sollten sich die „Götter aus dem Olymp“ mal unters Fußvolk mischen, ansonsten müsste man sich die Frage stellen, ob da wirklich jemand um das ungarische VOLK besorgt ist, ? ???

  43. Nachtrag:
    *Sie machen oft den Eindruck von oben herab mit denen umzugehen, die eine andere Meinung haben als Sie.*
    Ist das nicht mainstream??

  44. Lieber Herr Kalnoky,

    in jedem meiner Beiträge biete ich den direkten Dialog an. Also noch einmal: Ich bin jederzeit für ein direktes Gespräch bereit, z.B. auch über den Unterschied zwischen der christlichen Religion und der völkischen Ideologie.

    Ja, genau das ist ein wichtiges Anliegen in meinen Arbeiten zur Zeit. Zur Zeit forsche ich meistens über die „Sakralisierung der Nation“.

    Hier finden Sie eine meiner letzten Arbeiten: http://www.stimmen-der-zeit.de/zeitschrift/archiv/beitrag_details?k_beitrag=2980968&query_start=7&k_produkt=2976307.

    Zudem erschien im letzten Monat ein weiterer Artikel im Jüdischen Echo, der noch nicht im Internet abrufbar ist (Ungarn: Gottheit der Nation. Tempel Karpatenheimat – Weihestätte der Nation, in: Jüdisches Echo, Vol. 60, 2011/12 [5772], 124-131).

    Leider kann ich nichts anderes tun, als immer wieder auf meine Arbeiten hinzuweisen, da mir hier erstens der Platz fehlt, sie richtig auszuführen, und zweitens gehören wissenschaftliche Aufsätze nicht in so einen Blog. Sie sollten sich auch in meine Lage versetzen: Was sollte ich tun, wenn ich beinahe jeden einzelnen Begriff, mit denen Sie hier operieren, definieren müsste? Genau dafür sind meine Aufsätze da.

    Wegen der Klarstellung zitiere ich jetzt dennoch eine längere Passage aus meiner letzten Arbeit. Mehr kann ich hier dazu nicht schreiben. Belege und Zitate sind in meinen Arbeiten zu finden. Dadurch ist mein Eintrag lang, tut mir leid.

    Kurz noch: Die völkische Ideologie betrachtet die Nation als eine organisch gewachsene, ethnisch-blutmäßige Abstammungegemeinschaft und ein Denken in den Kategorien des Volkstums. Diese Ideologie unterscheidet sich deutlich von der christlichen Ideologie, selbst dann, wenn man sich ständig auf das Christentum beruft und selbst dann, wenn manche christliche Kirchen sie mit einer göttlichen Legitimation versehen. Wichtig ist noch, dass sich die völkische Ideologie nur so stabilisieren kann, in dem sie andere ausgrenzt (selbst dann, wenn man ständig ihren integrativen Charakter betont), sie kann sich also nur „gegen“ etwas definieren, deshalb automatisiert die völkische Ideologie die Ausgrenzung bestimmter Menschen oder Gruppen, die als „a-national“ betrachtet werden.

    Biologisierung ist also ein wesentliches Element der völkischen Ideologie („Blutsbrüder“ oder „genetische Abstammungsthese“). Dehumanisierung bedeutet nicht einfach, wenn man z.B. seinen Feind „Rindvieh“ nennt, oder, wenn man sich einfach „ungezogen“ ausdrückt, sondern, wenn man mit bestimmten Ausdrücken, die mit dem vermeintlichen Parasitendasein (vermeintlich: „am Volkskörper der Nation“) oder mit der hygienistischen Sichtweise einer Gesellschaft (d.h. einer völkischen Gemeinschaft) zu tun haben, operiert. Die Beschimpfung des (vermeintlichen) Feindes mit Hilfe der Biologisierung gehört zur völkischen Ideologie.

    Hier ist ein Zitat aus meiner Arbeit, vielleicht ist dadurch der Unterschied verständlicher.

    Herzlich, M.M.

    „Die Sakralisierung der Nation bedeutet natürlich auch eine allgemein intensivere Hinwendung zum Christentum , aber im Speziellen einen Prozess, in dem die Nation grundsätzlich die Rolle Gottes übernimmt, das heißt, dass sie zu einer Ersatzreligion, zum Objekt der Anbetung wird, und die Nation zum sakralem Raum mutiert.
    Das heißt aber auch, dass wir es mit einer modernen Erscheinung zu tun haben, die eindeutig nach der Aufklärung stattfand, wobei das Erwachen des nationalen Bewusstseins, das ursprünglich als progressiver Prozess anfing, eindeutig Teil der Modernität war und mit der Säkularisation einherging. Die sich daraus entwickelnde völkische Ideologie ist eine antimoderne, konservative Erscheinung innerhalb der Moderne, die aber die Aufklärung zur Voraussetzung hat. Inhaltlich ist der Glaube an die Nation von heidnischem Charakter, selbst dann, wenn er immer wieder in Zusammenhang mit dem Christentum gestellt wird, weil man ihn so zu legitimieren versucht.
    Der größte Unterschied zwischen der christlichen und der völkischen Auffassung ist: Die christliche ist universalistisch, während die völkische den Universalismus ablehnt und eine vollkommene „völkisch-nationale“ Homogenität anstrebt.

    Der Glaube an die Nation
    Wie der ungarische Historiker András Gerö in seinem Buch „Vorgestellte Geschichte“ beschreibt, verlief das Erscheinen des sogenannten „Nationsglauben“ oder „Glauben an die Nation“ parallel mit der Agonie des Universalismus. In diesem Prozess, der bereits im 18. Jahrhundert anfing, aber erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zur völligen Entfaltung kam, wurde der Gottesglaube langsam in den Hintergrund gedrängt, und an seine Stelle trat die Nation. Die neue, starke nationale Identität war insofern progressiv, als sie sich über die einander gegenüberstehenden religiösen Gruppen und gesellschaftlichen Unterschiede hinwegsetzte und eine neue Identität schuf. Der Prozess aber, den wir als die „Sakralisierung der Nation“ bezeichnen, war überhaupt nicht mehr progressiv, im Gegenteil: Er bedeutete einen antimodernen Prozess innerhalb der Modernität, da die Kohäsion der Identität in der Gesellschaft nicht von der Demokratie her abgeleitet wurde, sondern von einer neuartigen Gottheit. Die nationale Identität erhob sich über alles, was es bis dahin gab, aber das Gefühl dieser eschatologischen Erhöhung konnte nur vermittelt werden, indem die Werte der Nation quasi dogmatisiert und gleichzeitig sakralisiert wurden. So wurde aus den nationalen Werten eine diesseitige Metaphysik bzw. eine weltliche oder diesseitige Gottheit. Gleichzeitig erschien auch der Menschentyp, der weniger an die Nation glaubte, also eine Art „nationaler Atheist“. Dieser Typus war dann gleichzeitig auch ein „Verräter der Nation“, oder sogar ein „Judas der Nation“, verkörpert von Menschen, die sich diesem Konzept widersetzten oder die „Sakralität der Nation“ hinterfragten und stattdessen universalistische, internationale Werte vertraten.

    Moderner Antisemitismus und Rassismus
    In der Antisemitismuforschung herrscht Konsens darüber, dass die Figur des „nationalen Atheisten“ bzw. „des Judas der Nation“ (Begriffe von Gerö) gleichgesetzt wurden mit dem „Juden“ des modernen Antisemitismus, das heißt mit den Menschen oder Menschengruppen, die sich im Gegensatz zu der Vision des völkischen Nationalismus definierten (als internationale, liberal-demokratische, urbane Intellektuelle, kosmopolitische Europäer usw.).
    Im Prozess der Sakralisierung der Nation wurde das „Volk“ bzw. das „Volkstum“ in den Mittelpunkt gestellt. Unter dem ethnischen Begriff „Magyarentum“ wurde nicht nur eine kulturelle, sondern auch eine blutmäßige Abstammungsgemeinschaft verstanden. Diese biologistische, ethnisch-kulturelle und abstammungszentrische Bestimmung des Volksbegriffs bildete seit dem Ende des 19. Jahrhunderts die Basis für den Rassismus sowohl in Deutschland als auch in Ungarn.
    In der völkischen Auffassung wurde das als Abstammungsgemeinschaft verstandene „Volk“ zum Synonym der „Nation“, und es entwickelte sich die Theorie von einer „Volksgemeinschaft“, die der Faschismusforschers Roger Griffin mit „racial-national-community“ übersetzt. Diese Übersetzung verdeutlicht, was eigentlich gemeint ist: Es geht hier im Grunde um den „Rassenbegriff“.
    Der Begriff „Volk“ oder „völkische Nation“ hatte auch in Ungarn die Bedeutung „Rasse“. Der Historiker Péter Hanák schrieb dazu, in der Region um Ungarn herum hätte man unter dem Begriff „Volk“ eine ethnische Entität verstanden, die um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert als Rasse verstanden wurde. „Zusammen mit dem Sozialdarwinismus, der konservativen Sozialreform und dem aggressiven Nationalismus gelten dieser völkische Nationsgedanke und diese völkische Organisationspraxis als Brutstätte des Rassismus, dessen diskriminierende Rechtspraxis inklusive Antisemitismus im zweiten Drittel unseres Jahrhunderts in Deutschland, Österreich, Ungarn und in Rumänien, sowie in der ganzen Region eine derart brutale kulturelle Zerstörung und den Holocaust verursachten“ .
    Das ethnische Identitätsbewusstsein beherrschte Ungarn auch nach dem Zweiten Weltkrieg. Neueste Forschungen haben die Annahme widerlegt, dass der „Kommunismus“ den Begriff des „Volkes“ neu definiert hätte. Die Tradition der ethnisch definierten Kulturnation ist auch während des real existierenden Sozialismus nicht nur in Ungarn, sondern auch in den anderen sozialistischen Ländern Wirklichkeit geblieben, so dass der Soziologe Detlev Claussen das Ende des Realsozialismus als eine „ethnonationale Wende“ deutete.

    Ungarn: Kein Bruch nach dem Zweiten Weltkrieg
    Im Gegensatz zu Deutschland, wo im Großen und Ganzen mit dieser Tradition gebrochen werden konnte, blieb sie in Ungarn kontinuierlich bestehen, und es gelang in den letzten zwanzig Jahren überhaupt nicht, die begrifflichen Inhalte von „Nation“ und „Kultur“ zu demokratisieren. So blieb die völkische Sicht bestehen und konnte – trotz bester Absichten in der kurzen Periode unter dem liberalen Minister für Kultur, András Bozóki (2005–2006) – nicht entschärft werden. Mit den Jahren entstand eine regelrechte neue völkische Bewegung . Das heißt, dass man mit unzähligen völkischen Kulturpojekten ständig die völkisch gedachte Nation beschwor, damit erneut die völkische Sicht stabilisierte, so dass sie mit den Jahren eine absolute Mehrheit in der Gesellschaft gewinnen konnte. Deshalb konnten die völkischen Kräfte im Frühjahr 2010 in Ungarn mit einer derart großen Mehrheit die Wahlen gewinnen.
    Der Antisemitismus, in Ungarn die Kehrseite des völkischen Denkens, ist heute vollkommen unabhängig davon, ob sich sein Zielobjekt selbst als jüdisch definiert oder nicht. So passiert es, dass bei Demonstrationen selbst die Europäische Union und die Nato als quasi „verjudete“ oder „fremdbestimmte“ (zionistic occupied) Organisationen bezeichnet werden können . Diese Grundeinstellung hat 2009 sicher eine Rolle gespielt, als das demokratisch gewählte Parlament (in der Zeit der sozialistischen Minderheitenregierung) von einem sogenannten unabhängigen Kommunalpolitiker als die „Synagoge am Kossuthplatz“ geschimpft wurde, die ausgeräuchert werden sollte .
    Der Prozess, der mit dem Begriff „Sakralisierung der Nation“ charakterisiert wird, gehört auch in Ungarn zu den wichtigsten Mobilisierungsfaktoren des Antisemitismus: Zum Feind ernannt werden vor allem diejenigen, die von den Völkischen als „antimagyarisch“ bezeichnet werden, die also keine magyarische Identität besitzen. So lange ein Mensch, der sich als jüdisch definiert, „national-gesinnt“ ist, kann ihm in Ungarn – jedenfalls zum gegenwärtigen Zeitpunkt – noch nichts passieren. Gefährdet sind vor allem Menschen, von denen die Völkischen behaupten, dass sie ihre „Nation angreifen“ würden. Zuletzt war es der Europaabgeordnete László Tökés, der die Kritiker des jüngsten ungarischen Mediengesetzes als „der Nation fremde, postkommunistische, linksliberale Kräfte“ verunglimpfte, die „erneut ihr eigenes Land und ihre eigene Nation angegriffen hätten“ .
    Die eigentliche Anziehungskraft dieser Ideologie liegt in der nationalreligiösen Attitüde. Denn die Vision einer ethnisch homogenen, „sauberen“, quasi vom „Holocaust unbefleckt gebliebenen Nation“ verspricht wie eine Art „diesseitige Metaphysik“ im Endeffekt eine diesseitige Erlösung. Seine immanente Dynamik suggeriert: Je entschiedener der Kampf um die Befreiung der Volksgemeinschaft von den „nationalen Atheisten“ bzw. von den „Judasfiguren der Nation“ (d. h. von den „international“ oder „a-national“, „kosmopolitisch“, „universalistisch“ denkenden Menschen) vollzogen wird, desto eher werde es gelingen, die – halluzinierte – „reine“, „sakrale“ völkisch-nationale Einheit zu verwirklichen. Die Vision einer völkisch-nationalen Einheit ist in seiner endgültigen Konsequenz aber nichts anderes als das Versprechen, dass bereits vor dem Tode, bereits hier auf Erden, das Reich der „glücklichen Einheit des arischen Magyarentums“ entsteht.
    Dass in der völkischen Kommunikation die Dichotomisierung, d. h. die scharfe Trennung zwischen der „sakralen Nation“ und des Typus des „verräterischen Judas“ eine große Rolle spielt, zeigt ein Werbespot von Fidesz in der Wahlkampagne vom Frühjahr 2010. Ein Regisseur sagte da folgenden Text auf: „Die magyarische Staatlichkeit ist eintausend und einhundert Jahre alt. Die ungarische Linke ist einhundert Jahre alt. Am 11. April wählen wir! Stephan der Heilige oder Béla Kun, das ist hier die Frage! Ich bin der Meinung, am 11. April wird Stephan der Heilige das Land von Béla Kun und seinen Nachfolgern zurückerobern“ . Dekodiert man dieses Zitat, so bedeutet es, „wir werden die Nation von den identitätslosen, verräterischen Judasfiguren befreien und säubern“. Jene Institutionen, aus denen bereits die „verräterischen, anationalen Elemente“ seit den Wahlen gefeuert wurden, gelten inzwischen als „befreit“ .“

    • Sehr geehrte Frau Marsovszky,

      wann und von welchen Regierungsmitgliedern wurden Sie in der im Beitrag auf DRadio Kultur (vom 06.01.2012) besprochenen Art und Weise beschimpft bzw. angegriffen?

      Beste Grüße

    • Schauen Sie, Fr Marsovszky, für Dialog sind wir alle, das ist doch schon mal schön.

      In ihren Interviews tun Sie regelmässig das, was sie hier als unmöglich bezeichnen – sie äussern sich allgemeinverständlich. Nur leider, in unserer Meinung, teilweise verfälschend.

      Echter Dialog setzt Aufrichtigkeit voraus. Das ist der Grund, warum wir Sie um klärende Stellungnahme bitten bezüglich der von Ihnen erhobenen Vorwürfe bzgl Tweet und rassistischen Angriffen gegen Sie durch Regierungsmitglieder. Dafür müssen Sie nichts definieren, es geht nicht um Wissenschaft, sondern um Vorwürfe, die nach unseren bescheidenen Denkfähigkeiten nicht stimmen.

      Wir lassen uns überzeugen, wenn sie Ihre Anklagen untermauern können, und wir lassen uns auch überzeugen, wenn Sie diese Vorwürfe hier relativieren wollen. Damit geben Sie sich keine Blösse, sondern beweisen, dass sie keine Agenda haben und wie alle anderen an der Wahrheit interessiert sind. Das ist die Voraussetzung für echten Austausch.

      Sie könnten wichtige Beiträge leisten zu mehr Dialog und miteinander, und natürlich haben sie auch in vielen Punkten Recht. Aber Sie verschärfen, statt zu entschärfen, das wollen wir überwinden. Ich hoffe, wir können zu einander finden.

  45. Lieber (nehme ich an) Herr HV,
    ich spreche im Interview allgemein von den Angriffen, wonach ich auch ein Zitat einfüge. Direkt befragt wurde ich persönlich zu den Angriffen von Zsolt Bayer.

    Der gesprochene Text (zumal wenn es ein Lifegespräch ist) verhält sich anders als der geschriebene Text, wie wir alle wissen. Sicherlich findet man, wenn man will, Passagen in einem Lifegespräch, die gegen die Intention der Interviewgeberin ausgelegt werden können.

    Zu mehr Reaktionen habe ich leider keine Zeit, sonst vergeht meine Arbeitszeit damit, dass ich hier Fragen beantworte. Genau deshalb verweise ich auf meine Publikationsliste, in der auch Interviews zu finden sind.

    Diesen Blog betrachte ich übrigens fachlich leider nicht geeignet, d.h. das, wenn Sie so wollen, fachliche, wissenschaftliche Niveau hier entspricht nicht meinen Vorstellungen, deshalb werde ich jetzt keine weiteren Fragen beantworten, sondern lieber arbeiten.

    Danke, M.M.

    • Verehrte Frau Marsovszky,
      ich nehme Ihre Antwort zur Kenntnis, ebenso die Tatsache, dass Sie Ihre Vorwürfe und Behauptungen in dem von Herrn Kálnoky und mir angesprochen Punkt (angebliche Beschimpfungen und Angriffe durch Regierungsmitglieder) nicht untermauern wollen/können. Zugleich empfinde ich es als befremdlich, wenn Sie sich auf unterschiede zwischen gesprochenem Interview und dem abgedruckten Text berufen. Ich weise ich die Leser darauf hin, dass der Abgedruckte Text an der entscheidenden Stelle exakt dem entspricht, was Sie sagten.
      Nachzuhören hier: http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/thema/1645867/ (ab 3:01 min)

      Beste Grüße

  46. *Diesen Blog betrachte ich übrigens fachlich leider nicht geeignet, d.h. das, wenn Sie so wollen, fachliche, wissenschaftliche Niveau hier entspricht nicht meinen Vorstellungen, deshalb werde ich jetzt keine weiteren Fragen beantworten,…*

    Warum fällt mir da gleich wieder das Zitat von Herrn Pfeifer ein???

    *Sie machen oft den Eindruck von oben herab mit denen umzugehen, die eine andere Meinung haben als Sie.*

    Dem möchte ich dann doch mal überhaupt nicht widersprechen.

  47. Liebe Frau Marsovszky,

    so sehr ich mich darüber freute, dass sie wieder an der Debatte teilnehmen wollten, so bin ich doch enttäuscht, dass sie diese jetzt mit Verweis auf die mangelnde „Wissenschaftlichkeit“ abbrechen. Publikationen ersetzen nicht den Austausch von Argumenten, sie sind monologisch, nicht dialogisch. Ihre empirischen Untersuchungen sprechen doch für sich, nur die Frage, welche Schlussfolgerungen man daraus zieht, und wie mann die Dinge benennt, ist umstritten. Dafür und dagegen lassen sich Argumente aufführen, keine Seite hat die Definitionsmacht. Sie definieren bestimmte Begriffe zur Bezeichnung empirischer Phänomene so, wie Sie möchten. Man muss dann aber auch aushalten, dass andere anderer Meinung sind, und darf das nicht gleich als „unwissenschaftlich“ abqualifizieren, sonst schwächen Sie die eigenen Argumente mehr, als sie es verdienen. Ich bin auch Wissenschaftler und versuche, hier meine Ansichten allgemeinverständlich zu formulieren. Dafür sind Blogs da. Wenn wir etwas gegen den Verbalmüll, der uns in den Online-Kommentarforen der Zeitungen begegnet tun wollen, dann doch hier (Dies auch in Richtung derjenigen, die staatliche Zensur nicht von einer Moderation unterscheiden können, die eine höfliche Gesprächskultur aufrecht erhält).

  48. Lieber Herr Herche,
    seien Sie, bitte, nicht so empfindlich, wenn Sie Empfindlichkeiten anderer so wenig akzeptierten. Mir schmeichelt sogar, dass Sie mein bescheidenes Schaffen beschäftigt. Sie schreiben: „Ich bleibe am Ball. Lese gerade „Neunzehnhundertfünfundachtzig“ Deutsche Bearbeitung von Reinhard. Weißhuhn. Mit einem Vorwort von György Dalos. Hrsg. von Hans-Henning Paetzke.“ Welches Buch lesen Sie denn? Ein „Neunzehnhundertfünfundachtzig“ existiert wirklich. Aber mein Freund, Hans-Henning Paetzke hatte es niemals herausgegeben und ich habe zu dem eigenen Buch kein Vowort geschrieben. Alles andere stimmt, wie das Radio Jerewan sagen würde.
    Darf ich Ihnen weiterhelfen?

  49. Kullancs, ich weiß nicht ob a l l e „népi“ Schriftsteller sich im Grab umdrehen würden, wenn sie wüßten, dass sie als „völkisch“ bezeichnet werden.

    Ich gebe Ihnen jedoch recht, wenn Sie meinen dass manche Zeitgenossen die Eigenschaftswörter „faschistisch“, „antisemitisch“ inflationär gebrauchen.
    Ich versuche mit diesen Wörtern sorgsam umzugehen. In den deutschsprachigen Ländern wird das Wort faschistisch oft gebraucht als gleichbedeutend mit nationalsozialistisch. Über dieses Thema wurde bereits viel Druckerschwärze verwendet. Ich verwechsle diese nicht miteinander.
    Was Antisemitismus anbelangt, empfehle ich die Working Definition der EUMC
    http://fra.europa.eu/fraWebsite/material/pub/AS/AS-WorkingDefinition-draft.pdf

  50. Pingback: Magdalena Marsovszky im “Netz gegen Nazis” « Hungarian Voice – Ungarn News Blog

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